Unsere Klasse

Neupack: Eine krasse Niederlage

Das unrühm­liche Ende eines neun­monati­gen Arbeit­skampfs

Neupack: Eine krasse Niederlage

// Das unrühm­liche Ende eines neun­monati­gen Arbeit­skampfs //

Befris­tete Verträge, unter­schiedliche Löhne für die gle­iche Arbeit, teil­weise Löhne, die unter Hartz IV-Niveau liegen – viele von uns müssen unter solch prekären Bedin­gun­gen ack­ern. Und die Zeichen deuten auf weit­ere Ver­schlechterun­gen, wenn wir Arbei­t­erIn­nen und linke Organ­i­sa­tio­nen nicht für bessere Bedin­gun­gen kämpfen. Die Kol­legIn­nen von Neu­pack haben monate­lang für „gle­ichen Lohn für gle­iche Arbeit“ gekämpft. Statt eines Tar­ifver­trags beka­men sie aber eine Lek­tion in Sachen Sozial­part­ner­schaft der Gew­erkschafts­führung. Aus dem ver­heeren­den Ver­lauf des Arbeit­skampfs müssen jet­zt die richti­gen Schlüsse gezo­gen wer­den.

Neu­pack – das ist ein mit­tel­ständis­ches Fam­i­lienun­ternehmen. Hajo, Jens und Lars Krüger führen ein autokratis­ches Reg­i­ment in ihren bei­den Fab­riken in Ham­burg und Roten­burg an der Wümme. Bei Neu­pack wer­den Kun­st­stof­fver­pack­un­gen, beispiel­sweise für Molk­ereipro­duk­te, hergestellt. Nach einem jahre­lan­gen, müh­seli­gen Prozess der Gewin­nung von Kol­legIn­nen für die Gew­erkschaft kam es nach Scheinge­sprächen mit der Geschäfts­führung schließlich am 1. Novem­ber let­zten Jahres zum Streik – für bessere Löhne, aber vor allem für einen Tar­ifver­trag. Etwa die Hälfte der knapp unter 200 Kol­legIn­nen (eine genau kalkulierte Zahl, um dem Betrieb­srat die Freis­tel­lung zu ver­weigern) wagte den Wider­stand trotz aller Gefahren.

Die IG BCE, die drittgrößte Gew­erkschaft in Deutsch­land, blies unter diesem Druck zum Angriff. „Wir wer­den an Neu­pack ein Exem­pel sta­tu­ieren – koste es, was es wolle!“, rief Gew­erkschafts­führer Michael Vas­sil­iadis aus. Und in Ham­burg ver­sam­melten sich in und um den Solikreis Neu­pack viele Gew­erkschaf­terIn­nen, Linke und radikale Linke um den Kampf zu unter­stützen.

Die Geschäfts­führung nutzte die Polizei und die Gerichte, über­zog die Kol­legIn­nen mit Kündi­gun­gen und holte Streik­brecherIn­nen her­bei. Sie weigerte sich strikt, mit der Gew­erkschaft zu ver­han­deln, geschweige denn einen Tar­ifver­trag zu akzep­tieren. Trotz­dem mehrten sich nach über 2 Monat­en Voll­streik die Hin­weise, dass der Arbeit­skampf auch ökonomis­che Wirkung hat. Am 24. Jan­u­ar dann eine der entschei­den­den Wen­dun­gen im Streikver­lauf: Die Gew­erkschafts­bürokratie set­zte eine neue Streik­tak­tik durch: Die Kol­legIn­nen wur­den an die Arbeit geschickt, den Repres­salien aus­ge­set­zt, mussten die Lager wieder auf­füllen – offiziell wurde dies als „Flexi-Streik“ beze­ich­net. Das sollte ange­blich einen häu­fi­gen und spon­ta­nen Wech­sel zwis­chen Streikzeit­en und Arbeit­sein­sätzen bedeuten, um die Gegen­seite „zu verun­sich­ern“. Fak­tisch gab es jedoch anfangs nur noch ein bis zwei Streik­tage, später wurde wochen­lang gar nicht die Arbeit niedergelegt.[1]

Das von der IGBCE offiziell als großer Erfolg etiket­tierte Ergeb­nis („nahe an einem Tar­ifver­trag“) des neun­monati­gen Kampfes: Kein Tar­ifver­trag, weit­er­hin Einzelverträge, eine Vere­in­barung zwis­chen Krüger und Betrieb­srat über Ent­gelt­stufen, die immer noch vari­able Bezahlung möglich machen. Weit­er­hin befris­tete Verträge – bei ein­er durch die Streik­brecherIn­nen unnötig großen Belegschaft.

