Jugend

200 Menschen diskutieren am OSI über Israelkritik und Antisemitismus

Am Mittwoch hatte die Leitung des OSI der Freien Universität Berlin zu einer Podiumsdiskussion geladen, um anlässlich der Vorwürfe gegenüber der Lehrbeauftragten Eleonora Roldán Mendívil über die Grenze zwischen Israelkritik und Antisemitismus zu sprechen. Während der stellvertretende Geschäftsführer Prof. Dr. Bernd Ladwig keinen Hehl aus seiner politischen Motivation machte und damit ihre Suspendierung rechtfertigte, gab es auch Lichtblicke in der Diskussion, auf die aufgebaut werden kann.

200 Menschen diskutieren am OSI über Israelkritik und Antisemitismus

Der Dop­pel­raum im Erdgeschoss der Ihnes­traße 21 war prall gefüllt, bis ins Foy­er standen inter­essierte und diskus­sions­freudi­ge Zuhörer*innen: Die Podi­ums­diskus­sion mit dem Titel „Israelkri­tik und die Gren­zen der akademis­chen Diskus­sions­frei­heit“ war der vor­läu­fige Höhep­unkt ein­er aufge­lade­nen Debat­te um Anti­semitismusvor­würfe gegenüber der Lehrbeauf­tragten Eleono­ra Roldán Mendívil, die das Insti­tut und die akademis­che Land­schaft in Deutsch­land seit Jan­u­ar beschäfti­gen.

Auf dem Podi­um saßen inklu­sive der Diskus­sion­sleitung acht Per­so­n­en, doch Worte der Sol­i­dar­ität mit Eleono­ra waren dort rar gesät. Nur Prof. Dr. Cil­ja Hard­ers und ihre ehe­ma­lige Mitar­bei­t­erin Dr. Shel­ley Harten verurteil­ten die übereilte Entschei­dung der Geschäfts­führung des OSI, Eleono­ra ohne ein klären­des Gespräch vor­erst keinen weit­eren Lehrauf­trag zu erteilen. Die bei­den waren auch die einzi­gen, die immer wieder beton­ten, dass die Debat­te um legit­ime Israelkri­tik in Deutsch­land viel zu ein­seit­ig geführt wird.

„Eine solche Person kommt mir nicht ins Haus“

Ein Prach­tex­em­plar ebendieser ein­seit­i­gen Diskus­sion stand im Zen­trum der Podi­ums­diskus­sion: Prof. Dr. Bernd Lad­wig, Pro­fes­sor für Mod­erne Poli­tis­che The­o­rie und aktuell stel­lvertre­tender Geschäfts­führer des Otto-Suhr-Insti­tuts, hat­te im Jan­u­ar die Stel­lung­nahme ver­fasst, die der betrof­fe­nen Lehrbeauf­tragten bis auf Weit­eres die Erteilung von Lehraufträ­gen ver­wehrt. Am Mittwoch Abend recht­fer­tigte er sich auf vielfältige Weise für diese Entschei­dung. Recht­fer­ti­gun­gen, die vor allem eins zeigten: Die ange­bliche „wis­senschaftliche Klärung“, auf die bis zu ein­er erneuten Entschei­dung gewartet wird – aktuell schreibt Prof. Dr. Wolf­gang Benz, ehe­ma­liger Leit­er des Zen­trums für Anti­semitismus­forschung der TU Berlin, ein Gutacht­en über Eleono­ra –, spielt für ihn tat­säch­lich kaum eine Rolle. Im Gegen­teil: Ob die Äußerun­gen der Lehrbeauf­tragten anti­semi­tisch gewe­sen seien oder nicht, sei ihm „ehrlich gesagt egal“. Der bloße Umstand, dass die Kri­tik am israelis­chen Staat Bestandteil ein­er „anti­semi­tis­chen Umwegskom­mu­nika­tion“ sei und dadurch „Jüdin­nen und Juden auf der ganzen Welt gekränkt“ wür­den, die Israel als „Heim­stadt der Hoff­nung“ wahrnäh­men, reiche ihm aus. Zwis­chen­rufe und eine Wort­mel­dung ein­er jüdis­chen Per­son aus dem Pub­likum, die sich davor ver­wahrte, von dieser Posi­tion vere­in­nahmt zu wer­den, irri­tierten Lad­wig kaum. Angesichts sein­er Koop­er­a­tion mit der „Hebrew Uni­ver­si­ty“ und anderen israelis­chen Uni­ver­sitäten „kommt mir eine solche Per­son nicht ins Haus“.
Diesen Inter­essenkon­flikt gab auch der Dekan des Fach­bere­ichs Poli­tik- und Sozial­wis­senschaften, Prof. Dr. Alexan­der Görke, zu, der die Diskus­sion leit­ete: Es gäbe „Druck aus dem Fach­bere­ich ins­ge­samt, von mehreren Insti­tuten, die mit Israel kooperieren“.

