Hintergründe

Ära der Diversität des Bonapartismus und Erdogan (Teil II)

Warren Montag, Professor für Anglistik und Vergleichende Literaturwissenschaft am Occidental College in Los Angeles, Kalifornien, hat Halis Yildirim über die Türkei unter Erdogan interviewt.

Ära der Diversität des Bonapartismus und Erdogan (Teil II)

Zu Teil I dieses Inter­views

Erdo­gans Regime ist eines von ein­er wach­senden Anzahl an Reg­i­men — von Bol­sonaros Brasilien, Modis Indi­en, Dutertes Philip­pinen bis hin zu Orbans Ungarn -, die sich auf unter­schiedliche Weise den beste­hen­den Analy­sekat­e­gorien entziehen. Die Vorstel­lun­gen von Faschis­mus und Autori­taris­mus (oder Neo­faschis­mus und Semi-Autori­taris­mus) scheinen jet­zt zu starr auf den ital­ienis­chen und deutschen Erfahrun­gen ein­er­seits und ver­schiede­nen nicht-faschis­tis­chen Dik­taturen ander­er­seits zu basieren, um den unver­mei­dlichen his­torischen Verän­derun­gen, denen diese For­men aus­ge­set­zt sein wer­den, Rech­nung zu tra­gen. Gle­ichzeit­ig erscheint das immer gebräuch­lichere Etikett der “illib­eralen Demokratie” als euphemistis­che Kom­pro­miss­for­ma­tion, deren Unbes­timmtheit ihren Nutzen für das Ver­ständ­nis der oben genan­nten Regime ein­schränkt. Sie haben eine Präferenz für das Konzept des Bona­partismus geäußert. Kön­nen Sie dieses Konzept erk­lären und erläutern, was diesem Konzept mehr Aus­sagekraft ver­lei­ht als anderen konkur­ri­eren­den Konzepten, ins­beson­dere in der aktuellen Kon­junk­tur?

Begin­nen wir mit der ersten Fest­stel­lung, dass wir in ein­er Ära der Bona­parten leben, die sich jew­eils im Grad der Bona­partisierung unter­schei­den, die in ein­er spez­i­fis­chen Gestalt die Ten­den­zen der Klassen­ver­hält­nisse erscheinen lassen. Durch die Weltwirtschaft­skrise 2008 haben die bona­partis­tis­chen Regime sich als inter­na­tionale Antworten der reak­tionären Kräfte aus­ge­bre­it­et und befes­tigt. Wir müssen hier fes­thal­ten, dass diese repres­siv­en Regime dur­chaus faschis­toide Meth­o­d­en und Momente enthal­ten, aber keine faschis­tis­chen Regime sind. Es gibt derzeit kein faschis­tis­ches Regime weltweit an der Macht. Es geht nicht um die Ver­schönerung der existieren­den, recht­en bona­partis­chen Regime. Es geht um die kat­e­gorische Bes­tim­mung, denn durch sie kön­nen wir die Entstehungs‑, Ent­fal­tungs– und Unter­gangs­be­d­i­n­un­gen solch­er Regime bess­er ver­ste­hen. Diese Bona­partis­men sind auf die Klassenkol­lab­o­ra­tion mit dem Klein­bürg­er­tum, Bauern­tum und sog­ar mit der Arbeiter*innenklasse angewiesen. Die Los­sa­gung von den existieren­den geset­zlichen Rah­menbe­din­gun­gen und die Liq­ui­dierung oppo­si­tioneller Ele­mente im Staat­sap­pa­rat find­en im Bona­partismus tem­po­ral statt und sind nicht so tief aus­geprägt wie im Faschis­mus. Darüber hin­aus entste­ht ein Prozess der per­son­ellen Beset­zung des Staat­sap­pa­rates, dessen Grund­lage ein his­torisch­er Kom­pro­miss der Klassen und Frak­tio­nen der herrschen­den Klassen darstellt. Die Koali­tion hin­ter solchen his­torischen Kom­pro­mis­sen wie den Geset­zen oder der Beset­zung des Staat­sap­pa­rates durch hege­mo­ni­ale Kräften, ist nur in sel­te­nen Aus­nah­men dazu bere­it, diese Kom­pro­misse aufzugeben. Das Klein­bürg­er­tum beab­sichtigt, die Organ­i­sa­tio­nen der Arbeiter*innenklasse im Inter­esse der großbürg­er­lichen Ord­nung zu zer­stören. Egal wie aggres­siv es jedoch mit der Ide­olo­gie des Anti­semitismus, Ras­sis­mus und Sex­is­mus nach der Macht strebt, ist es den­noch nicht selb­st in der Lage, eine großbürg­er­liche Ord­nung zusam­men­zuhal­ten.

