Hintergründe

Die offenen Adern des Globalen Südens

Eine Auseinandersetzung mit John Smiths Buch "Imperialismus im 21. Jahrhundert". Von Esteban Mercatante.

Die offenen Adern des Globalen Südens

Dhaka, 24. April 2013. An diesem Tag sorgte die Hauptstadt von Bangladesch weltweit für Schlagzeilen, nachdem das Rana Plaza – ein monströses achtstöckiges Gebäude mit mehreren Textilfabriken, einer Bank und einigen Läden – in sich zusammen gestürzt war. Es war eine der schrecklichsten Katastrophen, die sich je an einer Arbeitsstätte ereignet hatten. 1.133 Textilarbeiter*innen kamen auf tragischer Weise ums Leben, 2.500 weitere wurden verletzt.

Dieses Verbrechen bildet den Ausgangspunkt des 2016 erschienenen Buchs „Imperialismus im 21. Jahrhundert: Globalisierung, Super-Ausbeutung und die finale Krise des Kapitalismus“ (1), in dem John Smith die Grundpfeiler des heutigen kapitalistischen Systems vorstellt.

Der Einsturz des Rana Plaza erinnert uns an die fortbestehende brutale Ausbeutung und himmelschreiende Rücksichtlosigkeit, die der menschlichen Erniedrigung des 19. Jahrhunderts gleichen. Das führt uns auch direkt zu einem der zentralen Gedanken des Buchs: Dass die Arbeitskraft des sogenannten „Globalen Südens“ bei der Vermehrung von Kapital eine zentrale Rolle einnimmt – sie als etwas Peripheres zu betrachten, gehört somit der Vergangenheit an. Dies wird vom Autor deutlich veranschaulicht; er geht sogar so weit zu behaupten, dass die „Beziehung zwischen Kapital und Arbeit zu einer Beziehung zwischen nördlichem Kapital und südlicher Arbeit“ wurde (S.12). (2)

Die globale Ware

Im Buch werden Aspekte der Struktur, die die globalisierte Produktion angenommen hat, aus einer marxistischen Perspektive beleuchtet und analysiert. Der Autor untersucht, wie die Beziehungen der Produktion sich verändert haben durch die Entstehung dessen, was er als die „globale Ware“ definiert.

Er beschreibt dieses Konzept als „das Ergebnis einer Choreographie einer immensen Vielfalt konkreter Arbeiten von Arbeiter*innen auf fünf Kontinenten“ (S.27). Textilien, Handys, sogar Nespresso-Kapseln gehören zu den Beispielen, die Smith nutzt, um den Umfang dieses Phänomens zu veranschaulichen.

Wenn es irgendetwas gibt, das den Kapitalismus der letzten Jahrzehnte bestimmt hat, dann ist es „Outsourcing“; die Verlagerung der Produktion durch die größten Unternehmen der wohlhabendsten kapitalistischen Wirtschaften. Für Smith ist die treibende Kraft hinter diesem Trend kein Geheimnis: Was das Kapital dazu bewogen hat, zur globalisierten Produktion überzugehen, ist ein Prozess, der als Arbeits-Arbitrage bekannt ist.

Smith bezeichnet mit diesem Begriff (geprägt durch Stephen Roach, ehemaliger Vorstand von Morgan Stanley Asia) das Streben des Kapitalismus‘ nach maximalen Möglichkeiten der Lohnkosten-Senkung. Seit den 1980ern waren die Produktionsprozesse jener Waren, die besonders arbeitsintensiv sind, das erste Ziel der Auslagerung. Das führte zu einer Aufteilung der Produktionsprozesse in viele Teilprozesse, die unabhängig voneinander von separaten Produktionseinheiten ausgeführt werden, tausende Kilometer voneinander entfernt.

Die Globalisierung der Produktion durch Auslagerung ist ein viel analysiertes Thema, besonders im neuen Jahrtausend. Aber bis vor kurzem war es nicht üblich, dabei die mannigfaltigen Arten, in denen diese Umstrukturierung der Produktion bereits aufgetreten ist, voneinander zu unterscheiden.

