Frauen und LGBTI*

Der Mord an Trans-Aktivistin Julie Berman — Ein Kommentar

Vor einigen Tagen wurde die Aktivistin Julie Berman ermordet, ein weiterer Ausbruch transphober Gewalt. Ein Kommentar von Lisa Rau und Charlotte Ruga.

Der Mord an Trans-Aktivistin Julie Berman - Ein Kommentar

Bild: Julie Berman, Quelle Face­book

Am 22. Dezem­ber starb die 51-Jährige Trans-Aktivistin Julie Berman in ihrer Heimat­stadt Toron­to (Kana­da) infolge eines Schädel­trau­mas, das ihr durch eine Waffe zuge­fügt wurde. Sie war in der LGB­TIQ-Com­mu­ni­ty in Toron­to beson­ders für ihre 30-jährige Arbeit im Bil­dungs- und Aufk­lärungsvere­in “The 519” und ihr Auftreten auf dem jährlichen „Trans Day of Remem­ber­ance“, also dem Tag an dem der Opfer trans­pho­ber Gewalt gedacht wird, bekan­nt, der an jedem 20. Novem­ber weltweit began­gen wird. Ihr mut­maßlich­er Mörder Col­in Har­nach (29) wurde bere­its am Tatort festgenom­men, hat aber bish­er noch keine Aus­sage gemacht. Die näch­ste Anhörung find­et am 15. Jan­u­ar statt.

Julies Kampf gegen trans­feindliche Gewalt, deren Opfer sie selb­st oft gewor­den ist, hat bei vie­len Spuren hin­ter­lassen und sie wird schmer­zlich ver­misst.

„Wir gedenken ihrer mit Respekt und Würde, die sie zu Lebzeit­en nicht bekom­men hat wegen Trans­pho­bie, und die sie auch in ihren let­zten Momenten nicht bekam, als sie ange­grif­f­en wurde.”, sagte ihre Mit­stre­i­t­erin Susan Gap­ka aus „The 519“.

„Sie war wirk­lich eine wun­der­schöne Per­son. […] Es gibt keinen Grund für das, was geschehen ist, es ist ein­fach tragisch.”, so ihre Fre­undin Davina Had­er in einem Tele­fon­in­ter­view.

Bermans trauernde Fam­i­lie und Freund*innen hiel­ten eine pri­vate Beerdi­gung, eine öffentliche Mah­nwache soll im Jan­u­ar fol­gen.

Jeder Mord an trans Menschen ist politisch

Die Gewalt und die Morde an trans Per­so­n­en sind nach wie vor ein mar­gin­al­isiertes The­ma. In der bre­it­eren Öffentlichkeit erfährt diese bru­tale Form der patri­ar­chalen Gewalt sehr wenig Aufmerk­samkeit und Sol­i­dar­ität. Dabei sind die Zahlen, die man im Inter­net find­et, erschreck­end hoch: Im Zeitraum zwis­chen Okto­ber 2018 und Sep­tem­ber 2019 wur­den durch Tran­sre­spect ver­sus Trans­pho­bia World­wide (TvT) inter­na­tion­al 331 Morde an trans und Geschlechter-diversen Per­so­n­en erfasst. Wie sich die Zahlen in einzel­nen Län­dern konkret zeigen, ist bish­er unbekan­nt und wird in kein­er zen­tral­isierten Sta­tis­tik erfasst. Es ist davon auszuge­hen, dass die Dunkelz­if­fer um Einiges höher ist. Die durch­schnit­tliche Lebenser­wartung für einen trans Men­schen liegt bei 35 Jahren. Diese schock­ierend niedrige Zahl spricht bere­its Bände davon, was für ein­er Repres­sion und Gefahr trans Per­so­n­en durch patri­ar­chale Gewalt aus­ge­set­zt sind.

Viele Tat­en bleiben unbekan­nt, weil die Ermorde­ten mis­ge­gen­dert wer­den (d.h., bei der sta­tis­tis­chen Erhe­bung wird bewusst oder unbe­wusst nicht die tat­säch­liche Geschlecht­si­den­tität erfasst und als Grund­lage weit­er­er Ermit­tlun­gen ver­wen­det, son­dern die „offizielle“ im Pass ste­hende), ihr Mord von der Polizei nicht aufgek­lärt wird oder sie Suizid bege­hen (wobei Suizid als Mord ver­standen wer­den kann, wenn die Betrof­fe­nen durch das unter­drück­ende Sys­tem zu dieser Tat gezwun­gen wur­den). Neben diskri­m­inieren­der Recht­sprechung ver­schärft sich die Stig­ma­tisierung und Diskri­m­inierung von trans Per­so­n­en im öffentlichen Raum. In Deutsch­land bspw. macht die AfD Stim­mung: Diskus­sio­nen über die Rechte von trans und inter Men­schen nan­nte die Partei im Bun­destag etwa “gen­deride­ol­o­gis­chen Stuss” wobei dies bei Weit­em nicht die einzi­gen Dif­famierun­gen von trans und inter Per­so­n­en durch die AfD waren.

