Deutschland

"You're getting older" – Gipfelsturm mit 18, und mit 32

"Das Altwerden ist eine der größten Überraschungen, die der Mensch erlebt." – Leo Trotzki, Tagebuch im Exil, 8. Mai 1935. Unser Autor ist schon seit einer Weile bei Gipfelstürmen dabei – und stellt fest, dass es mit den Jahren nicht einfacher wird.

Im Sommer 2003 – vor mittlerweile 14 Jahren – bin ich abends am Potsdamer Hauptbahnhof in einen Zug gestiegen. Es war ein Sonderzug, der fast tausend Menschen durch ganz Deutschland nach Genf brachte. Denn auf der anderen Seite des Genfer Sees tagte ein G8-Gipfel im französischen Evian. Für die Reise hatte ich im Supermarkt am Bahnhof Proviante besorgt: Eine Packung „Cinnamon Toast Crunch“-Müsli und eine Flasche Wodka.

Im Zug sangen und tranken wir die ganze Nacht. In Genf angekommen, schlugen wir Zelte in einem Park auf. Hier ging die Party weiter. Aber früh morgens im Dunklen standen wir auf, um bei Sonnenaufgang auf einer wichtigen Brücke über der Rhone zu stehen. Diese Blockade konnten wir zusammen mit sehr entschlossenen Aktivist*innen aus Italien ein paar Stunden gegen Schweizer Riot Cops verteidigen.

Ehrlich gesagt sind meine Erinnerungen daran nicht mehr so gut. Aber ich weiß, dass ich mich damals nicht müde fühlte. Eine Freundin in meinem Alter schrieb über ihre Erfahrungen mit Gipfelstürmen:

Dass man älter wird, merkt man an den Augenringen bei Großprotesten. Mitte 20 hat man nach einigen kurzen Nächten gerade mal kleinere Augen. Ende 20 kommen blaue Augenringe. Mit 30 wird’s blau-lila. Und Mitte 30 entstehen da so komische Säcke, die fies herunter hängen. Und man checkt, wie man in 15 Jahren immer aussehen wird: Wie eine Frau, die ordentlich kämpft!

Ich war inzwischen bei vielen Gipfeln: Der EU-Gipfel in Barcelona im März 2002 mit 500.000 Demonstrant*innen (meine erste Großdemo!); 50.000 gegen die G8 in Evian im Juni 2003, 200.000 gegen die G8 in Gleneagles (Schottland) im Juli 2005, 80.000 gegen die G8 in Heiligendamm im Juli 2007, 80.000 gegen die G7 in Garmisch im Juni 2015… Dazu kommen noch mehrere europäische Sozialforen, und einiges werde ich vergessen haben.

Insgesamt hat die Bedeutung der Gipfelstürme für die Linke und die Arbeiter*innenbewegung abgenommen. Früher sind wir zur Demo gefahren, sobald sich die EU-Bildungsminister*innen irgendwo getroffen haben. Solche Events können junge Menschen politisieren – aber Gipfelhopping trägt auch nicht viel zum strategischen Aufbau einer revolutionären Arbeiter*innenbewegung bei.

Was hat sich bei mir verändern? Rückenschmerzen. Früher konnte ich tagelang auf einer Isomatte in einem Zelt schlafen. In Hamburg musste ich eine Unterkunft bei Freund*innen organisieren, und auch wenn ich fast vollständig auf Bier verzichtete, fühlte ich mich trotzdem verkatert.

Ich kann mich auch erinnern, dass ich mit 18 fast ein bisschen verbittert älteren Genoss*innen gegenüber war: Warum seid ihr nicht bei allem dabei? Mangelt es euch an revolutionärem Elan? Jetzt will ich für die Jüngeren deutlich machen: Das ist ganz einfach Biologie.

Aber deswegen organisieren wir uns: Arbeitsteilung im Sinne eines gemeinsamen politischen Ziels. Dieses Mal auf dem Gipfel saß ich viel im Presszentrum, um die Arbeit von fitteren Genoss*innen zu verbreiten. Und damit kann ich leben. Schließlich will ich mich auch nicht mehr von Wodka und Müsli ernähern. Aber gegen die Gipfel der Mächtigen kämpfe ich weiterhin gern.

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