Die Veränderungen werden üblicherweise mit ausländischen Direktinvestitionen multinationaler Unternehmen (MNU) in Verbindung gebracht. Die meisten MNU haben ihren Sitz in imperialistischen Ländern und ein großer Anteil ihrer ausländischen Direktinvestionen befindet sich im Globalen Süden. Smith definiert den Prozess, bei dem MNU ihre Fabriken in entwickelten Ländern durch Investitionen in ihre eigenen Fabriken in Entwicklungsländern ersetzen, als „interne“ Verlagerung. Dann hebt er eine zweite Form der Verlagerung hervor, die an Bedeutung gewonnen hat: er bezeichnet sie als „Armlängen“-Beziehungen zwischen MNU und ihren Zulieferbetrieben. Apple und FoxConn sind ein Beispiel dafür. Anders als bei Fällen von „internem“ Outsourcing gibt es hier kein etabliertes Eigentumsverhältnis zwischen den Firmen. Das bedeutet allerdings weder, dass Apple weniger Kontrolle über die Produktionsbedingungen bei FoxConn hat, noch dass die Zulieferbetriebe auch nur einen Deut mehr Autonomie besitzen als ein Tochterunternehmen.

Die Expansion von MNU durch „Armlängen“-Outsourcing gewinnt zunehmend an Bedeutung. Smith zitiert William Milberg, einen Forscher Globaler Wertschöpfungsketten:

Trotz der überwältigenden Zunahme der transnationalen Aktivitäten großer Firmen … finden solche Firmen es zunehmend erstrebenswert, international mit einer Armlänge Abstand auszulagern, anstatt ohne Armlänge Abstand (firmenintern). (3)

Smith veranschaulicht dies durch eine Untersuchung der Entwicklung des bilateralen Handels zwischen China und den Vereinigten Staaten. Er vergleicht die Entwicklung von firmeninternen Importen in die USA (das Wachstum dieser Zahlen dient als Indikator für das Wachstum des internen Outsourcings) mit Ankäufen von „unabhängigen“ Zulieferbetrieben. Zwischen 1992 und 2005 wuchsen Erstere exponentiell an: von 3 Milliarden US-Dollar auf 63 Milliarden US-Dollar – eine über 20fache Steigerung. In der selben Zeit wuchsen die Importe der INU von unabhängigen Zulieferbetrieben von 22 Milliarden US-Dollar auf 180 Milliarden US-Dollar. Während diese Zahlen „nur“ um das Neunfache anwuchsen, beliefen sie sich 2005 auf das Dreifache der firmeninternen Importe (S.80).

Trotzdem wurde bis zum ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts „die Globalisierung durch die Brille der ausländischen Direktinvestitionen betrachtet“ (4). Das selbe lässt sich auch von der überwiegenden Mehrheit der marxistischen Analysen des gegenwärtigen Imperialismus‘ sagen.

Imperialismus im 21. Jahrhundert zielt darauf ab, die Auswirkungen der Entwicklung jener Globalen Wertschöpfungsketten zu definieren, die von MNU mittels ihrer „Armlängen-Zulieferer“ beherrscht werden. Ein Aspekt davon will zunächst nicht einleuchten: Wenn MNU a priori die interne Verlagerung durch Armlängen-Zulieferer ersetzen, verzichten sie dabei auf die Aneignung des Mehrwerts, die bei der Ausbeutung der Arbeitskraft über Tochterunternehmen möglich wäre. Da ihnen die Zulieferbetriebe nicht gehören, erhalten MNU auch nichts von deren Profiten, wie sie es bei Tochterunternehmen im Falle der internen Auslagerung täten. Auf Milberg zurückkommend, führt Smith aus, dass die Bevorzugung dieser Form des Outsourcings bedeuten muss, dass der Nutzen, der durch die externe Auslagerung entsteht – Kostenreduktion durch Einkauf bei den Zulieferbetrieben – den der vertikalen Operationen überschreitet (5). Diese Kostenersparnisse „stellen Einnahmen im Ausland dar, im gleichen Sinne, wie es die interne Gewinnerzeugung bei multinationalen Unternehmen tut.“ (6)

Smith nennt eine Reihe von Gründen, warum Armlängen-Outsourcing den ausländischen Direktinvestitionen vorgezogen wird – aus Perspektive des Kapitals. Ein Aspekt davon ist, um Martin Wolf von der Financial Times zu zitieren: „Transnationale Unternehmen zahlen mehr – und behandeln ihre Arbeiter*innen besser – als es lokale Unternehmen tun“ (S.80-1). Ein zweiter Anreiz ist, dass sich die MNU bei einer solchen Beziehung mit unabhängigen Zulieferbetrieben nicht „die Hände schmutzig machen“: Was die MNU outsourcen, sind das kommerzielle Risiko, Produktionsprozesse mit niedriger Wertschöpfung und direkte Verantwortung (S.81). Drittens vermeiden MNU durch solche Beziehungen viele der Kosten und Risiken, die durch Schwankungen in der Nachfrage oder schwerwiegende Unterbrechungen in den Weltmärkten entstehen, wie es in den Jahren 2008-09 zu sehen war. Wenn in Zeiten der Krise Massenentlassungen nötig werden, sind nun die Zulieferbetriebe der MNU in der Verantwortung. Und zu guter Letzt generieren die Armlängen-Beziehungen zwar keine Profite, die ins Heimatland zurückfließen, dafür müssen aber auch keine finanziellen Mittel wie bei der Gründung von Tochterunternehmen zur Verfügung gestellt werden. So werden diese Ressourcen der Firmen frei und können nun der „Finanzintermediation und Spekulation“ gewidmet werden (S.82).

