Hintergründe

Bedingungsloses Grundeinkommen: Eine kapitalistische Lösung für die Folgen des Kapitalismus?

Das Konzept eines Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE), das alle Menschen bedingungslos erhalten, wird als progressive Lösung präsentiert. Es soll die Menschheit vor den dunklen Folgen des "Endes der Arbeit" schützen. Aber in seinen verschiedenen Varianten werden entweder Illusionen geschürt, dass "von oben" ein Heilmittel für das Elend dieses Systems erscheint – oder es handelt sich um eine unmögliche Abkürzung, um den schwierigen Weg zu umgehen, die soziale Kraft zu organisieren, die die Misere beenden kann. In jedem Fall fehlt ihnen der Bezug zur Realität.

Bedingungsloses Grundeinkommen: Eine kapitalistische Lösung für die Folgen des Kapitalismus?

Das Narrativ vom „Ende der Arbeit“

Eine weit ver­bre­it­ete Annahme lautet, dass die meis­ten Arbeit­splätze heute durch eine “vierte indus­trielle Rev­o­lu­tion” bedro­ht seien, bei der viele Arbeit­splätze durch zunehmende Dig­i­tal­isierung und Automa­tisierung ent­fall­en. Im Gegen­satz zu vorheri­gen rev­o­lu­tionären Neuerun­gen in der Pro­duk­tion, würde die dig­i­tale Rev­o­lu­tion nicht zu mehr Arbeit­splätzen führen, als sie ver­nichtet. Das “Ende der Arbeit”, von dem seit Jahrzehn­ten gesprochen wird, obwohl heute mehr Arbeiter*innen vom Kap­i­tal aus­ge­beutet wer­den als jemals zuvor, würde nun doch endlich kom­men.

Min­destens die Unmit­tel­barkeit der Erset­zung dieser Arbeit­splätze ist debat­tier­bar. Das Gerede von einem „Ende der Arbeit“ ist geprägt durch eine Fetis­chisierung der Automa­tisierung und der Robotik. Aber unter den heuti­gen Bedin­gun­gen der kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion, die auch einige Mainstream-Ökonom*innen säku­lare Stag­na­tion nen­nen, über­set­zt sich die Automa­tisierung nicht in den schnelleren Rhyth­mus der Kap­i­ta­lakku­mu­la­tion, der nötig wäre, um eine echte Bedro­hung für einen Großteil der Arbeit­splätze darzustellen. Die Vorstel­lung, dass der Kap­i­tal­is­mus eine zunehmende Automa­tisierung fördert, kol­li­diert mit dem kap­i­tal­is­tis­chen Inter­esse, immer mehr von dem einzi­gen auszubeuten, das die Quelle des Prof­its ist – die men­schliche Arbeit­skraft.

Obwohl die Vorstel­lung vom “Ende der Arbeit” sich jed­er ern­sthaften Analyse entzieht, gewin­nt die Idee eines Bedin­gungslosen Grun­deinkom­mens (BGE) zunehmend an Bedeu­tung, um den­jeni­gen ein Einkom­men zu garantieren, die nicht mehr mit ein­er bezahlten Erwerb­sar­beit rech­nen kön­nen. Die Idee ist nicht neu. Aber was der Idee neuen Antrieb gibt, ist, wie Paul Mason sagt, die Möglichkeit ein­er Antwort auf „das Ver­schwinden der Arbeit“.

