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Streik gegen Prekarisierung

Der Arbeit­skampf bei der Char­ité Facil­i­ty Man­age­ment (CFM) hat eine Bedeu­tung, die weit über den Streik hin­aus­ge­ht

Streik gegen Prekarisierung

// Der Arbeit­skampf bei der Char­ité Facil­i­ty Man­age­ment (CFM) hat eine Bedeu­tung, die weit über den Streik hin­aus­ge­ht //

Seit Anfang Sep­tem­ber streiken die Arbei­t­erIn­nen der Char­ité Facil­i­ty Man­age­ment GmbH (CFM), ein­er Tochterge­sellschaft des Berlin­er Uni­ver­sität­sklinikums Char­ité, für bessere Löhne und einen Tar­ifver­trag. Die CFM ent­stand 2005 unter dem SPD-Linkspartei-Sen­at und hat seit­dem die Ver­ant­wor­tung über alle nicht-medi­zinis­chen und nicht-pflegerischen Arbeit­en (u.a. Reini­gung, Trans­port, Ster­il­i­sa­tion). Die Prof­i­teure der Aus­grün­dung sind vor allem die pri­vat­en Dien­stleis­tung­sun­ternehmen Vamed AG, Hell­mann World­wide Logis­tics und die Duss­mann-Gruppe. Gemein­sam hal­ten sie 49% der Anteile der CFM und stellen die Mehrheit im Auf­sicht­srat.

Das Geschäftsmodell der CFM

Die Geschichte der CFM ist beispiel­haft für die Zustände im Gesund­heits­bere­ich. Schon in den 70ern und beson­ders in den Jahrzehn­ten der Bürg­er­lichen Restau­ra­tion, drängten pri­vate Unternehmen in die Kliniken. Erst über die Aus­lagerung von Reini­gungs­di­en­sten, schließlich sog­ar mit dem Verkauf der öffentlichen Kranken­häuser an „Gesundheits“-Konzerne.

Die CFM ist ein Pro­dukt der Poli­tik der Pri­vatisierung öffentlichen Eigen­tums und der Prekarisierung der Arbeits­be­din­gun­gen. Es gibt keinen Tar­ifver­trag, sodass Bezahlung, Urlaub­stage u.a. indi­vidu­ell vari­ieren, d.h. selb­st in ein und der­sel­ben Abteilung Kol­legIn­nen nebeneinan­der zu unter­schiedlichen Bedin­gun­gen arbeit­en. Das hat zur Folge, dass die objek­tiv­en Bedin­gun­gen, unter denen der Streik bei der CFM stat­tfind­et, sehr schwierig sind. Viele haben befris­tete Verträge, die Stun­den­löhne liegen oft bei unter acht Euro. In einem staatlichen Kranken­haus arbeit­en Kol­legIn­nen, die nach ihrem Vol­lzeit-Job bei der Arbeit­sagen­tur die Auf­s­tock­ung auf Hartz-IV-Niveau beantra­gen müssen! Dazu kommt die Schwierigkeit, dass einige Kol­legIn­nen, die bei der CFM arbeit­en, noch alte Char­ité-Verträge haben. Diese „Gestell­ten“ sind von den Prob­le­men der CFM-Angestell­ten nicht direkt betrof­fen, und haben eine viel sicherere Posi­tion als befris­tete Kol­legIn­nen. Dadurch wird die Belegschaft noch weit­er ges­pal­ten. Gle­ichzeit­ig übt die voran­schre­i­t­ende Prekarisierung der CFM-Beschäftigten starken Druck auf die Arbeitsver­hält­nisse der „sicher­eren“ Gestell­ten.

Die Chefe­tage der CFM set­zt bei diesen Spal­tun­gen an, um den Streik zu brechen. Neben Druck­mit­teln wie Lügen und Ein­schüchterung wird auch mit Erpres­sung und leeren Ver­sprechun­gen ver­sucht, den Streik schwach zu hal­ten. Zudem wird mas­siv Lei­har­beit einge­set­zt, um den Streik unter Beu­gung jeglich­er Arbeits­ge­set­ze zu sabotieren. Beson­ders den pri­vat­en InvestorIn­nen wie Duss­mann geht es dabei ein­fach ums Prinzip. Der rel­a­tiv niedrige gew­erkschaftliche Organ­isierungs­grad der CFM-Belegschaft macht es dem Unternehmen leichter, im Sinne der Prof­it­max­imierung jeden Cent aus den Beschäftigten her­auszu­pressen. Diese krim­inelle Poli­tik der Geschäfts­führung zeigt klar und deut­lich, dass es hier nicht nur um einen „banalen“ Lohnkon­flikt geht, son­dern um die poli­tis­che Durch­set­zung eines Prof­it­mod­ells, welch­es direkt die his­torischen Errun­gen­schaften der Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung auszulöschen ver­sucht.