Dass dieses Ergeb­nis über­haupt durchkam, ist wiederum nur mit der Zer­mür­bung der Kol­legIn­nen zu erk­lären. Dazu kommt, dass auch dieser Kom­pro­miss teuer erkauft wurde: Monate­lange Lohnein­bußen und psy­chis­che Belas­tung im Streik machen die erkämpfte Erhöhung wieder zunichte. Das Mob­bing im Betrieb und vor allem der Ver­rat der IG BCE haben viele Kol­legIn­nen in die völ­lige Res­ig­na­tion getrieben. Einige sind sog­ar wieder aus der Gew­erkschaft aus­ge­treten.

Murat Güneş und die Helden von Neupack

„Es wurde Euch übel mit­ge­spielt, Kol­legIn­nen!“, kann man ohne Zögern aus­rufen. Diese Hun­dert gehören zum Besten, was die deutsche Arbei­t­erIn­nen­klasse zur Zeit her­vorge­bracht hat. Hun­dert Kol­legIn­nen zwölf ver­schieden­er Mut­ter­sprachen haben sich unter schwierig­sten Umstän­den gegen ihre Aus­beu­terIn­nen gewen­det. Ohne Kampfer­fahrun­gen haben sie sich dank der Vorar­beit einzel­ner wie Betrieb­srat Murat Güneş organ­isiert und sind in den Kon­flikt getreten. Sie haben den Abbau des Ham­burg­er Streikzeltes über Wei­h­nacht­en durch die Gew­erkschafts­bürokratie ver­hin­dert und sich erst nach zwei Tagen inten­siv­er Diskus­sion zum Abbruch des Voll­streiks überre­den lassen. Sie sind trotz „Flexi-Ver­arsche“ monate­lang weit­er zu den Mit­gliederver­samm­lun­gen gekom­men. Sie haben die Funk­tionärIn­nen im Streikzelt beim Tre­f­fen des Ham­burg­er Solikreis­es hart kri­tisiert. Am 1. Mai gab es Pfiffe für den Vor­sitzen­den der IG BCE. Doch der Bruch mit der bürokratis­chen Streik­leitung wurde nicht vol­l­zo­gen. Der IG BCE-Appa­rat hielt die Zügel immer in der Hand.

Dabei wäre der notwendi­ge Bruch mit der Bürokratie ger­ade bei Neu­pack möglich gewe­sen. Die Kol­legIn­nen merk­ten, dass sie bet­ro­gen wur­den. Die Bürokratie war nicht so gut aufgestellt wie ander­norts, ver­fügte über keinen betrieblichen Appa­rat. Hinge­gen gab es einen Solikreis in Ham­burg, dessen führen­der Teil Bürokratie-kri­tis­che Posi­tio­nen ver­trat.

Es gab mehrere Ver­suche, Streikkomi­tees einzuricht­en. Nach der Durch­set­zung des soge­nan­nten „Flexi-Streiks“ gab es Rufe nach ein­er örtlichen Streik­leitung. Lei­der gelang es nicht, solche Struk­turen zu etablieren. Sie hät­ten, obwohl nur als Ergänzung zum Gew­erkschaft­sap­pa­rat gedacht, als gewählte Organe der Basis ein wichtiger Ansatzpunkt für einen Bruch mit der Poli­tik der Gew­erkschafts­bürokratie sein kön­nen. Weil dies jedoch scheit­erte, kon­nten die Funk­tionärIn­nen die Mit­gliederver­samm­lun­gen, die gle­ichzeit­ig während der „Flexi-Ver­arsche“ fast die einzi­gen Streik­tage darstell­ten, voll unter ihrer Kon­trolle hal­ten. Bei einem Tre­f­fen der Streik­enden im April, welch­es unter Auss­chluss der Gew­erkschafts­funk­tionärIn­nen stat­tfand, sah es so aus, als könne sich eine kollek­tive Oppo­si­tion zur Bürokratie formieren. Durch ein Manöver der Streikver­ant­wortlichen der IG BCE kam es schließlich nicht dazu. Sie gaben sich kurzzeit­ig kämpferisch und weck­ten bei den Kol­legIn­nen ein­schließlich ihrer Führungs­fig­uren wohl die Illu­sion, dass man den Streik wieder effek­tiv führen kön­nte, ohne sich in direk­te Kon­fronta­tion mit der offiziellen Streik­leitung begeben zu müssen.

