Geschichte und Kultur

BoJack Horseman: Ein manisch-depressives Pferd, frei nach Bertolt Brecht

Die dritte Staffel der Kultserie BoJack Horseman ist im Juli auf Netflix erschienen. Sie gilt als eine Satire der narzisstischen Welt von Hollywood. Aber in Wirklichkeit hat der junge Produzent Raphael Bob-Waksberg ein einmaliges Kunstwerk über Depressionen geschaffen – mit einigen Werkzeugen von Brecht.

BoJack Horseman: Ein manisch-depressives Pferd, frei nach Bertolt Brecht

“Warum sind manche Fig­uren Tiere?” Das ist die erste Frage für jede*n Zuschauer*in dieser Serie. Denn der Namensge­ber, BoJack Horse­man, ist ein Hol­ly­wood-Star, der in den 90er Jahren durch eine belan­glose Com­e­dy-Serie zur Berühmtheit gelang. Und: Er ist ein Pferd.

Viele Fig­uren sind Tiere: BoJacks Agentin, Princess Car­o­line, ist eine pinke Katze. Sein Fre­und und Konkur­rent, Mr. Peanut But­ter, ist ein stets glück­lich­er gel­ber Labrador. Aber andere Fig­uren, z.B. BoJacks Mit­be­wohn­er Todd oder seine Ghost­wri­terin Diane, sind ganz nor­male Men­schen. Das kommt eigentlich nie zur Sprache. Eine Katze und eine Maus in diesem Uni­ver­sum kön­nen prob­lem­los auf ein Date gehen – sie scherzen kurz darüber, aber es stört auch nie­mand.

Also warum die ganzen Tiere? Ist das vielle­icht eine Meta­pher für Nicht-Weiße Men­schen in den USA? Oder ste­hen die Tiere für Promis, die eben anders seien als Nor­ma­los? Nein und nein. Denn ein Gecko kann auch als Fen­ster­putzer arbeit­en, während eine junge Frau zur erfol­gre­ichen Pop­sän­gerin wird. Die Ein­teilung erscheint ziem­lich beliebig.

Die Suche nach einem Sinn

Der Höhep­unkt von sein­er Kar­riere liegt fast zwei Jahrzehnte zurück und BoJack kämpft dage­gen, vergessen zu wer­den. Er will einen ern­sthaften Film über seinen Jugend­helden, das Ren­npferd Sec­re­tari­at, drehen. Als “Has Been”, als “Ex-Pro­mi”, hat er noch reich­lich Geld aber wenig Anerken­nung. Nach ein­er schmerzhaften Kind­heit mit anspruchsvollen aber dis­tanzierten Eltern (bei­de eben­falls Pferde) ist er ger­adezu süchtig danach.

BoJack will per­ma­nent von der Masse gefeiert wer­den, aber hat so viel Selb­sthass, dass er keine Geduld für wirk­liche Fre­und­schaften mit anderen Per­so­n­en auf­brin­gen kann. Sein ständi­ger Drang nach Selb­stzer­störung drückt sich deswe­gen meist in Mis­an­thropie gegenüber seinen Mit­men­schen (und ‑tieren) aus. Trotz­dem braucht er die ständi­ge Bestä­ti­gung, dass er ein guter Men­sch sei, “zumin­d­est im tief­sten Inneren”. Diane, die BoJack beson­ders gut ken­nt, nach­dem sie seine Auto­bi­ogra­phie ver­fasste, muss ihm erk­lären: “Ich glaube eher nicht an ein ‘tief­stes Inneres’. Du bist ein­fach nur die Sachen, die du machst.”

BoJack braucht Liebe von anderen, ohne sich selb­st und andere lieben zu kön­nen. Deswe­gen ver­sucht er immer eine Flucht nach vorne: Für “Sec­re­tari­at” will er einen Oscar gewin­nen und lässt sich von Par­tygästen feiern, von denen er keinen einzi­gen Namen ken­nt. Seine Freund*innen erin­nern ihn daran, dass er sich nach der Oscar-Ver­lei­hung noch elen­der fühlen wird. “Du wirst dich umbrin­gen wollen” sagt Diane. “Und du wirst nie­man­den haben, der dich davon abhält!” Doch BoJack ist durch die Par­ty in einem man­is­chen Rausch. Seine unbekan­nten Gäste skandieren seinen Namen und er wirft zurück: “Hör dir diese Sprechröhre an! Ich werde von vie­len Men­schen umgeben sein, wenn ich mich umbringe!”

Diese Unter­hal­tung trifft den Ton der Serie ganz gut, die nie vor kon­tro­ver­sen The­men zurückscheut: Asex­u­al­ität, Abtrei­bung, schlimm­ster Dro­gen­miss­brauch – es gibt sog­ar Witze über auto­ero­tis­che Unfälle. Aber immer vor dem Hin­ter­grund ein­er läh­menden Depres­sion, die wir als Zuschauer*innen haut­nah erleben – obwohl BoJack in der Öffentlichkeit stets munter wirkt.

Wie jed­er Men­sch mit Depres­sio­nen hofft BoJack nach einem ersehn­ten Moment, in dem alles “bess­er” wer­den soll. Und nach jedem Erfolg erken­nt er, dass das eine furcht­bare Illu­sion ist. Dann muss er etwas abscheulich­es tun, um sein Selb­st­bild zu bestäti­gen. Dafür schämt er sich und braucht wieder Anerken­nung. Er bewegt sich in einem emo­tionalen Ham­ster­rad, immer mit Alko­hol und Pillen, stets nah am Selb­st­mord. Er weiß, dass er “selb­st­süchtig, narzis­stisch und selb­stzer­störerisch” ist, und er kann sich nicht ändern. Und doch macht er weit­er.

Am Ende ist die Serie zwar immer wieder so trau­rig, dass man heulen muss, aber irgend­wie auch hoff­nungsvoll – zumin­d­est im “tief­sten inneren”.

Episch

Und so kom­men wir zur ursprünglichen Frage zurück: Warum sind manche Fig­uren Tiere? Eine Erk­lärung gibt es bei Bertolt Brecht. Sein Ver­frem­dungsef­fekt dient dazu, bei Zuschauer*innen jegliche Illu­sio­nen zu zer­stören. Als Pub­likum sehen wir, wie das Büh­nen­bild umge­baut wird. Wir erin­nern uns: Das ist nur ein The­ater­stück. Das sind nur Schauspieler*innen auf ein­er Bühne.

Bei ein­er Serie wie BoJack Horse­man kön­nte man sich leicht denken: BoJack ist ein­fach eine trau­rige Gestalt. (Gut, dass ich nicht so bin!) Aber die Zeichner*innen erin­nern uns mit 25 Bildern pro Sekunde, dass BoJack kein echter Men­sch ist. Er ist ja ein sprechen­des Pferd. “Seine” Prob­leme sind unsere Prob­leme.

Die Wer­bekam­pagne für den Film “Sec­re­tari­at” beste­ht aus ein­er ein­fachen Spiegelfläche. Es ist eine furcht­bare Wer­bekam­pagne, die Fahrer*innen auf der Auto­bahn blendet. Aber diese Wer­bung kön­nte für BoJack Horse­man selb­st ste­hen: Wir bekom­men ein Pferd präsen­tiert. Und doch sehen wir uns selb­st.

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