Zu allem Über­fluss arbeit­en Funk­tionärIn­nen der Gew­erkschaft IG BAU aktiv gegen den Streik. Grund dafür ist die Konkur­renz zwis­chen den Appa­rat­en der IG BAU und ver.di und ein Allein­vertre­tungsanspruch auf die Kol­legIn­nen in der Reini­gung. Dies beweist zu Genüge die ver­dor­bene Rolle der Gew­erkschaft­sap­pa­rate.

Die Krise der Subjektivität

Mit der objek­tiv­en Sit­u­a­tion ver­bun­den ist die schwierige sub­jek­tive Lage. Das Bewusst­sein, dass man sich gemein­sam gegen die Willkür der Unternehmen wehren kann, ist nicht weit ver­bre­it­et. Die Bour­geoisie und ihre Stäbe haben über die let­zten Jahrzehnte, v.a. seit den 90er Jahren, mit ihrer Offen­sive und der Ide­olo­gie des Indi­vid­u­al­is­mus die Tra­di­tion der Sol­i­dar­ität der Arbei­t­erIn­nen fast rest­los ver­schüt­tet. Und es braucht Erfahrun­gen von erfol­gre­ichen Kämpfen um diese Tra­di­tion wieder aufleben zu lassen.

An der des­o­lat­en Lage des Selb­st­be­wusst­seins der Arbei­t­erIn­nen in Deutsch­land hat der Zus­tand der Gew­erkschaften eben­falls seinen gehöri­gen Anteil. Die vor allem in bun­desre­pub­likanis­ch­er Zeit ent­fal­tete Prax­is der „Sozial­part­ner­schaft“ (die die Klassenkol­lab­o­ra­tion an die Stelle des Klassenkampfes set­zt) führte zur Ver­fes­ti­gung bürokratis­ch­er Struk­turen und zu einem Appa­rat, der nicht nur die eigene Rolle als alleinige Stel­lvertre­tung der Arbei­t­erIn­nen-Inter­essen und als „notwendi­ger“ Spezial­ist in „unüber­schaubaren“ rechtlichen Ver­hält­nis­sen betonte, son­dern sog­ar auch zu einem regel­recht­en Co-Man­age­ment führte. Gegen die Offen­sive der Herrschen­den (erst Recht durch die SPD, wobei die Schröder­sche Agen­da 2010 den Höhep­unkt darstellte) wurde kein Wider­stand geleis­tet. Die Fol­gen: Erstens die Zer­störung der Selb­st­tätigkeit der Arbei­t­erIn­nen im Rin­gen mit dem Kap­i­tal. Zweit­ens die Kamp­fu­ner­fahren­heit viel­er Arbei­t­erIn­nen. Drit­tens auch das indi­vidu­elle Abwen­den viel­er Arbei­t­erIn­nen von den Gew­erkschaften, vor allem in den let­zten Jahrzehn­ten, und die zunehmende Ver­bre­itung der Mei­n­ung, dass den Maß­nah­men der Herrschen­den nichts ent­ge­genge­set­zt wer­den könne.

Dabei gehören die Gew­erkschaften in Deutsch­land, trotz aller Mit­gliederver­luste, zu den mächtig­sten der Welt. Die Dien­stleis­tungs­gew­erkschaft ver.di ist beispiel­sweise mit 2,1 Mil­lio­nen Mit­gliedern eine der größten Gew­erkschaften weltweit. Den­noch sind diese Riesen nicht in der Lage, Riesen­haftes zu voll­brin­gen.

Bei der CFM wer­den Fol­gen dieser Entwick­lung sicht­bar. Zum Einen hat­ten die Gew­erkschaften die Grün­dung der CFM nicht zu ver­hin­dern ver­sucht und haben so die jet­zi­gen Ver­hält­nisse indi­rekt mit zu ver­ant­worten. Zum Anderen aber gibt es auch konkrete Schwierigkeit­en im Kampf. Die noch zu niedrige Beteili­gung hat auch damit zu tun, dass nur ein Teil der Kol­legIn­nen dem Ruf der gew­erkschaftlichen Struk­turen ein­fach fol­gt und Ver­trauen in die Möglichkeit eines Erfolges hat.