Trotz widriger Umstände ist sowohl die legale als auch die struk­turelle Möglichkeit vorhan­den, im bona­partis­tis­chen Regime Poli­tik zu machen. Das bona­partis­tis­che Regime als faschis­tisch zu erk­lären, ist ein the­o­retis­ch­er Fehler. Eine solche Def­i­n­i­tion kann dazu dienen, die Forderung nach ein­er Unter­stützung “demokratis­ch­er” bürg­er­lich­er Kräfte gegen den absoluten Feind zu recht­fer­ti­gen, oder im Gegen­teil zur Vorstel­lung führen, dass der Faschis­mus nicht so gefährlich ist, wie man einst dachte.

Der Bona­partismus will ger­ade die Arbeiter*innenklasse mit Zuck­er und Peitsche erziehen. Deshalb unter­schei­den sich die Bona­parten auch in Linke, wie Chavez oder Nass­er, und Rechte, wie Erdo­gan oder Brün­ing (als Beispiel für ein schwach­er Bona­parte). Der Faschis­mus ver­nichtet die Organ­i­sa­tio­nen der Arbeit­erk­lasse und lässt sie höch­stens ver­schmolzen mit dem Staat­sap­pa­rat existieren. Natür­lich sehen wir an einem his­torischen Punkt, wo die recht­en Kräften dur­chaus ihre Ziele genau ver­fol­gen, wenn sie an die Macht kom­men und die Rechte, Struk­turen und Organ­i­sa­tio­nen bewusst angreifen, während die linke Intel­li­genz, unter anderem durch die Degener­ierung der marx­is­tis­chen Poli­tik im Zeital­ter des auf­steigen­den Neolib­er­al­is­mus in den let­zten Jahrzehn­ten durch den Ein­fluss des Stal­in­is­mus und des Reformis­mus in Form der klas­sis­chen Sozialdemokratie und eine “objek­tive Allianz” zwis­chen bes­timmten Ten­den­zen im franzö­sis­chen Post­struk­tu­ral­is­mus und der Wieder­bele­bung des klas­sis­chen Lib­er­al­is­mus in der anglo­pho­nen Welt durch Rawls, Walz­er etc., die Arbeit­erk­lasse nicht erken­nen kann. Von dieser Entwick­lung ist auch der Begriff des Bona­partismus, der von Marx entwick­elt wurde, nicht ausgenom­men. Dieser Begriff hat einen inter­es­san­ten Ver­lauf hin­ter sich. Er wurde schon ein­mal aus der Ter­mi­nolo­gie der Linken ver­drängt. Die zweite Inter­na­tionale, die die strate­gis­che Frage durch tak­tis­che Fra­gen erset­zt hat­te, ver­wen­dete diesen Begriff kaum. Der Bona­partismus wurde erst wieder von Lenin, Trotz­ki, Gram­sci und Thal­heimer im marx­is­tis­chen Sinne aktu­al­isiert. Der Aus­lös­er war sicher­lich die poli­tis­che und ökonomis­che Krise zur Zeit des ersten Weltkrieges. Die sehr schema­tis­chen und ökonomis­chen Ansätze der zweit­en Inter­na­tionale fan­den für die poli­tis­chen Ereignisse dieser Zeit keine Erk­lärung. Der Begriff des Bona­partismus war also wieder gefragt.

