Die Generation Z in der neuen Welle des internationalen Klassenkampfs
International steht die Jugend auf und beschleunigt die jüngsten Prozesse des Klassenkampfs. In diesem Artikel werfen wir den Blick auf die zahlreichen Bewegungen und Aufstände und untersuchen die Motivationen, Methoden und das revolutionäre Potenzial der Jugend im Kampf gegen den Kapitalismus.
Was ist die Generation Z? Wenn wir eine kurze Definition geben sollen, können wir sagen, dass es die Menschen sind, die zu Beginn dieses Jahrtausends geboren wurden und aktuell ihre Jugend erleben. Viele Analyst:innen haben darüber nachgedacht, da die Generation Z in den aktuellen weltweiten Aufständen eine wichtige Rolle spielt.
Die Medien heben als wichtigstes Element zum Verständnis ihres Handelns hervor, dass es sich um die Generation handelt, die mit dem Internet in großem Maßstab, im digitalen Zeitalter und mit sozialen Netzwerken aufgewachsen ist. Dies veranlasst viele Analyst:innen zu der Annahme, dass es diese Eigenschaft ist, die die Einbeziehung neuer Praktiken und Methoden ,sowohl bei der Meinungsäußerung als auch bei der Organisation und dem Auftritt in Gesellschaft, Kultur und Politik, ermöglicht hat. Ebenso äußern sich diese Elemente in der aktuellen Welle von Kämpfen, in denen diese Generation zu verschiedenen Themen interveniert, die von Korruption über Solidarität mit Palästina bis hin zu wirtschaftlichen, sozialen und politischen Forderungen reichen. Diese zentrale Rolle von Social Media findet sich in der gemeinsamen Symbolik wieder, die sich beispielsweise in dem Hissen der Strohhutfahne aus dem Anime „One Piece“ ausdrückt.
Auch wenn diese Merkmale für das Verständnis des Phänomens wichtig sind, reicht diese Definition nicht aus, wenn wir nicht näher auf den Kontext und die Welt blicken, in der diese Generation geprägt wurde. Denn es handelt sich nicht nur um rebellische Jugendliche, die sich durch einen Aufruf auf TikTok mobilisieren. Sie bringen die Unzufriedenheit einer ganzen sozialen Gruppe angesichts der Ungleichheit, in der wir momentan leben, zum Ausdruck.
Junge Menschen waren schon immer einer der Hauptziele von Angriffen in Krisenzeiten, aber gleichzeitig haben sie eine Dynamik erwiesen, nicht die Last von so vielen früheren Niederlagen auf ihren Schultern zu tragen. Dies eröffnet neue Wege, um über den Kampf für eine bessere Zukunft nachzudenken. Um die Generation Z zu verstehen, muss man daher zunächst hervorheben, dass sie die Altersgruppe umfasst, die näher an der Finanzkrise von 2008 als am Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 dran ist, weshalb ihr Erwachen zum politischen Leben in einer Zeit stattfand, die von der Krise des Kapitalismus und seiner Demokratien geprägt war und in der sich die Angriffe auf die Lebensbedingungen der Bevölkerung im Allgemeinen und der Jugend im Besonderen verschärften.
Die Statistiken zu den Arbeitsverhältnissen bei jungen Menschen weltweit im Jahr 2025 sind gekennzeichnet durch hohe Informalitätsraten (Arbeitsverhältnisse ohne Arbeitsverträge), eine dreimal so hohe Jugendarbeitslosigkeit wie bei Erwachsenen und niedrigen Einkommen. Ein Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation, der im Februar dieses Jahres veröffentlicht wurde, zeigt, dass etwa 60 Prozent der arbeitenden jungen Menschen in prekären Verhältnissen beschäftigt sind, und weitere Studien weisen darauf hin, dass die Informalitätsraten bei jungen Menschen fast doppelt so hoch sind wie bei Erwachsenen.