Organ­isiert wird der ganze Streik, vom Schil­der­malen über Mate­ri­albeschaf­fung bis hin zu Pressear­beit und Demon­stra­tio­nen, durch die Streik­leitung. Dieses Organ ist natür­lich nicht durch die Wahl der Streik­enden zus­tande gekom­men. Die meis­ten Mit­glieder der Streik­leitung wur­den als Mit­glieder der Tar­ifkom­mis­sion längst vor dem Streik gewählt, hinzu kom­men Leute aus den Betrieb­s­grup­pen von ver.di und gkl (der zuständi­gen Gew­erkschaft, die dem „dbb beamten­bund und tar­i­fu­nion berlin“ ange­hört). Jed­eR motivierte Streik­ende kann aber ein­fach an der Streik­leitung teil­nehmen, was zum Teil pos­i­tiv ist und einen Fortschritt gegenüber der „klas­sis­chen“ Form der Streik­leitung darstellt. Aber: Dass aktive Kol­legIn­nen in die Streik­leitung koop­tiert wer­den, gibt zwar den Schein demokratis­ch­er Kon­trolle, verän­dert jedoch nicht den bürokratis­chen Charak­ter der Streik­leitung. Das Prob­lem ist, dass der Streik nicht demokratisch von den Streik­enden selb­st organ­isiert ist. Er wird von sehr engagierten Ele­menten der Streik­leitung getra­gen, die jedoch nicht offen­siv ver­suchen, die Zurück­hal­tung der Streik­enden zu über­winden und ihre Entschei­dungs­ge­walt aus den Hän­den zu geben.

Der Einfluss der SAV beim Streik

In keinem Streik der let­zten Jahre in Deutsch­land haben trotzk­istis­che Organ­i­sa­tio­nen ein so großes Gewicht wie im Kampf bei der CFM. Die SAV (Sek­tion des Komi­tees für eine Arbei­t­erIn­nen-Inter­na­tionale – CWI) hat eine her­aus­ge­hobene Rolle, denn sie ist Teil der Streik­leitung und leit­et das Sol­i­dar­ität­skomi­tee. Darüber hin­aus sind die SAS (Schwest­er­gruppe der franzö­sis­chen „LO-Frak­tion“ L‘Étincelle) und RIO (sym­pa­thisierende Sek­tion der Trotzk­istis­chen Frak­tion – Vierte Inter­na­tionale), mit sehr viel gerin­ger­er Bedeu­tung, beim Streik aktiv. Ins­ge­samt kön­nten also die Bedin­gun­gen, den Streik auf der Basis des Über­gang­spro­gramms und sein­er Meth­ode ein­ma­lig gut sein.

Die Organ­isierung von Sol­i­dar­ität und die Anstren­gun­gen in Bezug auf öffentlichen Druck auf das Unternehmen sind beim CFM-Streik in ihrem Aus­maß beson­ders. Sol­i­dar­itäts­del­e­ga­tio­nen und ‑erk­lärun­gen, Aktio­nen und Demon­stra­tio­nen sind dabei auch dem Ein­fluss von Trotzk­istIn­nen zuzuschreiben. Diesen Kampf­feldern kommt, neben dem ökonomis­chen Kräftemessen, wegen den prekären Bedin­gun­gen bei der CFM eine beson­dere Bedeu­tung zu. Sie bieten sich zudem an, weil die Streik­enden bei der CFM gegen Bedin­gun­gen kämpfen, unter denen viele Ange­hörige der Arbei­t­erIn­nen­klasse ins­ge­samt lei­den müssen. In diesem Sinne hat diese Art, den Kampf zu führen, auch einen sehr poli­tis­chen Charak­ter. Sie stärkt das Klassen­be­wusst­sein und hil­ft beim Wieder­auf­bau der Brück­en der Sol­i­dar­ität der Arbei­t­erIn­nen, die in der Zeit der bürg­er­lichen Restau­ra­tion abgeris­sen wor­den sind. Auch RIO leis­tete dazu ihren beschei­de­nen Beitrag, indem sie bei der bun­desweit­en Bil­dungsstreik-Kon­ferenz, bei linken Jugend- und Studieren­den­grup­pen wie z.B. Linke.SDS, SDAJ oder REVOLUTION zu Sol­i­dar­ität­sun­ter­schriften für den Streik auf­forderte und Aktio­nen vorschlug (Sol­i­dar­itäts­del­e­ga­tion). Auch die Sol­i­dar­ität­serk­lärung unser­er brasil­ian­is­chen Schwes­t­eror­gan­i­sa­tion LER-QI war ein Teil davon. Die Erk­lärung, die auch als Flug­blatt verteilt wurde, bein­hal­tete den Bezug zum Streik der Reini­gungskräfte der Uni­ver­sität von Sao Pao­lo und hob dabei Streikver­samm­lun­gen und eine gewählte Streik­leitung als wichtige Struk­turen dieses Kampfes her­vor.

