Frauen und LGBTI*

Wir wollen ein Recht auf Abtreibung – aber auch noch viel Mehr!

Am Samstag findet wieder der sogenannte "Marsch für das Leben" gegen das Recht auf Abtreibung statt. Lena, Rebecca und Lilly erklären, worum es diesen Reaktionären geht, weshalb die Frage der Abtreibung eine Klassenfrage ist, und unter welchen Bedingungen erst eine wirklich freie Entscheidung über das Kinderkriegen möglich ist - und sie teilen einige Überlegungen, wie wir dies erkämpfen können.

Wir wollen ein Recht auf Abtreibung – aber auch noch viel Mehr!

Seit 2008 find­et der soge­nan­nte „Marsch für das Leben“ in Berlin statt. Hin­ter diesem unver­fänglich wirk­enden Titel ver­sam­meln sich jährlich tausende Men­schen, um gegen Abtrei­bun­gen zu demon­stri­eren.

Dort anwe­send ist eine Mis­chung aus erzkatholis­chen und evan­ge­likalen Grup­pen, Recht­sex­tremen, sowie Mit­gliedern der AfD. Die CDU/CSU schick­te in der Ver­gan­gen­heit Gruß­worte – wom­it zum einen offen­sichtlich wird, dass auch die Regierung poten­tiell hin­ter diesen reak­tionären Mei­n­un­gen ste­ht, und zum anderen bei genau solchen The­men Übere­in­stim­mungen zwis­chen „rechtem Rand“ und ver­meintlich gemäßigten Parteien öffentlich zur Schau gestellt wer­den.

„Marsch für das Leben“ – antifeministisch, rassistisch, homophob

Der Zugang zu Abtrei­bung – welche in Deutsch­land immer noch nur in bes­timmten Fällen straf­frei ist – ist eines der grundle­gend­sten Rechte für Frauen, um über den eige­nen Kör­p­er zu entschei­den. Dass diese Reak­tionäre es nun angreifen, zeigt deut­lich auf, dass ihr son­stiges Gerede über den Schutz von Frauen­recht­en nichts mehr ist, als ein Deck­man­tel für den bru­tal­sten Ras­sis­mus.

Die ras­sis­tis­che und migra­tions­feindliche Agen­da dieser Grup­pen wird neben dem leicht zu erken­nen­den Antifem­i­nis­mus auch bei dieser Demo spätestens bei der ekel­haft-zynis­chen Forderung nach ein­er „Willkom­men­skul­tur für jedes unge­borene Kind“ deut­lich. Als wäre das nicht schon genug anschlussfähig für recht­sex­tremes Gedankengut, set­zen die Ver­anstal­ter Schwanger­schaftsab­brüche auch noch mit Euthanasie gle­ich und rel­a­tivieren so einige der grausam­sten Ver­brechen des NS-Regimes. Dass in ein­er der­art kon­ser­v­a­tiv­en Weltan­schau­ung auch kein Platz für LGBTQI*-Personen ist, leuchtet schnell ein und wird nochmal deut­lich, wenn man sich das trans – und homo­phobe Vok­ab­u­lar („Gen­der­wahn“ etc.) beteiligter Grup­pen ins Gedächt­nis ruft.

Die Bewe­gung set­zt sich allerd­ings nicht nur gegen Abtrei­bun­gen ein, son­dern hat auch ein Prob­lem mit Sex­u­alkunde (a.k.a. „Früh­sex­u­al­isierung“) und tritt auch nir­gends als Kon­se­quenz für leicht zugängliche Ver­hü­tungsmit­tel ein – dabei wür­den doch ger­ade diese Abtrei­bun­gen ver­hin­dern. Dies zeigt ganz ein­deutig die Wider­sprüch­lichkeit dieser Posi­tio­nen: Es geht hier nicht um das Woh­lerge­hen eines jeden Men­schen, son­dern um den „Schutz“ eines ganz bes­timmten Lebensen­twurfs.

Beson­ders offen­sichtlich wird die Falschheit der „Lebenss­chützer“, wenn wir bedenken, dass Abtrei­bun­gen schon immer, auch ohne rechtliche Grund­lage, stattge­fun­den und so viele Men­schen­leben gekostet haben – in vie­len Län­dern der Welt sind ille­gale Abtrei­bun­gen noch heute eine der Haupt­todesur­sachen von jun­gen Frauen. Ein Ver­bot treibt Frauen (und Men­schen ander­er Geschlechter, die eben­so schwanger wer­den kön­nen) in die Ille­gal­ität und zwingt sie zur schut­zlosen Aus­liefer­ung ihrer Kör­p­er, ohne die Möglichkeit sich zu wehren.

Abtreibung: Eine Klassenfrage

Außer­dem wer­den sowohl die Ver­ant­wor­tung für das Kind, als auch die Schuld an (ille­gal­isierten) Abtrei­bun­gen von den „Lebenss­chützern“ nur auf den Schul­tern der Frauen abge­laden.