Die Weltwirtschaft­skrise in den Zen­tren der Weltökonomie hat sich auf die soge­nan­nte Schwellen­län­der wie Indi­en, Brasilien, Philip­pinen und die Türkei aus­gewirkt. Wir haben in den Zen­tren Phänomene wie Trump, John­son und Macron. Diese drei agieren unter ver­schiede­nen Voraus­set­zun­gen in Bezug auf die Kräftev­er­hält­nisse in ihren jew­eili­gen Staat­en. John­son in Eng­land zum Beispiel ist bis jet­zt nur seinem Vorhaben nach ein Bona­parte. Auf ihn warten sehr viele Kon­flik­te im Staat­sap­pa­rat, bis er sich als Bona­parte beweisen kann. Trump untern­immt Schritte, um sich den Staat­sap­pa­rat voll­ständig zu unter­w­er­fen. Bish­er kon­nte er diese Pläne aber nicht ganz real­isieren, was ihn zu einem schwachen Bona­parte im stärk­sten Lande macht. Wir sehen unter den Regierun­gen von Trump und John­son derzeit eine starke Beto­nung des ökonomis­chen Pro­tek­tion­is­mus der impe­ri­alen Mächte als Antwort auf die Weltwirtschaft­skrise. Einen der­ar­ti­gen Pro­tek­tion­is­mus kön­nen sich die Türkei oder beispiel­sweise Indi­en u.a. nicht leis­ten. Die Möglichkeit­en eines Bona­parten sind also abhängig davon, welche Grund­lage ihm zur Ver­fü­gung ste­ht, also in welchem Land dieser Bona­parte herrscht. Der Indis­che Pro­tek­tion­is­mus kann nicht dieselbe inter­na­tionale Aggres­siv­ität entwick­eln, wie der US-Amerikanis­che. Worin sie sich gle­ichen, ist nicht nur die ide­ol­o­gis­che Ähn­lichkeit, son­dern auch die Auss­chal­tung und Ein­gren­zung der par­la­men­tarischen Rechte sowie die Ausweitung und völ­lige Auss­chöp­fung der präsi­den­tiellen Rechte im Sinne ein­er Per­so­n­en­herrschaft. Michael Löwy kennze­ich­nete diese als “Pres­i­den­tial dic­ta­tors”.[1] Der Ansatz von Nicos Poulantzas, den Bona­partismus aus dem Mil­itärap­pa­rat und den Faschis­mus aus der Polizeiap­pa­rat her zu begrün­den — „zum repres­siv­en Staat­sap­pa­rat und zu einem sein­er Zweige — der Armee in der Mil­itärdik­tatur, der Zivil­ver­wal­tung im Bona­partismus, der poli­tis­chen Polizei im etablierten faschis­tis­chen Staat “[2] — ver­ste­he ich als zu kurz gefasst. Genau­so wie der Ansatz von Domeni­co Losur­do, der den Bona­partismus in seinem Buch „Demokratie oder Bona­partismus“ haupt­säch­lich als gegen das all­ge­meine Wahlrecht aus­gerichtete Grund­muster jed­er bürg­er­lichen Gesellschaft ver­ste­ht.

Micha Brum­lik betonte hinge­gen, dass Don­ald Trump als mod­ern­er Bona­parte wie Napoleon III. hek­tis­che Betrieb­samkeit pflegt. Napoleon III. wollte Frankre­ich konkur­ren­zfähig mit der führen­den Indus­trien­ation Eng­land machen. Er förderte beson­ders die Tex­til- und Eis­enin­dus­trie. Er ließ Eisen­bahnkilo­me­ter um Eisen­bahnkilo­me­ter bauen, aber auch Schulen und Kranken­häuser. Paris erhielt unter ihm sein heutiges Antlitz, gestal­tet von Georges-Eugène Hauss­mann. Und er ent­fes­selte die Kräfte des Kap­i­tal­is­mus, finanzierte den Boom mit öffentlichen Anlei­hen statt über Steuern – eine damals neue Meth­ode. Das Wahlrecht hinge­gen wurde auf Jahre hin­aus stark eingeschränkt, das Par­la­ment war ent­machtet, Gew­erkschaften blieben für lange Zeit ver­boten.“[3]

Wie unter­schiedlich die bona­partis­tis­chen Regime sind, kön­nen wir ler­nen, wenn wir die Geschichte betra­cht­en. Rus­s­land war vor dem ersten Weltkrieg beispiel­sweise eine bürg­er­liche Monar­chie durch die Über­nahme bona­partis­tis­ch­er Meth­o­d­en. In Frankre­ich war unter Napoleon III. bürg­er­liche Monar­chie und bona­partis­ches Kaiser­re­ich klar und scharf voneinan­der unter­schieden, während der deutsche Bona­partismus unter Bis­mar­ck eine Vere­ini­gung bei­der Typen darstellt, wobei diese Art des Bona­partismus von Marx als Mil­itärdespo­tismus definiert wurde.