Dies ist der Box-Titel

Denn die zen­trale Auf­gabe, die sich sowohl all­ge­mein im Kampf für Arbei­t­erIn­nenkon­trolle in der Gesellschaft als auch konkret für den CFM-Streik stellt, ist die Über­nahme der Streik­führung durch die Streik­enden, indem demokratis­che Struk­turen geschaf­fen wer­den. Deswe­gen set­zten wir von RIO uns von Anfang an offen und vehe­ment für die Organ­isierung von Streikver­samm­lun­gen ein. Die GenossIn­nen der SAV sahen die Frage der Streikver­samm­lung nicht als zen­tral an und ver­sucht­en nur auf leisen Sohlen (durch Gespräche mit Streik­führerIn­nen) auch Schritte in Rich­tung Streikver­samm­lun­gen zu ermöglichen. Sie war­fen dage­gen RIO vor, Streikver­samm­lun­gen zu fetis­chisieren, Arbei­t­erIn­nen­demokratie und Streikver­samm­lun­gen zum „Selb­stzweck“ zu machen. Wir sehen den Kampf für Streikver­samm­lun­gen und eine gewählte Streik­leitung aber keines­falls als einen ide­al­is­tis­chen Selb­stzweck, son­dern als grundle­gende Notwendigkeit sowohl für den Erfolg des CFM-Streiks als auch im Hin­blick auf die strate­gis­chen Auf­gaben der Arbei­t­erIn­nen­klasse.

Der CFM-Streik befind­et sich in ein­er schwieri­gen Lage: Die Streik­front ist noch schwach, weshalb die Aktivierung aller Streik­enden notwendig ist, um sie zu fes­ti­gen und zu stärken. Durch Streikver­samm­lun­gen kann zudem die all­ge­meine Infor­ma­tion über die Sit­u­a­tion in den ver­schiede­nen Bere­ichen verbessert wer­den. Auch die Ein­schätzung der Stim­mung unter den Streik­enden durch alle am Streik Beteiligten ist direkt möglich und nicht von indi­vidu­ellen Gesprächen abhängig. Eben­so kön­nen Prob­leme der Kol­legIn­nen (z.B. geringes Streikgeld, Befris­tun­gen, Äng­ste) erfasst und Lösun­gen disku­tiert wer­den. Zen­tral ist jedoch die aktive Erken­nt­nis bei den Streik­enden, dass ihre eigene Aktiv­ität über den Aus­gang des Kampfes entschei­det, dass sie ihre Zukun­ft in die eige­nen Hände nehmen müssen und kön­nen. So wird auch die Erken­nt­nis gewon­nen, dass eine Streik­leitung in Form bürokratis­ch­er Struk­turen nicht alter­na­tiv­los ist. Die Erfahrung der Selb­ständigkeit ist außer­dem eine zen­trale Voraus­set­zung für die Hebung der pro­le­tarischen Sub­jek­tiv­ität und auch für die Erken­nt­nis, dass Bürokratie und Chefs durch die Selb­st­tätigkeit der Arbei­t­erIn­nen erset­zt wer­den kön­nen.

Ohne eine Streikver­samm­lung bleiben die Fähigkeit­en viel­er Streik­ender ungenutzt, und es liegt einzig an der Streik­leitung (in den Augen der Streik­enden: an „der Gew­erkschaft“), ob sie die richtige Ein­schätzung hat, die richtige Tak­tik wählt, die richti­gen Aktio­nen beschließt und genug Streik­ende dafür zu mobil­isieren ver­ste­ht. Ohne eine Streikver­samm­lung muss der Kreis der Aktiv­en (= Streik­leitung) auch ganz allein alle Auf­gaben übernehmen, statt Ver­ant­wor­tung und Arbeit­slast aufzuteilen. Ohne Streikver­samm­lung steigt zudem die Gefahr, dass bei einem (wie auch immer geart­eten) Mis­ser­folg von Kol­legIn­nen der falsche Schluss gezo­gen wird, dass gew­erkschaftliche Organ­isierung unnütz wäre.