Die Befürworter*innen eines Bedin­gungslosen Grun­deinkom­mens gehen auch davon aus, dass die weltweit zunehmende Prekarisierung unumkehrbar ist. Es ist wahr, dass ein zunehmender Teil der Arbeiter*innenklasse von reg­ulär­er Beschäf­ti­gung und dem Zugang zur öffentlichen Daseinsvor­sorge aus­geschlossen ist. In Argen­tinien ist über die Hälfte der Beschäftigten davon betrof­fen, unter jun­gen Arbeiter*innen und Frauen ist der Anteil noch höher. In eini­gen Bere­ichen gibt es ein Zusam­men­spiel zwis­chen Unterbeschäf­ti­gung, (Schein)-Selbstständigkeit, Befris­tung und der Über­aus­beu­tung von reg­ulär und irreg­ulär Beschäftigten. In Argen­tinien arbeit­et heutzu­tage ein Drit­tel der Beschäftigten mehr als 45 Stun­den pro Woche. Die Men­schen arbeit­en mehr und ver­di­enen trotz­dem weniger, als noch vor eini­gen Jahrzehn­ten. Heutzu­tage ist ein Arbeit­stag genau­so lang wie noch vor 80 Jahren, oder sog­ar länger. Zudem ist eine Ver­längerung der täglichen Arbeit­szeit im Gespräch, selb­st in zen­tralen Län­dern wie Deutsch­land, Frankre­ich und den USA. Trotz ein­er Ver­dreifachung der Pro­duk­tiv­ität seit der 1930er Jahren sind wir noch keinen Bruchteil näher an die 15-Stun­den-Woche gekom­men, die John May­nard Keynes für die Gen­er­a­tion sein­er Enkelkinder prophezeite. Aber solch eine Ver­all­ge­meinerung prekär­er Arbeits­be­din­gun­gen, die von Befürworter*innen eines BGE als unauswe­ich­lich betra­chtet wird, hat viel mehr mit den Bemühun­gen der Kapitalist*innen zu tun, ihren Prof­it auf Kosten der Arbeiter*innen zu max­imieren, als mit ver­meintlich unauswe­ich­lichen Verän­derun­gen der kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion.

Zwis­chen dem “Ende der Arbeit” und dem Auss­chluss von Lohnar­beit als unüber­wind­barem Hor­i­zont für einen Großteil der Arbeiter*innen, wird die Idee stärk­er, dass ein BGE die Fol­gen abmildern kann. Vor dreißig Jahren hiel­ten die linken Befürworter*innen eines BGE, Robert J. van der Veen und Philippe Van Par­i­js, es für einen „kap­i­tal­is­tis­chen Weg zum Kom­mu­nis­mus“. Aber was Befürworter*innen wie die bei­den für „pro­gres­siv“ hal­ten, ist in Wahrheit ein großer Fehler: Sie nehmen das „Ende der Arbeit“ als gegeben hin und schla­gen vor, den Kampf für ein Einkom­men auf ein­er anderen Ebene zu führen. Wenn sie diese Vorschläge akzep­tiert, hat die Arbeiter*innenklasse die Hälfte der Schlacht bere­its ver­loren.

Money for nothing

Die Forderung nach Geld, jet­zt und sofort, weil es keine Zeit für große gesellschaftliche Umwälzun­gen gibt – das ist die Parole der Befürworter*innen eines BGE. Sie wollen allen Men­schen so viel Geld geben, dass es zum Leben reicht und alles Notwendi­ge abdeckt, unab­hängig davon, ob die Per­son einen Job hat oder nicht, ob die Per­son arbeit­en möchte oder nicht, völ­lig bedin­gungs­los. Diese Entkop­plung des Einkom­men von der Verpflich­tung zu arbeit­en, scheint für einige die einzig gang­bare Alter­na­tive zu sein, in ein­er Welt, in der die Pro­duk­tionsver­hält­nisse eine wach­sende Zahl von Arbeiter*innen auf die Straße wer­fen. Grundle­gende soziale und wirtschaftliche Frei­heit­en wären uni­versell gegeben, ohne die Pro­duk­tion­s­mit­tel verge­sellschaften zu müssen oder das Win­ter­palais zu stür­men. Der Staat stellt ja bere­its heute größere Zahlun­gen bere­it, die in eini­gen Fällen bedin­gungs­los aus­gezahlt wer­den, wie das Kindergeld in Argen­tinien, das sowohl Erwerb­stätige, als auch Arbeit­slose erhal­ten. Was für Hin­dernisse kön­nten im Weg ste­hen, um genau diesen Weg fortzuset­zen?

Die Gewis­sheit der BGE-Befürworter*innen, dass ihr Ziel zum Greifen nah ist, wird durch eine steigende Zahl von Exper­i­menten genährt, bei der NGOs und Behör­den die Auswirkun­gen eines Bedin­gungslosen Grun­deinkom­mens unter­sucht­en. Dies geschieht ungeachtet der Tat­sache, dass zwis­chen den „pro­gres­siv­en“ Ansätzen, die ein men­schen­würdi­gen Einkom­men garantieren wollen, und den staatlichen Pro­jek­ten, die die Armut vielmehr ver­wal­ten wollen, als sie zu beseit­i­gen, eine riesige Kluft gibt.