Doch nicht nur die poli­tis­che Inter­essiertheit Lad­wigs, son­dern auch die emo­tionale Schärfe, mit der er immer wieder seine Posi­tion klar­ma­chte, ließ indes ger­ade die „nötige Dis­tanz und Objek­tiv­ität“ ver­mis­sen, die er im Falle von Eleono­ra anzweifelt. Shel­ley Harten kom­men­tierte dazu: „Posi­tio­nen, die israelkri­tisch sind und eben­so emo­tionale Reak­tio­nen haben, sitzen hier nicht auf dem Podi­um.“

Über­haupt schade, dass über Eleono­ra nur in Hypothe­sen gesprochen wurde. Tat­säch­liche Diskus­sion anhand ihrer Aus­sagen fand nicht statt, nur einige Begriffe (wie Aparthei­dsstaat, Besatzungsstaat oder Kolo­nial­pro­jekt) wur­den aufgerufen. Dieser Umstand wurde auch aus dem Pub­likum kri­tisiert. Doch Lad­wig redete sich wieder ein­mal mit der ausste­hen­den wis­senschaftlichen Prü­fung her­aus.

Auf die Frage, welche Def­i­n­i­tion von Anti­semitismus für die Prü­fung denn zugrunde gelegt wer­den würde, antwortete das Podi­um kon­tro­vers. Während Prof. Lad­wig und der wis­senschaftliche Mitar­beit­er Dr. Carten Koschmieder mehrfach auf die soge­nan­nte „3D-Def­i­n­i­tion“, die auf den recht­skon­ser­v­a­tiv­en Likud-Abge­ord­neten Natan Sha­ran­sky zurück­ge­ht, Bezug nah­men, beton­ten Hard­ers und Harten, dass diese Def­i­n­i­tion umstrit­ten und solch pauschale Def­i­n­i­tio­nen für Anti­semitismus nicht sin­nvoll seien. Doch auch diesen Schuh wollte Lad­wig sich nicht anziehen. Denn dass Sha­ran­skys Def­i­n­i­tion „von rechts“ komme, sei ihm egal, „Haupt­sache, das Argu­ment ist gut“. Eine solche Herange­hensweise, die den materiellen und poli­tis­chen Hin­ter­grün­den poli­tis­ch­er The­o­rien die Bedeu­tung abspricht, ist jedoch für einen Poli­tik-Pro­fes­sor ziem­lich erbärm­lich.

Lichtblicke der Debatte

Doch es gab auch Licht­blicke in der Debat­te. Shel­ley Harten, die sich viel mit der Vorstel­lung des Zion­is­mus in Israel und Palästi­na beschäftigt, betonte, dass die Debat­te eine völ­lig falsche Zus­pitzung erfahren habe:

„Die Frage ist weniger, ob es am OSI viel Anti­semitismus gibt, son­dern viel mehr, wie man auf eine pro­duk­tive Art und Weise am OSI über palästi­nen­sis­che Poli­tik und Gesellschaft forschen kann. Manche wür­den sagen, wahrschein­lich gar nicht, das finde ich falsch.“

Zugle­ich stellte die Forscherin her­aus, dass ver­schiedene Begriffe, die in der deutschen Debat­te tabuisiert sind (wie beispiel­sweise Apartheid) oder sehr mono­lithisch ver­standen wer­den (wie Zion­is­mus), in Israel sehr viel divers­er disku­tiert wer­den. Sie kri­tisierte, dass es in der Deutschen Forschungs­ge­sellschaft fast unmöglich sei, dif­feren­zierte Forschung zu diesen The­men finanziert zu bekom­men.