Bona­parten entste­hen aus Pattsi­t­u­a­tion angesichts der gigan­tis­chen Auf­gaben, wobei keine Frak­tion in der Lage ist, das Land allein zu reagieren. Diese Sit­u­a­tio­nen erlauben es, dass eine starke Fig­ur an die Macht kommt. Während die Bona­parten weltweit in ver­schiede­nen Län­dern vorkom­men, ist das faschis­tis­che Regime in den impe­ri­alen Zen­tren der Ökonomien aufge­taucht. Nicos Poulantzas hat Horkheimers berühmten Satz umge­dreht und geschrieben: „Wer vom Impe­ri­al­is­mus nicht reden will, soll zum Faschis­mus schweigen.”[4]

Ein Bona­parte ist Aus­druck davon, dass die Arbeit­er noch nicht fähig sind, während die Bour­geoisie nicht mehr fähig ist. Darin liegt auch das Pro­gramm gegen den Bona­partismus begrün­det. Dass die Arbeiter*innenklasse aktiv mit einem eigen­em Pro­gramm und Meth­o­d­en wie Streiks und Über­nahme der Fab­riken und Betrieben unter eigen­er Kon­trolle gegen Pri­vatisierung, Prekarisierung und bona­partis­tis­che, reak­tionäre Poli­tik vorge­ht.

Um aus der Weltwirtschaft­skrise ohne Bürg­erkriege und größere innere Kon­flik­te her­auszukom­men, erhoben die Klassen den Bona­parten zum ober­sten Schied­srichter über die Nation. An dieser Stelle sei ange­merkt, dass Schwellen­län­der wie die Türkei, wirtschaftlich nicht ohne weit­eres höhere Ränge wie den ein­er Regional­macht in der Wel­tord­nung errin­gen kön­nen, ohne ein bona­partis­tis­ches Regime zu instal­lieren. Oder was hält Bol­sonaro zurück ein faschis­tis­ches Regime einzuführen? Die Antwort darauf sind die beschränk­ten Möglichkeit­en der brasil­ian­is­chen Bour­geoisie, ein­er Bour­geoisie eines nicht impe­ri­al­is­tis­chen Lan­des. Sowohl Bol­sonaros Brasilien als auch gesamt Lateinameri­ka sind von der ökonomis­chen Insta­bil­ität ihres Kon­ti­nents betrof­fen. Was ist dabei für die Insta­bil­ität auss­chlaggebend? „Drei Fak­toren sind für die Gestal­tung der sehr insta­bilen Sit­u­a­tion in Lateinameri­ka von grundle­gen­der Bedeu­tung: der Trump-Fak­tor, der Han­del­skrieg zwis­chen den USA und Chi­na und der Rück­fluss von Kap­i­tal von der Periph­erie in das Zen­trum (im Kon­text der wach­senden regionalen Ver­schul­dung).“[5]

Immanuel Waller­stein beze­ich­net unsere Zeit als Zeit der struk­turellen Krise (struc­tur­al cri­sis). Das bedeutet: „ Erst wenn das Sys­tem an einem Punkt ange­langt ist, an dem es nicht mehr zu einem (beweglichen) Gle­ichgewicht zurück­kehren kann, das seine nor­malen Abläufe erneuert, gerät es in eine struk­turelle Krise. Ein zen­trales Merk­mal ein­er solchen Struk­turkrise ist die chao­tis­che Unsicher­heit.”[6]. Fern­er ver­lagert Waller­stein gle­ichzeit­ig den autoritären Staat haupt­säch­lich in die Semi-Periph­erie. Eine struk­turelle Krise bedeutet auf keinen Fall eine Endzeit des Kap­i­tal­is­mus, wie Waller­stein andeutet, da sich der Kap­i­tal­is­mus durch die Teil­ver­nich­tung der existieren­den Pro­duk­tivkräfte, Natur und Bevölkerung wieder sta­bil­isieren kann. Ein her­aus­ra­gen­des Beispiel dafür ist die Boom-Zeit nach dem zweit­en Weltkrieg. Sie zeigt, dass wir uns nicht an der Gren­ze der kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion befind­en, wie Waller­stein behauptet, die sowohl die Kul­turen als auch die Umwelt unwider­ru­flich und allmäh­lich zer­stört und kein höheres Leben für die Men­schheit brin­gen kann. Dage­gen fehlt auch eine organ­isierte Kraft der Arbei­t­en­den. Aus dieser Lücke entste­ht die Ära des Bona­partismus als weltweite Erschei­n­ung. Bona­partismus ist nicht die einzige Form der Herrschaft derzeit. Sie ist aber die vorherrschende Staat­spoli­tik der sich radikalisieren­den Bour­geoisie.