Einige dieser Aspekte werden auch in den Analysen zur Gen Z von Mainstream-Medien hervorgehoben, wie beispielsweise die britische Tageszeitung The Guardian, die einen Leitartikel zu diesem Thema veröffentlichte, in dem es heißt:
Die aktuellen Demonstrant:innen bedienen sich bewusst an Symbolen und pflegen Verbindungen, weil sie ähnliche Gemeinsamkeiten wahrnehmen, auch außerhalb ihrer Region. Die Generation Z wächst inmitten zunehmender Ungleichheit, wirtschaftlicher Unsicherheit, geopolitischer Instabilität und klimatischer Belastungen auf. Ihre Mitglieder ärgern sich über die Kluft zwischen Regierungspropaganda und Versprechungen – wie die enormen Ausgaben der marokkanischen Regierung für die Sportinfrastruktur anlässlich der Weltmeisterschaft 2030 – und den unzureichenden Leistungen für die Bevölkerung. Die Lebenshaltungskosten, die Korruption und die Vetternwirtschaft der Führungskräfte sowie die Brutalität der jeweiligen Sicherheitskräfte sind immer wiederkehrende Themen.
All diese strukturellen Ungleichheiten sind es, die die heutige Jugend weitgehend zu einem Resonanzkörper für tiefere soziale Unruhen machen. Gleichzeitig sind es diese Faktoren, die dazu führen, dass immer mehr junge Menschen die traditionellen und konservativen politischen Parteien, die die neoliberalen Modelle umgesetzt haben, satt haben. Aber sie sind auch enttäuscht von den Politiker:innen, die sich als progressiv präsentierten und nach ihrer Machtübernahme weder die Krisen überwunden noch die prekären Bedingungen sowohl in der Arbeitswelt als auch im Bildungssystem verbessert haben.
In diesem Rahmen entwickeln sich auch Teile der Jugend, die einen Ausweg in den Phänomenen der „neuen Rechten“ sehen, obwohl diese an „neu“ nur einige Diskurse und Aktionsformen haben, da ihre Programme eine Nachahmung der neoliberalen Ideen in neuem Gewand sind. Gleichzeitig spitzt sich die Situation jedoch zunehmend zu und im letzten Jahr haben wir auch gesehen, wie sich ein Teil der Jugend nach links radikalisiert hat und als Teil der neuen Welle von Aufständen und Protesten, die überall auf der Welt stattfinden, wieder auf die Bühne zurückgekehrt ist.
Dazu werden wir diese Prozesse genauer analysieren und dabei unser Augenmerk auf das strategische Bündnis eines Teils der Jugend mit der Arbeiter:innenklasse legen sowie auf das Potenzial, das diese Verbindung im Kampf für eine echte Emanzipation und für den Aufbau neuer möglicher Zukünfte haben kann.
Blocchiamo Tutto
Italien war der wichtigste Fall der jüngsten Annäherung zwischen der Jugend und der Arbeiter:innenklasse mit zwei historischen Generalstreiks: am 22. September und am 3. Oktober gegen den Genozid in Gaza, die einen neuen Weg für den internationalen Klassenkampf markieren. Wenige Wochen vor der Abfahrt der „Global Sumud Flotilla“ drohten Hafenarbeiter:innen mit einem vollständigen Streik, falls die Flotilla angegriffen werden sollte. Unterstützt wurden sie hierbei von studentischen Organisationen. Im Zusammenhang mit der Solidarität mit Palästina kam es zu Blockaden von Häfen und Bahnhöfen, Streiks in der Industrie und Massenmobilisierungen.
Die Basisgewerkschaft Unione Sindacale di Base (USB) war maßgeblich an der anfänglichen Entwicklung des Streiks im September beteiligt und erreichte im Oktober die Einheit mit der CGIL (dem wichtigsten italienischen Gewerkschaftsverband), wodurch die Generalstreiks und Demonstrationen durchgeführt werden konnten, die wichtige Sektoren des Landes lahmlegten. Diese Rolle, die die Arbeiter:innen, insbesondere die Hafenarbeiter:innen, zu spielen begannen, ist von grundlegender Bedeutung, damit die Arbeiter:innenklasse wieder Selbstvertrauen in ihre Methoden gewinnt. Die aktive Rolle junger Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen und von Studierenden, die sie zunehmend als unverzichtbare Verbündete betrachten, ihrem Aufruf zur Besetzung von Schulen und Universitäten folgten und eine Schlüsselrolle bei der Verbreitung der Aktionen und dem Wachstum der Mobilisierungen spielten, verlieh diesem Prozess, der mit zwanzig Jahren Passivität und isoliertem Kampfgeist brach, einen weiteren großen Mehrwert. Was wir in Italien erlebt haben, war ein erneutes Aufleben der Arbeiter:innenklasse durch kollektive Aktionen und Streiks.
