Jugend

Tod durch Erfrieren: nationale Unterdrückung in Zeiten des verschärften islamischen Kapitalismus

In Rojhalat sterben zwei Jugendliche bei der Arbeit. Ihr Tod löst Massenproteste in der iranischen Besatzungszone aus. Die beiden Jungs waren als Kolbar tätig.

Tod durch Erfrieren: nationale Unterdrückung in Zeiten des verschärften islamischen Kapitalismus

Am 20. Dezem­ber empfin­gen die Massen in Mari­van (Rojha­lat, Ostkur­dis­tan) mit Brotscheiben den leblosen Kör­p­er von Farhad Khos­ravi. Brot wurde zum Zeichen der jüng­sten Proteste, welche sich über den gesamti­ranis­chen Staat erstreck­ten: es sym­bol­isiert die Kosten des Lebens. In der Nacht zum 15. Dezem­ber wur­den der 14-Jährige kur­dis­chen Junge und sein 17-jähriger Brud­er Azad als ver­misst gemeldet. Am 20. Dezem­ber wur­den ihre erfrore­nen Leichen von Ein­heimis­chen auf der Höhe des Tateh-Hura­man-Gebirges nach viertägiger Suche gefun­den. Bei­de waren zum Todeszeit­punkt als Kol­bar, also als Gren­zkuriere, tätig.

Tausende Kurd*innen begleit­eten am Fre­itag die Leiche des jun­gen Teenagers in das Dorf Ney, sein Geburt­sort in der Nähe der Stadt Mari­van. Sie würdigten die Kol­bar, die ihr Leben ver­loren haben, um ihren Leben­sun­ter­halt zu ver­di­enen. Bei der Beerdi­gung, an der Tausende Men­schen aus dem Dorf und den umliegen­den Städten teil­nah­men, riefen die Men­schen Parolen gegen die islamis­chen Rev­o­lu­tion­s­gar­den und die iranis­che Regierung: „Die Rev­o­lu­tion­s­gar­den sind für dieses Ver­brechen ver­ant­wortlich!”, „Tod dem Dik­ta­tor!“, „Mär­tyr­er ster­ben nicht!“.

Der Tod der bei­den jun­gen Brüder führte zu ein­er Massen­em­pörung in der Region. Das alles, nach­dem in den let­zten 40 Tagen Tausende Men­schen gegen die Erhöhung des Ben­z­in­preis­es und gegen das iranis­che Regime auf die Straßen gegan­gen sind. Es sind vor allem Men­schen unter­drück­ter Natio­nen, die im Iran sys­tem­a­tisch ermordet wer­den. Nun haben die unter­drück­ten und aus­ge­beuteten Massen eine weit­ere Tragödie erlebt.

Die Khos­ravi Brüder waren dabei sehr neue, uner­fahrene Kol­bar. Azad lief erst zum drit­ten Mal, sein jün­ger­er Brud­er zum ersten Mal, die ver­schneite Strecke zu Fuß. Die Fam­i­lie bestand aus den kranken Eltern und ins­ge­samt vier Kindern. Azad war der älteste, der die Mit­telschule ver­lassen musste, um die Eltern bei der Beschaf­fung des Leben­sun­ter­haltes für die gesamte Fam­i­lie zu unter­stützen. Farhad war der dritte Sohn der Fam­i­lie, der aus dem gle­ichen Grund vor kurzem eben­falls die Schule ver­ließ.

Am 15. Dezem­ber fuhr eine Gruppe von fünf Jugendlichen aus dem Dorf Ney zum Tateh-Hawraman-Gebirge, um dort Waren über die Gren­ze zu schmuggeln. Drei Mit­glieder der Gruppe hat­ten das Glück, auf ihrem Weg bei heftiger Kälte ein in Baschur (Süd­kur­dis­tan, der Teil von Kur­dis­tan im Irak) liegen­des Gren­z­dorf zu erre­ichen. Azad und Farhad verir­rten sich jedoch im Schneesturm. Farhads Bemühun­gen, Azad mit sein­er Jacke warm zu hal­ten, um ihn zu ret­ten, waren nut­z­los. Azad erfror im Schnee. Farhad erre­ichte dann alleine eine Berghütte. Sie war ver­schlossen. Farhad ver­suchte, in die Hütte zu kom­men, indem er das Fen­ster ein­brach und dabei seine Hand ver­let­zte. Er schaffte es aber nicht hinein. Mit blu­ten­den Fin­gern und einem kraft­losen Kör­p­er lehnte er seinen Kopf an die Außen­wand der Hütte und schloss seine Augen.

