Frauen und LGBTI*

Eskalation der Gewalt gegen trans Menschen in Berlin

Sieben Angriffe allein im März im Berliner Kurfürstenkiez: Laut der Beratungsstelle TransInterQueer eine "neue Qualität" der Gewalt. Die Übergriffe sind Teil einer Reihe von Gewalttaten gegen Sexarbeiter*innen in Berlin, die sich in ein internationales Klima der Gewalt gegen Frauen einreihen.

Eskalation der Gewalt gegen trans Menschen in Berlin

Wie mehrere Berlin­er Lokalzeitun­gen bericht­en, sind im Monat März min­destens sieben Sexarbeiter*innen im Berlin­er Kur­fürstenkiez Opfer von gewalt­samen Über­grif­f­en gewor­den. Beson­ders trans Men­schen seien jew­eils von einem oder mehreren Unbekan­nten ange­grif­f­en wor­den. Dabei habe es auch Angriffe mit Säure gegeben, der Staatss­chutz ermit­telt wegen Has­skrim­i­nal­ität. Laut der Beratungsstelle TransIn­terQueer berichteten trans Frauen, dass es meist die gle­ichen Män­ner seien, “die mit dem Auto vor­fuhren und sie belei­digten und bedro­ht­en”. Der Vere­in berichtet weit­er: “In der Gegend kommt es immer wieder zu Belei­di­gun­gen, Bedro­hun­gen oder tätlichen Über­grif­f­en auf Sexar­bei­t­erin­nen, seit Anfang März jedoch so häu­fig wie lange nicht”, was eine “neue Qual­ität” der Angriffe darstelle.

Nicht alle Opfer seien trans, heißt es, aber ein hoher Anteil. Es scheint, als wäre speziell der für seine trans Sexarbeiter*innen bekan­nte Teil des Strichs ver­stärkt Ziel der Gewalt.

Ein sich zuspitzendes jahrealtes Problem

Der Straßen­strich an der Kur­fürsten­straße, auf dem die Über­griffe passierten, existiert seit vie­len Jahrzehn­ten und gilt als größter Straßen­strich Europas. Seit mehreren Jahren spitzt sich das Kli­ma im Kiez zu, ins­beson­dere den Sexarbeiter*innen gegenüber. Es kommt immer wieder zu Über­grif­f­en, unver­hält­nis­mäßig oft gegen trans Men­schen. Schon vor einem Jahr wogte das The­ma durch die Medi­en und Politiker*innen ver­sprachen, an Lösun­gen zu arbeit­en.

Sexar­beit ist in Deutsch­land – wie in den meis­ten Län­dern weltweit – vor allem migrantisch. Genaue Zahlen sind hierzu­lande nicht bekan­nt, auch weil viele Sexarbeiter*innen ille­gal­isiert arbeit­en, aber offizielle Stellen gehen von deut­lich mehr als der Hälfte aus . Dieser Umstand macht es vie­len schw­er, sich bei Über­grif­f­en Hil­fe zu holen. Oft fehlen schützende soziale Net­ze, Arbeits- und/oder Aufen­thalt­ser­laub­nisse, Deutschken­nt­nisse oder es gab in der Ver­gan­gen­heit bere­its schlechte Erfahrun­gen mit Polizist*innen. Aus Angst vor Kon­trollen und daraus möglicher­weise fol­gen­den Abschiebun­gen sind es ger­ade migrantis­che trans Frauen, die beson­ders schut­z­los sind. Die soziale Isolierung, der trans Men­schen noch ein­mal stärk­er aus­ge­set­zt sind, und die extrem prekäre Sit­u­a­tion, in der sie sich befind­en, macht sie zu leicht­en Opfern.

Emy Fem, eine Aktivistin, die mit trans Men­schen im Kur­fürstenkiez arbeit­et, erk­lärte schon vor einem Jahr gegenüber dem Mag­a­zin “Siegessäule”:

Viele trans* Sexar­bei­t­erin­nen sind deswe­gen verängstigt und wür­den am lieb­sten nicht mehr auf der Straße arbeit­en. „Sie haben Angst. Aber das Prob­lem ist: Sie haben keine Wahl. Sie müssen auf der Froben­straße arbeit­en, weil es für sie oft die einzige Möglichkeit ist, an Geld zu kom­men“, erzählt Emy. „Sie nagen am Hunger­tuch. Die Kälte macht ihnen zu schaf­fen. Nur wenn es gar nicht anders geht, kom­men sie auf die Straße und arbeit­en.