In mindestens 80 Städten kam es zu Mobilisierungen. In Florenz kritisierte Roberto Marchese, Eisenbahner und Korrespondent von La Voce delle Lotte und dem internationalen Netzwerk La Izquierda Diario (von dem Klasse Gegen Klasse Teil ist), die Rolle der CGIL, die die Proteste spaltete und sich weigerte, den Generalstreik aller Gewerkschaften gegen Lohnkürzungen, Aufrüstung und die Komplizenschaft der italienischen Regierung mit dem zionistischen Staat auszurufen. Die Bürokratie der CGIL beteiligte sich nicht an der Demonstration am 22. September, aber die Massivität der Aktion zwang sie, sich gegen die Angriffe auf die Flotilla auszusprechen und zu einer Aktion für den 24. September vor dem Abgeordnetenhaus in Rom aufzurufen.
Diese Mobilisierungen strahlten weltweit aus, weil sie eine erneuerte Arbeiter:innenbewegung in Synergie mit studentischen Sektoren zeigten. Diese Solidarität mit dem palästinensischen Volk breitete sich von Italien auf andere Länder aus und zwang die Verbündeten Israels, ihre Waffenlieferungen einzuschränken.
Die Besetzungen von Universitäten, wie die der Philosophie- und Literatur-Fakultät in Rom, symbolische Blockaden von Hörsälen und der Aufbau von Protestcamps zeigten, dass die Jugend eine strategische Rolle bei der Radikalisierung breiterer sozialer Prozesse übernehmen kann, die die Arbeiter:innenklasse ins Zentrum des Kampfes bewegt.
Die Wut über die Komplizenschaft der Regierung beim Völkermord und die Unzufriedenheit mit der Bürokratie der CGIL, die keinen Streik ausgerufen hatte, wurden von der Basis aller Gewerkschaften lautstark zum Ausdruck gebracht, was dazu führte, dass am 3. Oktober ein massiver Generalstreik mit zwei Millionen Menschen in etwa einhundert Städten stattfand. Die Notwendigkeit für die Bürokratie, den Fehler ihrer Abwesenheit am 22. September zu korrigieren, war entscheidend dafür, dass es im Oktober zu einer Einheit zwischen der CGIL, der USB und den Studierenden kam. Dies führte zu einer großen Veränderung in der Stimmung der Massen, die statt ihre Wut über die reaktionäre ultrarechte Regierung und der Unglaubwürdigkeit der institutionellen Linken zu unterdrücken, diese in Mobilisierungen für Palästina kanalisierten.
Angesichts der Angriffe auf Migrant:innen, auf junge Menschen in prekären Verhältnissen, auf Frauen und sogar angesichts der rassistischen und patriarchalen Angriffe der Regierung stehen der palästinensische Widerstand und die internationalen Aktionen gegen den Genozid an der Spitze des Kampfes gegen alle Ungerechtigkeiten des Kapitalismus. Der Kampf gegen Waffenlieferungen an Israel ist auch ein Kampf gegen die Aufrüstung in Italien und Europa und damit für die Verteidigung der Gesundheits-, Bildungs- und Sozialsysteme, die durch die Erhöhung der Militärausgaben bedroht sind. Diese Mobilisierungen sind eine wichtige Gelegenheit, die Macht der Arbeiter:innenklasse aufzubauen. „Wir wollten Palästina helfen, sich zu befreien, aber Palästina hilft uns, uns zu befreien“, lautet der Satz, der diese neue Etappe in der italienischen Geschichte repräsentiert und einen neuen Weg im internationalen Klassenkampf gegen den Imperialismus und alle Formen der Unterdrückung eröffnet.
Gleichzeitig spielten im Spanischen Staat junge Menschen eine sehr wichtige Rolle bei den Mobilisierungen gegen den Genozid in Gaza: Tausende gingen auf die Straße, forderten ein Ende der Bombardierungen, solidarisierten sich und nahmen an den Protesten von Arbeiter:innen, die sich der Wirtschaftskrise entgegenstellen, teil. Es herrschte ein Klima, in dem die pro-palästinensische Jugend auch Massenmobilisierungen anstieß, die mit Protesten gegen Sparmaßnahmen und Lohnverlusten zusammenfielen. Die kollektive Zusammenarbeit zwischen kämpferischen Gewerkschaften, Jugend- und studentischen Organisationen war entscheidend für die Zunahme des politischen Drucks. Trotz des Konservativismus der Mehrheit der bürokratischen Gewerkschaftsführungen und der Grenzen des kämpferischen Syndikalismus bei der Organisation der Streiks an den Arbeitsplätzen waren die Mobilisierungen vom 15. Oktober beeindruckend, bei denen Hunderttausende Menschen im ganzen Spanischen Staat für Palästina demonstrierten.
