Geschichte und Kultur

Wer waren die K‑Gruppen? Kleine Geschichte des deutschen Maoismus (Teil 1)

"Die rote Sonne grüßt Mao Tse-Tung" – an deutschen Universitäten der 70er Jahre tönte diese Melodie neben vielen anderen maoistischen Hymnen. Viele Studierende in Westdeutschland, die ab 1968 politisiert wurden, verbanden ihre Hoffnung auf gesellschaftliche Verbesserung mit der Volksrepublik China. Sie wurden bitter enttäuscht. Vom Maoismus in Deutschland bleibt heute kaum ein Schatten übrig – lohnt es sich trotzdem, mit der Geschichte der "K-Gruppen" auseinanderzusetzen? Ja.

Wer waren die K-Gruppen? Kleine Geschichte des deutschen Maoismus (Teil 1)

Teil 1: Warum schreiben wir das überhaupt?

Fan­gen wir mit einem Auszug aus einem Man­i­fest an. Es heißt: “Deutsch­land dem Deutschen Volk”.

Schöpfen wir also aus unser­er schö­nen deutschen Sprache” sowie aus “unser­er schö­nen deutschen Heimat mit ihren Wäldern und Wei­den, Bergen und Tälern, Flüssen”

“Wir schöpfen aus der psy­chis­chen Wesen­sart des deutschen Volkes. Wir schöpfen aus seinem Arbeits­fleiß und seinem Ord­nungssinn”

“Wir schöpfen aus den unvergänglichen Denkmälern, die von der Größe der deutschen Kul­tur kün­den, den hochauf­streben­den, in ihrer Schön­heit und Lin­ien­strenge unver­gle­ich­lichen Domen von Köln und Meißen”

“Das Nation­al­be­wusst­sein des deutschen Volkes entwick­eln” für “die Wiedervere­ini­gung unseres Vater­lan­des”

Von welch­er Partei wird das stam­men? Von der NPD? Vielle­icht vom recht­en Flügel der CSU?

Nein und nein. Die Autor*innen nan­nten sich nicht nur “Kom­mu­nis­tis­che Partei Deutsch­lands”, son­dern gaben sich auch den Zusatz “Marx­is­ten-Lenin­is­ten”. Die KPD/ML war eine von sechs größeren Grup­pen der maois­tis­chen Bewe­gung in Deutsch­land, die von Ende der 60er bis Anfang der 80er existierten.

Im Kom­mu­nis­tis­chen Man­i­fest schrieben Karl Marx und Friedrich Engels den berühmten Satz: “Die Arbeit­er haben kein Vater­land.” Die maois­tis­chen “K‑Gruppen” – die sich selb­st meist als “ML-Grup­pen beze­ich­neten, aber heute auf­grund ihrer mit K begin­nen­den Kürzel so genan­nt wer­den – hiel­ten nicht viel von diesem marx­is­tis­chen Grundgedanken. Die KPD/ML hat­te ein eigenes Deutsch­land­lied.

War das nur ein Aus­rutsch­er der KPD/ML? Nein. Zur gle­ichen Zeit forderte die KPD/AO die Stärkung der Bun­deswehr und der NATO. Und das waren die bei­den K‑Gruppen, die sich am peni­bel­sten an der poli­tis­chen Lin­ie der Volk­sre­pub­lik Chi­na – also des Mao­is­mus – ori­en­tierten.

Die deutschen Maoist*innen sahen die Bun­desre­pub­lik nicht als eine der größten impe­ri­al­is­tis­chen Mächte der Erde (wenn auch den USA unterord­net), son­dern als eine Art beset­zte und geteilte Kolonie.

Relevant?

Komis­che Grup­pen – aber irgend­wie rel­e­vant? Haben wir es nicht mit lächer­lichen Sek­ten zu tun, die vor Jahrzehn­ten auf dem Müll­haufen der Geschichte ver­schwun­den sind?

Lei­der nicht. Denn die maois­tis­chen Ver­bände in der Bun­desre­pub­lik organ­isierten auf ihrem Höhep­unkt Mitte der 70er Jahre zwis­chen 10.000 und 20.000 Mit­glieder und Sympathisant*innen. Andreas Kühn, ein bürg­er­lich­er His­torik­er, schätzt, dass bis zu 150.000 Men­schen “in den 70er Jahren in irgen­dein­er Weise die K‑Gruppen durch­laufen” haben. (1)

Aber nicht nur his­torisch sind die K‑Gruppen inter­es­sant. Schauen wir uns mal das Spitzen­per­son­al im Regime der deutschen Bour­geoisie an, vor allem um die Jahrtausendwende herum:

Jür­gen Trit­tin
Damals: Mit­glied des Kom­mu­nis­tis­chen Bunds (KB) an der Uni­ver­sität Göt­tin­gen
Später: Bun­desumwelt­min­is­ter (1998–2005), Frak­tionsvor­sitzen­der der Grü­nen im Bun­destag (2009–13)