Von daher ist es keine Über­raschung, dass der nieder­ländis­che His­torik­er Rut­ger Breg­man sein Buch über die Idee eines Bedin­gungslosen Grun­deinkom­mens „Utopie für Realist*innen“ nan­nte. Das Buch unter­sucht die unter­schiedlichen Exper­i­mente zu unter­schiedlichen Zeit­en und an unter­schiedlichen Orten und lis­tet die Vor- und Nachteile eines BGE auf.

Zu den Hauptzie­len von Breg­mans Buch gehört es, die Kri­tik am BGE zu ent­mys­ti­fizieren, die behauptet, ein solch­es würde lediglich die Bet­telei befördern. Dazu benen­nt er die Ergeb­nisse ein­er Pilot­studie von 2009, bei der in Lon­don an 13 Obdachlose jew­eils 3.000 Pfund aus­gezahlt wurde. Laut der Studie wur­den alle Empfänger*innen durch die Zahlun­gen „ermächtigt“. In seinem Buch wer­den darüber hin­aus die Ergeb­nisse ein­er Studie des Mass­a­chu­setts Insti­tute of Tech­nol­o­gy präsen­tiert, die die Arbeit der NGO „Give Direct­ly“ unter­sucht, die Spenden­gelder sam­melt, um diese bedin­gungs­los an Empfänger*innen in armen Län­dern auszuzahlen. Die Studie belegt eine nach­haltige Steigerung der Einkom­men, im Schnitt 38 Prozent höher als vor der Auszahlung, und eine Zunahme des Ver­mö­gens und Eigen­tums, wie Immo­bilien, um 58 Prozent, sowie eine Ver­ringerung der Tage, an denen die Kinder hungerten, um 42 Prozent.

Der­lei Beispiele gibt es viele. Laut Breg­man erre­ichen ver­schiedene Pro­gramme, die auf Geld­trans­fer basieren, 110 Mil­lio­nen Fam­i­lien in 45 Län­dern. Die über­wiegende Mehrheit davon sind in den let­zten 20 Jahren ent­standen. Dazu gehört auch, dass das Kindergeld in Argen­tinien nun auch diejeni­gen erhal­ten, die kein­er reg­ulären Beschäf­ti­gung nachge­hen.

Sich auf die ärm­sten Schicht­en der Gesellschaft zu konzen­tri­eren, ist natür­lich nicht das­selbe wie die Ein­führung eines BGE, das aus­re­icht, um allen ein Leben über der Armutss­chwelle zu garantieren, unab­hängig von der Art ihrer Beschäf­ti­gung, ihrem Einkom­men und Ver­mö­gen. Breg­man spricht über ein solch­es Exper­i­ment, das von 1974 bis 1978 in der kanadis­chen Stadt Dauphin mit 13.000 Einwohner*innen stat­tfand. Dort sicherte ein Grun­deinkom­men die gesamte Bevölkerung ab und sorgte dafür, dass nie­mand unter die Armutsgren­ze fiel. Dreißig Prozent der Bevölkerung erhielt monatliche Zahlun­gen, die heutzu­tage 19.000 Dol­lar pro Jahr betrü­gen. Als dann eine Regierung an die Macht kam, die den Geld­hahn zudrehte, wurde das Exper­i­ment abge­brochen, ohne die Ergeb­nisse auszuw­erten. Eine Analyse, die dreißig Jahre später stat­tfand und den Ein­fluss auf den gesund­heitlichen Zus­tand unter­suchte, indem er mit ähn­lichen Grup­pen ver­glichen wurde, belegte aber schein­bar den Erfolg des Exper­i­ments.

Derzeit gibt es unter anderem Pro­jek­te in Kana­da, Hol­land, Schot­t­land, Kenia und Indi­en, die als Schritte zu einem Bedin­gungslosen Grun­deinkom­men ange­priesen wer­den. Diese Forderung taucht sog­ar im Regierung­spro­gramm der Koali­tion zwis­chen der 5‑Sterne-Bewe­gung und der frem­den­feindlichen Lega Nord auf, in dem auch große Steuersenkun­gen für Konz­erne ste­hen. In der aktuellen Phase richt­en sich die ver­schiede­nen Vorschläge an Arme und Arbeit­slose, genau­so wie die vie­len Exper­i­mente, auf die Breg­man sich bezieht. Genau­so gibt es immer wieder Schwierigkeit­en, die Exper­i­mente fortzuführen. Finn­land kündigte vor eini­gen Monat­en an, dass ihr Zwei-Jahres-Pro­gramm, bei dem 2000 Arbeit­slose zwis­chen 25 und 28 Jahren monatlich 560 Euro steuer­frei beka­men, zum 31. Dezem­ber dieses Jahres been­det wird. Der Grund dafür liegt in der Spar­poli­tik und der schrumpfend­en Wirtschaft­sleis­tung und hat mit den Ergeb­nis­sen nichts zu tun, die laut den Ver­ant­wortlichen eh erst nach sechs Jahren hät­ten beurteilt wer­den kön­nen. Die Zahlun­gen betra­gen weniger als die Hälfte der 1.2000 Euro, die man in Finn­land braucht, um nicht unter die Armutsgren­ze zu fall­en. Diese Tat­sache zeigt, dass die in den ver­schiede­nen Nation­al­staat­en disku­tierten Vorschläge weit von dem sozial­staatlichen Paradies ent­fer­nt sind, von dem manche Linke träu­men.

