Unsere Klasse

„Wir streiken für die Zukunft“

Berlin: Ausstand in Krankenhäusern für „Tarifvertrag Entlastung" und TVöD für Beschäftigte von Klinik-Töchtern. Ein Gespräch mit Lisa Schandl

Foto: Simon Zamora Martin

Lisa ist Krankenpflegerin in Ausbildung am Berliner Universitätsklinikum Charité und Teil der Tarifkommission der Berliner Krankenhausbewegung.

Seit über einer Woche läuft an den Staatlichen Kliniken in Berlin ein Erzwingungsstreik der Berliner Krankenhausbewegung. Was für eine Bewegung ist das?

Das ist die größte Bewegung, die Berlin je in dieser Art gesehen hat. Krankenhausbeschäftigte von Charité und Vivantes kämpfen zusammen mit den Vivantes-Töchter für einen „Tarifvertrag Entlastung“ – also mehr Personal an den Betten – und TVöD für alle. Vivantes hat dutzende Tochterunternehmen, in die vor allem „Patientenferne Tätigkeiten“ ausgegliedert wurden. Die alten Beschäftigten haben noch einen direkten Arbeitsvertrag mit Vivantes und werden nach TVöD bezahlt. Die Neuen bekommen manchmal noch nicht einmal den Vergabemindestlohn des Landes Berlins. In Unternehmen, die dem Land gehören! Wir stehen alle zusammen: als Hebammen, Pflegekräfte, Auszubildende, als Reinigungskräfte und vor allem als Fürsorgearbeitende. Deswegen auch größtenteils als Frauen, die gerade für unsere Zukunft und das Wohl unserer Patientinnen und Patienten einstehen.

Hältst Du den Krankenhauskampf auch einen feministischen?

Die Pflege ist ein klassischer Fürsorgeberuf, und nach wie vor arbeiten vor allem Frauen als Krankenpflegerinnen. Unsere Arbeit wird als selbstverständlich betrachtet und wir sind sozialisiert, uns für Pflegebedürftige, Kinder und Kranke aufzuopfern. Von einem Lächeln am Ende des Tages können wir unsere Familien nicht versorgen oder uns Zeit für Freunde nehmen. In Zeiten, in denen die Babyboomergeneration alt wird und die Klimakrise immer mehr Kranke verursacht, können wir nicht mit Applaus abgespeist werden. Wir fordern in der Pflege mehr Zeit und Lebensqualität. Eine Kollegin von der Intensivstation sagte einmal: „Ich kann Tote wieder zum Leben erwecken. Ich habe Besseres verdient.“

Ihr habt auf der Demo immer wieder eine Parole gerufen: „Kapitalismus raus aus den Krankenhäusern“. Was wollt ihr damit sagen?

Eine würdevolle Pflege können wir nur erreichen, wenn wir die Profite endlich aus den Krankenhäusern verbannen. 

Was für Erfahrungen hast du in deiner Ausbildung zur Krankenpflegerin gemacht?

Ich habe jetzt fast drei Jahre Theorie und Praxis hinter mir und vor allem in der Praxis erlebe ich eine sehr hohe psychische Belastung. Wir werden als Lückenfüller benutz, kriegen unsere Dienstpläne nicht rechtzeitig zugestellt und arbeiten ständig auf unterbesetzten Stationen. Wir sind die billigen Arbeitskräfte, die die Scheißaufgaben erledigen. In der Theorie prügeln wir uns Wissen rein und lernen, wie Pflege gut laufen sollte. Aber in der Praxis können wir unserem Lernauftrag nicht nachkommen. 

Wie wirkt sich der Personalmangel auf die Ausbildung aus?

Oft übernehmen wir Aufgaben, für die examinierte Pflegekräfte keine Zeit haben. Zum Beispiel einer Frau nach einer Brust-OP, das erste Mal den Verband abzunehmen und zu schauen, wie sie sich ohne Brust fühlt oder sterbenden Menschen die Hand zu halten und überlegen, was sie jetzt gerne für Musik hören würden. Das ist nicht einfach zu verarbeiten. Ich finde, das ist keine Verantwortung, die eine Person im ersten Ausbildungsjahr übernehmen sollte. Aber das sind halt Aufgaben, die einfach auf uns abgeschoben werden können, ohne viel Anleitung durch die examinierten Pflegekräfte.

