Geschichte und Kultur

Vom „alten“ zum „neuen“ Bolschewismus: Der Lenin vom Finnischen Bahnhof (Teil 2)

Die strategische Neubewaffnung der Bolschewiki 1917, der Kampf von Lenin gegen die sozialistischen „Dogmen“ und eine neue marxistische Staatstheorie

Vom „alten“ zum „neuen“ Bolschewismus: Der Lenin vom Finnischen Bahnhof (Teil 2)

Wie wir gestern im ersten Teil dieses Artikels geschrieben haben, hatte die Führung der Bolschewiki Anfang 1917 eine andere Position als Lenin. Dazu gehörten Fusionsversuche mit den Menschewiki und eine „kritische Unterstützung“ gegenüber der liberalen Regierung. Die bolschewistische Organisation war jedoch keine homogene Masse: Allein in Petrograd stritten drei verschiedene Organismen miteinander. Nichtsdestotrotz lag die offizielle Stimme der Partei beim rechten Flügel, der Teil des Petrograder Sowjets war und erklärte: „Das Petersburger Komitee der SDAPR (Bolschewiki) stellt sich angesichts der Resolution des Sowjets der Arbeiter und Soldaten zur Provisorischen Regierung nicht gegen letztere solange ihre Politik mit den Interessen des Volks übereinstimmt, aber erklärt ihre Absicht, einen entschlossenen Kampf gegen jeden Versuch der Provisorischen Regierung zu führen, die monarchische Regierung in allen ihren Formen wieder einzuführen.“ (Dokument zitiert in: Alexander Rabinowitch, Prelude to Revolution, S. 35)

Im Gegensatz dazu schrieb Lenin: „Das Proletariat kann und darf eine Regierung des Krieges, eine Regierung der Restauration nicht unterstützen. Was der Kampf gegen die Reaktion, was die Abwehr alter möglichen und wahrscheinlichen Versuche der Romanows und ihrer Freunde zur Wiederherstellung der Monarchie und zur Aufstellung einer konterrevolutionären Armee erfordert, das ist keineswegs die Unterstützung der Gutschkow und Co., sondern die Organisierung einer proletarischen Miliz, ihr Ausbau, ihre Festigung und die Bewaffnung des Volkes unter der Führung der Arbeiter. Ohne diese wichtige, grundlegende, radikale Maßnahme kann weder von einem ernsthaften Widerstand gegen die Wiedererrichtung der Monarchie und gegen die Versuche, die versprochenen Freiheiten aufzuheben oder einzuschränken, die Rede sein noch davon, entschlossen den Weg zu beschreiten, der zu Brot, Frieden und Freiheit führt.“.

Im Gegensatz zur Position der Petrograder Bolschewiki, die den „Zarismus bekämpfen“ und „die bürgerliche Revolution fortsetzen“ wollten, schrieb Lenin schon in seinem ersten „Brief aus der Ferne“ von der „ersten Etappe der ersten Revolution“. Dort rief er zum vollständigen Misstrauen und dem Entzug jeglicher Unterstützung gegenüber der Provisorischen Regierung auf, da diese unfähig sei, selbst die bürgerliche Revolution weiterzuführen. Anstelle dessen sei es an der Zeit, die zweite Revolution, die proletarische Revolution, vorzubereiten. Der rechte Flügel der Bolschewiki, der die Prawda kontrollierte, sah darin einen Bruch mit der Parteitradition, Unsinn, und veröffentlichte deshalb keinen der darauffolgenden vier Briefe von Lenin.

Fast nebenbei schrieb Lenin in seinem vierten Brief:

„Wenn die Staatsmacht in Rußland den Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten gehören würde, dann hätten diese Sowjets und der von ihnen gewählte gesamtrussische Sowjet die Möglichkeit – und wären sicher auch bereit –, das Friedensprogramm zu verwirklichen, das unsere Partei (die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands) bereits am 13. Oktober 1915 in Nr.47 ihres Zentralorgans, dem Sozial-Demokrat (der damals wegen der zaristischen Zensur in Genf erschien), umrissen hat.“

In seinem fünften Brief folgte Lenin dieser Linie:

„In den vorhergehenden Briefen wurden die gegenwärtigen Aufgaben des revolutionären Proletariats in Rußland folgendermaßen skizziert: 1. verstehen, auf dem richtigsten Weg zur nächsten Etappe der Revolution bzw. zur zweiten Revolution zu gelangen, die 2. die Staatsmacht den Händen der Gutsbesitzer- und Kapitalistenregierung (der Gutschkow, Lwow, Miljukow und Kerenski) entreißen und sie der Regierung der Arbeiter und der armen Bauern übergeben muß. 3. Diese Regierung muß nach dem Muster der Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten organisiert sein; sie muß 4. die alte, für alle bürgerlichen Staaten charakteristische Staatsmaschine, die Armee, die Polizei, die Bürokratie (das Beamtentum), zerschlagen und völlig beseitigen, indem sie 5. diese Maschine durch eine Organisation des bewaffneten Volkes ersetzt, die nicht nur große Massen, sondern ausnahmslos das gesamte Volk umfaßt.“ (eigene Hervorhebungen)

Die Aprilthesen

Als Lenin schon in Petrograd angekommen war, schrieb er in seinen Aprilthesen folgerichtig: „Aufklärung der Massen darüber, daß die Sowjets der Arbeiterdeputierten die einzig mögliche Form der revolutionären Regierung sind und daß daher unsere Aufgabe, solange sich diese Regierung von der Bourgeoisie beeinflussen läßt, nur in geduldiger, systematischer, beharrlicher, besonders den praktischen Bedürfnissen der Massen angepaßter Aufklärung über die Fehler ihrer Taktik bestehen kann. Solange wir in der Minderheit sind, besteht unsere Arbeit in der Kritik und Klarstellung der Fehler, wobei wir gleichzeitig die Notwendigkeit des Übergangs der gesamten Staatsmacht an die Sowjets der Arbeiterdeputierten propagieren, damit die Massen sich durch die Erfahrung von ihren Irrtümern befreien. Keine parlamentarische Republik – von den Sowjets der Arbeiterdeputierten zu dieser zurückzukehren wäre ein Schritt rückwärts –, sondern eine Republik der Sowjets der Arbeiter-, Landarbeiter- und Bauerndeputierten im ganzen Lande, von unten bis oben.“

Diese Schlussfolgerungen beinhalten die Idee, den bürgerlichen Staatsapparat zu zerschlagen. Dies hatte Lenin noch wenige Monate zuvor als „halb-anarchistisch“ angesehen. Nun ging er so weit, wie zuvor weder Pannekoek noch Bucharin zu denken getraut hatten: Die Sowjets sind nicht mehr die Grundlage einer hypothetischen revolutionären Übergangsregierung, wie es die Bolschewiki von 1905 bis 1917 gedacht hatten, sondern erlangen für Lenin eine viel tiefgründigere Bedeutung. Sie sind potenziell ein neuer Staatstyp; sind nichts Provisorisches, sondern eine Organisation, die den bürgerlichen Staatsapparat permanent ersetzen kann und das Gerüst eines neuen Arbeiter*innenstaates bildet. Denn der bürgerliche Staatsapparat muss zerstört und die Repressionsorgane der Bourgeoisie zerschlagen werden. Niemand im Marxismus hatte zu diesem Zeitpunkt solch radikale Schlussfolgerungen aus der Erfahrung der Sowjets von 1905 gezogen (1) – weder Lenin selbst, noch Trotzki, der noch nicht alle Folgen seiner Theorie der permanenten Revolution erkannt hatte. Das Gewicht der alten Autoritätsperson Kautsky war innerhalb der sozialistischen Bewegung immer noch groß, auch wenn Lenin schon vor drei Jahren mit ihm gebrochen hatte. Innerhalb des russischen Marxismus wurde bisher über die revolutionäre Macht nur in Form der Regierung und des Regimes, also des politischen Personals und der spezifischen Staatsformen gesprochen. Doch fast alle russischen Marxist*innen (bis auf Trotzki) dachten, dass die russische Revolution während dieser historischen Epoche rein bürgerlich sein würde, da es sich bei Russland um ein unterentwickeltes Land handelte. Daher müsste ein daraus entstehender Staat die Entwicklung des Kapitalismus und damit der eigenen russischen Bourgeoisie beschleunigen, die selbst zu feige und rückständig dafür war. Die revolutionäre provisorische Arbeiter*innen- und Bauernregierung sollte daher das „Minimalprogramm“ der Sozialdemokratie durchsetzen, also eine Reihe von Maßnahmen, die das Leben der Arbeiter*innen und Bauern*Bäuerinnen verbessern würden, jedoch nicht über den Kapitalismus hinausreichen. Das „Maximalprogramm“ könnte erst in einer entfernten Zukunft erfüllt werden, da es sich dabei um sozialistische Maßnahmen handelte, die erst durchgesetzt werden könnten, wenn Russland seinen rückständigen Charakter verloren hätte. Für Lenin im Jahr 1917 war all dies eine schon längst von der Geschichte widerlegte strategische Hypothese.