Auch Hard­ers kri­tisierte Lad­wigs Posi­tion: „Die Gle­ich­set­zung Israels mit der “Heim­statt der Hoff­nung” ist der knif­flige Punkt, weil ja genau der im Herzen der Debat­te ist.“ Demge­genüber forderte sie erstens, „Aktivis­mus aus der Uni­ver­sität nicht auszuschließen“, und mah­nte an, dass am Insti­tut mehr Debat­ten und mehr Ver­anstal­tun­gen zum The­ma – mit beson­der­er Berück­sich­ti­gung postkolo­nialer und dekolo­nialer Per­spek­tiv­en – stat­tfind­en müssten. Ihr Cre­do: „Kri­tik muss möglich sein.“

Neben den kri­tis­chen Ein­las­sun­gen von Hard­ers und Harten melde­ten sich aus dem Pub­likum viele kri­tis­che Stim­men, die sich – mal mehr, mal weniger impliz­it – mit Eleono­ra sol­i­darisch zeigten. Unter anderem kri­tisierte eine junge Frau, dass an deutschen Uni­ver­sitäten ein­er­seits AfD-Poli­tik­er wie der HU-Pro­fes­sor Markus Egg unter­richt­en dür­fen und sich die Uni­ver­sität­sleitung hin­ter ihn stellt, während im Fall von Eleono­ra eine Vorverurteilung stattge­fun­den hätte. Eine andere Teil­nehmerin merk­te aus dem Pub­likum eben­falls an, dass ger­ade post-/dekolo­niale Per­spek­tiv­en es durch diese Posi­tion­ierung weit­er­hin an deutschen Uni­ver­sitäten schw­er haben – noch dazu wenn es sich um junge Frauen wie die Betrof­fene han­delt, die nun größere Schwierigkeit­en in der akademis­chen Welt haben wird, weil sie „in ein­er sehr schwieri­gen Art und Weise gela­belt ist“, wie auch Hard­ers fest­stellte. Deshalb wäre es nötig gewe­sen, „dass das OSI sich hin­ter seine Lehrbeauf­tragten stellt.“

Wie weiter?

In der Debat­te fehlte gän­zlich – mit Aus­nahme einiger Zwis­chen­rufe aus dem Pub­likum – eine Posi­tion, die artikuliert hätte, wie die palästi­nen­sis­che Bevölkerung sich von der Besatzung befreien kann. Dass Eleono­ra Roldán Mendívil im kom­menden Semes­ter nicht am OSI sein wird, wird diese Sit­u­a­tion nicht verbessern – mit ihr teilen wir unsere Sol­i­dar­ität mit dem palästen­sis­chen Befreiungskampf, auch wenn wir nicht der gle­ichen Mei­n­ung sind, was die Strate­gien dieser Befreiung ange­ht.

Doch die Debat­te am Mittwoch zeigte auch: Es ist nicht alles ver­loren am OSI. Die Debat­te um Palästi­na-Sol­i­dar­ität ist weit­er­hin offen, und wir wer­den uns auch im näch­sten Semes­ter an den Auseinan­der­set­zun­gen darum beteili­gen.

