Indonesien: Polizei tötet Lieferfahrer bei heftigen Protesten

04.09.2025, Lesezeit 4 Min.
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Foto: Proteste in Jakarta / Maria Cynthia (Creative Commons Attribution 4.0 International )

Seit Montag kommt es in Jakarta und anderen Städten des asiatischen Landes zu Demonstrationen und Zusammenstößen mit der Polizei. Am Donnerstag rammte ein Wasserwerfer die Menschenmenge und tötete einen Lieferfahrer, was die Wut der Jugendlichen noch verstärkte.

Am Freitag breiteten sich die Proteste in Indonesien aus, nachdem am Donnerstagabend Affan Kurniawan, ein 21-jähriger Lieferfahrer, absichtlich von einem Wasserwerfer der Polizei mitten im Zentrum von Jakarta während der Repression gegen die Demonstrant:innen überfahren worden war.

Seine Ermordung, die aufgezeichnet und in den sozialen Netzwerken viral verbreitet wurde, veranlasste Zehntausende weitere Menschen, auf die Straße zu gehen, nicht nur in der Hauptstadt und größten Stadt des Landes Jakarta, sondern auch in Surabaya, Bandung, Medan und anderen Städten im gesamten indonesischen Archipel. Wie aus Videos von Demonstrant:innen hervorgeht und wie Zeug:innen aussagten, beschleunigte das gepanzerte Fahrzeug in der Menschenmenge und überfuhr Affan, der nicht direkt an der Demonstration teilnahm, sondern in der Gegend eine Essensbestellung ausliefern wollte.

Dieser Vorfall verstärkte die Wut der jungen Menschen, die seit Montag protestierten und führte zu einer Massenbeteiligung an den Protesten. Hunderte von Lieferfahrer:innen begleiteten den Trauerzug für Affan durch das Zentrum von Jakarta in einer Karawane, die unter dem Ruf „Mörder, Mörder” voranschritt.

Der Unterricht wurde in mehreren Schulen ausgesetzt und Hunderte von Unternehmen und Banken ließen ihre Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiten, sodass die Hauptstadt am Freitag praktisch lahmgelegt war. Mehrere ihrer Hauptstraßen und Autobahnen waren blockiert, die Börse brach ein und die indonesische Rupie verlor an Wert.

Mittelpunkt der Proteste sind sowohl das Parlament, wo der Kampf gegen die Privilegien der Abgeordneten seinen Ursprung hat, als auch die Polizeizentrale, aufgrund der Empörung über die brutalen Repressionen und Massenverhaftungen. In der Nähe des Gebäudekomplexes der Polizei brannte ein fünfstöckiges Gebäude nieder.

In Surabaya, der zweitgrößten Stadt des Landes, stürmten Demonstrant:innen inmitten von Straßenkämpfen das Regierungsgebäude der Provinz, während in Medan und Bandung die Polizei mit Tränengas vorging und Hunderte von Menschen festnahm.

Präsident Prabowo Subianto, ein ehemaliger Armeegeneral, der seit weniger als einem Jahr im Amt ist (er trat im Oktober 2024 sein Amt an), veröffentlichte ein aufgezeichnetes Video, in dem er öffentlich den Tod des jungen Arbeiters bedauerte und eine „gründliche und transparente“ Untersuchung der Ereignisse versprach, bei der „die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden“. Damit versucht er nichts anderes, als die größte soziale und politische Krise seit Jahren zu beschwichtigen.

Nach Angaben der Polizeiführung, die sich bei der Familie entschuldigte, wurden sieben an dem Mord beteiligte Beamt:innen aus dem Dienst entlassen, für 20 Tage inhaftiert und werden derzeit untersucht. Der Gouverneur von Jakarta, Pramono Anung, besuchte die Familie des Opfers, um ihr sein Beileid auszusprechen.

Die Repressionen gingen jedoch wie in den Tagen zuvor weiter, wobei die Polizei Tränengas, Gummigeschosse und Wasserwerfer gegen die Demonstranten einsetzte, die sich mit Steinen, Feuerwerkskörpern und Molotowcocktails verteidigten. An einigen kritischen Punkten wurde sogar die Armee eingesetzt und es wurden bereits mehr als 600 Personen festgenommen.

Der Aufstand am Montag war ausgebrochen, nachdem bekannt geworden war, dass sich die 580 Abgeordneten eine „Wohnbeihilfe“ in Höhe von 50 Millionen Rupien pro Monat (etwa 3.000 Dollar) bewilligt hatten. Dieser Betrag entspricht etwa dem Zehnfachen des Mindestlohns in Jakarta oder dem Zwanzigfachen des Mindestlohns in den ärmsten Regionen des Landes. Und das, während Millionen Menschen in einer Wirtschaft, die von steigenden Lebensmittelpreisen geprägt ist, von Hungerlöhnen leben. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung begann jedoch nicht erst in dieser Woche, sondern es gab bereits seit Ende 2024 erhebliche Proteste, die sich über das gesamte Jahr 2025 fortsetzen.

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