Das Studium der Produktionsverlagerung und der Bedeutung der globalen Arbeits-Arbitrage hebt hervor, wie die weltweite Expansion des Kapitals dazu beigetragen hat, dem Fall der Profitrate in den 1970ern entgegenzuwirken: „Outsourcing unterstützte die Profitrate in imperialistischen Ländern“ und „wurde eine zunehmend bevorzugte Alternative zu Investitionen in produktivitäts- und kapazitätssteigernde Technologien, welche es erlaubte, Betriebsgewinne von Investitionen in Werksanlagen, Maschinerie und Arbeitskräfte abzuzweigen für Finanzspekulationen verschiedenster Art“ (S.298).

Diese Erklärung liefert uns die nötigen Elemente, um die Verlangsamung des Wachstums in imperialistischen Wirtschaften über die letzten Jahrzehnte zu verstehen, und legt eine enge Verbindung zwischen Finanzialisierung und Verlagerung der Produktion nahe, die zentral ist für das Verständnis der komplexen Landschaft der aktuellen kapitalistischen Krise.

Super-Ausbeutung?

Imperialismus im 21. Jahrhundert versucht die Aneignung des Mehrwerts durch die reichsten Nationen des heutigen Kapitalismus auf der Basis der marxistischen Werttheorie zu erklären. Als Ausgangspunkt nimmt Smith die Debatten der 1960er und 70er über die Dependenztheorie, die er als „ersten und letzten nachhaltigen Versuch, die Theorie des Imperialismus auf Marx‘ Werttheorie aufzubauen“ betrachtet, welcher „ein entscheidender Referenzpunkt für zeitgenössische Studien des Imperialismus (bleibt)“ (S.206).

Mit seiner Studie holt Smith zu einem vernichtenden Schlag gegen das aus, was wechselweise als Euromarxismus oder als marxistische Kritik der Dependenztheorie definiert wurde (wobei beide ohne weitere Erklärung das Etikett „orthodoxer Marxismus“ bekamen). Smith polemisiert gegen Autor*innen wie David Harvey, Robert Brenner, Ellen Meiksins Wood und John Weeks, die die Bedeutung der Plünderung des Globalen Südens und insbesondere das, was Smith als „Super-Ausbeutung der Arbeitskraft“ bezeichnet, herunterspielen.

Er stellt die Auffassung vor, dass diese Super-Ausbeutung die Existenz einer dritten Form der Mehrwertsteigerung enthüllt.

Es sei daran erinnert, dass Marx im Kapital zwei Formen benennt, durch welche die Kapitalist*innenklasse den Mehrwert steigern kann, den sie sich durch die Ausbeutung der Arbeitskraft aneignet. Die erste tritt bei der Verlängerung des Arbeitstages auf – Marx bezeichnet das als absoluten Mehrwert. Hier wird die Zeit verlängert, in welcher die Arbeitskraft Mehrwert erzeugt, der von der Kapitalist*innenklasse gänzlich eingestrichen wird. Die zweite Form, den Mehrwert zu steigern, besteht daraus, die benötigte Arbeitszeit zu verkürzen, d.h. den Wert der Arbeitskraft zu senken. Marx bezeichnet das als relativen Mehrwert. Hier wird die Arbeitszeit verkürzt, die nötig ist, um jene Waren zu produzieren, die später von den Arbeiter*innen konsumiert werden, wodurch diese Waren billiger werden. Auf diese Weise sinken die Lohnkosten, die die Kapitalist*innen für die benötigte Arbeitszeit zahlen müssen, während sich der Zugang der Arbeiter*innen zu diesen Waren nicht verschlechtert. Im Ergebnis muss ein kleinerer Teil des Arbeitstages darauf verwendet werden, die Lohnkosten der Kapitalist*innen zu decken, und die Arbeitszeit, in der sich das Kapital Mehrwert aneignen kann, wird verlängert.

