Unsere Klasse

Buchrezension: Neun Monate Arbeitskampf

Neues Buch gibt einen Einblick in den langwierigen und teilweise chaotischen Streik bei Neupack in Hamburg

Buchrezension: Neun Monate Arbeitskampf

// Neues Buch gibt einen Einblick in den langwierigen und teilweise chaotischen Streik bei Neupack in Hamburg //

281 Tage – so lange dauerte der Arbeitskampf beim Verpackungshersteller Neupack in Hamburg. Und nicht nur wegen der Länge war dieser Streik rekordverdächtig: Die zuständige Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) hatte zuerst angekündigt, am tariflosen Familienunternehmen „ein Exempel statuieren“ zu wollen – „koste es, was es wolle“.

Der Vollstreik begann am 1. November 2012 – nach 85 Tagen wurden die KollegInnen jedoch wieder an die Arbeit geschickt. Danach war offiziell von einem „Flexi-Streik“ die Rede, aber praktisch wurde normal gearbeitet. Am Ende bekam die Belegschaft nicht den geforderten Tarifvertrag, sondern eine Betriebsvereinbarung mit wenigen Verbesserungen ihrer Arbeitsbedingungen.

Dadurch war der Neupack-Streik nicht nur einer der längsten, sondern einer der umstrittensten Arbeitskämpfe der letzten Jahre in der Bundesrepublik. Ein Solidaritätskreis unterstützte die ArbeiterInnen bis zum Ende des Streiks – auch dann, wenn sie sich den Entscheidungen ihrer Gewerkschaftsfunktionäre entgegenstellten. Nun haben Mitglieder dieses Zusammenschlusses einen Überblick in Buchform zusammengestellt, damit jedeR interessierte ArbeiterIn eigene Schlussfolgerungen aus dieser Erfahrung ziehen kann.

Das Unternehmen Neupack führte einen harten Klassenkampf. Der Betriebsratsvorsitzende Murat Günes bekam insgesamt sechs fristlose Kündigungen und eine Anzeige wegen Körperverletzung – alles später vor Gericht verworfen. Die Justiz erklärte die Einstellung von StreikbrecherInnen für legal und schränkte gleichzeitig die Streikposten ein.

Trotz alledem appellierte die IG BCE an die Vernunft der FamilienunternehmerInnen. Am 24. Januar 2013 wurden die Streikenden zurück in den Betrieb geschickt, denn VertreterInnen der IG BCE wollten eine „Deeskalation“ des Konfliktes, um das Unternehmen „nicht in den Ruin“ zu streiken. Ein Kollege kommentierte verbittert: „Durch einen Streik ist noch nie eine Firma kaputt gegangen.

So kritisiert das Buch eine „dogmatische Sozialpartnerschaft“ der IG BCE, die sich „immer unterwürfiger“ verhielt. Nicht umsonst hat sie den Ruf als „bewegungsärmste Gewerkschaft“ Deutschlands. Auch Versuche der KollegInnen, öfter in der Innenstadt zu demonstrieren oder Kundgebungen vor den Großabnehmern abzuhalten, seien von der Gewerkschaft blockiert worden.

Das Buch ist eher eine Arbeit proletarischer AutodidaktInnen. Man bekommt eine ziemlich chaotische Mischung aus Interviews, Flugblattexten, Artikeln und Analysen – aber der Streik selbst war mindestens genauso chaotisch. Hier gibt es viele Quellen, eine gute Grundlage für die anhaltende Diskussion über die Lehren des Streiks.

So sei ein Erfolg, dass sich Kollegen aus der Türkei, Polen, dem ehemaligen Jugoslawien, Deutschland und weiteren Ländern zu einer Gewerkschaft zusammenschließen konnten, um der Willkür des Unternehmens einen Riegel vorzuschieben. „Murat hat alle miteinander bekannt gemacht“, so ein Kollege über die zehnjährige Vorbereitungsarbeit für den Streik.

Außerdem gab es eine beeindruckende Solidarität für die Streikenden: junge Antifas beteiligten sich im Morgengrauen an Sitzblockaden. Fußballfans hielten Transparente im Stadion hoch. Aus vielen Betrieben kamen Solidaritätsbotschaften – sogar aus Argentinien.

Das Fazit der VerfasserInnen fällt negativ aus: „Der Klassenkampf der Krügers hat die Sozialpartnerschaft der IG-BCE-Führung klar geschlagen.“ Dabei sagte Günes noch, als die Streikenden wieder zur Arbeit mussten: „Wir haben die letzten 85 Tage gezeigt, daß die wahre Macht nicht bei den Kapitalisten, sondern bei den Arbeitern liegt.“

Doch ohne den Druck des Streiks war es eine Frage der Zeit, bis sie einen Kompromiss akzeptieren mussten. Das geschah schließlich im August 2013 mit der Betriebsvereinbarung.

Im April dieses Jahres wurde Günes erneut zum Betriebsratsvorsitzenden gewählt, seine Liste bekam eine absolute Mehrheit. Der Kampf geht also weiter – und das Buch dazu ging bereits nach einem Monat in die zweite Auflage.

9 Monate Streik bei Neupack. 184 Seiten, 10 Euro, Die Buchmacherei, http://www.diebuchmacherei.de

RIO in diesem Buch Buch

RIO hat nicht an diesem Buch mitgearbeitet, aber einige Beiträge von uns wurden drin veröffentlicht: Ein Interview mit Murat Günes von Tom Hirschfeld; ein Interview mit Dieter Wegner von Wladek Flakin; Solidaritätsbotschaften aus Argentinien, Brasilien, Spanien und Frankreich; sowie eine Solikundgebung am Kottbusser Tor in Berlin.

Dieses Band begrüßen wir sehr, weil es die scharfe Konfrontation zwischen den kämpferischen ArbeiterInnen von Neupack und der Gewerkschaftsbürokratie der IG BCE dokumentiert. Wir sind weiterhin sehr beeindruckt von der beispielhaften Arbeit der GenossInnen des Hamburger Solikreises und haben versucht, von Berlin und München aus kleine Beiträge in diesem Sinne zu leisten. Wir teilen auch die Einschätzung, dass der Streik mit einer Niederlage endete.

Dennoch stimmen wir nicht allen Schlussfolgerungen der AutorInnen zu. Als MarxistInnen unterstützen wir natürlich die demokratische und unabhängige Selbstorganisierung der ArbeiterInnen im Kampf. Aber für uns steht das nicht im Widerspruch zum Aufbau einer revolutionären Organisation. Im Gegenteil, erst durch eine politische Partei können die Erfahrungen der Selbstorganisation verallgemeinert werden – erst mit einem marxistischen Programm können die ArbeiterInnen von allen Flügeln der herrschenden wirklich unabhängig werden. Für weitere Diskussionen verweisen wir auf unsere Bilanz des Streiks.

dieser Artikel auf Indymedia
dieser Artikel in der jungen Welt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.