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Wirecard: Hedgefonds machen Milliardengewinne, während tausende Beschäftigte um die Zukunft bangen

Innerhalb einer Woche stürzt der Finanzdienstleister Wirecard vom DAX-Liebling ab in die Insolvenz. Während Hedgefonds sich mit Wetten auf die Kursverluste eine goldene Nase verdienen, stehen 5.000 Beschäftigte im Regen. Vor dem Milliardenbetrug hat die Bankenaufsicht Bafin jahrelang die Augen verschlossen.

Wirecard: Hedgefonds machen Milliardengewinne, während tausende Beschäftigte um die Zukunft bangen

Bild: Der Wirecard-Sitz in Aschheim bei München, von Kaethe17, lizensiert unter CC BY-SA 4.0.

Im möglicherweise größten Betrugsfall der DAX-Geschichte dreht sich alles um den ehemaligen Wirecard-Chef Markus Braun. Am Montag hatte sich Braun der Staatsanwaltschaft München I gestellt – jedoch nicht ohne vorher selbst noch Wirecard-Aktien im Wert von bis zu 155 Millionen Euro zu verkaufen und damit noch einige Schäfchen ins Trockene zu bringen. Am Dienstagnachmittag wurde er nach einer Zahlung von fünf Millionen Euro Kaution wieder auf freien Fuß gesetzt.

Wie inzwischen überall bekannt ist, haben 1,9 Milliarden Euro aus der Bilanzsumme von Wirecard, die angeblich auf zwei philippinischen Konten liegen sollten, wahrscheinlich nie existiert. Braun muss davon gewusst haben, genauso wie sein langjähriger Vorstandskollege Jan Marsalek, der mutmaßlich auf den Philippinen untergetaucht ist.

Ans Licht kam dieser Betrug, nachdem Wirecard das Testat, also die Bestätigung der Richtigkeit der Unternehmensbilanz, verweigert wurde. Skandalös ist jedoch nicht nur der riesige Betrug selbst, sondern dass die Bankenaufsicht Bafin schon seit über einem Jahr durch Whistleblower über Unregelmäßigkeiten informiert war, die Financial Times ebenfalls schon 2019 über möglichen Bilanzbetrug bei Wirecard schrieb – doch die Staatsanwaltschaft München I erst vor Kurzem eingeschaltet wurde. Was hat die Bafin ein Jahr lang gemacht? Was haben die Wirtschaftsprüfer*innen jahrelang gemacht?

Wer gewinnt, wer verliert?

Die Wirecard-Insolvenz ist der größte und schnellste Absturz eines Unternehmens in der Geschichte des DAX. Innerhalb von nur einer Woche stürzte die Aktie von 104,50 Euro pro Stück auf 3,60 Euro ab (Stand Donnerstag, 25.6., 17:00 Uhr) – zwischenzeitlich war die Aktie sogar nur 2,50 Euro wert.

Dieser gigantische Absturz hat viele Verlierer*innen: Millionen von Kleinanleger*innen, nicht nur direkt bei Wirecard, sondern auch Kleinsparer*innen derjenigen Banken, die Wirecard mit Krediten in Höhe von zwei Milliarden Euro bedienten, welche mit der Insolvenz nun wegfallen werden. Außerdem 5.000 Wirecard-Arbeiter*innen, denen mit der Insolvenz eine ungewisse Zukunft droht. Sicherlich werden Investor*innen Teile von Wirecard für ’nen Apfel und ’n Ei aufkaufen – um dann wahrscheinlich genauso weiterzuspekulieren wie Braun und Konsorten.

Denn Wirecard ist nicht einfach ein „fauler Apfel“. Die dahinter liegende Spekulation hat System. Und so hat die Wirecard-Insolvenz auch fette Gewinner*innen: Mit Wetten auf den Kursverfall von Wirecard haben Hedgefonds laut einem Bericht der WirtschaftsWoche bis zu 3,3 Milliarden Euro Gewinn gemacht. Das perfide System: Sie haben sich auf dem hohen Kursstand von über 100 Euro Wirecard-Aktien geliehen, sie sofort weiterverkauft – und sie dann nach dem Kursverfall zu einem Spottpreis von wenigen Euro wieder zurückgekauft und zurückgegeben. Die Milliardendifferenz stecken sie in ihre eigenen Taschen.

Das können die Kleinsparer*innen und die Beschäftigten von Wirecard nicht. Sie stehen nun im Regen – vom Insolvenzverfahren werden sie sich wenig erhoffen können, da wahrscheinlich die Verluste der großen Gläubiger*innen zuerst bedient werden. Für die Kleinanleger*innen und die Beschäftigten wird nichts übrigbleiben.

Schuld sind nicht nur Braun und Wirecard, schuld ist das System

Es ist gut, dass Markus Braun und der Wirecard-Vorstand nun von vielen Seiten Hass abbekommen. Als schmierige Spekulant*innen haben sie nichts Besseres verdient. Doch es wäre zu kurz gedacht, die Schuld nur bei ihnen zu suchen. Es wäre sogar zu kurz gedacht, nur der Bankenaufsicht die Schuld zu geben, die ihren Kontrollaufgaben – ob absichtlich oder fahrlässig – nicht nachgekommen ist. Das Problem liegt viel tiefer: zum einen in den riesigen Schlupflöchern, die in den ohnehin extrem lockeren Regulierungsgesetzen zum Finanzsektor existieren, und die auch andere Skandale wie die Panama Papers oder Cum-Ex erst möglich gemacht haben; zum Anderen grundsätzlich in einem System, in welchem das Leben der Menschen von den Profitinteressen einiger weniger Kapitalist*innen und Spekulant*innen abhängt.

Die Süddeutsche Zeitung schreibt in einem Kommentar: „Erst kommen die Ermittler wie die Staatsanwaltschaft München I, durchsuchen Firmen, erwirken Haftbefehle – dann hinkt die Politik daher. Das war auch bei anderen Skandalen so. Bei den Abgasmanipulationen von VW, die nicht vom Kraftfahrt-Bundesamt entdeckt wurden, sondern von US-Behörden. Beim Steuerskandal Cum-Ex. Und so weiter. Das geht zurück bis zu der großen Finanzkrise 2007 und 2008, als zahlreiche Großbanken sich verspekulierten und auch vom deutschen Staat gerettet werden mussten, um noch größeren Schaden für das Finanzsystem und die Gesellschaft abzuwenden. […] Aufsichtsbehörden, die keinen Durchblick haben, was windige Finanzakrobaten treiben – das ist die Linie von der Bankenkrise über Cum-Ex bis zu Wirecard. Und es gibt eine Linie bei den politisch Verantwortlichen – von Peer Steinbrück über Wolfgang Schäuble bis hin zu Olaf Scholz.“

Es sind die Regierungen, die kein Interesse daran haben, zu verhindern, dass auf dem Rücken von Beschäftigten und Kleinsparer*innen Milliarden gescheffelt werden. Im Gegenteil ist es gerade ihr Job, dieses System zu verteidigen. Möglicherweise wird Markus Braun am Ende im Knast landen – das werden wir feiern. Doch zufrieden geben wir uns erst, wenn auch Steinbrück, Schäuble, Scholz und Konsorten im Knast sitzen, und wenn wir dieses System gestürzt haben, in dem die Profitinteressen einiger weniger mehr wert sind als das Leben der großen Mehrheit.

 

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