11 thoughts on “200 Menschen diskutieren am OSI über Israelkritik und Antisemitismus

  1. Kerstin sagt:

    Ein­führend wurde vom Podi­um aus das Ziel der Ver­anstal­tung for­muliert. Es sollte eine “insti­tu­tionelle Stel­lung­nahme” zu den Anti­semitismusvor­wür­fen gegen Eleono­ra erfol­gen. Dass diese dann durch die über weite Streck­en pen­e­trante, hochemo­tionale Präsenz Lad­wigs auf dem Podi­um dominiert wurde, irri­tierte wohl nicht nur mich. Im Ver­laufe der Ver­anstal­tung wur­den die Disku­tan­ten auf dem Podi­um angesichts der z. T. arro­gan­ten Lan­gat­migkeit der poli­tis­chen Posi­tion­ierung von Lad­wig außer­dem zeitlich eingeschränkt. Meine Erwartung war, dass über eine kri­tis­che Analyse von israelis­ch­er Besatzungs- und Aparthei­d­poli­tik und der vor Ort geschaf­fe­nen facts on the ground disku­tiert würde. Anti­semitismusvor­wurf ohne Bezug zum Nahostkon­flikt schien mir zu viel an Metaebene! Ern­sthaftigkeit und Fair­nis im Dis­put und bei der Bew­er­tung der drama­tis­chen, hoch kon­flik­tiv­en poli­tis­chen Entwick­lung vor Ort und des inter­na­tionalen Diskurs­es zum The­ma waren geboten. Der Vor­wurf des Anti­semitismus, zumal erhoben gegen eine junge Wis­senschaft­lerin, wiegt zu schw­er, um ihn mit Hin­weisen auf „die enorme Disku­tier­barkeit des Kon­flik­tes“ oder die „Gefahr anti­semi­tis­ch­er Umge­hungskom­mu­nika­tion“ akademisch vom Podi­um „zu wis­chen“. Das Pub­likum reagierte auch zunehmend kri­tisch und forderte vom Podi­um Argu­mente und Begrün­dun­gen für den Anti­semitismusvor­wurf gegen die junge Lehrbeauf­tragte. Applaudiert wurde Prof. Shel­ley Hartens Aus­sage, dass ein „Ignori­eren der Israel-Prob­lematik in Deutsch­land nicht hil­fre­ich sei“ und ihrer Forderung, „Israelkri­tik müsse auch in Deutsch­land möglich sein“. Dass der Diskurs fast voll­ständig ohne Bezug auf die zunehmend auswe­glose Sit­u­a­tion der Palästi­nenser unter israelis­ch­er mil­itärisch­er Besatzung (Israels Par­la­ment hat in der ver­gan­genen Woche ein Gesetz ver­ab­schiedet, mit dem Häuser mit bis zu 4.000 Wohnein­heit­en in 16 Sied­lun­gen und Außen­posten, die ille­gal auf palästi­nen­sis­chem Land errichtet wur­den, nachträglich legal­isiert wer­den) auskom­men wollte, gelang dann doch nicht! Dafür Dank ans Pub­likum — das war einem großen Teil der über­wiegend stu­den­tis­chen Teil­nehmer dann doch zu viel an METAEBENE!