Beson­ders asyl­suchende Trans sind weit­er­hin extrem bedro­ht, erfahren häu­fig Gewalt, wer­den in die ille­gal­isierte Sexar­beit gedrängt und ster­ben unter grausamen Bedin­gun­gen in Abschiebe­lagern oder wer­den nach der Abschiebung ermordet.

Im Jahr 1998 wurde die Schwarze trans Frau Rita Hes­ter in den USA ermordet. Trans-Aktivist*innen waren empört über das fehlende Inter­esse der Öffentlichkeit, vor allem im Ver­gle­ich zu dem kurz zuvor ermorde­ten Schwulen Matthew Shep­ard. In den fol­gen­den Tagen began­nen Aktio­nen, um auf die Gewalt an Trans aufmerk­sam zu machen und im Jahr 1999 wurde der Trangen­der Day of Rem­brance (TDoR) ins Leben gerufen. Im Jahr 2017 war auch Julie Berman Teil des Organ­i­sa­tion­skomi­tees des TDoR und sprach sich in bei der Mah­nwache gegen trans­pho­be Gewalt aus und betrauerte ermordete trans Per­so­n­en, die sie selb­st kan­nte.

Im Jahr 2017 waren 43% der ermorde­ten trans Men­schen in Europa migrantis­che Sexarbeiter*innen. Das ras­sis­tis­che Aufen­thalt­srecht in Europa erschw­ert Migrant*innen die Auf­nahme ein­er legalen Arbeit, was sie über­pro­por­tion­al in die ille­gal­isierte Sexar­beit drängt. Außer­dem bleibt trans Men­schen der Zugang zum Arbeits­markt häu­fig ver­wehrt. Die Stig­ma­tisierung von Sexar­beit sowie die Ille­gal­ität in vie­len EU-Län­dern ver­hin­dert wiederum die Berichter­stat­tung von Gewalt­tat­en gegen Sexarbeiter*innen aus Angst vor Repres­sio­nen. Diese Angst wird im Fall migrantis­ch­er Sexarbeiter*innen durch die Ille­gal­isierung des Aufen­thaltssta­tus und Ras­sis­mus ver­stärkt. Migrantis­che Sexarbeiter*innen müssen Repres­sio­nen auf­grund ihrer Arbeit, aber auch ihres Aufen­thaltssta­tus fürcht­en.

Die Ille­gal­isierung bzgl. Aufen­thalt­srecht und Sexar­beit sowie die diskri­m­inierende Recht­sprechung und fehlende Akzep­tanz für trans Men­schen bestäti­gen und repro­duzieren trans­pho­be Gewalt­tat­en, indem Täter*innen geschützt wer­den. Dadurch wird trans­pho­be Gewalt ein­er­seits wahrschein­lich­er, wobei es gle­ichzeit­ig immer schwieriger für trans Per­so­n­en wird sich gegen diese Gewalt zu wehren. Laut Leon Witzel, Bun­desvere­ini­gung Trans*, seien Morde an ihnen oft beson­ders bru­tal, weil sich die Täter*innen eines milden Urteils sich­er sein kön­nten.

Unser Kampf gegen patri­ar­chale Gewalt geht weit­er. Der Mord an Julie Berman macht uns wütend und ist ein weit­eres grausames Beispiel dafür, was in einem Sys­tem, das auf Aus­beu­tung und Unter­drück­ung basiert den ver­let­zlich­sten und am stärk­sten prekarisierten Men­schen in unser­er Klasse täglich geschieht. Der Kampf für Trans-Rechte ist eine ele­mentare Auf­gabe des Fem­i­nis­mus – doch wie wir sehen, reicht es nicht aus, auf dem Papi­er ein Recht zu haben. Es gilt, eine Welt zu schaf­fen, in der wir alle sich­er und frei leben kön­nen.

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