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„Zanon war und ist eine Schule der Klassensolidarität“

Ein Interview mit Paula Varela, Politikwissenschaftlerin und Dozentin an der Universität Buenos Aires. Vor kurzem hat sie ein Buch über die Basisgewerkschaftsbewegung in Argentinien veröffentlicht. Sie ist Mitglied der PTS und spricht am kommenden Samstag in Berlin auf einer Veranstaltung über die besetzte Keramikfabrik Zanon (mehr Infos unten).

Wie kann man sich die traditionelle Arbeiter*innenbewegung in Argentinien vorstellen?

Die argentinische Arbeiter*innenbewegung zeichnet sich durch zwei Elemente aus: erstens ein hoher Organisationsgrad, aber zweitens eine verstaatlichte Form der gewerkschaftlichen Organisation. Das existiert seit 1945, also seit der Regierung von Juan Perón.

Seit der Entstehung des Peronismus sind die Gewerkschaften sehr starke Institutionen, aber sehr abhängig vom Staat und unter Kontrolle einer mächtigen Bürokratie. Der marxistische Soziologe Juan Carlos Portantiero brachte das in den 70er Jahren auf den Punkt: „Der Peronismus hat mehr als genug Gewerkschaften, aber ihm fehlt genug Bourgeoisie.“ Und dieser Widerspruch besteht bis heute fort, auch wenn der Peronismus andauernd versucht, die Gewerkschaften zu schwächen und die Bourgeoisie zu stärken.

In den 70er und 80er Jahren schwankte der Organisationsgrad zwischen 60 und 70 Prozent. Heute liegt er bei 37 Prozent, was für die Region sehr hoch ist.

Das zweite Element ist eine starke Präsenz der Gewerkschaften an den Arbeitsplätzen, durch „interne Kommissionen“ (Betriebsräte) und „Delegiertenkörper“ (Vertrauensleute). Diese Strukturen waren in manchen historischen Momenten sehr konfrontativ gegenüber der Gewerkschaftsbürokratie. Diese Spannung fand ihren Höhepunkt während des revolutionären Aufschwungs der 70er Jahre, als viele Betriebsräte von der Linken angeführt wurden. So konnten sie 1975 einen Generalstreik organisieren, der den Wirtschaftsminister stürzte.

Und die Militärdiktatur, die ab 1976 in Argentinien an der Macht war, musste mit viel Gewalt gegen diese Betriebsräte vorgehen. Die Regierung bezeichnete sie als „Fabrik-Guerilla“ – aber meinte nichts anderes als gewerkschaftliche Organisationen unter der Führung von Strömungen, die sich revolutionär nannten.

Wie hat sich diese traditionelle Organisation nach 2003 verändert?

Die Basisgewerkschaftsbewegung, die ab 2003 immer stärker wird, entsteht in einem besonderen Kontext. Nach der tiefen Krise von 2001 kam es wieder zu Wirtschaftswachstum, auch die Arbeitslosigkeit ging zurück. Die neue Regierung unter Néstor Kirchner musste auf einige der zentralen Forderungen der Krise von 2001 eingehen, vor allem die Forderung nach Arbeit. Deswegen hat diese Regierung selbst versucht, die Gewerkschaften (und vor allem ihre Bürokratien) wieder zu stärken – genauso wie sie andere Institutionen des Staates wie die Präsidentschaft, das Oberste Gericht und das Parlament stärken wollte.

Diese Politik der Stärkung der Gewerkschaften führte zu etwas, was Soziolog*innen „unbeabsichtigte Folgen“ nennen. Denn auch die gewerkschaftlichen Strukturen an der Basis, an den Arbeitsplätzen, wurden stärker. Arbeiter*innen in Fabriken, in der U-Bahn, der Eisenbahn usw. haben ihre Betriebsräte zurückerobert. Es kam zu einer offenen Opposition gegen die peronistischen Gewerkschaftsbürokrat*innen.

Diese Basisgewerkschaftsbewegung wird von einer neuen Generation von Arbeiter*innen getragen. Die große Mehrheit der Betriebsräte, die sich nach 2003 bildeten, werden angeführt von jungen Arbeiter*innen um die 30 Jahre. Diese Arbeiter*innen haben die Niederlagen der neoliberalen Konterreformen der 90er Jahre nicht am eigenen Leib erfahren (auch wenn sie die Folgen sehen konnten). Das ist ein wesentlicher Unterschied. Diese Generation versteht sich nicht mehr als peronistisch, denn der Peronismus hat ihnen nie etwas gegeben, vielmehr hat er ihren Eltern alles weggenommen, deren sozialen Abstieg sie erlebten.

Und diese jungen Arbeiter*innen stellen die Prekarisierung in den Mittelpunkt: befristete Verträge, 11-Stunden-Arbeitstage, miserable Löhne usw..

Wie funktioniert die Basisgewerkschaftsbewegung in der Praxis?

Die Arbeiter*innen haben demokratische Versammlungen als Form gewählt, um ihre Kämpfe in ihre eigenen Hände zu nehmen. Das hängt mit der Tradition von 2001 zusammen. Aber die Versammlungen ermöglichten auch eine Politisierung der gewerkschaftlichen Kämpfe. Denn hier wird diskutiert: Wer sind die Feind*innen? Wer sind die Verbündeten?