  2. Prof. Dr. Wilhelm Kempf sagt:

    Angekündigt waren „wis­senschaftliche Stel­lung­nah­men aus dem Otto-Suhr-Insti­tut“ über „Israelkri­tik und die Gren­zen der akademis­chen Diskus­sions­frei­heit“. Eine gle­icher­maßen brisante, wie auch leicht zu beant­wor­tende Frage: Die Gren­zen der akademis­chen Diskus­sions­frei­heit sind dort über­schrit­ten, wo die Gren­zen der Wis­senschaftlichkeit nicht einge­hal­ten wer­den: 1. Ter­mi­nol­o­gis­che Präzi­sion, sowie 2. empirische Wahrheit und Nach­prüf­barkeit.
    Worum es in der Podi­ums­diskus­sion ging, war die Nichtver­längerung des Lehrauf­trages von Frau Eleono­ra Roldán Mendívil, die vom OSI in vorau­seilen­dem Gehor­sam vol­l­zo­gen wor­den war. Ein von Wolf­gang Benz ange­fordertes Gutacht­en, ob die gegen sie erhobe­nen Anti­semitismusvor­würfe gerecht­fer­tigt seien, lag auch zum Zeit­punkt der Diskus­sion noch nicht vor. Die Anti­semitismusvor­würfe bezo­gen sich auch nicht auf die Inhalte ihrer Lehrver­anstal­tung, son­dern auf einen (im Inter­net inzwis­chen gelöscht­en) Blog, den sie geschrieben hat­te. Damit war die Nach­prüf­barkeit der erhobe­nen Vor­würfe schon von vorne­here­in nicht gegeben. Man hätte wenig­stens das Gutacht­en von Wolf­gang Benz abwarten müssen.
    Anti­semitismus – die Feind­schaft gegen Juden als Juden (d.h. deshalb, weil sie eben Juden sind) – hat mit der qua­si indus­triellen Ver­nich­tung des europäis­chen Juden­tums durch den Nation­al­sozial­is­mus das schlimm­ste Ver­brechen der Men­schheits­geschichte her­vorge­bracht. Wach­samkeit ist drin­gend von­nöten, auf dass sich solch­es niemals wieder­holen werde.
    Bevor man jeman­den des Anti­semitismus bezichtigt, muss man aber zumin­d­est wis­sen, wovon man spricht. Auf die Frage, was sie denn über­haupt unter Anti­semitismus ver­ste­hen, antwortete der Mit­tel­bau­vertreter Dr. Koschmieder mit langem Gelaber (man habe sich mit der Frage beschäftigt, es gebe ja so viele Def­i­n­i­tio­nen u.s.w.) ohne die Frage zu beant­worten, eine Def­i­n­i­tion zu ver­suchen oder wenig­stens zu sagen, was er per­sön­lich damit meint. Der (für die Nichtver­längerung des Lehrauf­trages ver­ant­wortliche) Prof. Bernd Lad­wig bezog sich auf die von ihm schon früher ins Feld geführten drei Ds (Dämon­isierung, Dele­git­imierung und Doppe­moral), unter­stellte Frau Eleono­ra Roldán Mendívil Nähe zur Boy­cott, Divest­ment & Sanc­tions (BDS) Bewe­gung und sagte (sin­ngemäß) “ob man das als Anti­semitismus beze­ich­net oder nicht sei ihm gle­ichgültig, aber wenn jemand das Exis­ten­zrecht Israels verneint, dann ist das nicht akzept­abel”.
    Dazu ein paar Anmerkun­gen:
    1. Ter­mi­nol­o­gis­che Präzi­sion ist nur möglich, wenn man seine Begriffe definiert. Wenn man von Anti­semitismus spricht, ohne zu wis­sen, wovon man spricht, wird das Wort Anti­semitismus zu einem bloßen Schimpf­wort, das besten geeignet ist Ruf­mord zu bege­hen.
    Die drei Ds sind keine Def­i­n­i­tion, son­dern allen­falls Diskursmerk­male, die einen Anfangsver­dacht begrün­den kön­nen. Wie jed­er eskalierte Kon­flikt geht auch der israelisch-palästi­nen­sis­che mit kom­pet­i­tiv­en Fehlwahrnehmungen ein­her, die sich in lang andauern­den Kon­flik­ten zu gesellschaftlichen Grundüberzeu­gun­gen verdicht­en, die u.a. durch den Glauben an die Gerechtigkeit der eige­nen Sache und an die eigene Opfer­rolle sowie durch den Glauben an die Aufrechter­hal­tung von per­sön­lich­er und nationaler Sicher­heit durch eine Poli­tik der Stärke geprägt sind. Dies find­et – völ­lig spiegel­bildlich – auf bei­den Seit­en statt: Woran die eine Seite glaubt, wird von der anderen strikt zurück­gewiesen und als Dämon­isierung, Dele­git­imierung und Dop­pel­moral emp­fun­den.