Die Streikver­samm­lun­gen, die bish­er stattge­fun­den haben, bele­gen, dass sie wichtige Instru­mente zur Stärkung des Kampfes sind. Natür­lich ist die Umset­zung von aktiv­en Streikver­samm­lun­gen angesichts des niedri­gen Selb­st­be­wusst­seins und der Tra­di­tion von Bevor­mundung unter den Kol­legIn­nen nicht ein­fach. Dieser Man­gel an Erfahrung wurde lei­der von Ange­höri­gen der Streik­leitung, wie auch der SAV, als Argu­ment gegen die Vorschläge von RIO ins Feld geführt. Eine Argu­men­ta­tion, die die Beibehal­tung von bürokratis­chen Struk­turen mit deren his­torischen Fol­gen recht­fer­tigt. Stattdessen ist es aber wichtig, dass die AktivistIn­nen, allen voran die Rev­o­lu­tionärIn­nen, dafür arbeit­en, die Ein­beziehung aller Kol­legIn­nen zu fördern. Die FT-CI kämpft in allen Bere­ichen, in denen sie inter­ve­niert, für eben diese „sow­jetis­che Strate­gie“, die die Selb­stor­gan­isierung der Arbei­t­erIn­nen als fun­da­men­tale Voraus­set­zung für den Kampf für die sozial­is­tis­che Rev­o­lu­tion und gegen bürokratis­che Ele­mente in der Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung selb­st ansieht.

Bedeutung des Streiks

Die klas­sis­che gew­erkschaftliche Prax­is von hier­ar­chisiert­er Streik­führung und Ver­hand­lun­gen mit dem „Arbeit­ge­ber“ stößt im CFM-Streik an seine Gren­zen. Die Chefe­tage der CFM hat kein­er­lei Inter­esse an Zugeständ­nis­sen. Sie will den Arbei­t­erIn­nen eine Nieder­lage beib­rin­gen und ihr prof­ita­bles Geschäftsmod­ell durch­set­zen. Die Kom­pro­miss­losigkeit der CFM erzwingt indes auch von den zurück­hal­tenden Gew­erkschafts­funk­tionärIn­nen eine kämpferische Hal­tung. Die Notwendigkeit offen­siver­er Kampf­führung erwächst aus den prekären Ver­hält­nis­sen, doch die Gew­erkschaf­terIn­nen, erzo­gen im Umfeld des Gew­erkschaft­sap­pa­rates und des „sozial­part­ner­schaftlichen“ Geistes und vor allem unter dem Druck der materiellen Vorteile, die die Exis­tenz bürokratis­ch­er Struk­turen mit sich bringt, tun sich schw­er, die überkomme­nen Struk­turen über Bord zu wer­fen.

Aber vor dem Hin­ter­grund dieser aufge­lade­nen Kon­flik­t­si­t­u­a­tion kann dem CFM-Streik eine beson­dere Bedeu­tung für die Entwick­lung des Klassenkampfes in Deutsch­land beikom­men. Denn das „Geschäftsmod­ell CFM“ ist nur ein Aus­druck des generellen Voran­schre­it­ens prekär­er Beschäf­ti­gungsver­hält­nisse (Lei­har­beit, tar­i­flose Zustände, Hartz IV-Auf­s­tock­ung, etc.) in ganz Deutsch­land, und ein Sieg oder eine Nieder­lage bei der CFM kann ein Sig­nal im Kampf um die Frage, welche Arbeitsver­hält­nisse in Deutsch­land und ganz Europa zur Regel wer­den, sein. Wenn der Streik bei der CFM erfol­gre­ich ist, verbessert dies die Möglichkeit­en für zukün­ftige Kämpfe gegen diese Zustände, welche sich im Zuge der fortschre­i­t­en­den Wirtschaft­skrise noch weit­er aus­bre­it­en wer­den.