Frankreich erlebte im September Massenmobilisierungen, die Kritik an der Regierung mit Elementen des sozialen Kampfes verbanden: Inflation, Kürzungen auf der Arbeit und studentische Proteste. Die Beteiligung breiter Teile der Jugend beschränkte sich nicht nur auf symbolische Proteste: Viele von ihnen beteiligten sich aktiv an Bildungsstreiks, Versammlungen, Blockaden und gemeinsamen Aufrufen mit Arbeiter:innen und Gewerkschaften. Die strategischen Dilemmata wurden deutlich: Arbeiter:innen aus Sektoren wie der Energieversorgung, der Raffinerien, der Eisenbahn, der RATP (Nahverkehr), des Gesundheitswesens, der Industrie, des öffentlicher Dienstes und der Bildung, die 2023 den Generalstreik gegen die Rentenreform vorantrieben, riefen dazu auf, eine soziale Bewegung von der Basis aus gegen die Strategie der Intersyndicale (gewerkschafts übergreifendes Bündnis) aufzubauen, die einen Dialog mit der Regierung vorschlug. Gleichzeitig forderten Teile der Jugend die Unabhängigkeit gegenüber den traditionellen Führungen.
In Deutschland demonstrierten zehntausende junge Menschen aus Solidarität mit Palästina und gegen die „juristische Verfolgung des Protests” bei einer Massendemonstration mit 100.000 Teilnehmer:innen in den Straßen Berlins am 27. September. Am selben Tag gab es auch Massenmobilisierungen in Südafrika und Südkorea.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich seit letztem Jahr in Europa ein Prozess entwickelt, in dem große Teile der Jugend ein Bewusstsein für Palästina entwickelt haben und sich gleichzeitig gegen die Politik der Aufrüstung und des Militarismus organisieren, die die europäischen Mächte durch Kürzungen im Sozialen vorantreiben. In diesem Sinne wirken diese Demonstrationen wie ein Katalysator, der verschiedene tiefgreifende Forderungen aufwirft, für die sich auch die Jugendlichen in diesen Ländern mobilisieren: gegen Prekarisierung, Arbeitslosigkeit, Rassismus und staatliche Repression, wobei interessante Verbindungen zur gewerkschaftlich organisierten Arbeiter:innenbewegung zu erkennen sind.
Globale Unruhen: Die Jugend und die Arbeiter:innenklasse fordern die Regierungen der Sparpolitik heraus
Was haben Indonesien, Nepal, die Philippinen, Marokko, Peru, Madagaskar und Ecuador gemeinsam? In allen Ländern kam es zu Aufständen gegen die derzeitigen politischen Systeme. Die Proteste richteten sich gegen die Korruption und die Privilegien der politischen Kaste, aber auch gegen die Sparpolitik, die ihre Regierungen betrieben oder gegenwärtig betreiben, und bei denen die Jugend nicht nur durch ihre Beteiligung, sondern auch durch ihre Organisation eine herausragende Rolle spielte. Dies ist kein unbedingt neues Phänomen, da wir im vergangenen Jahr bereits Mobilisierungen in Bangladesch und Kenia mehrfach gesehen haben. Aber die aktuelle Protestwelle nahm eine neue Dimension an und fand innerhalb von nur einem Monat statt.
Indonesien entfachte den Funken nach dem Aufruhr um die Entdeckung, dass die Parlamentarier:innen einen Geldbetrag in Höhe von zehn Mindestlöhnen – die sogenannten „Wohngelder“ – erhielten, und die Proteste richteten sich gegen die zunehmende Einmischung der Armee in den Staat. Nach der Ermordung eines jungen Lieferanten durch die Polizei verschärften sich diese Proteste hin zu einem Aufstand. Es war jedoch Nepal, das die gesamte Aufmerksamkeit auf sich zog.