Eine undogmatische und bisher selten gebrauchte Theorie

Die „Briefe aus der Ferne“ und die „Aprilthesen“ eröffneten eine neue Etappe im marxistischen Denken, auch wenn ihre Schlussfolgerungen erst in „Staat und Revolution“ in längerer Form dargelegt wurden. Dieses Werk, das vielleicht Lenins wichtigsten theoretischen Beitrag darstellt, wurde während des Jahres 1917 geschrieben, erschien aber erst 1918. Mit ihm nahm die marxistische Staatstheorie die Überlegungen von Marx und Engels wieder auf und vermachte der Nachwelt eine marxistische politische Theorie, die erst in den 1930er Jahren durch Trotzkis Schriften weiterentwickelt wurde: „Die Verratene Revolution“ oder seine eindringlichen Texte über die komplexen kapitalistischen Staatsformen in Westeuropa und die möglichen Wege, um die Revolution und die Arbeiter*innenmacht auf Grundlage von Organisationen sowjetischen Typs in Deutschland, Frankreich und Spanien voranzutreiben. Diese marxistische Staatstheorie, die auf Lenin basiert, können wir auch in den Gefängnisheften von Antonio Gramsci und seinen Konzepten des „Integralen Staats“ und der Hegemonie erkennen. Die leninistische Staatstheorie wurde jedoch sehr selten gebraucht, auch wenn der sogenannte Postmarxismus sie als „Handbuch“ für die Linke verwirft. Das gilt besonders für Lenins Ansichten über die revolutionäre Macht in Form der Diktatur des Proletariats, die auf Organen der direkten Arbeiter*innendemokratie basiert, den bürgerlichen Staat zerschlägt und einen „proletarischen Halbstaat“ aufbaut. Diese revolutionäre Macht soll für die Weiterentwicklung der Revolution und den Sozialismus kämpfen und so die Grundlagen des eigenen Absterbens jedes Staates im Kommunismus schaffen. Der Stalinismus, der sich als Erbe Lenins verkaufte und seine Werke rein rituell veröffentlichte, entwickelte eine komplett entgegengesetzte Staatstheorie. Er weigerte sich, in den folgenden Revolutionen Sowjets aufzubauen und noch mehr, diese zur Machtübernahme zu bringen. Im Gegenteil bekämpfte er sie mit Repression und prägte anti-marxistische Konzepte wie die der „Volksdemokratien“ (ein Staat, der weder bürgerlich noch proletarisch sei). Später entwickelte er die Idee des „monopolistischen Staatskapitalismus“, derzufolge die westlichen Staaten „Geisel“ der Monopole wären, die man „für das Volk retten“ müsste mittels einer Allianz der Arbeiter*innen mit der nicht-monopolistischen Bourgeoisie. Die marxistischen Debatten über den modernen kapitalistischen Staat lebten in den 1970er und 1980er Jahren wieder auf, als der Eurokommunismus entstand, der Lenin „überarbeiten“ wollte, jedoch einfach nur die alten Theorien von Ferdinand Lassalle in neues Gewand hüllte, gegen die schon Marx selbst polemisiert hatte.

Fußnote

In diesem Sinne ist die Wahrnehmung von Alfred Rosmer über die Rezeption der von Lenin vorgeschlagenen neuen Staatstheorie in Frankreich symptomatisch. Rosmer war ein revolutionärer Syndikalist aus anarchistischer Schule, sehr störrisch und voller Misstrauen gegenüber den offiziellen „Marxisten“, die er kannte. Bei der Gründung der Dritten Internationale schloss er sich jedoch den Reihen des Kommunismus an: „Anfang 1919 erschienen in Frankreich einige Kopien von Lenins ‘Staat und Revolution‘. Es war ein außerordentliches und selten dichtes Buch. Lenin, der Marxist und Sozialdemokrat war, wurde von den Theoretikern der sozialistischen Parteien, die sich als marxistisch bezeichneten, wie ein Paria behandelt. ‘Das ist kein Marxismus, das ist eine Mischung aus Anarchismus und Blanquismus‘, protestierten sie (…). Doch für die Revolutionäre, die sich außerhalb des orthodoxen Marxismus befanden, für die Syndikalisten und die Anarchisten, war dieser Blanquismus (…) eine angenehme Erscheinung. Nie hatten sie die ihnen bekannten Marxisten in dieser Sprache reden hören. Sie lasen diese Marx-Interpretation und lasen sie erneut, da sie ihnen nicht bekannt war“. A. Rosmer, Lenin’s Moscow, Bookmarks, London, 1987, p. 54.

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