In diesem Rah­men kom­men auf die rev­o­lu­tionäre Linke, die in diesem Streik aktiv ist, beson­dere Her­aus­forderun­gen zu. Ger­ade wegen der bish­eri­gen und noch zu erwartenden Länge des Streiks ergibt sich hier die Möglichkeit, einen klassenkämpferischen Pol her­auszu­bilden, der erste Schritte im Kampf für eine Poli­tik, die unab­hängig von der Gew­erkschafts­bürokratie ist, täti­gen kann. Die Etablierung von täglichen Streikver­samm­lun­gen mit voller Entschei­dungs­ge­walt und die Wahl der Streik­leitung mit abwählbaren Delegierten stellen hier­bei wichtige Werkzeuge dar, die auch ein erster Schritt zur Wieder­erlan­gung his­torisch­er Kampfmeth­o­d­en der Arbei­t­erIn­nen­klasse sein kön­nen. Gle­ichzeit­ig bieten diese Streikver­samm­lun­gen einen Rah­men, den Streik auf andere Sek­toren auszuweit­en und einen gemein­samen Erfahrungsaus­tausch oder sog­ar gemein­same Kämpfe voranzutreiben, wie z.B. mit dem laufend­en Kon­flikt der Lok­führerIn­nen der pri­vat­en Bah­nen, dem Streik der Alpen­land-PflegerIn­nen, oder dem dro­hen­den Warn­streik bei Air­bus.

In diesem Sinne sehen wir auch die konkrete Notwendigkeit, eine Tra­di­tion der Ein­heit von Studieren­den und Arbei­t­erIn­nen zu re-etablieren. Hier­bei kann es sich jedoch nicht nur um abstrak­te Sol­i­dar­ität han­deln. Denn die prekären Ver­hält­nisse, unter denen ein wach­sender Teil der Arbei­t­erIn­nen­klasse lei­det, sind auch für große Teile der Studieren­den­schaft eine konkrete Per­spek­tive, sowohl während des Studi­ums (durch stetig steigen­den Druck, Zwang zu unbezahlten Prak­ti­ka etc.) als auch nach dem Abschluss, wo viele Studierende die gle­iche Unsicher­heit und Über­aus­beu­tung erwarten wird, wie sie bei der CFM zu find­en sind. In diesem Sinne sehen wir die Notwendigkeit ein­er rev­o­lu­tionären Poli­tik, die sowohl die Selb­stor­gan­isierung der Arbei­t­erIn­nen gegen die herrschende Klasse, aber auch gegen die Macht der Gew­erkschaft­sap­pa­rate, vorantreibt als auch eine Kampfein­heit der radikalsten Sek­toren der Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung und der Jugend auf­baut. Lei­der sehen wir, dass die SAV sich dieser Auf­gabe nicht annimmt und lediglich eine Poli­tik betreibt, die darauf abzielt, Ein­fluss auf „linke Gew­erkschafts­funk­tionärIn­nen“ zu gewin­nen, um die Gew­erkschaften als Ganzes nach links zu drück­en. Wir von RIO und der Trotzk­istis­chen Frak­tion hal­ten es hinge­gen für unab­d­ing­bar, einen klassenkämpferischen Pol inner­halb der Gew­erkschaften gegen diese BürokratIn­nen zu etablieren. Dafür wollen wir als kleine Gruppe einen beschei­de­nen Beitrag leis­ten.

Streik an der Charité im Mai

Im Mai 2011 kam es an der Char­ité zu einem gemein­samen Streik der Pflegekräfte und der CFM-Beschäftigten. Ein machtvoller Streik, der zu Mil­lio­ne­naus­fällen in den Rech­nungs­büch­ern des Klinikums führte. Nach ein­er Woche wurde der Streik der Pflege­bere­iche aus­ge­set­zt, d.h. abge­brochen, weil die Char­ité ein Ange­bot für Ver­hand­lun­gen gemacht hat­te. Zurecht wurde dies von vie­len Streik­enden als Bruch der Sol­i­dar­ität emp­fun­den. Zur Absicherung der Streikspal­tung bot die CFM-Geschäfts­führung eine Woche später – kurz vor der Urab­stim­mung über den Tar­ifver­trag Char­ité – den Gew­erkschaften Ver­hand­lun­gen an. Diese Schein­ver­hand­lun­gen zogen sich über mehrere Monate hin, bis die CFM-Kol­legIn­nen am 5. Sep­tem­ber wieder in den Streik trat­en.

Vic­tor Jala­va: Streiken bringt was – wenn man‘s durchzieht

Wladek Flakin und Markus Oliv­er: Die SAV beim Char­ité-Streik

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