Der Sturz der Monarchie im Jahr 2008 und die Gründung einer neuen Republik, die tiefgreifende wirtschaftliche und soziale Veränderungen versprach, weckten bei einem Großteil der nepalesischen Bevölkerung große Hoffnungen. Fast 20 Jahre später sind diese Hoffnungen vollständig zerschlagen.
Das ist nicht verwunderlich: 20 Prozent der nepalesischen Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze, die Arbeitslosenquote liegt bei insgesamt 13 Prozent, während sie bei jungen Menschen fast doppelt so hoch ist. Dabei sind die Landarbeiter:innen (die die überwiegende Mehrheit bilden) nicht berücksichtigt, da es in diesem Sektor überhaupt keine Arbeitsverträge gibt.
Hinzu kommen ständige Korruptionsskandale und die wachsende Ablehnung der sogenannten „Nepo-Babys“, der Söhne und Töchter von wohlhabenden Regierungsbeamt:innen, die mit ihren Privilegien als „Kinder von“ prahlen und ihren luxuriösen Lebensstil zur Schau stellen, während es für die große Mehrheit der Nepales:innen sehr schwierig (sogar fast unmöglich) ist, Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen wie Gesundheit und Bildung zu erhalten. Ebenso bildete die Instabilität des nepalesischen politischen Systems, das in den letzten Jahren zu einem Tauziehen zwischen den verschiedenen politischen Parteien geworden ist, die um die Vorherrschaft im Staat wie um Kriegsbeute streiten, ein Faktor großer Unzufreidenheit. Das Gesetz zur Bekämpfung des „Missbrauchs“ sozialer Netzwerke und die Ermordung von 19 Menschen durch die Polizei bei den darauf folgenden Demonstrationen lösten schließlich diese Unzufriedenheit aus, die sich in Bränden von Parteibüros und dem Parlament, der Lynchjustiz an Regierungsbeamt:innen und dem völligen Zusammenbruch der Polizei äußerte. Der Premierminister trat schließlich zurück, eine Übergangsregierung wurde gebildet und vorgezogene Neuwahlen ausgerufen.
Inspiriert von den Mobilisierungen in Nepal entstanden ähnliche Bewegungen in verschiedenen Teilen der Welt. Auf den Philippinen beispielsweise kam es nach einer Reihe katastrophaler Überschwemmungen zu massiven Mobilisierungen im ganzen Land. Die Empörung wuchs, als bekannt wurde, dass große Summen, die für Infrastrukturmaßnahmen zur Milderung der Auswirkungen dieser Überschwemmungen vorgesehen waren, umgeleitet und zum Vorteil einiger weniger gestohlen worden waren, mit der Billigung des derzeitigen Präsidenten Ferdinand Marcos Junior.
In Afrika gibt es ebenso zwei Fälle: Marokko und Madagaskar. In Marokko kam es nach dem Tod von acht schwangeren Frauen in einem Krankenhaus in Agadir zu Protesten. Diese Katastrophe spiegelte den Zusammenbruch des Gesundheitssystems wider, während eine Reihe von Korruptionsskandalen die derzeitige Regierung erschüttert. Die marokkanische Jugend (unter der die Arbeitslosigkeit bei 40 Prozent liegt) hat eine führende Rolle gespielt, indem sie sich über soziale Netzwerke organisiert und der Polizei entgegen stellte, die anschließend, ähnlich wie in Indonesien und Nepal, zwei junge Demonstrant:innen tötete. Dies führte zu einer Radikalisierung der Bewegung. Eine Rolle spielt auch die Wut auf die marokkanische Monarchie wegen ihrer Komplizenschaft mit Israel, das an der Bevölkerung Gazas einen Völkermord verübt, obwohl das marokkanische Volk im Allgemeinen seine Solidarität mit dem palästinensischen Volk bekundet hat.