Nichts geht wegen der Gewerkschaftsbürokratie

Die Poli­tik der IG BCE bewies ein­drück­lich, dass die Gew­erkschafts­bürokratie ein Hin­der­nis für die Arbei­t­erIn­nen­klasse darstellt, das es zu über­winden gilt. Die Vorstel­lung der Sozial­part­ner­schaft, der Zusam­me­nar­beit zwis­chen den Klassen, wurde bei Neu­pack von der IG BCE-Bürokratie ganz aus­drück­lich vertreten, ja sog­ar als Zielset­zung dieses Arbeit­skampfs benan­nt. Der Ablauf und das Ergeb­nis des Streiks sind ein beson­ders deut­lich­es Beispiel dafür, wie ver­heerend diese Ide­olo­gie für unsere­ins und wie gewinnbrin­gend sie für die besitzende Klasse ist.

Die vor den Kol­legIn­nen geheim geführten Gespräche mit den Bossen, die Begren­zung der Selb­st­bes­tim­mung der Streik­enden auf das Unwichtig­ste – dies sind Meth­o­d­en, die die BürokratIn­nen in Deutsch­land nutzen. Die Gew­erkschafts­bürokra­tien sind let­ztlich Agen­turen der Kap­i­tal­herrschaft in den Rei­hen der Arbei­t­erIn­nen­klasse. Auch wenn die IG BCE in diesem Fall ein beson­ders haarsträuben­des Beispiel lieferte, so gilt diese Fest­stel­lung doch genau­so für alle anderen Gew­erkschaft­sap­pa­rate. Wenn haup­tamtliche Funk­tionärIn­nen in ver.di plöt­zlich „demokratis­che Mitbes­tim­mung“ in Streiks für sich ent­deck­en, dann let­ztlich nur als ein Instru­ment, ihren schwinden­den Ein­fluss nicht völ­lig zu ver­lieren – es ist jedoch nie auf eine wirk­lich demokratis­che Führung des Streiks durch die Arbei­t­erIn­nen aus­gerichtet.

Auch die IG BCE bei Neu­pack nutzte ver­schiedene Gesichter, um ihr Vorge­hen den Kol­legIn­nen zu verkaufen. Da war nicht nur der IG BCE-Nord-Chef Ralf Beck­er, der aus Han­nover die kon­trapro­duk­tive Streik­tak­tik vor­gab. Da gab es auch die fre­undlichen Funk­tionärIn­nen vor Ort, die bere­itwillig an der Basis ver­trat­en, was von oben dik­tiert wurde. Hin­ter vorge­hal­tener Hand stimmten manche von ihnen der Kri­tik an der Streik­tak­tik zu – doch nach außen vertei­digten sie die Lin­ie der Führungse­tage. Sich auf die Seite der Streik­enden zu stellen, hätte bedeutet, sich in Kon­flikt mit den eige­nen Vorge­set­zten zu begeben und damit den eige­nen Job zu riskieren. Man kann es ihnen kaum zum Vor­wurf machen – aber ger­ade die Streik­enden (aber auch alle Unter­stützerIn­nen) müssen sich in solch ein­er Sit­u­a­tion bewusst sein, dass die „kleinen“ Funk­tionärIn­nen vor Ort eben­so Teil des bürokratis­chen Appa­rats sind, wie Beck­er oder Vas­sil­iadis.

Was es bei Neu­pack bish­er nicht gab: Einen gut geschmierten betrieblichen Kon­trol­lap­pa­rat, der sich über Betrieb­s­grup­pen-Hier­ar­chien und von oben geförderte Betrieb­sratskar­ri­eren erstreckt. Die Tat­sache, dass es lange Zeit kaum gew­erkschaftliche Organ­isierung und nur einzelne aktive und kri­tis­che Betrieb­sräte gab, hat­te das eben­so ver­hin­dert, wie die ultra-gew­erkschafts­feindliche Poli­tik der Krügers. Dadurch, sowie durch die von Beginn an sol­i­darische, aber gegenüber der Bürokratie auch kri­tis­che Begleitung des Kampfes durch den Solikreis, ergab sich bere­its eine sehr inter­es­sante Aus­gangslage.

