Unsere Klasse

Von der 68er-Bewegung zu TV-Stud

Vor 50 Jahren tobten die größten Kampfe der Studierendenschaft in der Geschichte der Bundesrepublik. Warum sich ein Vergleich mit TV-Stud lohnt – und was wir daraus lernen können.

Von der 68er-Bewegung zu TV-Stud

Mit dem neuen Jahr wer­den auch die Rem­i­niszen­zen der 68er-Bewe­gung wieder aufkom­men, die wie keine andere Bewe­gung die Bun­desre­pub­lik verän­derte. In der Tat markierte „68” einen neuen Auf­schwung der Klassenkämpfe weltweit. Heutzu­tage wird „68“ vor allem mit dem Paris­er Mai 68 in Verbindung gebracht. Denn zu dieser Zeit herrschte in Frankre­ich eine rev­o­lu­tionäre Sit­u­a­tion son­der­gle­ichen. Kein Wun­der, befan­den sich doch sage und schreibe über zehn Mil­lio­nen Arbeiter*innen im Streik und sorgten gemein­sam mit den kämpfend­en Studieren­den für eine beispiel­lose Vere­ini­gung der Kämpfe.

In Deutsch­land selb­st ist die 68er-Bewe­gung als Studieren­den­re­volte in Erin­nerung geblieben. Auch das nicht zu Unrecht, da es im Gegen­satz zu Frankre­ich eben nicht gelang, eine sub­stantielle Verbindung zur Arbeiter*innenklasse herzustellen. Was waren die objek­tiv­en Gründe für das Scheit­ern dieser Allianz? Es mag ver­wun­dern, dass links des Rheins der Slo­gan „Ouvri­ers étu­di­ants: unis nous vain­crons” („Arbeit­er, Studierende, gemein­sam gewin­nen wir“) aufgestellt wurde, während dies in Deutsch­land keine Auswirkun­gen auf eine mögliche Ein­heit der Arbei­t­en­den und Studieren­den zu haben schien. Das scheint umso ver­wun­der­lich­er, als dass das Zen­trum der Studieren­den­be­we­gung bis zum Mai nicht in Frankre­ich, son­dern in Deutsch­land war.

Bis zu diesem Zeit­punkt waren die Kämpfe der Studieren­den in Deutsch­land radikaler, größer, aber auch — blutiger. Denn schon rund ein Jahr vorher war der Stu­dent Ben­no Ohne­sorg von der Berlin­er Polizei ermordet wor­den. Mit­glieder des SDS waren dementsprechend erfahren­er, was die Proteste der Jugend anbe­langte. Sie gaben daher ihren franzö­sis­chen Kommiliton*innen Ratschläge und Hil­fe. Doch das Pen­del schlug mit dem Mai in die andere Rich­tung und die Ein­heit der Arbei­t­en­den und Studieren­den sorgte in Frankre­ich für eine Explo­sion. Zu ihrem Höhep­unkt ent­stand eine rev­o­lu­tionäre Sit­u­a­tion, die sog­ar dazu führte, dass der Staat­spräsi­dent Charles de Gaulle kurzzeit­ig das Land ver­lassen musste.

Es wächst zusammen, …

Es man­gelte nicht an Dif­famierun­gen gegen die Studieren­den. Sie wur­den als „faul” oder „schmarotzer­haft” abgestem­pelt. Ihnen wurde nachge­sagt, dass sie nicht arbeit­en woll­ten. Tat­säch­lich war der Anteil der Studieren­den, die neben­bei arbeit­en mussten, in den 60er-Jahren geringer als heute. In Deutsch­land wie in Frankre­ich fing ger­ade erst die Zeit der Masse­nuni­ver­sität an. Dies bedeutete freilich, dass Kinder aus Arbeiter*innenfamilien eher sel­ten an den Uni­ver­sitäten zu find­en waren.

Die 68er-Gen­er­a­tion war auch eine Gen­er­a­tion, die sich gegen die autoritär-kon­ser­v­a­tive Fam­i­lien­struk­tur richtete. Dies hat­te beson­ders in Deutsch­land auf­grund der faschis­tis­chen Ver­gan­gen­heit einige Sprengkraft.