Wegen dem Personalmangel in der Pflege fehlt die Zeit für Ausbildung von neuem Personal?

Genau. Wegen des krassen Personalmangels können sich die Examinierten Pflegekräfte nicht die Zeit für eine Praxisanleitung nehmen. An Zeit, um nach schlimmen Erlebnissen darüber sprechen zu können, daran ist gar nicht zu denken. Vorgesehen für die Praxisanleitung sind 10% unserer Arbeitszeit auf Station. Am Ende des Praxiseinsatzes müssen wir einen Zettel unterschreiben, dass wir die Stunden absolviert haben, sonst werden wir nicht zur Prüfung zugelassen. Aber die Anleitungszeiten werden nie eingehalten. Auf diesen Zetteln ruht sich die Klinikleitung aus und benutzt sie jetzt auch, um unser Streikrecht einzuschränken.

 Wie meinst du das?

Uns wurde mit Fehlzeiten gedroht. Dass wir nicht zum Examen zugelassen werden, wenn wir wegen des Streiks auf Station fehlen. Aber das Grundrecht auf Streik steht über irgendwelchen Prüfungsordnungen! Teilweise wurde Auszubildenden direkt mit Entlassungen gedroht. Aber wir stellen uns dagegen und können immer mehr Auszubildende für den Streik gewinnen.

Wie blickt ihr als Auszubildende in die Zukunft?

Wir haben die Azubis der Charité und Vivantes befragt: Nur 50% wollen nach der Ausbildung im Beruf bleiben. 75% sagen, dass der Beruf nicht mit Familie und einer gewissen Vorstellung von Freizeit vereinbar ist. Diese Negativspirale wäre so einfach umzukehren, es gibt ja genug Pflegekräfte, die aus dem Beruf ausgestiegen sind oder nur in Teilzeit arbeiten. Wenn wir mehr Personal hätten, würden wir eine bessere Ausbildung bekommen und könnten die Examinierten ent- statt belasten.
Wir streiken für die Zukunft.

Was ist die Reaktion des Rot-Rot-Grünen Senates auf euren Streik?

Wir sind in den Erzwingungsstreik gegangen, damit die Geschäftsführung von Charité und Vivantes sowie der Berliner Senat endlich den Arsch hochbekommen und ein vernünftiges Angebot auf den Tisch legen. Immer wieder hören wir dieselben leeren Versprechen von der Rot-Rot-Grünen Regierung. Uns wird ins Gesicht gelogen. Der Senat hat es bisher nicht geschafft, den Kliniken die finanziellen Mittel zur Verfügung zu stellen. Aber wenn es schon eine Rot-Rot-Grüne Regierung nicht schafft, zweifle ich doch sehr an unserer Politik. Eine andere Regierung wird es erst recht nicht tun. Ich glaube aber, dass wir die Politik mit unserem Streik dazu zwingen können, ihre Versprechen endlich in die Tat umzusetzen.

In dem Konzept der „Gesundheitsstadt 2030“ beschloss der Senat vor zwei Jahren unter anderem eine Reformierung der Ausbildung. Kann das Konzept die Krise der Ausbildung überwinden?

Es soll ein Berliner Campus für Gesundheitsberufe gegründet werden. Um den Pflegemangel zu beheben, sollen dadurch bis 2030 mehr Ausbildungsplätze geschaffen werden. Aber nur, weil es mehr Ausbildungsplätze gibt, scheiden nicht weniger Pflegekräfte aus dem Beruf aus. Wir fordern zum Beispiel, dass es auf Station für zwei Azubis eine Anleitungsperson gibt. Wenn wir nur mehr Ausbildungsplätze haben, gibt es plötzlich sechs bis sieben Auszubildene auf Station und die Quote wird immer schlechter. Die Ausbildung wird noch schlechter. Senatorin Dilek Kalayci betont immer wieder, dass der Pflegemangel mit mehr Ausbildungsplätzen bekämpft wird. Nein: er wird durch mehr Personal bekämpft!

Dieses Interview erschien in gekürzter Form zuerst in der Jungen Welt.

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