Der Begriff Bona­partismus ist in der heuti­gen Diskus­sion aus ver­schieden Grün­den notwendig. Edward Said und Gay­a­tri Spi­vak beziehen sich auf die Stelle im 18. Bru­maire: „Sie kön­nen sich nicht vertreten, sie müssen vertreten wer­den.“ Der mod­erne Postkolo­nial­is­mus geht von diesem Satz aus, um das Nicht-sprechen des Sub­al­ter­nen zu begrün­den, deren Worte niemals ihre eige­nen sein kön­nen. Allerd­ings ist diese Eigen­schaft eine Dynamik des Bona­partismus. Von einan­der isoliert­er Parzel­len­bauern kön­nen sich poli­tisch nicht formieren wie die Arbeit­erk­lasse oder Bour­geoisie. Aus dieser Sit­u­a­tion ergibt sich die Möglichkeit für den Bona­parten, seine Ord­nung aufzubauen, also durch das Fehlen oder die Schwäche von kollek­tiv­en Aktio­nen. Die Ungle­ich­heit­en in der Gesellschaft, die nicht indi­vidu­eller Natur sind, son­dern als dif­feren­zierte Pro­duk­tions­beziehun­gen mit Kollek­tiv­en entste­hen, von denen die größte die Arbeit­erk­lasse ist, als große Summe von Men­schen, wer­den auch zur Unter­stützung des Bona­parte-Regimes mobil­isiert. Auch wenn wir uns die Wel­tord­nung durch Waller­steins Welt­sys­tem oder Negris und Hardts Empire anschauen, wer­den wir sehen, dass der Bona­partismus dort nicht vorkommt, weil der Bona­partismus mit seinen eigen­tüm­lichen Erschei­n­un­gen solche Sys­te­man­sätze, auf die ganze Welt angewen­det, grund­sät­zlich in Frage stellt.

Du hast eine Frage ange­sprochen, die ich hat­te: Ich denke, du hast im All­ge­meinen Recht, wenn du sagst, dass die Def­i­n­i­tion des Faschis­mus nur auf impe­ri­al­is­tis­che Natio­nen angewen­det wer­den kann (obwohl Aus­nah­men entste­hen kön­nen, z.B. Indi­en). Der Bona­partismus scheint jedoch viele der Schwächen zu teilen, die mit dem Konzept des Pop­ulis­mus ver­bun­den sind, vor allem die Ten­denz, Regime wie Bol­sonaro, Chavez, Duterte und Modi zusam­men­zuführen, obwohl es wichtige Unter­schiede zwis­chen ihnen gibt. Von linkem und rechtem Bona­partismus oder Pop­ulis­mus zu sprechen, bedeutet, eine zugrun­deliegende Gemein­samkeit zu voraus zu set­zen, die nicht ihrer realen Aus­prä­gung entspricht. Braucht das Konzept des Bona­partismus eine weit­ere Ver­feinerung oder enthält es mehrere Konzepte, die iden­ti­fiziert und entwick­elt wer­den müssen?