Smith schlägt die Existenz einer dritten Form vor. Diese besteht aus der Senkung der Löhne unter den Wert der Arbeitskraft. Andy Higginbottom, der ursprünglich die Idee für „die dritte Form der Mehrwertsteigerung“ entwickelte, argumentiert:

Die Idee der Super-Ausbeutung muss mit dem dafür notwendigen Maß an Abstraktion verallgemeinert werden und in die Imperialismus-Theorie eingearbeitet werden. Super-Ausbeutung ist ein spezieller Zustand innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise … der versteckte gemeinsame Nenner definiert Imperialismus. (7)

Die „Verallgemeinerung“ der Idee der Super-Ausbeutung, die Smith (mit Berufung auf Higginbottom) vorschlägt, wirft eine Reihe von Fragen auf. Obwohl Marx die Super-Ausbeutung als gelegentliches Phänomen erkannte, gibt es Gründe, warum er sie nicht verallgemeinerte, wie Smith und Higginbottom es tun. Zunächst einmal ist es fraglich, ob Super-Ausbeutung als permanenter Zustand existieren kann – als etwas von „normaler“ Ausbeutung abgegrenztes. Smith weist die Behauptung der neoklassischen Theorie zurück, dass sich die niedrigeren Löhne in peripheren Ländern durch geringere Grenzproduktivität erklären lassen. Seiner Meinung nach lassen sich die niedrigeren Löhne der Arbeiter*innen in diesen Ländern weder durch geringere Produktivität erklären, noch durch „relative Knappheit“ an Kapital im Hinblick auf die Zuteilung der Arbeit in weniger entwickelten Wirtschaften (ein anderes Argument des Mainstreams der neoklassischen Theorie, um dieses Ungleichgewicht zu erklären). Der Grund für die Kluft zwischen den Löhnen in entwickelten und ärmeren Ländern – eine Kluft, die entgegen der Mainstream-Theorien nicht abgenommen hat, sondern im Hinblick auf die Kaufkraft zunimmt – ist die grundlegende Asymmetrie, welche die Weltwirtschaft auszeichnet: Während sich das Kapital ungehindert rund um den Globus bewegen kann, ist die Bewegungsfreiheit der Arbeitskraft schwerwiegend eingeschränkt. Die Hindernisse für die Migration von Arbeiter*innen aus ärmeren Ländern sind der unübersehbare Beweis dafür. Dennoch beweisen die Einwände gegen den neoklassischen Ansatz und die Rolle, welche Einschränkungen der Bewegungsfreiheit der Arbeitskraft bei der Aufrechterhaltung der Lohnunterschiede spielen, nicht, dass die Arbeitskraft in den abhängigen und halbkolonialen Wirtschaften unterhalb ihres Wertes Bezahlt wird; sondern, dass der Wert der Ware Arbeitskraft in diesen Ländern geringer ist.

Das führt uns zu einem der kritischsten Argumente des Buches, was die Produktion von Wert und Mehrwert betrifft. Smith betont mehrmals, dass es nötig sei, die Frage der Produktivität von der Ausbeutungsrate zu trennen (letztere wird als Verhältnis zwischen Mehrwert und nötiger Arbeitszeit definiert). Seiner Meinung nach steigt die Ausbeutungsrate nicht durch die höhere Produktivität der entwickelten Wirtschaften, wohingegen sie in ärmeren Wirtschaften durchaus steigt, indem die Löhne auf ein Niveau unterhalb des Wertes der Arbeitskraft gedrückt werden. Indem er die Rolle der Produktivitätsunterschiede dieser Wirtschaften, ihrer unterschiedlichen Kapazitäten der Wertschöpfung und vor allem ihrer unterschiedlichen Ausbeutungsraten herunterspielt, übertreibt Smith am Ende die Tragweite dessen, was er als Super-Ausbeutung definiert. Die Kluft in der Produktivität, die abhängige von imperialistischen Wirtschaften unterscheidet, bedeutet für abhängige Wirtschaften eine geringere Kapazität, für die selben Kosten den selben Wert zu schöpfen wie imperialistische Wirtschaften. Im internationalen Vergleich ist eine Stunde Arbeit in einer weniger entwickelten Wirtschaft weniger wert als in einer imperialistischen Wirtschaft (was die Wertschöpfung anbelangt). Das hat mit dem Lohnniveau zu tun; nicht weil hier die neoklassischen Kriterien der Grenzproduktivität angewendet werden, sondern weil eine Senkung der Löhne für die Kapitalist*innen schlicht eine Möglichkeit ist, diese geringere Produktivität auszugleichen.

