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Warum hat Arte einen Dokumentarfilm über Antisemitismus nicht gezeigt - und die BILD schon?

Die BILD-Zeitung hat einen Dokumentarfilm veröffentlicht, der angeblich im öffentlichen Fernsehen "zensiert" worden ist. Wir haben ihn angeschaut: Das ist ein bürgerlicher Propagandafilm für einen kapitalistischen Nationalstaat, der bestens zum Springer-Verlag passt.

Warum hat Arte einen Dokumentarfilm über Antisemitismus nicht gezeigt - und die BILD schon?

Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ heißt der Dokumentarfilm, der von der WDR produziert und von Arte gezeigt werden sollte. Arte hat sich aber wegen „gravierende[r] Abweichungen vom genehmigten Konzept“ dagegen entschieden. Und auch die WDR hat inzwischen „handwerkliche Bedenken“, weil der Film „journalistische Standards“ nicht einhält. Inzwischen ist der Film auf Bild.de und auf YouTube zu sehen.

Die Doku zeigt tatsächlich eine Menge Antisemitismus: Gewalt gegen jüdische Menschen in Frankreich und Deutschland, Nazi- und „neurechte“ Kundgebungen, Verschwörungstheoretiker*innen wie Ken Jebsen…

Extremismustheorie, NS-Verharmlosung und Kolonialismus

Und sie zeigt eine Menge kapitalistische Propaganda. Immer wieder wird behauptet, dass Kapitalist*innen und Arbeiter*innen ein gemeinsames Interesse haben, so als Argument gegen die BDS-Boykottkampagne gegen Israel – es würde doch palästinensischen Arbeiter*innen schaden, wenn Produkte aus Israel weniger nachgefragt würden. Genauso heißt es, dass Cops unsere Freund*innen sind und Privateigentum gegen die Unterschichten aus den Banlieues verteidigt werden muss, so ein jüdischer Ex-Polizist aus Paris. Vor allem wird argumentiert, dass Nationalstaaten nicht kritisiert werden dürfen, dass links und rechts eigentlich beides nur Extrema sind.

Die Filmemacher*innen sind der Meinung, dass die Arbeiter*innenklasse kein revolutionäres Subjekt mehr ist und irgendwie eine diffuse Schuld am Faschismus trägt. Dazu lassen die Macher*innen den „Antideutschen“ Stephan Grigat sprechen. Kolonialismus finden sie auch gut, Moishe Postone gibt im Interview zu Protokoll, die neoliberale EU-Kolonie Kosovo sei ein gutes Modell der „Souveränität“ für Palästina.

Der Film arbeitet darüber hinaus vor allem mit suggestiven Zusammenschnitten: Der Großmufti von Jerusalem  – zweifelsfrei ein Reaktionär und Antisemit – wird, wie von Netanjahu, mit Hitler zum Schuldigen für den Holocaust erklärt. Damit lenkt diese bürgerliche These vom Hauptschuldigen des Holocaust ab: dem deutschen Großbürgertum, das Hitlers Angebot, die organisierte Arbeiter*innenklasse zu zerschlagen, dankend annahm. Auch werden durch Bildzusammenschnitte Kontinuitäten zwischen dem NS-Propagandist Julius Streicher, Mahmud Abbas und der Linkspartei gezogen, die es so nicht gibt. Der Nationalsozialismus wird verharmlost, indem im Sinne der Extremismustheorie linker Antizionismus, reaktionärer Islamismus und die faschistische Diktatur über Deutschland und Europa gleichgesetzt werden.

Die Prämisse der ganzen Doku ist, dass der kapitalistische Nationalstaat Israel gerechtfertigt ist und sich verteidigen muss. Nichts wirklich besonderes – eben ganz normale bürgerliche Ideologie. Eine Ideologie im Interesse von nicht-jüdischen und jüdischen Kapitalist*innen, Polizist*innen, bürgerlichen Politiker*innen, die zu Wort kommen – nicht im Interesse der internationalen Arbeiter*innenklasse und klassenkämpferischer Juden*Jüdinnen, die keine Stimme in der Doku haben.

Jede Unterdrückung bekämpfen statt „jüdisch vs. muslimisch“!

Das Versprechen der Dokumentation war es, über die Unterdrückung von Juden*Jüdinnen zu berichten. Stattdessen werden aber Gewerkschaften, NGOs, Linke und Migrant*innen angegriffen. Antisemitismus existiert durchaus in breiten Gesellschaftsschichten und ist nicht bloß ein Phänomen migrantischer Jugendlicher in den Vororten, das verschleiert der Film. So war der Klassencharakter des Antisemitismus der 1930er ganz klar kleinbürgerlich. Auch heute noch dient die „Zinskritik“ Kleinbürger*innen zur Erklärung wirtschaftlicher Probleme und ihren eigenen finanziellen Interessen.

Antisemitismus ist eben keine Konstante über den Klassen, sondern ein Ausdruck der gesellschaftlichen Umstände. Als revolutionäre Marxist*innen kämpfen wir gegen jegliche Formen von Unterdrückung und Ausbeutung, gemeinsam, als Internationalist*innen. Unsere Grenze verläuft nicht zwischen jüdisch und muslimisch, sondern zwischen Kapital und Arbeit.