Das Konzept des Bona­partismus ist die Weit­er­en­twick­lung und Aktu­al­isierung des Begriffs Cäsaris­mus auf der Grund­lage der mod­er­nen kap­i­tal­is­tis­chen Gesellschaft. Hegel bes­timmte den Cäsaris­mus fol­gen­der­maßen: „Cäsar hat zweier­lei getan: er hat den inneren Gegen­satz beschwichtigt und zugle­ich einen neuen nach außen hin aufgeschlossen. Denn die Weltherrschaft war bish­er nur bis an den Kranz der Alpen gedrun­gen, Cäsar aber eröffnete einen neuen Schau­platz, er grün­dete das The­ater, das jet­zt der Mit­telpunkt der Welt­geschichte wer­den sollte.“[7] Cäsar hat sich dem­nach durch eine Notwendigkeit an die Macht gebracht. Dem römis­chen Reich fehlte ein geistiger Mit­telpunkt. Es gab danach auch eine Ent­frem­dung zwis­chen den Bürg­ern und dem Staat. Die öffentlichen Angele­gen­heit­en wur­den durch die Pri­vatau­torität der Vornehmen, durch ihre Macht, ihren Reich­tum, auf tumul­tar­tige Weise entsch­ieden, wie Cicero schrieb. Trotz der Ermor­dung Cäsars hat sich der Cäsaris­mus aus diesem Grund durchge­set­zt. Die Wieder­hol­un­gen wur­den, was am Anfang nur als zufäl­lig und möglich erschien, zu einem Wirk­lichen und Bestätigten. „So ist Napoleon zweimal unter­legen, und zweimal ver­trieb man die Bour­bo­nen.“[8] Cäsar begrub die alte, ver­faulte Repub­lik und stieg als Führung der Welt­macht auf.

Karl Marx hat den Begriff als ober­fläch­liche geschichtliche Analo­gie angesichts des mod­er­nen Klassenkampfes definiert. Mit sein­er Schrift zum Bona­partismus „Louis Bona­parte 18 Bru­maire“ zielte Marx auf die Besei­t­i­gung der „jet­zt namentlich in Deutsch­land landläu­fi­gen Schulphrase vom soge­nan­nten Cäsaris­mus“[9]. Simonde de Sis­mondis Satz bringt den Unter­schied auf den Punkt: „Das römis­che Pro­le­tari­at lebte auf Kosten der Gesellschaft, während die mod­erne Gesellschaft auf Kosten des Pro­le­tari­ats lebt.“[10] Die mod­erne bürg­er­liche Gesellschaft unter­schei­det sich durch die Inten­sität der inter­na­tionalen Han­dels- und Poli­tik­beziehung sowie durch die Klassen­beziehun­gen vom antiken Rom.

Der Bona­partismus unter­schei­det sich von den Möglichkeit­en des Staat­sap­pa­rats des jew­eili­gen Lan­des. In einem indus­triell rück­ständi­gen Land, in dem eine rel­a­tiv schwache Bour­geoisie einem rel­a­tiv mächti­gen Pro­le­tari­at gegenüber­ste­ht, spielt aus­ländis­ches Kap­i­tal eine entschei­dende Rolle. Der Bona­parte ist entwed­er eine Polizei­dik­tatur, um das Inter­essen des aus­ländis­chen Kap­i­tals durchzuset­zen oder manövri­ert mit der Arbeiter*innenklasse (Bauern, Klein­bürg­er­tum usw.), um eine gewisse Frei­heit gegenüber dem aus­ländis­chen Kap­i­tal zu etablieren und macht Zugeständ­nisse wie die Ver­staatlichung von wichti­gen Sek­toren der Indus­trie. Car­de­nas in Mexiko 1938 und Chavez in Venezuela sind solche Bona­parten sui gener­is. Eine andere Form des Bona­partismus sollte eben­falls kurz erwäh­nt wer­den. Die faschis­tis­chen Kräfte aus dem klein­bürg­er­lichen und deklassierten Sek­tor ändern ihr faschis­tis­ches Pro­jekt nach ihrer Machter­grei­fung in ein Bona­parte-Regime faschis­tis­ch­er Herkun­ft, das sich aus der Ver­wüs­tung, der Ernüchterung, der Läh­mung und der Demor­al­isierung der Massen zusam­menset­zt. Diese zeich­nen sich durch eine viel größere Sta­bil­ität aus wie zum Beispiel die Regime von Mus­soli­ni und Hitler.