    Die drei Ds sind somit kein spez­i­fis­ches Merk­mal von anti­semi­tis­ch­er Israelkri­tik, son­dern wer­den in jedem eskalierten Kon­flikt, von den Hard­lin­ern auf bei­den Seit­en angewen­det, wobei die eige­nen Glaubenssätze für pure Wahrheit gehal­ten wer­den, weshalb man die eigene Dop­pel­moral meist gar nicht bemerkt, während einem selb­st eine neu­trale Hal­tung, die auf Aus­gle­ich zwis­chen den ver­fein­de­ten Gesellschaften bedacht ist, nur allzu leicht als Dop­pel­moral erscheint. Ob sie im konkreten Fall aus Anti­semitismus resul­tieren, müsste erst noch gezeigt wer­den.
    2. Empirische Wahrheit und Nach­prüf­barkeit:
    Durch die Ein­las­sun­gen Lad­wigs wurde der Ein­druck erweckt, als hätte Frau Eleono­ra Roldán Mendívil das Exis­ten­zrecht Israels negiert. Wenn sie das wirk­lich getan haben sollte, wäre die Nichtver­längerung ihres Lehrauf­trages bere­its unter Ver­weis auf die Staat­srai­son der Bun­desre­pub­lik Deutsch­land gerecht­fer­tigt. Dazu bräuchte es auch kein Gutacht­en. Da der Inhalt des Blogs von Frau Eleono­ra Roldán Mendívil aber nicht offen­gelegt wurde und auch das Gutacht­en von Wolf­gang Benz noch nicht vor­liegt, war dies nicht nach­prüf­bar und ist in dubio pro reo zu ver­muten, dass eine Negierung des Exis­ten­zrechts Israels seit­ens Frau Eleono­ra Roldán Mendívil gar nicht stattge­fun­den hat.
    Wenn dies der Fall ist, dann wurde mit dem mehrma­li­gen (!) Bezug auf die Negierung des Exis­tezrechts Israels als Begrün­dung für die Nichtver­längerung ihres Lehrauf­trages auch die zweite Gren­ze der Wis­senschaftlichkeit grob ver­let­zt.
    Sollte sich Frau Eleono­ra Roldán Mendívil dage­gen in ihrem Blog „nur“ zugun­sten von BDS geäußert haben (falls sie es getan hat), dann wird allerd­ings ver­ständlich, wie Lad­wig, der sich als BDS-Geg­n­er geoutet hat, dazu kommt, sie der Negierung des Exis­ten­zrechts Israels zu beschuldigen. Vielle­icht glaubt Lad­wig ja, dass BDS auf die Zer­störung Israels aus sei. Doch richtig wird der Vor­wurf dadurch auch nicht.
    BDS stellt nicht das Exis­ten­zrecht Israels in Frage, son­dern ist eine gewalt­freie Bewe­gung, die auf Israel Druck auszuüben ver­sucht, seine Palästi­napoli­tik zu ändern und die Occu­partheid zu been­den. Sie ist nicht gegen „die Juden“ oder „die Israelis“ gerichtet, son­dern gegen ein Unrecht, das den Palästi­nensern in Israel und den beset­zten Gebi­eten ange­tan wird. Sie ist eine Bewe­gung, die auch von vie­len Juden auf der ganzen Welt (ein­schließlich Israel) mit­ge­tra­gen wird, und von der sich z.B. der frühere israelis­che Spitzen­poli­tik­er Avra­ham Burg erhofft, dass sie den israelisch-palästi­nen­sis­chen Kon­flikt verän­dern kön­nte, „wenn der Diskurs von Begrif­f­en wie Stärke und Wider­stands­fähigkeit auf die Ebene von Recht­en und Werten wech­selt“.
    Dazu kann man sich so oder so ver­hal­ten. Ich selb­st teile diese Hoff­nung nicht und habe mich von BDS stets fer­nge­hal­ten. Nicht nur, weil ein Boykott auch die Occu­parthei­ds-kri­tis­chen Wis­senschaftler an israelis­chen Uni­ver­sitäten und Col­leges tre­f­fen würde, mit denen ich seit Jahrzehn­ten eng zusam­me­nar­beite, son­dern auch, weil die von Nathan Sha­ran­sky mit dem sog. 3D-Test auf die Spitze getriebene Denun­zierung von BDS bere­its abse­hbar war, bevor es die Bewe­gung über­haupt gab. Als anti­semi­tisch gebrand­markt, hat BDS aber kaum eine Chance, den erhofften Diskur­swech­sel in Israel zu bewirken.
    Ger­ade dieser Wech­sel ist es ja, den die israelis­che Rechte mit aller Macht zu vere­it­eln ver­sucht, und die Angst davor, dass er bewirkt wer­den kön­nte, der Grund für die unsägliche Kam­pagne die wir z.Z. beobachten/erleiden und der auch Lad­wig und mit ihm das Otto-Suhr-Insti­tut zum Opfer gefall­en zu sein scheint.
    Faz­it:

    Was durch die Podi­ums­diskus­sion geleis­tet wurde, waren keine “wis­senschaftlichen Stel­lung­nah­men” zu den Gren­zen der akademis­chen Diskus­sions­frei­heit, son­dern eine üble Ver­leum­dung, welche ihrer­seits diese Gren­zen grob über­schrit­ten hat.

  3. Zuschauerin sagt:

    Zum zweit­en Kom­men­tar: Die Lehrbeauf­tragte hat im Zuge der Debat­te um ihre Posi­tion mehrfach und auf Nach­frage das Exis­ten­zrecht nur Israels negiert.
    Ich freue mich, dass Sie dann auch der Mei­n­ung sind, dass die Nichtver­gabe des möglichen (aber nicht sicheren) Lehrauf­trages berechtigt ist.

  4. znarf17 sagt:

    Die Anti­semitismus-Dif­famierung hat bloß den Zweck, von den Mißstän­den in Israel (Apartheid, Diskri­m­inierung von Nichtju­den, Ras­sis­mus, ..) abzu­lenken.

    Der recht­sradikale Zion­is­mus (eine eth­nokratis­che Ide­olo­gie der Ungle­ich­heit) ver­let­zt, ein­fach nachvol­lziehbar, auch laufend Grundge­setz Artikel 3 und 5, EMRK, Gen­fer Kon­ven­tion.

    Mit dem *falschen* Anti­semitismus-Vor­wurf, wird let­ztlich erfol­gre­ich von den zion­is­tis­chen Mißstän­den in Israel/Palästina abge­lenkt. Sozusagen eine Nebel­granate.

  5. The Renegate sagt:

    Erfreulich, die Dif­feren­ziertheit des 2. Kom­men­tars, ger­ade weil es sich beim Autor um einen nachgewiese­nen Fach­mann zu Anti­semitismus-Fra­gen in unser­er Gesellschaft han­delt. Warum aber von ein­er Dozentin an der FUB ein zwin­gen­des Beken­nt­nis zum Exis­ten­zrecht Israels erwartet wer­den muss, erschließt sich mir nicht. Isre­al existiert (siehe UN-Mit­gliegschaft) und kein Staat der Welt benötigt eine zusät­zliche Legit­i­ma­tion per Akkla­ma­tion einzel­ner Bürg­er, auch nicht von Wis­senschaftlern. Erlaubt jedoch muss die Frage danach sein, in wieweit ein Staat der Staatenge­mein­schaft die von dieser, d.h. den VN, geset­zten Kri­te­rien erfüllt. Deutsche Staat­srai­son ist im GG der Bun­dere­pub­lik fest­geschrieben, nicht aber durch eine eher unglück­liche, wiewohl angesichts der Ver­gan­gen­heit ver­ständliche Erk­lärung ein­er Bun­deskan­z­lerin. Pro­fes­sor Lad­wig wäre zu fra­gen, ob er bei der Erwäh­nung der Part­neruni­ver­sität, der Hebrew Uni­ver­si­ty in Jerusalem, auch seine Kol­le­gin, Frau Pro­fes­sor Nurit Peled-Elhanan, die Preisträgerin des Sakharov-Preis­es des Europa Par­la­mentes und aus­gewiesene Kri­tik­erin der israelis­chen Besatzungspoli­tik im Auge hat (sie ist an dieser ange­se­henen akademis­chen Insti­tu­tion beileibe nicht die einzige Kri­tik­erin des sicht­baren Abgleit­ens israelis­ch­er Poli­tik in Rich­tung Ras­sis­mus und Apartheid)

  6. Prof. Dr. Wilhelm Kempf sagt:

    Zum drit­ten Kom­men­tar: Was soll das heißen “das Exis­ten­zrecht nur Israels”?