Im weit­eren Ver­lauf eröffneten sich im Streik Kon­flik­tlin­ien, bei denen jed­eR klassenkämpferisch­eR Linke hätte hell­hörig wer­den müssen: Die Gew­erkschaft beg­ing einen kaum ver­schleierten Ver­rat an den Inter­essen der Kol­legIn­nen, in dem sie aus­rief, „Wir wollen das Unternehmen nicht kaputt streiken!“, und die Belegschaft bewusst täuschte, um die „Flexi-Tak­tik“ durchzuset­zen. Obwohl schnell deut­lich wurde, dass dies auss­chließlich dem Unternehmen in die Hände spielte, war der Kampfeswille der Kol­legIn­nen damit noch nicht gebrochen. Der offizielle Streikzu­s­tand dauerte nicht nur deshalb weit­ere sechs Monate an, weil die Geschäfts­führung auf kein­er­lei Kom­pro­misse einge­hen wollte, son­dern auch, weil die Streik­enden nicht bere­it waren, aufzugeben.

Während ein Teil von ihnen die neue Tak­tik von Anfang an kri­tisch sah, stand wenige Wochen später eine Mehrheit der Streik­enden der Bürokratie ent­täuscht und wütend gegenüber. Auf dem Höhep­unkt dieser Entwick­lung trafen sie sich Anfang April unter Auss­chluss der Funk­tionärIn­nen, um einen Brief an die Gew­erkschafts­führung zu ver­fassen, in dem sie die Entschei­dungs­ge­walt über die weit­ere Streik­tak­tik ein­forderten. Die Zustände und Mech­a­nis­men inner­halb der deutschen Gew­erkschaften, die über­haupt erst in diese Sit­u­a­tion geführt haben, hät­ten in diesem Streik grundle­gend in Frage gestellt wer­den kön­nen. Dazu hätte es der radikalen und gew­erkschaftlichen Linken gelin­gen müssen, die antibürokratis­chen Ten­den­zen aufzu­greifen und voranzutreiben, die in diesem Kampf so deut­lich wie in keinem anderen aktuellen Fall zu Tage getreten sind. Stattdessen müssen nun die Kol­legIn­nen die bit­tere Zeche dafür zahlen, dass es nicht gelang, den IG BCE-Wölfen im Schaf­spelz etwas ent­ge­gen­zuset­zen.

Nichts geht ohne den Hamburger Solikreis

Der Solikreis in Ham­burg hat die Kol­legIn­nen lange Zeit begleit­et und von Anfang an her­vor­ra­gende Arbeit bei der Unter­stützung geleis­tet. Er spielte eine wichtige Rolle durch die Bekan­nt­machung des Kampfes und durch die Ini­ti­ierung ver­schieden­er Aktio­nen. Dies war die Rolle, auf die die Gew­erkschafts­bürokratie ihn gerne beschränkt gese­hen hätte. Gle­ichzeit­ig kri­tisierte aber zumin­d­est der führende Teil des Solikreis­es öffentlich die gew­erkschaftliche Führung und bot mit seinen Tre­f­fen im Streikzelt einen Rah­men, in dem die Kol­legIn­nen ihre Zweifel und ihre Wut aus­drück­en kon­nten. Nach Beginn der „Flexi-Ver­arsche“ und dem späteren Abbau des Streikzelts kam aus dem Solikreis wichtiger Rück­halt für die kri­tis­chen Kol­legIn­nen.

Aus dieser zen­tralen Rolle ergibt sich vor dem Hin­ter­grund der Nieder­lage aber auch die Frage, was bess­er hätte gemacht wer­den kön­nen, um das Blatt zu wen­den. Im Solikreis ver­sam­melten sich zum Teil GenossIn­nen, die über weit mehr poli­tis­che und auch prak­tis­che Streik-Erfahrung ver­fü­gen als die kämpfend­en Kol­legIn­nen. Die Notwendigkeit ein­er aus den Rei­hen der Streik­enden gewählten Streik­leitung war zumin­d­est den zen­tralen Beteiligten klar.

