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Interview: Neuer Papst aus Argentinien

Interview: Neuer Papst aus Argentinien

Ungek­lärte Rolle während der Mil­itärdik­tatur: Argen­tinis­ch­er Papst hat anscheinend Dreck am Steck­en. Ein Inter­view mit Myr­i­am Breg­man ist Men­schen­recht­san­wältin des CEPRODH (Zen­trum der Akademik­er für die Men­schen­rechte) in Argen­tinien. Sie führt Prozesse gegen Ange­hörige der früheren Mil­itärdik­tatur. Außer­dem ist sie führen­des Mit­glied der Partei Sozial­is­tis­ch­er Arbei­t­erIn­nen (PTS, argen­tinis­ch­er Sek­tion der Trotzk­istis­chen Frak­tion – Vierte Inter­na­tionale)

Die bürg­er­liche Presse bemüht sich, den soeben zum Papst gewählten Argen­tinier Jorge Mario Bergoglio als beson­ders beschei­den darzustellen, er sei auch etwas fortschrit­tlich­er als sein Vorgänger Joseph Ratzinger. Wie stellt sich das aus argen­tinis­ch­er Sicht dar?

Die katholis­che Kirche ist in schw­er­ste Kor­rup­tion­sskan­dale ver­wick­elt, sie deckt die Ver­brechen Tausender Geistlich­er, die Kinder miss­braucht­en. Und weil sie deswe­gen in der ganzen Welt Gläu­bige ver­liert, braucht sie eine Art Gesicht­sop­er­a­tion, um weit­er­ma­chen zu kön­nen.

Ich glaube, dass Bergoglio genau dieses Facelift­ing anstrebt. Die “Beschei­den­heit”, die er als Papst zur Schau trägt, soll nur den Schmutz vergessen machen, den diese reak­tionäre Insti­tu­tion in den 2.000 Jahren ihrer Exis­tenz ange­sam­melt hat.

Bergoglio wird vorge­wor­fen, er habe 1976 bei der Ent­führung der später gefolterten Priester Fer­enc Jal­ics und Orlan­do Yorio mit der Mil­itärdik­tatur zusam­mengear­beit­et. Was ist daran?

Yorio und Jal­ics waren soge­nan­nte Volk­s­priester, sie arbeit­eten in einem Armen­vier­tel. Ihr Vorge­set­zter im Jesuitenor­den war Bergoglio. Kurz nach Errich­tung der Dik­tatur wur­den sie von Sol­dat­en ent­führt und fünf Monate lang fest­ge­hal­ten und gefoltert. Der mit­tler­weile ver­stor­bene Yorio hat bis zulet­zt den Ver­dacht geäußert, Bergoglio habe sie aus­geliefert. Jal­ics, der heute in Deutsch­land lebt, hat sich zwar nach eigen­er Aus­sage mit Bergoglio ver­söh­nt – aber er demen­tiert nicht, dass dieser sie aus­geliefert habe.

2010 musste Bergoglio als Zeuge in einem Gerichtsver­fahren aus­sagen – du warst dabei. Was sagte er zu diesen Vor­wür­fen?

Er habe drei Tage nach der Ent­führung von Jal­ics und Yorio gewusst, dass sie im Folter- und Hin­rich­tungszen­trum ESMA fest­ge­hal­ten wur­den. Wir fragten ihn, woher er das erfahren habe, worauf er aber sehr auswe­ichend antwortete. Tausende Fam­i­lien­ange­hörige der Ver­schwun­de­nen wis­sen heute – 35 Jahre später! – immer noch nicht, wohin sie ver­schleppt wur­den und was let­ztlich mit ihnen geschehen ist. Bergoglio hat­te also offen­bar gute Beziehun­gen zum Mil­itär.

Wir befragten ihn auch, ob er wisse, was mit den Kindern der Ver­schleppten geschehen sei – die “Großmüt­ter der Plaza de Mayo” demon­stri­eren seit vie­len Jahren dafür, dass das Schick­sal ihrer Enkel aufgek­lärt wird. Es ist unglaublich, er wollte erst 1985 in einem Ver­fahren gegen Beteiligte der Dik­tatur davon erfahren haben! Und dabei wußte jed­er Argen­tinier schon Jahre vor dem Sturz der Mil­itär­jun­ta davon. Bis heute sind 400 Jugendliche weit­er­hin “enteignet”, mit gefälschter Iden­tität.

Bergoglio sei sehr beschei­den, heißt es in den Medi­en. Er zögerte jedoch nicht, alle Priv­i­legien seines Amtes auszunutzen, um nicht wie jed­er nor­male Bürg­er vor Gericht aus­sagen zu müssen. Zuerst wollte er sich nur schriftlich äußern, was das Gericht aber ablehnte. Das Gericht musste schließlich zur Kurie von Buenos Aires gehen, damit er befragt wer­den kon­nte.

Welche Rolle hat er selb­st in der Dik­tatur gespielt?

Die gesamte Hier­ar­chie der katholis­chen Kirche in Argen­tinien ist in den Massen­mord an AktivistIn­nen der Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung und der Linken ver­wick­elt. Ohne aktive Unter­stützung der Kirche wäre das Mil­itär nicht in der Lage gewe­sen, seinen kon­ter­rev­o­lu­tionären Auf­trag zu erfüllen.

Wie reagieren die Argen­tinierIn­nen darauf, dass ein Lands­mann Papst gewor­den ist?

Die bürg­er­lichen Medi­en bemühen sich rund um die Uhr, ein reak­tionäres Kli­ma der “nationalen Ein­heit” zu schaf­fen. Es gibt aber auch pro­gres­sive Sek­toren, die es ablehnen, ein­er Per­son zu huldigen, die einen regel­recht­en Kreuz­zug gegen die Rechte der Schwulen, Les­ben, Trans­sex­uellen usw. geführt hat.

Als im argen­tinis­chen Par­la­ment über die Homo-Ehe debat­tiert wurde, stellte sich Bergoglio an die Spitze ein­er lan­desweit­en Kam­pagne dage­gen. In allen Kirchenge­mein­den des Lan­des mussten Briefe ver­lesen wer­den, in denen das Geset­zeswerk als “Umtrieb des Vaters der Lüge” beze­ich­net wurde, “um die Kinder Gottes zu ver­wirren und zu täuschen”. Eine solche Wort­wahl erin­nert mich an die Inqui­si­tion im 15. Jahrhun­dert.

Weit­er­hin hat er als Chef der argen­tinis­chen Kirche Leute wie Chris­t­ian von Wer­nich als Priester geduldet – ein Priester, der schon zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, weil er während der Dik­tatur an Folterun­gen teil­nahm. Als PTS machen wir eine große Aufk­lärungskam­pagne über dieses The­ma. Wir mobil­isieren zu den großen Demon­stra­tio­nen am 24. März, dem Jahrestag des Mil­itär­putsches von 1976.

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