Um Antisemitismus zu bekämpfen, ist bürgerliche Ideologie nicht hilfreich. Dabei ist nicht so wichtig, ob Arte den Film zeigt oder nicht. Es wäre ein weiterer kapitalistischer Propagandafilm im Fernsehen – das macht den Braten auch nicht mehr fett. Wir brauchen jedoch mehr Diskussionen über Antisemitismus aus linker und internationalistischer Perspektive.

Denn es gibt antisemitische Rufe auf palästinensischen Demos und auf diffusen „Friedens“demos, an denen auch Linke teilnehmen. Dagegen muss die Linke vorgehen, gemeinsam mit Genoss*innen der palästinensischen und israelischen Linken. Und es gibt Gewalt gegen Juden*Jüdinnen und jüdische Einrichtungen in Deutschland und Frankreich. Dagegen müssen linke und Arbeiter*innenorganisationen einen Schutz aufbauen helfen. Wir dürfen nirgendwo Antisemitismus dulden.

„Auserwählt und ausgegrenzt“ hat mit dem erzreaktionären Springer-Verlag nun einen passenden Verleger gefunden. Die BILD hat den rechten Publizisten Michael Wolffsohn noch für ein Nachwort zugeschaltet, in welchem er dem Film für besonders „wertvoll“ erklärt, weil er linken und muslimischen Antisemitismus gegenüber rechtem hervorhebt, den Nahen Osten fokussiert, Europa als „Nebenkriegsschauplatz des israelisch-palästinensischen Konflikts“ zeichnet und die Frage „Islam vs. Judentum“ (!) stellt, dann dass Antizionismus und Antisemitismus „künstlich“ getrennt wären und schließlich die Medien gegen „Zensur“ verteidigt werden müssten.

Diesen Zielen wird der Film wirklich gerecht: Er tut so, als fände ein Kulturkampf zwischen Judentum und Islam statt, als seien Linke das gleiche oder schlimmer als Rechte, verharmlost dabei den deutschen Nationalsozialismus und aktuelle deutsche faschistische Bemühungen, spinnt außerdem die von AfD und Pegida stark gemachte Legende weiter, in Deutschland gebe es Stellvertreterkriege, weil man zuviele Leute rein lasse. „Wertvoll“ also für abendländische Chauvinist*innen – wertlos im Kampf gegen Antisemitismus.

Jungle World

Interessant: Vor zwei Monaten schrieb der Jungle-World-Autor Alexander Nabert: „B’Tselem denunziert Israel als ‚Apartheidstaat‘ und hat dem jüdischen Staat vorgeworfen, Nazimethoden anzuwenden.“ Jetzt kommt fast wortwörtlich die gleiche Lüge bei der „Antisemitismus-Doku“. Dazu wird eine ältere Geschichte um die Holocaustverleugnung eines palästinensischen Mitarbeiters präsentiert, ohne zu erwähnen, dass dieser Mitarbeiter direkt danach gefeuert wurde. Wir haben diese „Fake News“ in der Jungle World damals kritisiert.

2 thoughts on “Warum hat Arte einen Dokumentarfilm über Antisemitismus nicht gezeigt – und die BILD schon?

  1. Rsiner sagt:

    Guten Tag.

    Äh, Film überhaupt angeschaut???

    Was für Unglaublichen Unsinn verbreiten Sie?

  2. tutnichtszursache sagt:

    Der Film beginnt schon mit einer „Lüge“, bzw. Irreführung der Zuschauer, indem er die pointe eines selbstironischen jüdischen Witzes erzählt, dabei aber suggeriert, es handele sich um eine „reale“, antisemitische Verschwörungstheorie.

    Leider behält der Filmemacher diesen journalistischen Stil über weite Strecken der Doku bei. Er nennt es „Haltung“ und „parteiisch pro-israelisch“, objektiv betrachtet genügt er journalistischen Minimalansprüchen nicht, wenn er z.B. NGO’s pauschal Antisemitismus und Holocaust-Leugnung unterstellt, diese dann aber nicht zu den Vorwürfen Stellung beziehen läßt. Überhaupt ist nicht ein einziges Interview mit einem Kritiker israelischer Palästinapolitik und des illegalen Siedlungsbaus gemacht worden. Den Gesprächen mit rhetorisch geschulten Agitatoren der israelischen Propaganda in entspannter Atmosphäre in Büros werden spontane „Befragungen“ mit beliebigen Teilnehmern verschiedener Demonstrationen gegenübergestellt, deren Auswahl allem Anschein nach weder zufällig noch repräsentativ gewesen ist, sondenr lediglich dazu diente, vorhandene Überzeugung des Filmautors zu bestätigen.

    Diese „Doku“ ist wirklich schlecht, vor allem weil sie einfach schllecht gemacht ist. Sie behandelt nicht das vom Sender gestellte Thema, sondern wählte ein eigenes, das sie auf äußerst suggestive, manipulative und verfälschende Weise aufgearbeitet hat.

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