Und in Lateinamerika haben wir Peru und Ecuador. In Peru gab es bereits 2022 und 2023 Proteste, als der Kongress einen institutionellen Putsch gegen Pedro Castillo durchführte und seine Vizepräsidentin Dina Boluarte als neue Staatschefin einsetzte. Diese Proteste wurden brutal niedergeschlagen, und mehr als 60 Menschen wurden von den staatlichen Sicherheitskräften getötet. Es dauerte drei Jahre, bis die Massen in Peru die Straßen strömten. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war die Verabschiedung der neuen Rentenreform, die junge Menschen und Arbeiter:innen dazu zwang, sich bei einer AFP (einer privaten Rentenversicherung) anzumelden, sowie die ständigen Erpressungen und Übergriffe auf Transportunternehmen durch mafiöse Gruppen, die von der Armee und der Polizei gedeckt wurden. Die Proteste brachen im ganzen Land aus, mit starker Beteiligung der Jugend (Studierende und prekär Beschäftigte), die nicht nur das Ende des neuen Rentengesetzes, sondern auch Gerechtigkeit für die Ermordeten der Proteste von 2022 und 2023 und die Verteidigung des Versammlungsrechts forderten. In diesen Aktionen finden wir einen der Gründe, warum der Kongress beschlossen hat, Boluarte abzusetzen.
In Ecuador gewannen die Mobilisierungen (und ihre anschließende Unterdrückung) aufgrund ihres Ausmaßes an Bedeutung. Die neoliberale Politik und die Sparmaßnahmen von Daniel Noboa (in Gefolgschaft des Internationalen Währungsfonds, von dem er einen außerordentlichen Kredit beantragt hat) und die zunehmende Militarisierung des Landes unter dem Vorwand der „Bekämpfung des Drogenhandels“, die in Wirklichkeit die Unterdrückung aller Gegner:innen seines Wirtschaftsprogramms erleichtert, führten in verschiedenen Teilen der ecuadorianischen Bevölkerung zu Unzufriedenheit.
Aber es war die Streichung der Dieselsubventionen (die eine Erhöhung der Kraftstoffpreise zur Folge hätte), die die indigenen Organisationen Ecuadors, angeführt von der CONAIE (Konföderation der indigenen Nationen von Ecuador), dazu veranlasste, einen unbefristeten Streik zu erklären, der Straßenblockaden und die Sperrung der wichtigsten Zufahrtswege des Landes umfasste. Diese Aktionen entwickelten sich jedoch zu einer breiten Bewegung gegen Noboa und seinen gesamten politischen Plan, an der sich auch junge Menschen, indigene Völker, Arbeiter:innen und Bäuer:innen beteiligten.
Angesichts dessen beschloss Noboa, die gesamte ihm zur Verfügung stehende Repressionskraft einzusetzen. Nachdem er die Protestierenden als „Drogenterrorist:innen” bezeichnet hatte, setzte er Polizei und Armee ein, um die Proteste und Blockaden zu unterdrücken und aufzulösen. Nach über einem Monat Aktionen und der Ermordung von drei Demonstrat:innen durch die Repression, beschloss die CONAIE einseitig, die Kampfmaßnahmen zu beenden, was Noboa einen Sieg bescherte.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in all diesen Prozessen im Allgemeinen die Arbeiter:innenklasse nicht mit ihren Methoden und Organisationen wie in Italien oder Frankreich die Bewegungen prägte. Mit Ausnahme von Peru, wo die Transportgewerkschaften intervenierten (allerdings mit rein gewerkschaftlichen und keinen politischen Forderungen), kamen in den anderen Ländern die Gewerkschaften nicht ins Spiel und Streiks blieben im Allgemeinen aus.
Andererseits gelang es trotz der Radikalität, die die revoltierenden Massen an den Tag legten, keiner, eine tiefgreifende Veränderung der politischen Systeme zu erreichen, gegen die sie protestierten. Zwar kam es in einigen Fällen zu Regierungswechseln, wie in Nepal und Peru, aber dabei handelte es sich (vorerst) um Versuche der Herrschenden, diese Bewegungen zu entschärfen und abzulenken. Im Falle Nepals übernahm eine ehemalige Richterin des Obersten Gerichtshofs die Übergangspräsidentschaft, die jedoch keineswegs eine linke Persönlichkeit ist oder für einen radikalen Wandel steht. In Fällen wie Indonesien oder Marokko machten die jeweiligen Regierungen nur geringe Zugeständnisse. Im Falle Ecuadors gab es gar keine.