    Wenn damit gemeint ist, dass auch die Palästi­nenser das Recht auf einen eige­nen Staat haben, dann ist dies dur­chaus legit­im (vgl.Selbstbestimmungsrecht der Völker)und eine Recht­fer­i­t­i­gung für die Nichtver­längerung des Lehrauf­trages kann daraus nicht abgeleit­et wer­den.

    Falls Sie, liebe Zuschauerin, jedoch den Palästi­nensern dieses Recht absprechen soll­ten, wäre es an der Zeit, mal über Ihre eigene Dop­pel­moral nachzu­denken.

  7. Marthe Schwertfeger sagt:

    Ich finde, dass das eine sehr merk­würdi­ge Diskus­sion ist. Hier (in den Kom­mentaren) wurde nicht ein einziges Mal auf die Frei­heit der Wis­senschaft ver­wiesen. Erst recht nicht auf die Mei­n­ungs­frei­heit, die immer noch grundge­set­zlich ver­ankert ist. Diese bei­den Frei­heit­en wur­den am OSI mit Füßen getreten, und das ist ein Skan­dal. Israel, vertreten durch die Hebräis­che Uni­ver­sität, set­zt einen Boykott gegen eine nicht genehme Wis­senschaft­lerin durch und bekommt dabei Unter­stützung von anbiedern­den und rück­grat­losen deutschen “Wis­senschaftlern”. Aus­gerech­net Israel, das per­ma­nent jam­mert, es sehe sich einem anti­semi­tis­chen Boykott gegenüber, greift auf diese Art in den freien Diskurs ein­er deutschen Uni­ver­sität ein. Es wäre bess­er, die FU würde ihre Koop­er­a­tion mit der Hebräis­chen Uni­ver­sität auf Eis leg­en.
    Und außer­dem: Warum darf man eigentlich das Exis­ten­zrecht Israels nicht negieren? Weil das Teil der Staat­srai­son ist, die Frau Merkel for­muliert hat? Ste­ht das so im Grundge­setz? Darf man an Unis nur noch eine Mei­n­ung vertreten, die von der Bun­deskan­z­lerin geteilt wird?
    (Und wie ist es mit dem Exis­ten­zrecht Palästi­nas und der Palästi­nenser? Darf man das zur Dis­po­si­tion stellen?)
    Die FU und das OSI geben ein ganz schön jäm­mer­lich­es Bild ab.

  8. Behr Wolfgang sagt:

    Ich bin immer wieder entset­zt über die Israel­hörigkeit deutsch­er Eliten. Gold­ha­gen schrieb einst das Buch “Hitlers willige Voll­streck­er”. Ich hoffe auf ein Erscheinen des Titels “Israels willige Hand­langer”. Ich möchte Han­nah Arendt zitieren:”…dass er dur­chaus bere­it war, um der Pen­sion, der Lebensver­sicherung, der gesicherten Exis­tenz von Frau und Kindern willen Gesin­nung, Ehre und men­schliche Würde preiszugeben.”
    Pro­fes­sor Lad­wig scheint über­haupt nicht zu begreifen,
    dass es bei Frau Men­div­il um die Frage des huma­nen Völk­er­rechts geht und nicht um zion­is­tis­che Posi­tio­nen. Er ignori­ert auch die Aus­sage der EU-Aussen­beauf­tragten Frau Mogheri­ni, dass BDS keines­falls das Exis­ten­zrecht Israels in Frage stellt, son­dern voll dem Recht auf freie Mei­n­ungsäusserung entspricht.

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