Wir von RIO sind selb­st erst spät von außen zum Streikgeschehen hinzugestoßen sind und kon­nten viele Ereignisse und Diskus­sio­nen erst im Nach­hinein und aus zweit­er Hand nachvol­lziehen. Ohne dessen Leis­tun­gen schmälern zu wollen, hal­ten wir es doch für die Bilanzierung des Streiks für notwendig, auch den Solikreis Neu­pack ein­er kri­tis­chen Betra­ch­tung zu unterziehen. Wir kön­nen hier keine abschließende Bilanz der Arbeit des Solikreis­es vor­legen (dies ist schließlich auch mit die Auf­gabe der dort Aktiv­en selb­st), aber Fakt ist, dass es ihm nicht gelun­gen ist, die Streik­enden und den entste­hen­den antibürokratis­chen Geist soweit auch poli­tisch zu unter­stützen, dass diese sich selb­st­ständig gegen die offizielle Streik­führung organ­isiert und sie in ihre eige­nen Hände genom­men hät­ten.

Wäre es nicht notwendig und möglich gewe­sen, mit noch mehr Nach­druck die Öff­nung der Mit­gliederver­samm­lun­gen für alle Unter­stützerIn­nen zu fordern? Wäre es nicht möglich gewe­sen, auf diesem und auf anderen Wegen für die Ein­rich­tung demokratis­ch­er Streikver­samm­lun­gen zu kämpfen? Wir haben keine defin­i­tive Antwort darauf, aber wir hal­ten die Diskus­sion über diese Fra­gen für äußerst wichtig.

Dazu kommt, dass es kaum gelang, teil­nehmende Grup­pen über einzelne Mit­glieder hin­aus in die Ver­ant­wor­tung zu ziehen. Die Vor­gabe, dass nur Indi­viduen und keine Grup­pen im Solikreis arbeit­en soll­ten, machte es für die ver­schiede­nen Organ­i­sa­tio­nen noch leichter, sich aus der Affäre zu ziehen. Ger­ade aber die bun­desweit­en Organ­i­sa­tio­nen hät­ten die Auf­gabe gehabt, ein Netz von Sol­i­dar­ität­skomi­tees aufzubauen, das den Ver­rat der Gew­erkschafts­bürokratie wirk­samer denun­zieren und ein Rück­halt für eine Streik­leitung der Streik­enden hätte sein kön­nen.

Der Dilettantismus der radikalen Linken

Doch die radikale Linke ins­ge­samt hat der Nieder­lage nicht genü­gend ent­ge­genge­set­zt. Nach der Durch­set­zung der „Flexi-Ver­arsche“ hat ein Teil zwar das Vorge­hen der IG BCE-Führung in ihren Pub­lika­tio­nen verurteilt. Aber anstatt die Sol­i­dar­ität zu ver­stärken und Wege zu suchen, wie man den Kol­legIn­nen helfen kön­nte, sich aus dem sozial­part­ner­schaftlichen Würge­griff zu befreien und den Kampf der Kol­legIn­nen von Neu­pack zu ein­er bun­desweit­en Frage zu machen, blieben die meis­ten Grup­pen zurück­hal­tend oder völ­lig pas­siv.

Beispiel­sweise hat sich die größte trotzk­istis­che Organ­i­sa­tion in Deutsch­land, die SAV, trotz vorhan­den­er Orts­gruppe in Ham­burg, nur kurzzeit­ig zu Beginn des Streiks am Solikreis beteiligt und danach auf jede inten­si­vere Unter­stützung verzichtet – lediglich an eini­gen weni­gen öffentlichen Aktio­nen waren die GenossIn­nen zu sehen. Durch eine solche Hal­tung wurde die Chance zum Auf­bau ein­er antibürokratis­chen Strö­mung, die unser­er Mei­n­ung nach bei Neu­pack greif­bar­er wurde als bei jedem anderen Arbeit­skampf der let­zten Zeit, leicht­fer­tig ver­tan.