Als die bei­den Jugendlichen aufge­fun­den wur­den, befand sich Farhads Jacke auf dem gefrore­nen Kör­p­er seines Brud­ers Azad. Die Berghütte, wo Fahrhads Leiche gefun­den wurde, war weit­er ent­fer­nt am Ende der vorge­se­henen Route.

Kapitalismus und Kinderarbeit

Das kap­i­tal­is­tis­che Pro­duk­tion­ssys­tem beste­ht aus ver­schieden­sten Pro­duk­tions­for­men – freie und unfreie Arbeit, ent­lohnte und nicht-ent­lohnte Arbeit. Arbeit von Erwach­se­nen und – trotz all möglich­er Kinder­schutzkon­ven­tio­nen – auch aus Kinder­ar­beit. Kur­dis­tan und der Iran sind da keine Aus­nahme. Denn auch in Deutsch­land kon­sum­ieren wir eine Vielzahl von Pro­duk­ten, die mit Kinder­ar­beit hergestellt wer­den: vom Koltan für unsere Smart­phones aus dem afrikanis­chen Kon­ti­nent oder den ver­schiede­nen südamerikanis­chen Edel­met­allen für unsere anderen elek­tro­n­is­chen Geräte sowie unseren Schmuck, über die Klei­dung die wir von Nike oder bei H&M kaufen – unser All­t­ag ist durch­zo­gen von Pro­duk­ten der ger­aubten Kind­heit von Kindern an anderen Orten der Welt. Weit weg, wo wir es nicht sehen.

Diese Art von extrem­ster Aus­beu­tung ist das Erbe der kap­i­tal­is­tis­chen Bar­barei und find­et ihren bru­tal­sten Aus­druck in der Kinder­ar­beit. Die Kinder-Kol­barar­beit (Gren­zkur­ri­er­ar­beit) in Kur­dis­tan, ins­beson­dere im harten kur­dis­chem Win­ter, zeigt, dass das iranis­che Regime die unter­drück­ten Völk­er sich nicht mit dem Ele­men­tarstem zum Über­leben ausstat­ten lässt. Die einzige Möglichkeit, Kinder­ar­beit über­haupt an ihren Wurzeln zu bekämpfen. Der gewalt­same Tod von Farhad und Azad sym­bol­isiert die Klasse­naus­beu­tung und nationale Unter­drück­ung, in der die Jun­gen und ihre Fam­i­lie lebten und immer noch leben. So ist vor allem der 14-Jährige Farhad zum Sym­bol der Ungerechtigkeit und der Bar­barei des kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tems der islamis­chen Repub­lik gewor­den. Der Tod durch Erfrieren ist nicht nor­mal. Er ist das Pro­dukt der sys­tem­a­tis­chen Entrech­tung des kur­dis­chen Volkes, auch durch das islamisch-iranis­che Regime. Die Beerdi­gung der Brüder hat in Mari­van Proteste gegen die kolo­nial­is­tis­che Poli­tik der Islamis­chen Regierung aus­gelöst. Die Jun­gen sind so heute zum Sym­bol des Wider­standes und dem Kampf ums nack­te Über­leben in Rojha­lat gewor­den.

Kolbar: Vereinigung der primitivsten Wirtschaftsformen mit den letzten Errungenschaften der kapitalistischen Technik

In einem Land, in dem die Infla­tion­srate aktuell bei ca. 50 Prozent liegt und die Arbeit­slosen­rate bei ca. 11 Prozent, ist das Über­leben müh­sam. Das Über­leben im beset­zten Rojha­lat ist beson­ders schwierig. Hier beträgt die Arbeit­slosen­rate ca. 40 Prozent. Viele müssen da auf unregelmäßige Arbeit wie die als Kol­bar zurück­greifen: Kol heißt auf Kur­disch „Rück­en“, bar bedeutet „Last“. Kol­bar tra­gen auf ihren Rück­en große Kisten, die manch­mal schw­er­er als ihr eigenes Kör­pergewicht sind. Nicht sel­ten sind das über 100 Kilo­gramm. Kol­bar wer­den pro Gren­z­gang (zwis­chen Rojha­lat und Baschur) bezahlt und wis­sen eigentlich nie, ob sie ihn über­leben wer­den. Denn sie wer­den entwed­er durch die kolo­nialen Sicher­heit­skräfte der iranis­chen Regierung beschossen, oder in den Bergen durch Law­inen begraben.