Soziale Gründe, welche Men­schen zu Abtrei­bun­gen bewe­gen, wer­den hinge­gen gar nicht adressiert, größ­ten­teils wird sich sog­ar noch gegen eine Verbesserung einge­set­zt.

Dabei ist ein Haupt­grund für Abtrei­bung, dass es sich viele schlicht nicht leis­ten kön­nen, ein Kind zu ernähren. An dieser Stelle wird auch ganz deut­lich, dass die Abtrei­bungs­frage auch immer eine Klassen­frage ist. Reiche Frauen müssen sich nicht um die Legal­ität von Schwanger­schaftsab­brüchen küm­mern: Sie haben genü­gend Ressourcen, um sich im Not­fall im Aus­land ein­er pro­fes­sionellen und hygien­is­chen Abtrei­bung zu unterziehen. Sie müssen auch keine schlecht­en Teilzeitjobs übernehmen, um ihre Kinder ernähren zu kön­nen. Ein Ver­bot schadet also vor allem Arbei­t­erin­nen.

Das ist auch kein Zufall. Denn indem sie uns repro­duk­tive Rechte ver­weigern, brin­gen sie unseren Kör­p­er unter Kon­trolle und zwin­gen uns, eine kom­mende Gen­er­a­tion von Arbeiter*innen zu „pro­duzieren“, die die Prof­it­mas­chine der Kapitalist*innen weit­er am Laufen hal­ten.

Die ver­meintlich human­is­tis­chen Ansätze der „Lebenss­chützer“ schützen vor allem also eins: die Inter­essen des Kap­i­tals.

Wir wehren uns!

Wir wehren uns gegen jeden Ver­such, uns den Zugang zu Abtrei­bung zu erschw­eren – und wir kämpfen dafür, ihn immer mehr zu erweit­ern. Deshalb fordern wir als erste Maß­nahme die Abschaf­fung des im Strafge­set­zbuch ver­ankerten Para­graphen §218 zum Schwanger­schaftsab­bruch.

Jede schwan­gere Frau (eben­so wie jed­er Men­sch eines anderen Geschlechts) sollte das Recht haben, zu entschei­den, ob sie eine Abtrei­bung vornehmen möchte oder nicht. Im Fall ein­er Entschei­dung für die Abtrei­bung sollte sie ohne Wenn und Aber unter­stützt wer­den.

Darüber hin­aus wollen wir aber noch viel mehr.

Wir wollen, dass Abtrei­bun­gen prinzip­iell bedin­gungs­los, kosten­los, ohne Fris­ten und unter hygien­is­chen Bedin­gun­gen vorgenom­men wer­den, unab­hängig von Alter, Ver­sicherung, Aufen­thaltssta­tus, Einkom­men etc. Im Vor­feld wollen wir eine gute Sex­u­alaufk­lärung vom frühen Kinde­salter an, in der neben den biol­o­gis­chen Erk­lärun­gen auch über die Rechte jed­er einzel­nen Per­son aufgek­lärt wird.

Aufklärungsunterricht, um zu entscheiden!

Wir wollen ler­nen, dass Frauen eben­so wie Män­ner über eine Sex­u­al­ität ver­fü­gen und dass auch Frauen und alle Men­schen, die nicht der Het­ero- und Cis-Norm entsprechen, das Recht haben, diese zu genießen. Wir wollen alle Geschlechter in ihrer Sex­u­al­ität bestärken, jen­seits von Bina­rität und Het­ero­nor­ma­tiv­ität, und nicht kon­ser­v­a­tive Fam­i­lien- und Geschlechter­rollen beige­bracht bekom­men. Dazu gehört auch, das The­ma des Kon­sens aus­führlich zu disku­tieren und Men­schen von klein auf beizubrin­gen, dass sie keines­falls verpflichtet sind, sex­uelle „Gefäl­ligkeit­en“ irgendwelch­er Art zu erweisen. Jede*r muss ler­nen, dass sie immer „Nein“ sagen dür­fen, ohne sich dafür zu schä­men oder ein schlecht­es Gewis­sen zu haben. Alle müssen eben­so ler­nen, dass ein „Nein“ nichts anderes als „Nein“ bedeutet und dass dies ohne Weit­eres hinzunehmen ist. Wir wollen diese Art der Aufk­lärung kosten­los und in ver­schiede­nen Sprachen, damit sie für alle zugänglich ist.

Wir ver­lan­gen kosten­lose Ver­hü­tungsmit­tel für alle, inklu­sive der Pille danach, die derzeit je nach enthal­tenem Wirk­stoff 18 bis 35 Euro kostet. Das ist prinzip­iell unver­schämt, aber ganz beson­ders schwierig aufzubrin­gen für Men­schen, die der Arbeiter*innenklasse ange­hören und wenig Geld haben. Es gibt keinen Recht­sanspruch auf Kostenüber­nahme für Ver­hü­tungsmit­tel für Men­schen, die Hartz IV bekom­men, oder für Men­schen, die Asyl beantragt haben. Sollen wir etwa ein­fach auf unsere Sex­u­al­ität verzicht­en?!