So ein Grun­deinkom­men kann kaum etwas anderes als eine lei­dens­min­dernde Maß­nahme sein. In Argen­tinien haben wir es mit dem all­ge­meinen Kindergeld gese­hen. Solche Zahlun­gen mildern die Sit­u­a­tion der Ärm­sten, aber sie ermöglichen gle­ichzeit­ig, dass die ungle­iche Verteilung des Einkom­mens zwis­chen Kapitalist*innen und Arbeiter*innen mit weniger Rei­bun­gen weit­erge­hen kann. Solch ein Grun­deinkom­men, das als sozial­staatliche Maß­nahme „von oben“ einge­führt wird, wird kaum flächen­deck­end möglich sein. Es wird sich allein auf die einkom­menss­chwachen Sek­toren konzen­tri­eren und wird unter­halb der Armutsgren­ze liegen. Das ist der einzige Weg, wie ein Bedin­gungslos­es Grun­deinkom­men mit der Aus­beu­tung der Arbeit­skraft kom­pat­i­bel sein kann, unter den Bedin­gun­gen des derzeit­i­gen krisen­haften Kap­i­tal­is­mus, beson­ders in den rück­ständi­gen und abhängi­gen Län­dern wie Argen­tinien, aber auch in den impe­ri­al­is­tis­chen Zen­tren.

Das Bedin­gungslose Grun­deinkom­men ist weit davon ent­fer­nt, eine pro­gres­sive Reform darzustellen, die der gesamten Bevölkerung ein Einkom­men sichert. Eine Poli­tik, die zwis­chen der Forderung nach Spar­poli­tik und der Notwendigkeit hantieren muss, die kap­i­tal­is­tis­che Mis­ere für die Massen erträglich zu machen und Unmut einzudäm­men, kann nur die Armut ver­wal­ten, um sicherzustellen, dass die Men­schen über­leben.

Wie der franzö­sis­che Ökonom Michel Hus­son sagt:“Die fortschrit­tlichen Kämpfer*innen für ein Einkom­men von 1.000 Euros pro Monat kön­nen von den Etablierten als ’nüt­zliche Idiot*innen’ benutzt wer­den, um ein Grun­deinkom­men von 400 Euro einzuführen, mit dem die Kosten des Sozial­staats am Ende sog­ar ver­ringert wer­den.”

BGE oder Verteilung der Arbeit auf alle Schultern?

Zehn Jahre nach der großen Rezen­sion behaupten manche, dass die Welt sich geän­dert hat, auch wenn die kür­zlichen Tur­bu­len­zen solche Behaup­tun­gen wider­legen. Zusam­men mit einem Sprung in der Zer­störung von Kap­i­tal und ein­er Lösung (durch stärkere Kon­fronta­tion) der wach­senden Span­nun­gen zwis­chen den Großmächt­en wer­den neue Angriffe gegen die Arbeiter*innenklasse notwendig sein, um die Kap­i­ta­lakku­mu­la­tion wieder in Schwung zu brin­gen. Eine Schlüs­sel­funk­tion nehmen dabei Refor­men des Arbeits­mark­tes und der Renten, die weltweit, von Frankre­ich bis Argen­tinien und Brasilien durchge­set­zt wer­den. Aber auch das Bedin­gungslose Grun­deinkom­men spielt dabei eine Rolle.