Zusam­men mit der aus­bleiben­den Strafver­fol­gung macht das die Gewalt gegen trans Sexarbeiter*innen zur Zeit qua­si straf­frei. Auch Men­schen­han­del ist oft ein The­ma: Vor knapp einem Jahr wurde ein deutsch-thailändis­ch­er Men­schen­han­del­sring zer­schla­gen, der sich auf trans Sexarbeiter*innen “spezial­isiert” hat­te.

Par­al­lel schlachtet man genüsslich voyeuris­tisch die Eigen­heit­en von “Europas größtem Straßen­strich” aus, machen die bürg­er­lichen Medi­en Stim­mung, man sorgt sich um die Anwohner*innen, die durch den seit 100 Jahren beste­hen­den Straßen­strichen gestört fühlen, und bre­it­et genüsslich Dreck und Anrüchiges aus. Die Sit­u­a­tion auf dem Straßen­strich ist tat­säch­lich extrem prekär, doch Maß­nah­men, wie die vorgeschla­ge­nen Krim­i­nal­isierun­gen und Repres­sio­nen, wie Sper­rbezirke oder “Ver­rich­tungs­box­en” – Schutzschirme, um das bürg­er­liche Auge vor dem Kon­takt mit den herrschen­den Missstän­den zu schützen – wer­den die unter­liegen­den Prob­leme nicht beseit­i­gen, im Gegen­teil. Das Prob­lem der Sexarbeiter*innen ist sich­er nicht, dass sie zu wenig krim­i­nal­isiert wer­den.

Gewalt gegen trans Sexarbeiter*innen ist ein globales Problem

Gewalt gegen trans Men­schen ist lei­der wed­er ein neues Phänomen noch auf Deutsch­land beschränkt. Im Jahr 2017 gab es weltweit min­destens 325 Tote, die Opfer trans­pho­ber Gewalt wur­den, 2018 waren es bere­its 369, die Ten­denz ist seit Jahren steigend. Für Deutsch­land gibt es keine geson­derten Zahlen, sie wur­den bis jet­zt ein­fach nicht erfasst. Auch muss man von Dunkelz­if­fern aus­ge­hen, die um ein Vielfach­es höher sind.

Let­ztes Jahr veröf­fentlichte Trans­gen­der Europe (TGEU) einen Report, der das Zusam­men­spiel von Sexar­beit und Gewalt beleuchtet. Die Ergeb­nisse sind ein­deutig und glob­al gültig: In jedem Land, zu dem Zahlen existieren, sind über die Hälfte der Opfer trans­pho­ber Morde Sexarbeiter*innen, viele von ihnen migrantisch. Umso tragis­ch­er, wenn man bedenkt, dass in vie­len Län­dern trans Men­schen Prob­leme haben, “nor­male” Berufe zu find­en und deswe­gen Sexarbeiter*innen wer­den. In anderen Län­dern, wie zum Beispiel in Argen­tinien, wird darauf mit ein­er Forderung nach ein­er Quote für trans Men­schen in Betrieben und öffentlichen Ein­rich­tun­gen reagiert.

Migrantis­che trans Sexarbeiter*innen sind eine der ver­let­zlich­sten und stig­ma­tisiertesten Grup­pen Europas. Eine Gruppe, die Gewalt und Repres­sio­nen durch “Bürg­er” und Staat aus­ge­set­zt wird. Eine Gruppe, die fetis­chisiert und dann wegge­wor­fen wird, der man Zugang zum Arbeits­markt ver­weigert und sie dann für das Ausüben von Pros­ti­tu­tion stig­ma­tisiert und krim­i­nal­isiert. Eine Kette der Gewalt, die mit Mord an trans Men­schen endet.

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