Deutschland

Tönnies: Moderne Sklaverei und Rekord-Corona-Ausbruch

Über 1.500 Arbeiter*innen des Schlachtbetriebes Tönnies in Gütersloh sind inzwischen mit Covid-19 infiziert – der größte einzelne Corona-Hotspot Deutschlands. Ein Ausdruck kapitalistischer Barbarei und moderner Sklaverei, und Vorbote einer zweiten Infektionswelle in Deutschland.

Tönnies: Moderne Sklaverei und Rekord-Corona-Ausbruch

Mindestens 1.553 Arbeiter*innen – viele von ihnen Leiharbeiter*innen oder mit Werkverträgen, ein großer Teil aus Rumänien und Bulgarien – haben sich bei der Arbeit für den Fleischriesen Tönnies in Rheda-Wiedenbrück, einem Vorort von Gütersloh, mit Covid-19 infiziert. Seit vergangenem Mittwoch, als der massenhafte Ausbruch erstmals bekannt wurde, stiegen Tag für Tag die bestätigten Infektionszahlen.

Inzwischen wurden immer mehr Horrorstories bekannt, von Beschäftigten, die trotz Corona zur Arbeit mussten, von „Arbeitsquarantäne“ – d.h. Weiterarbeiten müssen und nur zwischen Arbeit und Zuhause pendeln dürfen –, und vor allem von den miserablen Arbeits- und Wohnbedingungen der Tönnies-Beschäftigten. Es dauerte jedoch mehrere Tage, bis der Betrieb in Rheda-Wiedenbrück eingestellt wurde; im restlichen Bundesgebiet mussten die Schlachthofarbeiter*innen von Tönnies weiter schuften – unter denselben horrenden Bedingungen.

Tönnies ist bei weitem nicht der einzige Schlachtbetrieb, der in den letzten Wochen als Hotspot für Corona Neuinfektionen fungierte. Immer wieder gerieten Schlachthöfe in den Fokus des Gesundheitsamtes, weil sich dort die Coronafälle häuften. Tönnies hatte die skandalöse Situation immer wieder heruntergespielt, aber erreicht selbst ganz neue Dimensionen; die Ursachen sind aber überall ähnlich. Große Teile der Belegschaften sind ausländische Werkvertragsarbeiter*innen aus Osteuropa, die unter katastrophalen Bedingungen angestellt sind. Schichtpläne ohne Rücksicht auf Privatleben und Erholung, Arbeit auf engstem Raum und natürlich eine miserable Bezahlung. Hinzu kommen die Unterbringungen in (unverschämt überteuerten) Unterkünften, die unwürdig, manchmal verschimmelt und vor allem überbelegt sind. Social Distancing ist somit auf dem Arbeitsplatz sowie „Zuhause“ unmöglich.

Tönnies ist der Verantwortliche

Die Arbeit in den Fleischbetrieben und besonders bei Tönnies grenzt somit an moderne Sklaverei, wie selbst stockkonservative bürgerliche Zeitungen wie Focus anerkennen müssen. Daran hat auch die Bundesregierung Schuld, die die Maschinerie extremer Ausbeutung durch Werkverträge und Subunternehmen erst ermöglicht hatte. Und warum? Damit Milliardäre wie Tönnies sich auf dem Rücken der Arbeiter*innen eine goldene Nase verdienen können. Unsere Leben sind ihnen wirklich nichts wert, wenn es um ihre Profite geht.

Clemens Tönnies gehört mit einem geschätzten Vermögen von 1,4 Milliarden Euro zu den reichsten Kapitalisten Deutschlands und stand schon immer gerne im Rampenlicht. Seit 2001 ist er Aufsichtsratsvorsitzender des Bundesligaclubs FC Schalke 04, einem der bekanntesten Fußballvereine Deutschlands. Bei der aktiven Fanszene des Vereins, die zu großen Teilen linksorientiert ist, steht Tönnies schon lange unter heftiger Kritik. Aktuell sind Protestaktionen geplant, bei denen sich auch wiederholt auf seinen letzten Skandal berufen wird und bei denen sein Rauswurf gefordert wird. Im August letzten Jahres tätigte Tönnies auf einer Veranstaltung anlässlich zum Tag des Handwerks folgende Aussage: „Dann hören die Afrikaner auf, die Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, wenn wir die nämlich elektrifizieren, Kinder zu produzieren.“

Tönnies wusste von den Vorfällen in konkurrierenden Betrieben, wie zum Beispiel bei „Westfleisch“. Ironischerweise warnte er damals vor „Vorverurteilungen“ und sprach davon, dass sein eigener Betrieb absolut vorbildlich mit der Situation umgeht. Nur wenige Wochen später stellt sich heraus, dass dies nicht nur eine Fehleinschätzung, sondern viel mehr eine dreiste Lüge war. Tönnies‘ Reaktion auf die ersten Infektionen in seinem Schlachtbetrieb? Es gab keine. Bis vor wenigen Tagen wurde in vielen Abteilungen ganz normal weitergearbeitet.