Joscha Schmier­er
Damals: Sekretär des Zen­tralkomi­tees des Kom­mu­nis­tis­chen Bunds West­deutsch­lands (KBW)
Später: Mitar­beit­er im Pla­nungsstab des Auswär­ti­gen Amtes (1999–2007)

Chris­t­ian Sem­ler
Damals: Sekretär des Zen­tralkomi­tees der Kom­mu­nis­tis­chen Partei Deutsch­lands / Auf­bauor­gan­i­sa­tion (KPD/AO)
Später: Führen­der Redak­teur bei der taz (1989–2013)

Ulla Schmidt
Damals: Mit­glied des Kom­mu­nis­tis­chen Bunds West­deutsch­lands (KBW) in Aachen
Später: Bun­des­ge­sund­heitsmin­is­terin (2001–09), SPD

Jür­gen Reents
Damals: Her­aus­ge­ber der Zeitung des Kom­mu­nis­tis­chen Bunds (KB) in Ham­burg
Später: Chefredak­teur der Zeitung “Neues Deutsch­land” von der PDS / der Linkspartei (1999–2012)

Berthold Huber
Damals: Mit­glied des Kom­mu­nis­tis­chen Arbeit­er­bunds Deutsch­lands (KABD) in Ulm
Später: Vor­sitzen­der der Indus­triegew­erkschaft Met­all (IGM) (2007–13)

Win­fried Kretschmann
Damals: Mit­glied des Kom­mu­nis­tis­chen Bunds West­deutsch­lands (KBW) in Stuttgart
Später: Min­is­ter­präsi­dent von Baden-Würt­tem­berg, Grüne (2011-heute)

Rein­hard Bütikofer
Damals: Mit­glied des Kom­mu­nis­tis­chen Bunds West­deutsch­lands (KBW) in Hei­del­berg
Später: Vor­sitzen­der der Grü­nen (2002–09) und Mit­glied des Europa­parla­ments (2009–14)

Man kön­nte fast den Ein­druck gewin­nen, dass der deutsche Mao­is­mus in der Zeit der rot-grü­nen Bun­desregierung unter Ger­hard Schröder und Josch­ka Fis­ch­er die poli­tis­che Macht in der BRD über­nom­men hätte. Aber es wäre etwas präzis­er zu sagen, dass die maois­tis­chen Organ­i­sa­tio­nen das Ver­wal­tungsper­son­al des deutschen Impe­ri­al­is­mus aus­ge­bildet hat­ten.

Literatur

Bevor wir in die Geschichte der K‑Gruppen ein­steigen, ein klein­er Hin­weis: Diese kurzen Artikel wer­den nur einen groben Überblick des deutschen Mao­is­mus geben kön­nen. Deswe­gen veröf­fentlichen wir am Anfang einige Lit­er­atur­tipps, die viel inter­es­santes Mate­r­i­al bieten:

  • Anonymes Autor*innenkollektiv: Wir warn die stärk­ste der Partein… Berlin 1977.
  • Jan-Ole Arps: Früh­schicht. Linke Fab­rik­in­ter­ven­tio­nen in der 80er Jahren. Berlin 2011.
  • Gerd Kor­nen: Das rote Jahrzehnt: Unsere kleine deutsche Kul­tur­rev­o­lu­tion 1967–1977. Köln 2001.
  • Andreas Kühn: Stal­ins Enkel, Maos Söhne. Die Lebenswelt der K‑Gruppen in der Bun­desre­pub­lik der 70er Jahre. Frank­furt am Main 2005.
  • Peter Schwarz: Marx­is­mus gegen Mao­is­mus. Die Poli­tik der MLPD. Essen 1998.
    (Dieses kleine Buch stammt von der Vor­läufer­or­gan­i­sa­tion der heuti­gen Partei für Soziale Gle­ich­heit. Lei­der hat sich die PSG inzwis­chen erhe­blich von trotzk­istis­chen Posi­tio­nen ent­fer­nt.)
  • Michael Stef­fen: Geschicht­en vom Trüf­felschwein. Poli­tik und Organ­i­sa­tion des Kom­mu­nis­tis­chen Bun­des 1971 bis 1991. Berlin 2002.

 

Im näch­sten Teil beschäfti­gen wir uns mit der Entste­hung der K‑Gruppen.

Fußnoten

(1) Andreas Kühn: Stal­ins Enkel, Maos Söhne. Die Lebenswelt der K‑Gruppen in der Bun­desre­pub­lik der 70er Jahre. Frank­furt am Main 2005. S. 287.

One thought on “Wer waren die K‑Gruppen? Kleine Geschichte des deutschen Maoismus (Teil 1)

  1. Felix sagt:

    Sehr sin­nvolle Artikelserie, bitte auf jeden Fall zu Ende brin­gen!

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