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Alejandro Vilca, der erste indigene Arbeiter im argentinischen Kongress

Der indigene Müllwerker Alejandro Vilca wird für die Front der Linken und Arbeiter:innen – Einheit (FIT-U) in den argentinischen Kongress einziehen. Ein kämpferischer Wahlkampf von Tausenden von Arbeiter:innen, jungen Menschen und indigenen Gemeinschaften hat Geschichte geschrieben.

Alejandro Vilca, der erste indigene Arbeiter im argentinischen Kongress
Foto: Laizquierdadiario.com

Als Alejandro Vilca in der Provinz Jujuy im äußersten Nordwesten Argentiniens aufwuchs, musste er in der Nachbarschaft Brötchen und Gebäck verkaufen. Er lief oft barfuß herum, da seine Eltern nicht genug Schuhe für ihre fünf Söhne hatten. Seine Mutter hatte gleich drei Jobs, darunter einen als Hausangestellte.

Dies war ein normales Leben in Jujuy, wo bis zu 80 Prozent der Bevölkerung indigene Wurzeln haben und die Einkommen 40 Prozent unter dem argentinischen Durchschnitt liegen. Das Volk der Kolla lebt seit Jahrhunderten in der Region, doch die Provinzregierung wird von einigen wenigen oligarchischen Familien europäischer Abstammung dominiert.

Am Sonntag schrieb der heute 45-jährige Vilca Geschichte. Er erhielt mehr als ein Viertel der Stimmen in Jujuy – genug, um sich einen der drei Sitze der Provinz im Kongress zu sichern. Er wird der erste indigene Arbeiter in der Geschichte Argentiniens sein, der in die Abgeordnetenkammer einzieht. Sein Sieg war Teil einer historischen Wahl für die Front der Linken und Arbeiter:innen – Einheit (FIT-U), bei der landesweit 1,3 Millionen Menschen für das proletarische, sozialistische Bündnis stimmten. Die Front der Linken gewann in der Provinz und der Stadt Buenos Aires weitere drei Kongresssitze.

Vilcas errang seinen Sieg in einer der ärmsten und am meisten unterdrückten Regionen des Landes. Etwa die Hälfte der Bevölkerung von Jujuy lebt in Armut, jede:r Vierte ist arbeitslos. Die Kinder laufen oft einige Kilometer, um ihre Schulen zu erreichen, die in der Regel baufällig und im Winter unbeheizt sind. Einige Schüler:innen haben nicht einmal Tische und Stühle. Angesichts der rasant steigenden Inflation im Land sind die Reallöhne der Lehrer:innen und Staatsangestellten in Jujuy um zehn Prozent gesunken.

Die Armut in der Provinz steht in einem krassem Gegensatz zu den enormen Gewinnen des Großkapitals. Die internationale Nachfrage nach Lithium ist für die multinationalen Bergbaukonzernen, die in Jujuy tätig sind, ein Glücksfall. Inzwischen gibt es in der Provinz mehr als 160 Bergbauprojekte, bei denen hauptsächlich Lithium für den Export abgebaut wird. Die Bergbauindustrie hat sich nicht nur indigenes Land angeeignet, sondern auch die örtlichen Wasserquellen mit Arsen verseucht, sodass Schulen und Wohnhäuser kein Trinkwasser mehr haben.

Nach Abschluss der weiterführenden Schule in Jujuy ging Vilca an die Universität von San Juan, rund 1.100 Kilometer weiter südlich. Dort wurde er zum Trotzkisten, als er in den 1990er Jahren gegen neoliberale Hochschulreformen kämpfte. Aus Geldmangel musste er nach Jujuy zurückkehren, ohne seinen Abschluss zu machen. Er wurde einer der Gründer des Ablegers der Partei der Sozialistischen Arbeiter:innen (PTS) in Jujuy.

Zurück in seiner Heimatstadt schlug sich Vilca als Fabrikarbeiter, Versicherungsvertreter, Eisverkäufer und mit vielen anderen prekären Jobs durch. 2001 bekam er eine Stelle bei der Stadtverwaltung. Er beteiligte sich an einem Kampf um unbefristete Verträge für alle städtischen Beschäftigten. Als Strafe für seinen Aktivismus wurde er zur Arbeit auf einem Müllwagen verdonnert.

Der Versuch damit seine Moral zu brechen, ist jedoch misslungen. Zusammen mit anderen Müllwerker:innen verstärkte Vilca seinen Einsatz für die Rechte der Arbeiter:innen vielmehr. Auch den Kämpfen gegen Umweltzerstörung und zur Verteidigung der indigenen Gemeinschaften schloss er sich an. In Jujuy sind diese beiden Kämpfe eng miteinander verknüpft, denn die Kolla-Gemeinschaften wehren sich seit Langem gegen die enorm zerstörerischen Lithium Minen auf ihrem Land.

2017 errang Vilca erstmals einen Sitz im Provinzparlament, als die Front der Linken und Arbeiter:innen in Jujuy 17 Prozent der Stimmen erhielt. Trotz seiner politischen Erfolge bleibt Vilca Teil der Arbeiter:innenklasse von Jujuy. Wenn das Parlament nicht tagt, arbeitet er weiterhin auf dem Müllwagen, oft von Sonnenaufgang bis sechs oder sieben Uhr abends. „Wir sind keine Berufspolitiker:innen“, sagte Vilca in der Wahlnacht, „wir sind Arbeiter:innen, die Politik machen.“ Im Parlament hat er nie ein höheres Gehalt als das eines durchschnittlichen Arbeiters angenommen; den Rest hat er für die Kämpfe von Arbeiter:innen gespendet. Alle Mitglieder der Front der Linken und Arbeiter:innen haben dieses Versprechen gegeben und Vilca wird es auch im Kongress einhalten.

Der Erfolg war nur dank Hunderten von Aktivist:innen und Freiwilligen möglich, die den Wahlkampf unterstützt haben. In einigen der ärmsten Stadtteile boten Unterstützer:innen ihre Wohnungen für Wahlkampfveranstaltungen an. Arbeiter:innen hängten Plakate auf und warben bei ihren Nachbar:innen und Arbeitskolleg:innen. Über 1.400 Menschen meldeten sich als Wahlbeobachter:innen, um die linken Stimmen zu verteidigen. Nur so konnte die Front der Linken und Arbeiter:innen die zahlreichen Versuche des Wahlbetrugs von bürgerlichen Politiker:innen verhindern. Ihr kämpferischer Wahlkampf hat Geschichte geschrieben: Über 100.000 Menschen sind in ganz Jujuy zur Wahl gegangen, um Vilca und die Liste der Front der Linken und Arbeiter:innen zu wählen.

Vilcas Sieg in Jujuy zeigt, dass die Ideen des revolutionären Sozialismus bei den am meisten Ausgebeuteten und Unterdrückten Anklang finden können. Wie er erklärte: „Manche Leute behaupten, dass wir Trotzkist:innen alle Student:innen sind. Aber hier zeigen wir, dass wir die ärmsten Sektoren der Arbeiter:innenklasse anführen können.“

 

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