Ein Bona­parte, der nach ein­er Rev­o­lu­tion an die Macht kommt, unter­schei­det sich von anderen For­men des Bona­partismus. Die drei For­men des Regimes der franzö­sis­chen Rev­o­lu­tion hat­ten nicht nur poli­tis­che Dif­feren­zen. Ihre Macht fußte auf ein­er jew­eils unter­schiedlichen sozialen Basis. Robe­spier­res soziale Basis waren die Handw­erk­er, das ther­mi­do­ri­an­is­che Direk­to­ri­um stützte sich auf das mit­tlere Bürg­er­tum, während Bona­parte Napoleon die Banken auf seine Seite gezo­gen hat­te und nach der Zeit des Ther­mi­dors auf­trat. Das Regime von Bona­parte 18. Bru­maire ist auch in diesem Sinne zu ver­ste­hen. Es geht um die Verteilung der materiellen Vorteile und poli­tis­chen Rechte des neuen Regimes unter ver­schiedene Frak­tio­nen des siegre­ichen „Drit­ten Standes“. Das Regime eines Bona­parten nach ein­er Rev­o­lu­tion bedeutet nicht die Besei­t­i­gung der sozialen Errun­gen­schaften der Rev­o­lu­tion, son­dern ist eine rück­ständi­ge Poli­tik, um die Errun­gen­schaften aus der Rev­o­lu­tion­szeit sorgsam zu fes­ti­gen, zu ord­nen und zu sta­bil­isieren. Das kann man bei Napoleon sehen, der auf seine Weise das bürg­er­liche (auch bäuer­liche) Eigen­tum sowohl vor dem „Pöbel“ als auch vor den aggres­siv­en Kap­i­ta­laus­dehnun­gen vertei­digte. Ger­ade aus diesem Grund war Napoleon, als die lebendi­ge Verkör­pe­rung der Rev­o­lu­tion, im feu­dalen Europa ver­has­st. Die Degener­ierung des Bona­partismus von Napoleon war seine Krö­nung zum Kaiser sowie die Unter­drück­ung und die erneute Kolonisierung Haitis und seine Ablehnung zur Ausweitung der dor­ti­gen Rev­o­lu­tion. Schauen wir zum Ver­gle­ich nun auf die ehe­ma­lige Sow­je­tu­nion. Das Stal­in­regime war in sich eine Veren­gung der ther­mi­do­ri­an­is­chen Zeit, in der die stal­in­is­tis­che Bürokratie auf Bünd­nisse angewiesen war. Der stal­in­is­tis­che Bona­partismus als poli­tis­che Vertre­tung der Bürokratie ist die Befes­ti­gung der Macht der Bürokratie. Diese bei­den Fälle markieren den Unter­schied zu den anderen Arten des Bona­partismus, bei denen nach der sozialen Umwälzung eine Besei­t­i­gung der rev­o­lu­tionären Führung und eine Degener­ierung der poli­tis­chen Inhalte stat­tfind­en. Hier hat vor allem Trotz­ki ver­sucht, die Begriffe in his­torischen Analo­gien zu ver­ste­hen und sie weit­er zu entwick­eln. Der Bona­partismus enthält einen Kern, der in allen Ausar­tun­gen gle­ich ist, unab­hängig von Epochen, Klassen­ver­hält­nis­sen im jew­eili­gen Land, inter­na­tionaler Wel­tord­nung oder der Fähigkeit der eige­nen Bour­geoisie auf der Weltare­na: der Auf­stieg ein­er einzel­nen Fig­ur, die sich in der Hier­ar­chie über den Staat­sap­pa­rat stellt. Deshalb sind diese Erschei­n­un­gen stark an den Begriff des Bona­partismus gebun­den.

[1] https://www.artigercek.com/haberler/michael-lowy-entelektuel-gorev-hakikat-icin-dovusmektir

[2] Nicos Poulantzas, Fas­cism and Dic­ta­tor­ship, p.,318, NLB, 1974

[3] https://www.zeit.de/2017/10/napoleon-iii-geschichte-donald-trump/komplettansicht

[4] Nicos Poulantzas, Fas­cism and Dic­ta­tor­ship, p.,17, NLB, 1974

[5] Matias Maiel­lo, https://www.laizquierdadiario.com.bo/Bolsonaro-y-el-impasse-latinoamericano

[6] https://www.iwallerstein.com/chaotic-uncertainty/

[7] G. W. Hegel, Werke 12, S. 379, Suhrkamp

[8] G. W. Hegel, Werke 12, S. 380, Suhrkamp

[9] Karl Marx, MEW 16, S. 560, Dietz Ver­lag

[10] Karl Marx, MEW 16, S. 359, Dietz Ver­lag

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