Geschichte und Kultur

Was ist Entrismus?

Was ist Entrismus?

Entris­mus gilt in manchen Kreisen als ein Marken­ze­ichen trotzk­istis­ch­er Poli­tik: Eine mehr oder weniger geheime Gruppe tritt in eine reformistis­che Partei ein, um dort Mit­glieder zu wer­ben. Die bei­den größten Grup­pen in der BRD, die sich auf Trotz­ki beziehen, näm­lich die SAV und Marx21, führen genau diese Poli­tik in Bezug auf die Linkspartei aus. Doch wie entwick­el­ten Trotz­ki und seine Anhän­gerIn­nen ursprünglich die Tak­tik des Entris­mus?

Nach­dem Hitler zum deutschen Reich­skan­zler ernan­nt wurde, gab es einen starken Drang nach Ein­heit inner­halb der Arbei­t­erIn­nen­klasse im Nach­bar­land Frankre­ich. Die stal­in­istierte Par­ti Com­mu­niste Français (PCF) hat­te bis dahin die „Sozial­faschis­mus­these“ vertreten und die sozialdemokratis­che Partei Sec­tion Française de l‘Internationale Ouvrière (SFIO) zum „sozial­faschis­tis­chen“ Haupt­feind erk­lärt. Doch nach ein­er Demon­stra­tion der FaschistIn­nen in Paris im Feb­ru­ar 1934 musste sie wegen des Drucks nach gemein­samer Aktion gegen die faschis­tis­che Gefahr diese These aufgeben. Die Stal­in­istIn­nen ziel­ten nun auf ein Regierungs­bünd­nis mit den SozialdemokratIn­nen und auch mit der bürg­er­lichen Radikalen Partei, die soge­nan­nte „Volks­front“.

In der zuge­spitzten Sit­u­a­tion strömten Hun­dert­tausende neu poli­tisierte Arbei­t­erIn­nen in bei­de Parteien. Die trotzk­istis­che Ligue Com­mu­niste, die unge­fähr 100 Mit­glieder hat­te, hat­te eine große Kam­pagne für eine antifaschis­tis­che Ein­heits­front gemacht – nun fand sie keinen Zugang zur pro­le­tarischen Basis dieser Parteien, vor allem zum starken linkszen­tris­tis­chen Flügel der SFIO. Vor diesem Hin­ter­grund schlug Trotz­ki die Tak­tik des „Entris­mus“ („entr­er“, ein­treten) vor. Die Trotzk­istIn­nen trat­en im Sep­tem­ber 1934 geschlossen in die SFIO ein und kon­sti­tu­ierten sich dort als Groupe Bolchevik-Lénin­iste (GBL).

Die Trotzk­istIn­nen kon­nten in den fol­gen­den neun Monat­en wichtige Erfolge erzie­len: Sie gewan­nen Ein­fluss im linken Flügel der Partei und vor allem in der Jugend, während sie sich scharf von Linkszen­tristIn­nen wie Marceau Pivert abgren­zten. Die Zeitung der Paris­er Föder­a­tion der Sozial­is­tis­chen Jugend, „Révo­lu­tion“, ver­trat trotzk­istis­che Posi­tio­nen in ein­er Auflage von 80.000 Stück. Doch im Juni 1935 begann die sozialdemokratis­che Führung mit bürokratis­chen Angrif­f­en gegen die trotzk­istis­che Gruppe. Trotz­ki argu­men­tierte für eine Gegenof­fen­sive, doch manche Führungsmit­glieder der GBL woll­ten sich dem linkszen­tris­tis­chen Flügel der SFIO anbiedern, um länger in der Partei bleiben zu kön­nen. Trotz­ki argu­men­tierte:

„Der vorüberge­hende Ein­tritt in die SFIO oder selb­st in die Kuom­intang ist kein Ver­brechen an sich. Doch muss man wis­sen, nicht nur wie man ein­tritt, son­dern auch wie man aus­tritt. Wenn man an ein­er Organ­i­sa­tion weit­er hängt, die pro­le­tarische Rev­o­lu­tionäre nicht länger bei sich dulden kann, wird man notwendi­ger­weise ein jäm­mer­lich­es Instru­ment des Reformis­mus, des Patri­o­tismus und des Kap­i­tal­is­mus.“[1]

In einem Brief an die pol­nis­chen Anhän­gerIn­nen der Vierten Inter­na­tionale zog Trotz­ki erste Schlüsse:

„1. Der Ein­tritt in eine reformistis­che, zen­tris­tis­che Partei, bein­hal­tet an sich keine lange Per­spek­tive. […]

2. Die Krise und die Kriegs­ge­fahr haben eine dop­pelte Wirkung. Ein­er­seits schaf­fen sie die Bedin­gun­gen, unter denen der Ein­tritt in ein­er all­ge­meinen Form möglich wird. Ander­er­seits zwin­gen sie den herrschen­den Appa­rat, nach vie­len Schwankun­gen, die rev­o­lu­tionären Ele­mente auszuschließen […].