Dies lässt sich dadurch erklären, dass die Bewegungen politisch diffus sind: Sie konzentrieren sich auf gemeinsame Forderungen, aber ihre ideologische Zusammensetzung ist vielfältig: In Nepal konnten sich die alten Anhänger:innen der Monarchie in den Mobilisierungen vertreten fühlen. In Peru basierten sie auf einer Stimmung gegen Dina Boluarte und den Kongress, aber nicht viel mehr. Deshalb leiden alle genannten Bewegungen trotz ihrer spezifischen Unterschiede unter dem Fehlen einer klaren Strategie, was sie anfällig für Umlenkungen innerhalb desselben Systems macht, das sie bekämpfen wollen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass trotz ihrer Massenhaftigkeit und Radikalität die mangelnde Beteiligung der Arbeiter:innenklasse als solche, die ideologische Inkohärenz und das Fehlen einer klaren Strategie zur Durchsetzung ihrer Forderungen letztendlich eine tatsächliche politische Kraft minderten. Dies geschah, indem sie die radikalen Veränderungen, die diese Bewegungen anstrebten, nicht erreichten, oder indem sie anderen politischen Kräften (sowohl von links als auch von rechts) Vorschub leisteten, die diese Aufstände zu kooptieren und abzulenken versuchten, um die kapitalistische Ordnung nicht in Frage zu stellen.
Weder Könige noch ein weiterer Stern der US-Flagge
In den letzten Wochen gingen Tausende von Jugendlichen, Arbeiter:innen und unterdrückten Bevölkerungsgruppen in den Vereinigten Staaten unter dem Motto „No Kings“ („Keine Könige“) auf die Straße, um gegen den autoritären Vormarsch Donald Trumps und seinen Versuch, eine extrem rechte, sexistische und rassistische Agenda durchzusetzen, zu protestieren. Die Bewegung, deren Epizentren Städte wie New York, Chicago, San Francisco und Los Angeles waren, breitete sich schnell auf mehr als 2.500 Orte aus und versammelte Millionen von Demonstrant:innen. Ihr zentrales Motto fasst eine tiefe Unzufriedenheit zusammen: die Ablehnung, von den „Königen“ des Finanzkapitals, von Großunternehmer:innen und von Politiker:innen regiert zu werden, die die Interessen des US-Imperialismus vertreten. In diesem Sinne ist die No-Kings-Bewegung Teil des internationalen Trends, den wir in diesem Artikel beschreiben.
Während die Unzufriedenheit innerhalb des Landes wächst, verstärkt die USA ihre imperialistische Offensive gegen Lateinamerika und versucht, angesichts des geopolitischen Aufstiegs Chinas in den letzten zwei Jahrzehnten, ihren „Hinterhof“ zu behaupten. Der diplomatische Druck, die Wirtschaftssanktionen und die militärischen Operationen der CIA gegen Venezuela sind ein klares Beispiel für diese Eskalation, bei der bereits Dutzende in der Karibik ermordet wurden.
In den letzten Monaten hat die US-Regierung neue Manöver in der Region rundum Venezuela entwickelt, begleitet von einer lügenhaften Rhetorik des „Kampfes gegen Drogen“, die ihre wahren Interessen verschleiert, nämlich die Kontrolle über die natürlichen Ressourcen und die Wiedereinsetzung verbündeter Regierungen. Diese imperialistische Politik ist nicht neu. Sie entspricht einer historischen Logik der Herrschaft, die angesichts ihrer internen Krise ihre Kontrolle über die Peripherie vertiefen muss. So wie in der Vergangenheit Militärdiktaturen unter der Doktrin der nationalen Sicherheit durchgesetzt wurden, bedient sich der Imperialismus heute an Sanktionen, Blockaden und finanzieller Vormundschaft, um die Völker Lateinamerikas zu disziplinieren.
In diesem globalen Kontext nimmt Argentinien einen Platz auf der imperialistischen Agenda der Vereinigten Staaten ein, und die Regierung von Javier Milei hat beschlossen, sich offen als ihr bester Diener zu positionieren. Seit seinem Amtsantritt hat der argentinische Präsident seine politische und wirtschaftliche Unterordnung unter Washington nicht verheimlicht: Die Unterstützung des US-Finanzministeriums für das Wirtschaftsprogramm der Regierungspartei ist in der Tat einer der zentralen Bestandteile des aktuellen Kürzungsmodells.
