Brot und Rosen

Vom Krankenhaus zur Revolution – wie wir feministisch kämpfen

Antikapitalistischer Unistart in Berlin: Beim Workshop ging es um marxistischen Feminismus, die Verschränkungen von Sexismus und Kapitalismus und darum, was wir aus den Streiks der Berliner Krankenhausbewegung für unseren Kampf für die Zerstörung des Patriarchats lernen können.

Vom Krankenhaus zur Revolution – wie wir feministisch kämpfen
Bild: Simon Zinnstein

Am 20. Oktober diskutierten bei unserem antikapitalistischen Unistart an der Freien Universität Berlin rund 20 Studierende und Azubis aus dem Gesundheitssektor darüber, wie wir die Befreiung von Frauen und Queers nachhaltig wirksam erkämpfen können. Um aus erster Hand von den Streikenden der Berliner Krankenhäuser zu lernen, warum der Erzwingungsstreik ab Ende September ein feministischer Kampf war und welche Lehren wir aus diesem ziehen können, war Lisa, Azubi aus der Charité, vor Ort, um uns ein spannendes Live-Interview zu geben.

Welcher Feminismus? No Boss statt Girlboss!

Der Workshop begann mit einem Input über marxistischen Feminismus, Verschränkungen von Kapitalismus und Sexismus, was Reproduktionsarbeit eigentlich ist und wie diese mit den Themen in Verbindung steht.

Als junge Menschen Anfang oder Mitte 20 sind wir mit Angela Merkel als Frau an der politischen Spitze Deutschlands aufgewachsen, trotzdem haben uns diese 16 Jahre weibliche Repräsentation weder das Recht auf Abtreibung, noch eine gleiche Entlohnung von Männern und Frauen für die gleiche Arbeit gebracht.

Ausgehend von der aktuellen, coronabedingten Lage haben wir versucht aufzuzeigen, welchen Arten von Gewalt Frauen und Queers im kapitalistischen System ausgesetzt sind und wie diese miteinander verknüpft sind. Die Coronapandemie hat unter anderem Frauen besonders hart getroffen. Sei es wegen der doppelten Belastung durch Lohnarbeit und Care-Arbeit zuhause wegen Kita- und Schulschließungen, wegen dem in vielen Ländern eingeschränkten Zugang zu Verhütungsmitteln, dem erschwerten Zugang zu sicheren Abtreibungen mit Folge eines Anstiegs von illegalisierten unsicheren Abtreibungen oder damit verbunden der Inkaufnahme von ungewollten Schwangerschaften.

Gleichzeitig sind die Arbeiter:innen, die an vorderster Front gegen die Pandemie in systemrelevanten Berufen tätig sind, wie im Gesundheitssektor oder in der Reinigung, überwiegend Frauen – ebenso wie im Einzelhandel, Erzieherinnen, Sozialarbeiterinnen. Was die Coronapandemie ebenfalls für Frauen bedeutet, ist ein Anstieg von patriarchaler Gewalt. Doch Gewalt gegen Frauen und Queers ist kein Phänomen der Pandemielage, sondern eine traurige Realität, hinter der in diesem System eine Logik steckt.

Schon vor Corona gab es in Deutschland erschreckende Zahlen, die die Gewalttätigkeit der Gesellschaft verdeutlichen: Laut der Statistik des Bundeskriminalamts aus dem Jahr 2019 wurden 117 Frauen von ihren (Ex-)Partnern ermordet, es gab 301 Tötungsversuche. Insgesamt 141 792 Opfer häuslicher Gewalt erfasste die Polizei für das Jahr 2019. 81 Prozent der Betroffenen (114 903) waren Frauen. Auch wenn die Gewalt, die Männer erleben, verurteilenswert und furchtbar ist, nimmt sie nie vergleichbare Ausmaße an. Denn es liegen nicht dieselben strukturellen Bedingungen zugrunde, die Frauen bestimmte verletzliche Positionen in der Familie zuordnen oder sie ökonomisch abhängig machen. Hierzu zählt zum Beispiel der Gender Pay Gap, welcher aus materiellen Ursachen die Trennung von gewalttätigen Partnern erschwert oder teilweise unmöglich macht.

Genau einen Monat nach dem Workshoptermin ist Trans Day of Rememberance, wo allen Personen gedacht wird, die in den letzten zwölf Monaten wegen ihrer von der gesellschaftlichen Norm abweichenden Geschlechtsidentität ermordet wurden. 2020 waren es 350 Morde, hierbei sind gewalttätige Angriffe oder sexualisierte Gewalt gar nicht mit eingerechnet. Diese Gewalt resultiert aus der Funktionsweise unserer Gesellschaft und garantiert gleichzeitig ihr Fortbestehen, denn ihr Ziel ist die Erhaltung des Status quo.