3. […] Notwendig ist aber, vor allem im Licht der franzö­sis­chen Erfahrung, uns von den Illu­sio­nen in die Zeit zu befreien; den entschei­den­den Angriff gegen den linken Flügel rechtzeit­ig zu erken­nen und uns dage­gen zu wehren, nicht durch Zugeständ­nisse, Anpas­sung oder Ver­steck­spiele, son­dern durch eine rev­o­lu­tionäre Offen­sive.

4. Was oben gesagt wurde, schließt nicht im ger­ing­sten die Auf­gabe aus, sich den Arbeit­ern in reformistis­chen Parteien ‚anzu­passen‘, ihnen neue Ideen beizubrin­gen in ein­er Sprache, die sie ver­ste­hen. Im Gegen­teil muss diese Kun­st so schnell wie möglich gel­ernt wer­den. Doch darf man nicht, unter dem Vor­wand, die Basis zu erre­ichen, prinzip­ielle Zugeständ­nisse an die führen­den Zen­tris­ten und Linkszen­tris­ten machen […].

5. Die meiste Aufmerk­samkeit der Jugend schenken.

6. Das entschei­dende Kri­teri­um für den Erfolg in diesem Kapi­tel ist noch fes­ter ide­ol­o­gis­ch­er Zusam­men­halt und Scharf­sin­nigkeit in Bezug auf unsere gesamte inter­na­tionale Erfahrung.“[2]

Diese Tak­tik wurde von ver­schiede­nen Sek­tio­nen der Vierten Inter­na­tionale aus­pro­biert. Während in Frankre­ich andauernde Frak­tion­skämpfe und mehrere Spal­tun­gen die erziel­ten Erfolge wieder zunichte macht­en, kon­nten zum Beispiel die amerikanis­chen Trotzk­istIn­nen mit ein­er Entris­mus-Tak­tik in der sozialdemokratis­chen Social­ist Par­ty fast die gesamte Jugen­dor­gan­i­sa­tion für die Vierte Inter­na­tionale gewin­nen. Entschei­dend für die Erfolge war, dass die trotzk­istis­chen Grup­pen ihr eigenes Pro­gramm ver­trat­en und keine pro­gram­ma­tis­chen Zugeständ­nisse an den Zen­tris­mus macht­en.

Erst in der Zeit nach dem Zweit­en Weltkrieg begann die Führung der Vierten Inter­na­tionale unter Michel Pablo, als Pro­dukt ihrer zen­tris­tis­chen Degen­er­a­tion, einen langfristi­gen „Entris­mus sui gener­is“ (der beson­deren Art) zu befür­worten. Die Trotzk­istIn­nen agierten als geheime Gruppe und ver­schmolzen mit den linken Flügeln der reformistis­chen Parteien, um länger­fristig in diesen arbeit­en zu dür­fen. Diese Poli­tik wurde von der gesamten Führung der Vierten Inter­na­tionale getra­gen. Während die Strö­mung um Ernest Man­del sich ab 1968 von der Sozialdemokratie ablöste und sich stattdessen den Stu­dentIn­nen- und Gueril­la-Bewe­gun­gen anpasste, blieb etwa die Strö­mung um Ted Grant ins­ge­samt 40 Jahre in den reformistis­chen Massen­parteien, in der Hoff­nung, diese irgend­wann kom­plett übernehmen zu kön­nen. Zahlre­iche andere Strö­mungen führten eben­falls einen „tiefen“ Entris­mus durch.[3]

Deswe­gen ste­ht die Entris­mus-Poli­tik von der SAV und von Marx21 in Gegen­satz zum Entris­mus, wie Trotz­ki ihn vorgeschla­gen hat. Ihre Poli­tik ist vielmehr ein Pro­dukt des trotzk­istis­chen Zen­tris­mus nach dem Zweit­en Weltkrieg.

Fußnoten

[1]. Leon Trot­sky: „Against False Pass­ports in Pol­i­tics“. In: Ebd.: The Cri­sis of the French Sec­tion. New York 1977. S. 116. (Eigene Über­set­zung.) [2]. Ebd.: „Lessons of the SFIO Entry“. In: Ebd.: The Cri­sis of the French Sec­tion. S. 125–126. (Eigene Über­set­zung.) [3]. Die Anhän­gerIn­nen der Strö­mung von Ger­ry Healy behaupten, gegen den „Pab­lis­mus“ und den „Entris­mus“ agiert zu haben. In Wirk­lichkeit betrieb Healy selb­st zwis­chen 1950–59 eine Gruppe in der Labour Par­ty, die so geheim war, dass sie nur „The Club“ hieß!

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