Frauen und LGBTI*

Was tun bei sexueller Belästigung an der Uni?

Sexuelle Gewalt ist ein alltägliches Phänomen für alle Frauen. Auch Studentinnen werden ständig Opfer von sexueller Belästigung. In Chile konnte nun durch die Mobilisierung der Student*innen ein sexistischer Professor entlassen werden. Ein Beispiel, das weit über den Atlantik reicht.

Was tun bei sexueller Belästigung an der Uni?

Der Fall geht zurück bis ins Jahr 2013. Damals lernte María Igna­cia León den Geschicht­spro­fes­sor Fer­nan­do Ramirez an der Uni­ver­si­dad de Chile ken­nen. Er galt als renom­miert­er Akademik­er und war durch sein Charis­ma und dynamis­chen Unter­richtsstil unter den Student*innen beliebt. Auch María ver­stand sich gut mit ihm, weshalb Ramirez ihr anbot, ihn bei den Exkur­sio­nen zu begleit­en, die er regelmäßig ver­anstal­tet. Sie nahm an, um sich etwas extra zu ver­di­enen, doch die Vor­gaben waren bru­tal. „Wenn ich nicht ans Tele­fon ging, schrie er mich an. Wenn ich nicht sofort bei What­sApp antwortete, beschimpfte er mich. Ich hielt das aus, da ich mir keine schlechte Beziehung zu ihm leis­ten kon­nte“, sagt die Betrof­fene.

Im darauf­fol­gen­den Jahr brachte er sie dazu, die stu­den­tis­che Hil­f­skraft in seinem Kurs „His­torische Geo­gra­phie“ zu wer­den. Was als nüt­zlich­er Ein­trag auf dem Lebenslauf gedacht war, endete in ein­er immer größeren Kon­trolle über ihr Leben von Seit­en von Ramirez. Er ver­bot ihr, Beziehun­gen zu führen, da diese von der „Arbeit ablenken“ wür­den. Als sie krank war, besuchte er sie sog­ar im Haus ihrer Mut­ter – in ein­er anderen Stadt.

All das kul­minierte im Mai 2015, als Ramirez ein Tre­f­fen mit María anber­aumte, um sie damit zu kon­fron­tieren, dass sie einen neuen Fre­und hat­te. Als Kon­se­quenz dessen entließ er sie von ihrer Stelle als stu­den­tis­che Hil­f­skraft. Auch wenn sie nach weit­eren Gesprächen erre­ichte, dass Ramirez sie wieder ein­stellte, änderte dieser Tag alles. „An diesem Tag stellte ich zum ersten Mal fest, dass er mich nach seinem Willen manip­ulierte und das ich es, aus Grün­den die ich immer noch nicht kenne, erlaubte.“

Im Okto­ber sel­ben Jahren reichte sie bei der Fakultät­sleitung eine offizielle Anzeige ein und die Unter­suchun­gen began­nen. Doch sie ver­ließ sich nicht darauf, dass die Autoritäten ihren Fall lösen wür­den. In ein­er Vol­lver­samm­lung berichtete sie ihren Kommiliton*innen vom sys­tem­a­tis­chen Macht­miss­brauch des Pro­fes­soren und alle unter­stützen sie. Schnell wurde eine Ethik-Kom­mis­sion gegrün­det, die María begleit­en und anderen Stu­dentin­nen die Möglichkeit geben sollte, ähn­liche Fälle offen­zule­gen. Auch die Kom­mis­sion für Geschlecht und Sex­u­al­ität, die sich 2011 an der Geschichts­fakultät etabliert hat­te, nahm sich des Falls an. Im Laufe der Monate brachen weit­ere Stu­dentin­nen das Schweigen und berichteten von ähn­lichen Fällen.

Das war der Beginn eines beispiel­haften Organ­isierungs- und Mobil­isierung­sprozess­es, der mit der Ent­las­sung des sex­is­tis­chen Pro­fes­soren Ramirez vor weni­gen Tagen endete. Mas­sive Ver­samm­lun­gen und Infor­ma­tionsver­anstal­tun­gen wur­den abge­hal­ten, Aufk­lärungsplakate gek­lebt und anti­sex­is­tis­che Fly­er verteilt. Mehrere Tausend Student*innen der Uni­ver­sität nah­men an der Frauenkampf­tags­demon­stra­tion am 8. März teil, die mit 20.000 Teilnehmer*innen die größte der let­zten Jahre war.

Doch wieso dauerte es so lange, ist doch sex­uelle Beläs­ti­gung offiziell tabu? Der Haupt­grund ist die patri­ar­chale Struk­tur der Uni­ver­sität und der Autori­taris­mus, der Sexist*innen vor echter Bestra­fung schützt. Die Fakultät­sleitung nahm ihn zwar Ende Dezem­ber 2015 – zwei Monate nach dem Bekan­ntwer­den des Falls und großer Ver­samm­lun­gen und Aktio­nen von Seit­en der Studieren­den­schaft – aus dem Lehrplan raus. Doch zu Beginn des neuen Semes­ters im März sollte er wieder ganz nor­mal unter­richt­en.

Das löste erneut den Auf­schrei der Studieren­den aus, die seine Unter­richt­sein­heit­en störten und in Ver­samm­lun­gen gemein­sam mit den Professor*innen konkrete Schritte wie die Ein­führung eines Pro­tokolls gegen sex­uelle Beläs­ti­gung und die Ein­rich­tung ein­er aus Studieren­den und Professor*innen zusam­menge­set­zten Ethik-Kom­mis­sion beschlossen. Kurz darauf brach das Karten­haus zusam­men, auf das sich die Autoritäten gestützt hat­ten: Immer mehr Professor*innen bekun­de­ten ihren Unmut mit dem Umgang der Fakultät­sleitung in dem Fall, der akademis­che Leit­er trat von seinem Amt zurück und let­ztlich wurde auch Ramirez zur Höch­st­strafe verurteilt und darf für fünf Jahre an kein­er öffentlichen Insti­tu­tion angestellt wer­den.

„Es war unsere Mobil­isierung und die Stärke von María Igna­cia León, durch die wir unsere Forderung erfüllen kon­nten“, so bew­ertete Jorge San­hueza, Geschichtsstu­dent und gewählter Vertreter seines Stu­di­en­gangs, das Ergeb­nis des Kampfes. Es stärk­te die Moral und das Selb­st­be­wusst­sein der gesamten Studieren­den­schaft, beson­ders jedoch der Stu­dentin­nen. Sie wis­sen, dass sie sich angesichts solch­er alltäglich­er Phänomene sex­is­tis­ch­er Gewalt nicht mehr alleine gelassen wer­den. Und dass durch die indi­vidu­elle und kollek­tive Kraft, die Organ­isierung und Mobil­isierung, Dinge erre­icht wer­den kön­nen, die vorher unmöglich schienen. Lehren, die sich die Studieren­den auch in Deutsch­land zu eigen machen soll­ten, um gegen sex­uelle Gewalt an den Uni­ver­sitäten vorzuge­hen.

Wie es Tra­di­tion der kämpferischen Studieren­den­be­we­gung in Chile ist, ruhen sie sich nicht auf den Errun­gen­schaften aus, son­dern nutzen sie als Aus­gangspunk­te für weit­ere Kämpfe: Für eine echte Demokratisierung der Uni­ver­sität, für ein Ende des Sex­is­mus in den Klassen­räu­men und nicht zulet­zt eine grundle­gende Verän­derung des Bil­dungssys­tems im Inter­esse der jugendlichen und arbei­t­en­den Massen.

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