Die Kon­ferenz „Erneuerung durch Streik“ von Rosa-Lux­em­burg-Stiftung und ver.di Stuttgart ließ Murat Güneş zwar reden, weigerte sich aber, über aktive Unter­stützung auch nur zu disku­tieren.[2] Rev­o­lu­tionäre Grup­pen, die den Streik vorher aktiv unter­stützt hat­ten, erk­lärten in der Zeit, als die Sit­u­a­tion der Streik­enden beson­ders schlimm und die ver­rä­ter­ische Rolle der Gew­erkschafts­bürokratie unfass­bar offen­sichtlich wurde, den Streik mehr oder weniger aus­drück­lich für gescheit­ert. Sie wandten sich lieber, angenehmeren, nun wichtigeren Fra­gen zu.

Wir von RIO schließen an die Kri­tik der radikalen Linken im All­ge­meinen natür­lich auch eine kri­tis­che Reflex­ion unseres eige­nen Vorge­hens an. Selb­st für eine Organ­i­sa­tion ohne Präsenz in Ham­burg oder Roten­burg haben wir viel zu spät ern­sthaft von dem Kampf bei Neu­pack Notiz genom­men. Erst nach­dem die „Flexi-Ver­arsche“ schon eine Weile lief, wur­den wir uns der Bedeu­tung der Sit­u­a­tion bewusst und war­fen unser geringes Gewicht in die Waagschale – mit Artikeln, Rede­beiträ­gen, Ver­anstal­tun­gen und der Ini­ti­ierung des Berlin­er Solikreis­es. Dieser hat es jedoch nie geschafft, eine eigene Dynamik zu entwick­eln und blieb im ini­tialen Sta­di­um steck­en. So kon­nte unsere Unter­stützung kaum mehr als sym­bol­is­chen Charak­ter erlan­gen, doch glauben wir, dass es – bei all unseren Gren­zen – möglich gewe­sen wäre, mit der Hil­fe von anderen Grup­pen eine wirk­samere Sol­i­dar­ität zu entwick­eln, wenn diese die Notwendigkeit dazu erkan­nt hät­ten.

Lehren ziehen!

Wir kön­nen fest­stellen, dass die Nieder­lage der IG BCE in erster Lin­ie natür­lich zum Schaden der Kol­legIn­nen ist, zugle­ich aber eine Nieder­lage der beste­hen­den Strate­gie der radikalen Linken – ihrer Unfähigkeit, kri­tis­che Punk­te im Klassenkampf zu erken­nen und für die Schaf­fung ein­er unab­hängi­gen poli­tis­chen Partei der Arbei­t­erIn­nen­klasse zu nutzen. Der Kampf bei Neu­pack lehrt (trotz aller Fra­gen, die für eine Bilanz im einzel­nen noch beste­hen), dass die Frage der Streikdemokratie eine Schlüs­sel­frage für die Entwick­lung der Arbei­t­erIn­nen­poli­tik ist und dass die Schaf­fung ein­er antibürokratis­chen Basis­be­we­gung in den Gew­erkschaften keine ferne Per­spek­tive darstellt, son­dern ein kurzfristigeres Ziel sein muss, dass durch kühnes Aus­nutzen der vorhan­de­nen Wider­sprüche erre­icht wer­den muss – zur Schaf­fung ein­er Grund­lage für die Über­win­dung der Gew­erkschafts­bürokra­tien als einem der Haupthin­dernisse auf dem Weg zum Sturz der aus­beu­ten­den Klasse.

Wir rufen alle Beteiligten dazu auf, sowohl untere­inan­der als auch mit uns darüber zu disku­tieren, welche Lehren aus diesem Streik gezo­gen wer­den müssen. In den kom­menden Monat­en wollen wir darauf auf­bauend eine Broschüre ver­fassen, die eben jene Lehren aufhebt. An dieser Stelle sei außer­dem darauf hingewiesen, dass die Schika­nen bei Neu­pack weit­erge­hen und Kla­gen gegen aktive Streik­ende, wie auch das Kündi­gungsver­fahren gegen Murat Güneş weit­er­laufen und Sol­i­dar­ität weit­er­hin notwendig ist!

Fußnoten

[1] Für weit­ere Details des Streikver­laufs, siehe: Tom Hirschfeld: Vier Monate Streik. In: Klasse Gegen Klasse Nr. 6. [2]. Tom Hirschfeld und Mark Turm: Eine Kon­ferenz für die Bürokratie. In: Klasse Gegen Klasse Nr. 6.

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