Die Debat­te über die Ein­führung eines BGE führt den Diskurs vom Kon­flikt zwis­chen Kap­i­tal und Arbeit hin zu einem Diskurs über sozial­staatliche Maß­nah­men und Zivilge­sellschaft. Das kön­nte dem Kap­i­tal als Ablenkung dienen, während es seine Angriffe gegen die Arbeiter*innenklasse fort­führt. Schließlich birgt der Kon­flikt um die primäre Verteilung des Einkom­mens immer die Gefahr, dass sich die Aus­ge­beuteten fra­gen, wer die gesellschaftliche Pro­duk­tion kon­trol­liert, und sich zu organ­isieren begin­nen. Aber wenn die Debat­te zu einem BGE überge­ht, geht es nicht mehr um die Verteilung von Einkom­men, son­dern um sozial­staatliche Aus­gaben und darum, wie die Staatsbürger*innen und ihre Rechte dort hinein­spie­len.

Einige Linke vertei­di­gen die Idee des BGE, weil es ange­blich die Arbeiter*innenklasse in ihrem Kampf gegen die Bour­geoisie ermächti­gen würde. Die Logik ist, dass ein Grun­deinkom­men, das die Leben­skosten deckt, die Ver­hand­lungspo­si­tion der Beschäftigten stärken würde, da die Arbeiter*innen nicht länger gezwun­gen wären, ihre Arbeit­skraft zu verkaufen. Diese Posi­tion nimmt beispiel­sweise David Cal­nit­sky in der US-Zeitschrift Cat­a­lyst ein.

Dieses Argu­ment ist von Inkon­se­quenz geprägt. Alle Bemühun­gen des Kap­i­tals in den let­zten Jahrzehn­ten ziel­ten darauf ab, die Arbeit­splatzun­sicher­heit, die Frag­men­tierung der Arbeiter*innenklasse und die Flex­i­bil­ität der Arbeit­skraft zu erhöhen. Lohnt es sich also wirk­lich, darauf zu warten, dass die Regierung und der Sozial­staat nun den Vorschlag eines BGE aufnehmen, das mehr als nur elendig wäre? Darauf zu warten wäre nicht nur utopisch, es wäre ver­rückt. Die grundle­gende Bedin­gung für dieses Sys­tem liegt in der ständi­gen Exis­tenz ein­er indus­triellen Reservearmee, die einen Teil der Arbeit­skraft darstellt, die erwerb­s­los ist und nicht nur in Zeit­en des wirtschaftlichen Auf­schwungs bere­it ste­ht, son­dern auch als eine Art Ramm­bock dient, um gegen die Arbeiter*innenklasse vorzuge­hen. Diese Reservearmee erlaubt es, das Lohnwach­s­tum in Zeit­en des wirtschaftlichen Auf­schwungs begren­zen zu kön­nen und erle­ichtert in Zeit­en des wirtschaftlichen Abschwungs die Senkung der Löhne.

Natür­lich ist es nicht das Argu­ment der­jeni­gen, die ein „würdi­ges“ Grun­deinkom­men vorschla­gen, dass sie auf die Großzügigkeit des Staates hof­fen, son­dern dass es erkämpft wer­den muss. Aber wie Alex Goure­vitch und Lucas Stanczyk aus­führen: “Es gibt es keine Aus­sicht auf Erfolg, bis es einen Teil der Arbeiter*innenklasse gibt, der organ­isiert und mächtig genug ist, ent­ge­gen des abse­hbaren Wider­stands der Kapitalist*innen, diese Forderung durchzuset­zen. Das „Ende der Arbeit“ zu akzep­tieren und für eine Ent­loh­nung außer­halb der Arbeit zu kämpfen, bedeutet für die Arbeiter*innenklasse, die solch ein sozialer Fak­tor wer­den möchte, nichts Gutes. Wenn über­haupt trägt es dazu bei, den Kapitalist*innen die Angriffe gegen die Arbeiter*innenklasse zu erle­ichtern. Die „fortschrit­tlichen“ Unterstützer*innen der Idee eines BGE befind­en sich damit in einem Teufel­skreis.

Das Bedin­gungslose Grun­deinkom­men ist nicht die Abkürzung, um den Auf­bau ein­er unab­hängi­gen Organ­i­sa­tion der Arbeiter*innenklasse umge­hen zu kön­nen, wie es sich die pro­gres­siv­en Unterstützer*innen eines BGE vorstellen. Ent­ge­gen dieser Illu­sio­nen gibt es nur eine Antwort auf neolib­erale Spar­poli­tik oder mis­er­able Almosen: der Kampf zur Reduzierung der Arbeitswoche, auf sechs Stun­den pro Tag, an fünf Tagen pro Woche und die Umverteilung der Arbeit­szeit auf alle, die arbeits­fähig sind.