Die Versammlungen definieren die kollektive Aktion. Für diese Orientierung war die Mitwirkung der klassenkämpferischen Linken – wie der PTS – wichtig. Denn diese Linke hat die Arbeiter*innendemokratie und die Selbstorganisierung als zentrales Element ihres Programms.

Die Basisgewerkschaftsbewegung arbeitet auch mit direkter Aktion: Streiks, Straßenblockaden, Demonstrationen. Und die Linke mit revolutionärem Selbstverständnis (in Argentinien ist das vor allem der Trotzkismus) gewinnt an Einfluss, mit Ideen, die dem Peronismus direkt entgegengesetzt sind, vor allem die politische Unabhängigkeit der Arbeiter*innenklasse und die Solidarität mit anderen Sektoren außerhalb der Fabrik.

Welche Rolle haben die Arbeiter*innen von Zanon in diesem Prozess gespielt?

Ich war vor 14 Jahren zum ersten Mal bei Zanon, kurz nach der Besetzung. Damals sind fünf Präsidenten innerhalb eines Monats gestürzt worden. Die Armut war überwältigend. Die Arbeitslosen hatten ihre eigenen Organisationen, komplett getrennt von den Arbeiter*innen, die noch Arbeit hatten. Das war die Politik der Gewerkschaftsbürokratie, aber auch der Mehrheit der Organisationen der Arbeitslosen.

Doch als wir zum Fabriktor kamen, um Solidarität zu übermitteln, hat ein Aktivist der Arbeitslosenbewegung das Tor aufgemacht. Ich konnte es nicht glauben. Diese Einheit zwischen Arbeiter*innen mit Arbeit und Arbeiter*innen ohne Arbeit war kein Zufall, es war Produkt der ausdrücklichen Politik der Führungsfiguren bei Zanon. Einheit nicht nur mit den Arbeitslosen, sondern auch mit dem indigenen Volk der Mapuche und auch mit den Bewohner*innen der Armenviertel. Zanon war und ist eine Schule der Klassensolidarität.

Zanon machte eine Erfahrung vor, die viele Sektoren der Arbeiter*innen in den folgenden Jahren ebenfalls durchmachen würden. Denn Zanon beginnt nicht mit der Besetzung und der Arbeiter*innenkontrolle in der Fabrik. Es beginnt mit der Eroberung des Betriebsrats durch eine klassenkämpferische Linke. Anders gesagt, es beginnt mit einem Prozess der gewerkschaftlichen Organisierung der Basis – demokratisch, kämpferisch, unabhängig. Und erst dieser Organisierungsprozess macht es möglich, dass die Arbeiter*innen, sobald die totale Krise des Unternehmens kommt und alle auf die Straße gesetzt werden, die Fabrik in ihre eigenen Hände nehmen können.

Wie kann man sich die Beziehung zwischen der Basisgewerkschaftsbewegung und der revolutionären Linken vorstellen?

Vor kurzem führte die Front der Linken und Arbeiter*innen (FIT) eine Kundgebung in einem Fußballstadium mit 20.000 Teilnehmerinnen durch. Darunter waren viele Betriebsräte und Vertrauensleute, die sich im letzten Jahrzehnt gestählt hatten. Ohne die Basisgewerkschaftsbewegung wäre eine Veranstaltung der trotzkistischen Linken mit Zehntausenden unmöglich. Aber auch die Linke hat diese Basisbewegung gestärkt. Denn es begann eine Debatte über den Zustand der Arbeiter*innen: Was wollen wir? Die Linke konnte hier viele Ideen beisteuern.

Arbeiter*innenbewegung und revolutionäre Linke sind nicht zwei getrennte Sachen. Viele Arbeiter*innen, die die Fahnen ihrer Gruppierungen und gewerkschaftlichen Strukturen trugen, waren vor 15 Jahren keine Trotzkist*innen – durch den Kampfprozess wurden sie Trotzkist*innen.

Die FIT konnte diese Politisierung vorantreiben, mit einem Diskurs und einer Praxis, die die Grenzen des „Möglichen“ verschoben hat. Das geschah nicht nur in den Arbeitsplätzen, sondern auch in den Massenmedien und im Parlament. Die Abgeordneten der FIT konnten die Zusammenarbeit der Gewerkschaftsbürokratie mit allen bürgerlichen Parteien anprangern. Und sie nahmen selbst an den radikalen Aktionen teil, und wurden auch Opfer von Polizeirepression.

Erst das machte dieses Event möglich, das man seit 30 Jahren nicht gesehen hat. Eine Front aus drei trotzkistischen Organisationen füllt ein Fußballstadium. Und unter den Zehntausenden Teilnehmer*innen machen die kämpferischen Arbeiter*innen einen großen Teil aus.

Zanon: Eine Fabrik ohne Chefs – Veranstaltung am 3.12. in Berlin

15 Jahre Produktion unter Kontrolle der Arbeiter*innen.

Samstag, 3. Dezember, 18 Uhr, im Versammlungsraum im Mehringhof, Gneisenaustr. 2a, U6/U7 Mehringdamm, Berlin.

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