Massenproteste in Indonesien: Wie eine Strohhutfahne ein Zeichen des Widerstands wird

05.09.2025, Lesezeit 6 Min.
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Foto: Strohhutfahne in einem indonesischen Dorf / Ferfive (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:One_piece_Fan_Fest_MÉXICO_02.jpg)

Nachdem vergangenen Donnerstag ein Wasserwerfer der indonesischen Polizei einen Lieferfahrer tötete, weiteten sich die bereits herrschenden Proteste enorm aus. Zwischen all den Menschenmengen schwingen tausende Strohhutfahnen. Was hat es damit auf sich?

Am Freitag breiteten sich Proteste in Indonesien aus, nachdem am Donnerstagabend Affan Kurniawan, ein 21-jähriger Lieferfahrer, absichtlich von einem Wasserwerfer der Polizei mitten im Zentrum von Jakarta überfahren worden war. Seine Ermordung, die aufgezeichnet und in den sozialen Netzwerken viral verbreitet wurde, veranlasste Zehntausende weitere Menschen, auf die Straße zu gehen, nicht nur in der Hauptstadt und größten Stadt des Landes Jakarta, sondern auch in Surabaya, Bandung, Medan und anderen Städten im gesamten indonesischen Archipel. Wie aus Videos von Demonstrant:innen hervorgeht und wie Zeug:innen aussagten, beschleunigte das gepanzerte Fahrzeug in der Menschenmenge und überfuhr Affan, der nicht direkt an der Demonstration teilnahm, sondern in der Gegend eine Essensbestellung ausliefern wollte.

Inmitten dieser Massenproteste passiert etwas, das für tausende Fans nur natürlich, für andere total willkürlich erscheint: Tausende Fahnen der Strohhutbande von One Piece, einem japanischen Manga und Anime, hängen an den Stangen der Protestierenden, an Fenstern, Balkonen und Schaufenstern. Diese Fahne ist so stark auf den Protesten vertreten, dass selbst ein Regierungssprecher bekannt gegeben hat, dass die Strohhutflagge als Zeichen der Volksverhetzung gewertet und die Besitzer:innen strafrechtlich verfolgt werden. Aber wieso ist eine Flagge eines Animes so gefährlich für eine gesamte Regierung?

Dieser Anime ist nicht irgendein Anime, sondern ist ein Favorit unter politisierten Animefans – aber auch von Millionen Menschen, die vermutlich von sich behaupten, nicht politisiert zu sein. Es handelt von einem Jungen, der „der freieste Mann der Welt sein will“ und erzählt von seinen Abenteuern in einer Welt voller Piraten, fiktiven Wesen, übernatürlichen Kräften und einer Story, die sich immer realitätsnäher entwickelt und immer wieder direkte Bezüge zu unserer aktuellen Welt zieht.

Eine Besonderheit dieses Animes ist aber, dass sie politische Parallelen zur aktuellen Welt aufzeigt, erklärt und sie sogar richtiggestellt. Von marxistischer Propaganda kann vermutlich nicht sofort die Rede sein, aber Unterdrückung, Ausbeutung und sogar reale Ereignisse wie der Bürgerkrieg im Irak, der Genozid an den Palästinenser:innen, die Unterdrückung und Sklaverei von Schwarzen und indigenen Menschen, trans Identität und Revolutionär:innen werden in einer fiktiven Darstellung aufgerollt, erklärt und eingeordnet – ausnahmsweise nicht in einem negativen Bild wie in vielen antikommunistischen, bürgerlichen Filmen und Serien.

Besonders die Polizei, das Militär und die imperialistischen Regierungen und Politiker werden in dieser fiktiven Welt in Form der Marine, der Weltregierung und der sogenannten Himmelsdrachen und „fünf Weisen“ kritisch erzählt. Ihre Rolle als Antagonisten zeigt sehr gut auf, wie unser reales System funktioniert: Die Unterdrückten und Ausgebeuteten (die Arbeiter:innen) stehen den Reichen und Herrschenden (den Kapitalist:innen) gegenüber und erkennen mehr und mehr an, dass dieses System in sich faul und falsch ist.

In dieser Welt lernt die Strohhutbande, die Piratencrew des Protagonisten Monkey D. Luffy, all ihre Facetten kennen. Sie freunden sich mit den unterdrückten Shandia, Fischmenschen, Tontattas, Riesen und Minks an, aber auch mit den ausgebeuteten Menschen der verschiedenen Königreiche von Alabasta, Skypia, Dressrosa und Wano Kuni. All diesen Völkern und Unterdrückten helfen sie, gegen ihre Unterdrücker und Ausbeuter zu siegen – nicht immer nur für sie, sondern in vielen Fällen mit ihnen.

Eine sehr beliebte Szene, die wir hier näher erklären müssen für den Zusammenhang zu den Protesten in Indonesien, ist die Auseinandersetzung der Strohhutbande mit der Weltregierung. In dieser epischen Szene hält ein Regierungsleutnant Luffy und seiner Crew eine drohende Ansprache, dass sie sich nicht mit irgendeiner Organisation oder wahllosen Einzelgegnern anlegen, sondern mit Führer:innen von Königreichen, reichen Adligen, der gesamten Marine und ihrer Millionenbesetzung und mit den mächtigsten Herrschern der Welt – den Himmelsdrachen und den sogenannten „fünf Weisen“, eine Gruppe der fünf stärksten Anführer:innen der Weltregierung.

Statt sich von dieser Drohung einschüchtern zu lassen, hält Luffy es nach einer minutenlangen Ansprache des Leutnants kurz und knapp: Er lässt die Flagge der Weltregierung abschießen und abbrennen. Damit macht er der Weltregierung eine offizielle Kriegsansage und ist seither einer der gesuchtesten und bekanntesten Piraten der Welt. Seine Kampfansage sorgt für Aufruhr weltweit – und erweckt Aufstände in etlichen Königreichen.

Dass der Abgeordnete der Mitte-Rechts-Partei Golkar, Firman Soebagyo, diese Fahne als Zeichen der Volksverhetzung und des Hochverrats wertet, ist zwar ein ironischer Zufall, aber sorgte selbst bei Menschen, die keine Animes schauen, dazu, dass sie diese Flagge an ihre Fahnenstangen hissten. Die Polizei in der Hauptstadt Jakarta hat erklärt, dass sie die „Verwendung von nicht-nationalen Flaggen und Symbolen, die nicht mit dem Geist des Nationalismus vereinbar sind, einschließlich Piratenflaggen oder Flaggen mit fiktiven Motiven“ überwache.

Die Unzufriedenheit der Bevölkerung und ihr Protest begann bereits Ende 2024, nachdem Korruptionsskandale und eine drastische Inflation das Leben der Menschen in Indonesien in eine tiefe Krise gestürzt hatte. Die Demonstrationen und Aufstände in diesem Jahr nahmen erneut größere Ausmaße an, als die Regierenden beschlossen haben, den Abgeordneten des Parlaments eine „Wohnbeihilfe“ von 50.000.000 Rupien (fast 3.000 Euro) zu zahlen, während die Bevölkerung in massive Arbeitslosigkeit und Armut gedrängt wird. Der Höhepunkt war der Mord von Affan auf offener Straße und seitdem halten die Proteste weiterhin im ganzen Land an.

Eine Fahne wie die der Strohhüte ist hier also genau richtig: Sie ist symbolisch die Fahne der freiesten Menschen der Welt und die freiesten Menschen der Welt sind die, die sich ihrer Unterdrückung und Ausbeutung widersetzen. Volle Solidarität mit allen Protestierenden und hoch die internationale Solidarität!

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