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USA: Wird jetzt zurück­ge­schos­sen?

Nach zwei Morden von Polizisten an Schwarzen, töten Heckenschützen am Rande einer antirassistischen Demonstration in Dallas (Texas) fünf Polizisten. Die Attentate fallen in eine Phase der berechtigen Wut über rassistische Polizeimorde – doch um sich zu verteidigen, braucht die #BlackLivesMatter-Bewegung Massenmilitanz statt Heckenschützen.

USA: Wird jetzt zurückgeschossen?

Die Videos zweier weiterer Morde an Schwarzen schockieren die USA: Am Dienstag war der 37-jährige Alton Sterling in Baton Rouge (Louisiana) von zwei Polizisten auf den Boden gezwungen und aus nächster Nähe erschossen worden. Zwei Tage später wurde der 32-jährige Philando Castile bei einer Fahrzeugkontrolle in Falcon Heights (Minnesota) erschossen. Der Mord wurde von seiner Freundin als Video per Facebook-Livestream verbreitet und von Hunderttausenden angesehen.

Am Freitag kam es darauf in zahlreichen Städten der USA zu spontanen Protestaktionen gegen rassistische Polizeigewalt. Am Rande einer friedlichen Demonstration in Dallas eröffneten mehrere Heckenschütz*innen das Feuer auf die Polizei. Fünf Polizist*innen starben, mindestens sieben weitere sowie zwei Zivilist*innen wurden verletzt. Noch ist offen, ob die Attentate Racheakte auf die Morde der vorangegangenen Tage waren. Doch einer der Täter, der später durch einen Polizeiroboter getötet wurde, gab an insbesondere weiße Polizist*innen töten zu wollen. Drei weitere Tatverdächtige wurden von der Polizei festgenommen.

US-Präsident Barack Obama hatte betont, man solle die Trauer über die Morde an Schwarzen in friedlichem Protest ausdrücken. Im Jahr 2015 starben 1.134 Menschen durch die Gewaltanwendung von Polizeieinheiten, davon 300 Schwarze. Im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung werden junge Schwarze demnach neunmal so oft zum Opfer tödlicher Polzeigewalt wie der Durchschnitt der Bevölkerung. Angesichts dieser Statistiken klingt die Aufforderung nach friedlichem Protest nach einem Beschwichtigungsversuch, der einer Radikalisierung vorbeugen soll.

Nicht umsonst hatte nach den Morden am Michael Brown in Ferguson (Missouri) und Eric Garner in New York City die #BlackLivesMatter-Bewegung nationale Bekanntheit erlangt. Die tagelangen Unruhen in Ferguson hatten einen wichtigen Anteil, das Thema der rassistischen Polizeigewalt in das kollektive Bewusstsein der amerikanischen und internationalen Öffentlichkeit zu bringen. Nun zeigen die jüngsten Morde an Schwarzen wie wichtig es ist, die antirassistische Bewegung in eine neue Phase zu heben. Die kollektive Selbstverteidigung gegen Polizeigewalt ist für viele Afroamerikaner*innen eine Frage des nackten Überlebens.

Doch auch wenn die Wut der Attentäter*innen von Dallas verständlich sein mag, so trägt sie nicht dazu bei, einen effektiven Protest zu organisieren. Sie wird der Repression einen Vorwand liefern, ohne dass dadurch eine Mobilisierung in den Betrieben, Schulen und Stadtteilen entstehen würde. Die Taten von Einzelnen  können die rassistischen Angriffe allerdings nicht beantworten: Angesichts von fünf toten Polizist*innen gegenüber hunderten Schwarzen, die jährlich ermordet werden, kann von einem „Zurückschießen“ keine Rede sein. Die neuen Mobilisierungen von #BlackLivesMatter [hier im Video] können aber einen Ansatzpunkt bieten, um endlich eine Antwort auf die Morde zu liefern.

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