Sicher­lich mögen die „tra­di­tionellen” Fam­i­lien- und Gesellschafts­bilder ein Grund dafür gewe­sen sein, warum die 68er-Bewe­gung auch einen starken kul­turellen Aspekt hat­te. Ein Aspekt, der heute völ­lig fehlt in einem Kampf, der – wenn auch auf ander­er Ebene – eben­so einen his­torischen Charak­ter haben wird.Die Rede ist vom Arbeit­skampf der stu­den­tis­chen Beschäftigten für einen neuen Tar­ifver­trag (TV-Stud III). Heute streiken Studierende zum ersten Mal seit 1986 als Lohn­ab­hängige!

Wir wollen hier die nicht die Tar­ifini­tia­tive größen­mäßig mit anderen Bewe­gun­gen ver­gle­ichen, son­dern den Fokus auf einen sub­stantiell-inhaltlichen Aspekt leg­en. Was ist der Charak­ter dieser bei­den Proteste und welche Lehren kön­nen wir aus diesem Ver­gle­ich ziehen? Zunächst ist da die Tat­sache her­vorzuheben, dass heute mit rund 68 Prozent vielmehr Studierende neben dem Studi­um ein­er Lohnar­beit nachge­hen müssen als es 68 der Fall war. Die Beson­der­heit des Kampfes um den TV-Stud III liegt eben darin, dass hier Studierende als Beschäftigte in einen Arbeit­skampf ver­wick­elt sind. Die Ein­heit als Arbei­t­ende und Studierende ist in diesem Kampf inhärent — das bedeutet jedoch nicht, dass die Ein­heit der Arbei­t­en­den und Studieren­den bere­its in die poli­tis­che DNA der meis­ten Studieren­den eingeschrieben wäre.

Gle­ich­wohl gibt es für diesen Kampf gute Aus­gangs­be­din­gun­gen in dieser Hin­sicht, da bere­its Arbeiter*innen aus ver­schiede­nen Sek­toren (Botanis­ch­er Garten, CFM, VSG) ihre Unter­stützung sig­nal­isiert haben. Der Kampf der stu­den­tis­chen Beschäftigten erfährt einen qual­i­ta­tiv­en Sprung, wenn die Kolleg*innen aus den anderen Bere­ichen die TV-Stud-Kam­pagne unter­stützen, denn… sie macht­en die gle­ichen Erfahrun­gen mit dem gle­ichen Geg­n­er: dem Kom­mu­nalen Arbeit­ge­berver­band (KAV), der mit sein­er neolib­eralen Poli­tik ver­sucht, sowohl die stu­den­tis­chen Beschäftigten als auch die Kolleg*innen zu drangsalieren.

…was zusammen gehört

Erfahrun­gen wie diese sind es, die die Ein­heit der Arbei­t­en­den und Studieren­den man­i­fest machen. Gle­ich­er Geg­n­er, gle­iche Erfahrun­gen, und die Schlussfol­gerung, dass unter dieser neolib­eralen Poli­tik der Uni­ver­sitäten sowohl die Beschäftigten als auch die Studieren­den zu lei­den haben. Die schlecht­en Arbeits­be­din­gun­gen der Kolleg*innen und jene schlecht­en Lern- und Lehrbe­din­gun­gen der (beschäftigten) Studieren­den sind miteinan­der verzweigt und dieser gordis­che Knoten kann nur durch Streiks — die einzige Sprache, welche die Uni­ver­sitäten ver­ste­hen — zer­schla­gen wer­den.

Streiks. Vor 50 Jahren in Deutsch­land eher eine sel­tene Forderung, während auf dem Höhep­unkt des Paris­er Mai mehr als zehn Mil­lio­nen in den Streik getreten waren. Doch es ist 2018 und wir machen unsere Erfahrun­gen oder haben sie schon gemacht. Die ange­sproch­enen prekären Sek­toren des Botanis­chen Gartens, der CFM & VSG haben bere­its ihre unter­schiedlichen Streik­er­fahrun­gen gemacht. Nun hat sich der TV-Stud dazuge­sellt und damit betritt in der jün­geren Geschichte der Berlin­er Arbeit­skämpfe ein neuer Akteur die Bühne der Kämpfe: die Studieren­den.

Und damit hat heute gle­ichzeit­ig eine neue Etappe dieser Berlin­er Arbeit­skämpfe begonnen.

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