Weltweit steigt die Arbeits­be­las­tung für diejeni­gen, die ein­er Erwerb­sar­beit nachge­hen, während Arbeit­slosigkeit und Unterbeschäf­ti­gung eben­falls ansteigen. Dat­en aus den Vere­inigten Staat­en zeigen, dass, obwohl sich die Arbeit­spro­duk­tiv­ität von 1957 bis heute ver­dreifacht hat, die Acht-Stun­den-Tag unverän­dert geblieben ist und die Unternehmen mehrere Möglichkeit­en gefun­den haben, die Arbeit­szeit zu ver­längern. In den ver­gan­genen Jahrzehn­ten hat die Arbeit­szeit sog­ar zugenom­men. Das­selbe gilt für Europa, und umso mehr für die vie­len abhängi­gen Län­der, die an der weltweit­en Pro­duk­tion beteiligt sind. Das Ganze ist alles andere als „natür­lich“, son­dern liegt in der Notwendigkeit des Kap­i­tals begrün­det, die Mehrw­ertschöp­fung durch die Aus­beu­tung der Arbeit­skraft auszuweit­en. Unser Vorschlag muss die Ver­ringerung der Arbeit­szeit sein, bei vollem Lohnaus­gle­ich und die Verteilung unter allen Arbeits­fähi­gen. Dadurch ist es allen Arbeiter*innen möglich, ein lebenswertes Einkom­men zu erwirtschaften. Dieser Vorschlag stellt zudem die Exis­tenz ein­er indus­triellen Reservearmee in Frage. Die Voraus­set­zun­gen dafür, dass alle weniger Stun­den arbeit­en, sind gegeben. Aber solange das Kap­i­tal an der Macht bleibt, müssen einige genau­so lange – oder länger – arbeit­en, wie noch vor eini­gen Jahrzehn­ten, während ein wach­sender Teil der Gesellschaft von der gesellschaftlichen Pro­duk­tion aus­geschlossen wird. Also muss der Pri­vatbe­sitz an den Pro­duk­tion­s­mit­teln her­aus­ge­fordert wer­den.

Der Streik der IG Met­all zur Reduk­tion der Arbeit­szeit zu Beginn des Jahres, an dem hun­dert­tausende Arbeiter*innen teil­nah­men, zeigt, dass wichtige Sek­toren für diese Forderung gewon­nen wer­den kön­nen, auch wenn der Kampf von der Gew­erkschafts­bürokratie mit einem faulen Kom­pro­miss abge­brochen wurde.

Was ste­ht der Ver­ringerung der Arbeit­szeit und der Aufteilung der Arbeit auf alle, die arbeit­en kön­nen, im Weg? Warum sollte es ein­er­seits Unterbeschäf­ti­gung und Arbeit­slosigkeit geben, während ander­er­seits die Arbeits­be­las­tung immer stärk­er zunimmt? Warum soll­ten wir den tech­nis­chen Fortschritt nicht nutzen, um die Arbeit­szeit zu reduzieren? Warum soll­ten die Arbeiter*innen, die den ganzen Wohl­stand erar­beit­en, für mehr staatliche Almosen kämpfen, während acht Mil­liardäre genau­so viel besitzen, wie die ärm­ste Hälfte der Welt­bevölkerung?

Der Kap­i­tal­is­mus hat Möglichkeit­en geschaf­fen – er hat die gesellschaftlich notwendi­ge Arbeit­szeit für die Repro­duk­tion der gesellschaftlich notwendi­gen Güter ver­ringert. Doch diese Möglichkeit­en umzuset­zen, kann nur durch die Infragestel­lung der Mech­a­nis­men der Aus­beu­tung, die diese Pro­duk­tion­sweise stützen, gelin­gen. Die einzige real­is­tis­che Per­spek­tive ist die Abschaf­fung des Kap­i­tal­is­mus. Wir müssen für eine Wirtschaftsweise kämpfen, die nicht länger auf der Anhäu­fung von Pri­vatver­mö­gen abzielt, son­dern auf der Befriedi­gung von gesellschaftlichen Bedürfnis­sen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Spanisch in Ideas de Izquier­da Nr. 44 und auf Englisch bei Left Voice.

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