Reaktion der Landesregierung

Doch nicht nur Tönnies muss für das verantwortungslose Handeln in den letzten Tagen und Wochen kritisiert werden, denn auch die Landesregierung NRW verschloss sehr lange ihre Augen. Erst seit Anfang der Woche wird über Kontaktbeschränkungen im Landkreis Gütersloh debattiert, der Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) meldete sich erst heute zu Wort. Der Landkreis Gütersloh wird mit weitreichenden Kontaktbeschränkungen versehen, ein kompletter Lockdown kann aktuell noch nicht ausgeschlossen werden. Schulen und Kitas wurden schon vor Tagen geschlossen. Doch Betriebe sollen ganz normal weiterlaufen – denn die kapitalistischen Profite sollen ja nicht geschmälert werden. Dass sich tausende Menschen bei der Arbeit anstecken und ihr Leben riskieren, ist dafür irrelevant.

Im Gegensatz dazu wurde, als Reaktion auf gehäufte Infektionen in einem Wohnblock in Berlin, der zum Großteil von Roma-Familien bewohnt wird, dieser kurzerhand polizeilich abgeriegelt. Dasselbe geschah in Göttingen. Dieser Vergleich zeigt ganz deutlich, wo die Politik einen Unterschied macht. Auf der einen Seite stehen die drohenden Profiteinbußen eines deutschen Kapitalisten und auf der Anderen eine rassistische Überreaktion, die migrantische Familien betrifft – obwohl die herrschenden, politischen Umstände diesen Hotspot erst ermöglichten.

Unter kapitalistischem Profitdruck ist eine zweite Infektionswelle unvermeidlich

Dieses Beispiel ist aber nur eines von vielen, welches wir auf ähnliche Art und Weise immer wieder erleben werden. Somit stellt sich die Frage, wie gefährlich diese Vorgehensweise für die pandemische Entwicklung sein kann. Tönnies beweist, wie schnell und verheerend ein Ausbruch sein kann. Solange die Politik den Schutz der Profite rücksichtsloser Kapitalist*innen weiter aufrechterhält, stellt dies eine viel größere Gefahr für eine zweite, bundesweite Infektionswelle dar, als die Geburtstagsfeier im Garten, mit einer Handvoll Freund*innen. Nach dem gigantischen Druck der Bevölkerung und der Medien ist der Betrieb bei Tönnies nun vorerst eingestellt – immerhin ist auch ein Drittel der Belegschaft krankgeschrieben. Eine weitreichende Initiative der Politik gibt es aber weiterhin nicht. Im Gegenteil: Armin Laschet war in den vergangenen Wochen einer der größten Verfechter von weitgehenden Lockerungen im Interesse der Profite des Kapitals. Wenn Tönnies-Arbeiter*innen an Covid-19 sterben, haben sowohl der Fleischmilliardär als auch Laschet Blut an ihren Händen.

Tönnies und Co. enteignen! Gegen eine Normalisierung im Interesse des Kapitals!

Die Fleischindustrie ist aufgrund ihrer Arbeitsbedingungen eine der größten Corona-Hotspots. Schon seit Wochen verspricht die SPD deshalb, dass ab nächstem Jahr strengere Regeln gelten werden, Werkverträge in der Fleischindustrie verboten werden sollen, usw. Doch das ist purer Zynismus, denn die Regierung und die SPD selbst sind für diese Arbeitsbedingungen verantwortlich – und außerhalb der Fleischindustrie wollen sie sie auch nicht antasten. Denn das Regime „moderner Sklaverei“, unter der besonders migrantische Arbeiter*innen zu leiden haben, ist für das deutsche Kapital viel zu profitabel. Auch die Gewerkschaftsbürokratie ist dabei Komplizin, denn sie führt gegen diese Regelungen keinen Kampf und hat sie bei ihrer Einführung stillschweigend mitgetragen. So halten sie die Spaltung zwischen Arbeiter*innen „erster“ und „zweiter Klasse“ aufrecht.

Doch die Gewerkschaften müssen damit brechen und den Kampf gegen diese Prekarität und den Rassismus der Bosse aufnehmen, um die Arbeiter*innenklasse in Deutschland in einem gemeinsamen Kampf gegen die Kapitalist*innen zu vereinen.

Die Beschäftigten müssen selbst ihre Arbeits-, Lebens- und Hygienebedingungen kontrollieren können, denn die Profitgier der Kapitalist*innen ermöglicht keine guten Bedingungen.

Dazu gehört auch, dass Tönnies und die gesamte Lebensmittelindustrie entschädigungslos enteignet, für die Gesundheitsgefährdung der Beschäftigten zur Rechenschaft gezogen und unter Arbeiter*innenkontrolle verstaatlicht werden muss.

Insgesamt braucht es ein Programm für einen Kampf gegen eine Normalisierung im Interesse des Kapitals: Denn es geht um ihre Profite oder unser Leben.

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