Die Abkommen mit dem IWF, die vollständige Öffnung für ausländisches Kapital, die Privatisierung staatlicher Unternehmen und die Herausgabe natürlicher Ressourcen wie Lithium oder Vaca Muerta (ein Fracking-Projekt über dreißigtausend Quadratkilometer) gehören zu demselben Plan. Milei versucht, dies als „strategische Allianz“ mit den Vereinigten Staaten darzustellen, aber in Wirklichkeit handelt es sich um eine Auslieferung der nationalen Souveränität im Dienste des Imperialismus.
Angesichts dieses reaktionären und imperialistischen Vorstoßes in Argentinien ist der Peronismus in seinen verschiedenen Flügeln keine Alternative. Dies zeigt sich sowohl darin, dass die ehemalige Regierung von Alberto Fernández und Cristina Kirchner mit dem IWF eine Vereinbarung getroffen hat, um die illegitime und illegale Auslandsschulden abzubezahlen, als auch in der Tatsache, dass sie jetzt in der Opposition sind, sich zu Komplizen der Sparpolitik gemacht haben: sei es durch „strategische Abwesenheiten“ bei wichtigen Abstimmungen, sei es durch Demobilisierung und einem „Waffenstillstand“ gegenüber Milei, wie im Fall der Gewerkschaftsverbände CGT und CTA, oder direkt durch die Verabschiedung von anpasslerischen Gesetzen. Ganz zu schweigen von Personen wie Daniel Scioli, die direkt in die Regierung eingetreten sind. Die Rolle des Peronismus besteht einmal mehr darin, die soziale Wut innerhalb der Grenzen des Systems einzudämmen und „Regierbarkeit“ zu gewährleisten.
Innerhalb des politischen Spektrums Argentiniens kann nur die Linke an dieses antiimperialistische Phänomen anknüpfen, das sich solidarisch mit Palästina zeigt und von der prekarisierten Jugend ausgeht, die wir weltweit beobachten können. Von unserer Schwesterpartei der Sozialistischen Arbeiter:innenpartei (PTS) und der Front der Linken und Arbeiter:innen-Einheit (FIT-U) aus verurteilten wir während des gesamten Wahlkampfs eindeutig die imperialistische Einmischung in Lateinamerika, was in einer Kundgebung vor der Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika gipfelte. Bei dieser Kundgebung solidarisierten wir uns mit dem palästinensischen Volk und verurteilten den Völkermord des israelischen Staates und seiner Komplizen. Dort ergriffen die Vertreter:innen und Kandidat:innen der FIT-U für diese Wahlen das Wort, darunter stachen besonders die Reden unserer Genoss:innen Myriam Bregman und Nicolás Del Caño hervor, die jeweils die Listen der autonomen Stadt Buenos Aires und der Provinz Buenos Aires anführen. Das Wahlergebnis der FIT-U kann eine wichtige politische Botschaft sein, um den Widerstand gegen die Sparpläne, die die Regierung weiter vorantreiben will, weiter zu organisieren. Wie der Kandidat Christian Castillo bei derselben Veranstaltung sagte: „Wer nicht den Mut hat, sich einem Völkermord zu widersetzen, wird auch nicht den Mut haben, den IWF zu besiegen.“
Die Juventud del PTS (PTS-Jugend) sieht sich als Teil dieser großen globalen Bewegung und setzt sich für den Aufbau einer antiimperialistischen, internationalistischen und sozialistischen Jugend ein, die sich mit der Arbeiter:innenklasse verbündet, um sowohl Milei als auch Trump und die gesamte reaktionäre Internationale, die sie repräsentieren, zu bekämpfen.
Als Teil dieses Ziels wird am 14. Dezember in São Paulo, Brasilien, eine internationalistische, antiimperialistische und sozialistische Veranstaltung stattfinden, die von unserer internationalen Organisation, der Trotzkistischen Fraktion – Vierte Internationale (FT-CI) organisiert wird. Daran werden Delegationen aus 16 Ländern neben Brasilien teilnehmen, darunter: Deutschland, Argentinien, Frankreich, den USA, Venezuela, Chile, Italien, dem Spanischen Staat, Mexiko, Costa Rica, Bolivien, Uruguay, Peru, Angola, Belgien und Südkorea.
Dieser Artikel wurde im Original auf Spanisch am 26. Oktober 2025 auf La Izquierda Diario veröffentlicht und für eine deutsche Leser:innenschaft angepasst.