Gewalt an Frauen hat viele Aspekte, Feminizid ist das extremste, letzte Glied in der Kette der Gewalt. Doch die Gewalt die aus dem Lächerlichmachen, dem Verdacht und der Kontrolle, der Einschüchterung, der Verurteilung der Sexualität, der Geschlechtsidentität und der Verhaltensweisen, die sich nicht der heterosexuellen Norm anpassen, besteht. Eine Kette der Gewalt, die sich in der Abwertung der Körper, die nicht den klassischen Schönheitsmodellen entsprechen, zeigt, ebenso wie im Abtreibungsverbot durch den Staat, der Vergewaltigung, dem sexualisierten Missbrauch und den Schlägen.

Diese Kette der Gewalt, wie sie Lilly Freytag beschreibt, besteht aber auch aus der Gewalt durch die Kapitalist:innen, zum Beispiel durch Prekarisierung oder Outsourcing. Es sind größtenteils migrantische Frauen, die beispielsweise in Bereichen der Reinigung tätig sind, wie etwa an der Alice Salomon Hochschule oder eben in den Berliner Krankenhäusern. Sie sind es, die auch schon vor der Pandemie systemrelevante Arbeit geleistet haben und sicherstellen, dass wir uns in Hochschulen und Krankenhäusern in sauberen Räumen aufhalten können. Sie verdienen aber teilweise mehrere hundert Euro weniger für die gleiche Arbeit als ihre Kolleg:innen, die bei den Mutterkonzernen oder de Hochschulen direkt angestellt sind. Das Outsourcing in den Kliniken zu beenden, war auch ein zentraler Punkt der Forderungen im Erzwingungsstreik der Berliner Krankenhausbeschäftigten. Lilly Freytag geht in ihrem Artikel über die Kette der Gewalt hierzu noch weiter in die Tiefe:

Zu dieser Gewalt zählt auch die doppelte Bürde in Lohnarbeit und Haushalt und durch die Arbeitskrankheiten. Die Gewalt wird ausgeübt von den Kapitalist:innen und ihrem Staat, aber auch von Männern, die sich in diesem Moment zu Agenten des Kapitals in unseren Reihen machen.

Kette der Gewalt, weil diese Arten der Gewalt miteinander verbunden sind, sich gegenseitig ermöglichen und stützen und in der Subjektivität der Frauen miteinander in Verbindung stehen und einen Zusammenhang der Unterdrückung bilden.

Sie sind teils direktes Resultat der kapitalistischen Produktionsweise und seiner Arbeitsorganisation, teils Resultat einer sexistischen Ideologie, die sich auf der materiellen Basis des Kapitalismus und seiner Aufteilung der Menschen in Männer und Frauen als Ausdruck von Träger:innen verschiedener Arbeitsfunktionen und Formen der Ausbeutung entwickelt.

Gewalt gegen Frauen und Queers ist also kein Überbleibsel aus alten Zeiten und lässt sich damit eben nicht mit genug Reformen und weiblichen CEOs abschaffen. Sie ist vielmehr ein Mechanismus des Kapitalismus, der die Aufrechterhaltung der Ausbeutung sicherstellt und den Status quo mit dem Ziel einer Trennung von produktiver und reproduktiver Sphäre erhält.

Die Verschränkung von Sexismus und Kapitalismus sehen wir auch konkret im Gesundheitssektor oder in sozialen Bereichen. Die (Sorge-)Arbeit im Krankenhaus, in der Sozialarbeit oder in der Erziehung wirft keine großen Profit ab. Schließlich produziert man keine Güter, vielmehr es geht um die Versorgung, den Erhalt von Gesundheit, das Großziehen von künftigen Arbeiter:innen und um das Wiederherstellen der Arbeitskraft.Aufgrund der fehlenden Profite wird diese Leistung enorm abgewertet, auch auf finanzieller Ebene – obwohl diese Bereiche grundlegend für den Erhalt des kapitalistischen Systems sind.

Es geht also mit Sexismus auch darum, die Subjektivität von Frauen auf eine bestimmte Art und Weise zu formen, die nützlich für das Kapital ist. Es zielt darauf ab, unsere Klasse, die Klasse der Ausgebeuteten, also alle, die für Lohn arbeiten gehen und damit Profite für die Bosse generieren, zu spalten, Frauen zu passivieren und die Überausbeutung weiblicher Arbeit, ebenso die unbezahlte wie die bezahlte, weiter zu ermöglichen.

