Jugend

“Wir verschaffen Geflüchteten Gehör”

SCHULSTREIK: Am kommenden Donnerstag planen Schüler*innen in Berlin und anderen Städten einen Streik. Sie wenden sich gegen die Verschärfungen des Asylrechts und Angriffe von rechts. Ein Interview mit Max (17), Schüler an der Sophie-Scholl-Oberschule in Berlin und aktiv im Bündnis "Refugee Schul- und Unistreik".

Ver­gan­gene Woche demon­stri­erten 5.000 Men­schen in Berlin mit der AfD gegen Geflüchtete. Wie wollt ihr als Schüler*innen darauf antworten?

Wir pla­nen einen Streik an Schulen und Uni­ver­sitäten am kom­menden Don­ner­stag. Damit fordern wir volle Staatsbürger*innenrechte für alle Geflüchteten und ein Ende der recht­en Angriffe.

Ver­gan­genen Sam­stag hat die Polizei die Demon­stra­tion der AfD geschützt und 79 Gegendemonstrant*innen festgenom­men. Freund*innen von mir wur­den geschla­gen, weil sie sich ange­blich zu langsam von der Straße ent­fer­nt hät­ten. Ich selb­st wurde auch ver­haftet.

Daran sieht man wieder, dass die Polizei nicht gewil­lt ist, gegen die rechte Gewalt vorzuge­hen. Bei Bran­dan­schlä­gen auf Heime von Geflüchteten wird oft – absur­der­weise – nicht von einem frem­den­feindlichen Hin­ter­grund aus­ge­gan­gen. Auf die Polizei kann man sich nicht ver­lassen. Deswe­gen set­zen wir auf eigene Mobil­isierun­gen. Unser Ziel sind Selb­stvertei­di­gungsstruk­turen, gebildet aus Geflüchteten, linken Aktivist*innen und Jugendlichen.

Was plant ihr?

Am Don­ner­stag wer­den wir unsere Klassen­z­im­mer und Hörsäle ver­lassen. Aus ver­schiede­nen Bezirken kom­men “Zubringerdemos” zur Auf­tak­tkundge­bung am Pots­damer Platz. Beim let­zten Streik im April waren wir 7.000 – hof­fentlich kön­nen wir die Zahl noch erhöhen.

Unser Bünd­nis hat im Feb­ru­ar 2014 zum ersten Mal einen Schul­streik organ­isiert, damals gegen die Räu­mung der Geflüchteten am Oranien­platz. Das ist jet­zt unser viert­er Streik. Zeit­gle­ich wollen Schüler*innen in Frank­furt am Main und Bre­men ähn­liche Aktio­nen organ­isieren.

Wir richt­en uns gegen Pegi­da und den Ras­sis­mus auf der Straße. Aber auch gegen die Ver­schär­fung der Asylge­set­ze und die katas­trophale Unter­bringung der Geflüchteten, also den Ras­sis­mus des Staates. Denn der insti­tu­tionelle Ras­sis­mus ist kein biss­chen bess­er. Ein Beispiel ist, dass jet­zt darüber disku­tiert wird, Men­schen nach Afghanistan abzuschieben – während die Bun­desregierung mehr Soldat*innen hin­schick­en will.

Warum organ­isiert ihr einen Streik und nicht etwa eine Klei­der­spende?

Die Schule ist der Ort, wo Jugendliche die meiste Zeit ver­brin­gen und auch ihre Mei­n­un­gen bilden – hier wollen wir den Stim­men der Geflüchteten Gehör ver­schaf­fen. Wir holen die jun­gen Leute ab, wo sie sind. Außer­dem ist die Schule ein kap­i­tal­is­tis­ches Instru­ment, um junge Men­schen zu diszi­plin­ieren und dem Sys­tem gefügig zu machen. Wenn der Staat merkt, dass die Schüler*innen wegen der ras­sis­tis­chen Geset­ze keinen Bock mehr haben, entste­ht ein Schaden in diesem Kreis­lauf. Damit wollen wir Druck auf­bauen.

Ich habe den Ein­druck, dass die ras­sis­tis­che Het­ze in den Schulen nicht so stark ist wie ander­swo. Bei Pegi­da- und AfD-Demos sieht man, dass der Alters­durch­schnitt bei 50 Jahren liegt, während die Gegendemonstrant*innen eher jung sind. Junge Men­schen sind oft offen­er und link­er, und wir find­en es wichtig, dass der Jugend im öffentlichen Diskurs zuge­hört wird.

In den ver­gan­genen Wochen haben wir Zehn­tausende Fly­er verteilt und vor vie­len Schulen Kundge­bun­gen gemacht. Eine Lehrerin meinte ver­gan­gene Woche, der Schul­streik sei unnötig, weil sie in Deutsch­land keinen Ras­sis­mus erken­nen könne. Ich wollte ihr ein paar Beispiele geben, aber dann hat sie das The­ma abge­brochen.

Oft sind Lehrer*innen und Schulleiter*innen gegen solche Streiks.

Viele sagen, dies sei ver­boten. Aber wir wis­sen, dass das Recht auf freie Mei­n­ungsäußerung über der Schulpflicht ste­ht. Auch wenn es in der Schulzeit ist, lassen wir uns das Ver­samm­lungsrecht nicht ver­bi­eten. Bei jün­geren Schüler*innen kön­nen Dro­hun­gen wirken. Deswe­gen klären wir sie über ihre Rechte auf.

Auch die Gew­erkschaft Erziehung und Wis­senschaft, GEW, hat in der Ver­gan­gen­heit unsere Streiks begrüßt und ihre Mit­glieder aufge­fordert, keine Sank­tio­nen gegen streik­ende Schüler*innen zu ver­hän­gen. Wir hof­fen, sie macht das nochmal. Denn es ist für Schüler*innen hart, gegen die Lehrer*innen aufzuste­hen.

dieses Inter­view in der jun­gen Welt

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