Smith kritisiert Marxist*innen, die behaupten, die höhere Produktivität der reichsten Wirtschaften würde größere Ausbeutung beinhalten, aber seine eigenen Behauptungen – die zu analysieren weitere Brüche mit der Werttheorie verlangt – sind auch nicht zufriedenstellender.

Die umfangreiche Ausbeutung der billigsten Arbeitskraft durch Arbeits-Arbitrage hat es dem Kapital selbstverständlich erlaubt, den angeeigneten Mehrwert zu erhöhen. Aber sobald wir die Unterschiede in der Produktivität betrachten, können wir sehen, dass sich das Phänomen im Hinblick auf die Aneignung des Mehrwerts nicht so weit ausgebreitet hat, wie der Autor behauptet.

Schlussendlich ist es ein bisschen weit hergeholt, von einer anhaltenden Periode sogenannter „Super-Ausbeutung“ zu sprechen (wie es Higginbottom tut) und sie auf der Ebene von absolutem und relativem Mehrwert zu verallgemeinern. Wenn Löhne in einer bestimmten Region über einen anhaltenden Zeitraum unter den angenommenen Wert der Arbeitskraft fielen, würde das vielmehr darauf hindeuten, dass das Kapital es geschafft hat, dem entsprechenden Land einen deutlich niedrigeren Wert der Arbeitskraft aufzuzwingen. Das würde dann zu einer höheren Ausbeutungsrate führen und nicht mehr in die Definition von Super-Ausbeutung passen.

Abschließende Betrachtungen

Es ist der Verdienst von Imperialismus im 21. Jahrhundert, dass es neue Dimensionen der marxistischen Theoretisierung des modernen Kapitalismus öffnet. Die Frage der globalen Arbeits-Arbitrage tauchte bereits vor einiger Zeit in verschiedenen Analysen auf (8). Aber bisher blieb es offen, dieses Konzept theoretisch in eine Basis der marxistischen Theorie einzubetten, indem all die Auswirkungen dessen berücksichtigt wurden, was durch Wertschöpfungsketten über verschiedenste Formen des Outsourcings generiert wurde. In dieser Hinsicht ist das Buch ein Schritt vorwärts und liefert ein wichtiges Stück für das Puzzle der Wertschöpfung in der Weltwirtschaft; ein Konzept, das verschiedene marxistische Autor*innen ausgearbeitet haben. Smiths Analyse ist scharf und polemisch.

Obwohl der Ausgangspunkt des Autors die „globale Ware“ ist, scheint das wiederholte Aufwerfen der Frage in Bezug auf einen Nord-Süd-Gegensatz die Analyse zu verschieben, weg von einer Klassenanalyse. Indem er es verfehlt, konsequent die Klassenperspektive einzunehmen, mit der er beginnt, geht der Autor gelegentlich dazu über, einen Gegensatz auf nationaler Ebene darzustellen. Das ist ein Mangel, der den Beitrag seiner Arbeit mindert.

Trotz dieses Mangels liefert das Buch Darstellungen der Differenzierungen der weltweiten Arbeitskraft, wie sie funktionieren und ausgenutzt werden, sowie davon wie das Kapital und Nationalstaaten vorgehen, um diese Bedingungen aufrechtzuerhalten. Diese Darstellungen sind grundlegende Elemente, um den Imperialismus des 21. Jahrhunderts zu verstehen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich im April 2016 in der Zeitschrift Ideas de Izquierda.

Fußnoten

1. Imperialism in the Twenty-First Century: Globalization, Super-Exploitation, and Capitalism’s Final Crisis, New York, Monthly Review Press, 2016.
2. Seitenzahlen werden für alle Zitate in Klammern im Text angegeben.
3. William Milberg, „The changing structure of international trade linked to global production systems: what are the policy implications?“, Working Paper No. 33, Policy Integration Department, World Commission on the Social Dimension of Globalization, International Labor Office, Geneva, 2004.
4. Ebenda.
5. Ebenda.
6. Ebenda.
7. Andy Higginbottom, „The System of Accumulation in South Africa: Theories of Imperialism and Capital“, Économies et Sociétés, 45/2 (2011), S.268.
8. Siehe zum Beispiel Juan Chingo, „Crisis y contradicciones del ‚capitalismo del siglo XXI'“ („Krise und Widersprüche des ‚Kapitalismus des 21. Jahrhunderts'“), Estrategia Internacional (Internationale Strategie) 24, Dezember 2007.

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