Wir wollen, dass Schwan­gere die Möglichkeit, nicht die Verpflich­tung haben, eine langfristige psy­chol­o­gis­che Betreu­ung wahrzunehmen – auch diese kosten­los und in ver­schiede­nen Sprachen.

Unabhängig von Staat, Kapital und Kirche

All diese Maß­nah­men wollen wir unab­hängig von Staat, Kirche und Kap­i­tal und den Parteien, die ihre Inter­essen vertreten. Wir wollen, dass sie voll­ständig aus­fi­nanziert wer­den und dass sie unter unser­er Kon­trolle ste­hen.

Wir ver­lan­gen, dass ein Leben mit Kindern für alle Men­schen möglich ist – befre­it von ökonomis­chen Zwän­gen. Dazu gehören u.a. kosten­lose Ernährung, 24 Stun­den am Tag Betreu­ungsange­bote und bei Bedarf beson­dere Erziehung und Hil­fe rund um die Uhr, kosten­los und mehrsprachig, bei guten Arbeits­be­din­gun­gen für diejeni­gen, die diese Hil­fe leis­ten.

Wir wollen Gesund­heit in unserem Inter­esse und nicht im Inter­esse von Staat, Kirche, Phar­main­dus­trie und Kap­i­tal an sich. Wir wollen nicht nur ger­ade gesund genug sein, um unsere Arbeit­skraft nach Kräften aus­beuten zu lassen. Unsere Kör­p­er sollen uns gehören, und nicht mehr ihren Prof­iten unter­wor­fen wer­den.

Eine Massenbewegung – wie in Polen und im Spanischen Staat

Wir wis­sen, dass unsere Forderun­gen nicht ein­fach durch nette Bit­ten an den Staat und die bürg­er­lichen Parteien erfüllt wer­den. Wir müssen für mehr Rechte kämpfen, auf der Straße, in unser­er Fam­i­lie, in den Schulen und Unis und vor allem in den Betrieben. Das Beispiel der Frauen­be­we­gung in Polen, die gegen die weit­ere Ver­schär­fung des Abtrei­bungsrechts let­ztes Jahr gestreikt hat, und der monate­lange Kampf der Frauen­be­we­gung im Spanis­chen Staat haben uns gezeigt, dass es möglich ist, Angriffe auf unsere Rechte zurück­zuschla­gen, wenn wir eine Massen­be­we­gung auf den Straßen wer­den.

Um wirk­lich gewin­nen zu kön­nen, müssen wir nicht nur die Forderun­gen von uns Frauen – und zwar von allen Frauen, seien sie cis oder trans, het­ero, les­bisch oder bi, Schwarz oder weiß, jeglichen Aufen­thaltssta­tuss­es oder Nation­al­ität, Haus­frau oder Lohnar­bei­t­erin – auf die Straße tra­gen, son­dern auch Verbindun­gen mit anderen Sek­toren auf­bauen. Beson­ders das Bünd­nis mit Men­schen, die von Ras­sis­mus betrof­fen sind, soll­ten wir suchen. Denn nicht nur sind viele von uns Frauen eben­so davon betrof­fen, son­dern wir haben auch alle einen gemein­samen Feind: Die gle­ichen Leute, die heute gegen das Recht auf Abtrei­bung demon­stri­eren – mit genü­gend ras­sis­tis­chen Unter- und Obertö­nen – , brin­gen an anderen Tagen ihre ras­sis­tis­che Agen­da auf die Straße, ins Par­la­ment und in die Regierungsstuben.

Gemeinsam mit den Arbeiter*innen

Ger­ade in Berlin soll­ten wir auch Verbindun­gen mit den Kämpfen im Gesund­heitssek­tor knüpfen. Die Beschäftigten der out­ge­sourcten Tochterun­ternehmen von Char­ité und Vivantes haben in den let­zten Monat­en gestreikt und auch die Pfleger*innen der Char­ité steck­en in einem Arbeit­skampf. In ihrem Kampf geht es let­ztlich darum, in wessen Inter­esse unser Gesund­heitssys­tem organ­isiert wer­den soll – in unserem oder dem der Unternehmen. Und damit geht es auch um die Frage: Wem gehören unsere Kör­p­er?

Um unsere Forderun­gen wirk­lich durchzuset­zen, müssen wir let­ztlich den Kap­i­tal­is­mus stürzen. Denn solange er existiert, gibt es Bosse, die ver­suchen, unsere Kör­p­er ihren Prof­iten unterzuord­nen. Dafür ist die Ein­heit mit der gesamten Arbeiter*innenklasse notwendig, denn sie allein hat die Macht, dieses Sys­tem zu stürzen.

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