Gleichzeitig können wir, wenn wir gegen sexistische Gewalt auf allen Ebenen, auch der materiellen, kämpfen, einen neuen Subjektstatus für uns erlangen. Wir können aufzeigen, dass wir auch in Deutschland von Gleichberechtigung noch weit entfernt sind. Genauso wie wir bei diesem Kampf aufzeigen können, dass feministische Errungenschaften im Kapitalismus immer Grenzen unterliegen, weil sie die Aspekte, die hinter der Gewalt stecken und ihre Grundlage bilden, nicht beleuchten. Wenn wir feministisch kämpfen wollen, müssen wir das System in Frage stellen, genauso wie es die Arbeiter:innen der Berliner Krankenhäuser mit der Profitlogik im Gesundheitssektor getan haben.

Durch Kämpfe das System in Frage stellen – Live-Interview mit einer Beschäftigten im Krankenhaus

Anschließend an den Input gab uns Lisa, Auszubildende in der Pflege an der Charité in Berlin und Teil der Berliner Krankenhausbewegung, ein Live-Interview. Sie sprach über die Bewegung und ihre Vorreiterrolle in Deutschland durch den langen und starken Kampf der Beschäftigten und ging nochmal konkret auf die Gründe und Forderungen des Arbeitskampfes ein.

Die Berliner Krankenhausbewegung hat nach monatelangem Kampf und einem einmonatigen Streik einen Tarifvertrag Entlastung erkämpft! Die Beschäftigten der Berliner Krankenhäuser forderten – anders als in den meisten Arbeitskämpfen – nicht höhere Löhne, sondern einen angemessenen Personalschlüssel. Für Azubis gehört es zum Alltag, als volle Arbeitskraft eingesetzt zu werden, statt Zeit zu haben, zu lernen und auch zu verarbeiten, was sie im Krankenhaus erleben. Die Krankenhausarbeiter:innen haben im Streik Teamdelegierte gewählt, um den Streik selbst zu gestalten und demokratische Organe zu entwickeln. Lisa hält fest, dass auch das dazu beigetragen habe, wie sehr sich ihre Kolleg:innen während des Arbeitskampfes politisiert haben: Für sich selber einstehen und fordern, dass die eigene Arbeit angemessen bezahlt wird, ist für viele Frauen ein großer Schritt, da sie von klein auf lernen, ihre Arbeit sei weniger wert.

Sie thematisierte die Wirkweise des Kapitalismus im Gesundheitssektor unter anderem am Beispiel der Fallpauschalen. Lisa machte deutlich, dass dort, wo Profitlogik auf Gesundheit trifft, nicht der Streik, sondern der Normalzustand das Leben der Patient:innen gefährdet. Das „DRG-System” (Diagnosebezogene Fallgruppen) führt dazu, dass es für einzelne Dinge wie Operationen oder Ähnliches bestimmte Pauschalen von den Krankenkassen gibt. Wenn beispielsweise eine Beatmung, die länger als 24 Stunden dauert, eine höhere Pauschale bringt, dann werden auch Personen weiter beatmet, die bereits tot sind. Ein Krankenhaus, was versuchen muss, Profite zu erwirtschaften, kann nicht im Interesse der Gesundheit funktionieren, stellt sie fest.

Anschließend sprach sie mit uns über die Gründe, warum wir, als Studierende, uns mit Kämpfen im Gesundheitssektor solidarisieren sollten und über die Möglichkeiten, wie wir das anstellen können. Für Lisa ist klar, dass wir als Studierende und Azubis mehr gemeinsam haben, als uns trennt. Wir sind alle von Wohnungsnot, Prekarisierung und der drohenden Klimakatastrophe bedroht. Wir sind diejenigen, die sich organisieren müssen und diese Kämpfe verbinden müssen, um uns eine lebenswerte Zukunft zu erkämpfen.

Vom Krankenhaus zur Revolution – eine Diskussion über Strategie

Zum Abschluss gab es neben dem Angebot, genauere Nachfragen an Lisa zu stellen, außerdem eine gemeinsame Diskussionsrunde mit allen Teilnehmer:innen. Innerhalb der Diskussionen über das Zurückerlangen des Verständnisses von Universitäten als politischen Räumen und der hinderlichen Rolle von Bürokratien bei (Arbeits-)Kämpfen kamen wir zum Ende auf einen sehr wichtigen Punkt:

Auch wenn feministische Erfolge oftmals in das System integriert werden, dürfen wir es keinesfalls als Strategie sehen, unsere Interessen freundlich und brav zu erbitten – wir können uns nicht auf Politiker:innen und ihre Versprechungen verlassen, wenn es um unsere Rechte und unsere Leben geht, sondern müssen uns selbst organisieren und gemeinsam dafür kämpfen.

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