Allein in Ostkur­dis­tan leben ca. 400.000 Men­schen direkt von der ille­gal­isierten Kol­bar-Arbeit. Seit­dem durch die impe­ri­al­is­tis­che Unter­w­er­fungspoli­tik und den inter­na­tionalen Sank­tio­nen gegen die Islamis­che Repub­lik, an der sich auch Deutsch­land beteiligt, sind nun noch mehr Fam­i­lien zur gefährlichen Kol­bar-Arbeit gezwun­gen, da sich durch die Sank­tio­nen die Wirtschaft­slage des Lan­des deut­lich ver­schlechtert hat. Die meis­ten der als Kol­bar arbei­t­en­den kur­dis­chen Jugendlichen sind arbeit­s­los, gehen also kein­er reg­ulären Lohnar­beit nach – nicht weil sie nicht wollen, son­dern weil sie keine Anstel­lung find­en. Es bleibt vie­len nur ein einziger Weg, um ihr Über­leben und das ihrer Fam­i­lie sich­er zu stellen. Dabei ken­nt die Kol­bar-Arbeit kein Geschlecht, kein festes Alter und kein Bil­dungsniveau. Aktuell ist die Tagelöh­n­er-Arbeit als Kol­bar die let­zte und doch häu­fig­ste Arbeitsmöglichkeit der kolonisierten Kurd*innen in Rojha­lat.

Kol­bar beim Gren­züber­gang

Die sys­tem­a­tisch zurück­ge­hal­tene Infra- und Wirtschaftsstruk­tur drän­gen viele Kurd*innen in allen kur­dis­chen Gebi­eten in Elend und Armut. In Rojha­lat sind Kurd*innen gezwun­gen, mit ver­al­teten Trans­port­mit­teln wie mit Maultieren, Eseln und Pfer­den die mod­ern­sten tech­nis­chen Pro­duk­te wie Lap­tops, Handys, Kühlschränke usw. über die Gren­ze zu brin­gen. Dieser Gren­zhan­del ist eigentlich ein Han­del zwis­chen Kurd*innen, die durch die Gren­zen der kolo­nialen Staat­en wie dem Irak, der Türkei und dem Iran getren­nt sind. Ihre tech­nis­chen Mit­tel zur Arbeit sind prim­i­tiv und his­torisch von der tech­nis­chen Entwick­lung längst über­flüs­sig gemacht. Leo Trotz­ki definiert genau solche Phänomene wie fol­gt:

Die kolo­nialen und hal­bkolo­nialen Län­der sind ihrer Natur nach rück­ständi­ge Län­der. Aber diese rück­ständi­gen Län­der leben unter den Bedin­gun­gen der Weltherrschaft des Impe­ri­al­is­mus. Deshalb hat ihre Entwick­lung einen kom­binierten Charak­ter: sie vere­inigt die prim­i­tivsten Wirtschafts­for­men mit den let­zten Errun­gen­schaften der kap­i­tal­is­tis­chen Tech­nik und Zivil­i­sa­tion.

Das Phänomen der Kol­bar unter­stre­icht das Zitat und zeigt die Dynamik der kom­binierten und ungle­ichen Entwick­lung zwis­chen kap­i­tal­is­tis­chen Zen­tren auf der einen Seite und dessen Periph­e­rien auf der anderen Seite. Die Abschaf­fung dieser men­sche­nun­würdi­gen Arbeitsver­hält­nisse kann vom Kampf gegen den impe­ri­al­is­tis­chen Kap­i­tal­is­mus und Kolo­nial­staat­en, wie dem Iran und der Türkei, nicht getren­nt betra­cht­en wer­den.

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