Geschichte und Kultur

Schüler von ’68: Wir fieberten dem 1. Mai entgegen

Am 1. Mai 1968 organisierte die Außerparlamentarische Opposition eine eigene Demonstration in Neukölln, in Abgrenzung zur offiziellen Kundgebung des DGBs. Seit Jahrzehnten hatte es keine linke 1. Mai-Demo in West-Berlin gegeben. Wieviele würden dem Aufruf zum Karl-Marx-Platz folgen? Michael Prütz, damals 15, ging voller Nervosität zur Demo.

Schüler von '68: Wir fieberten dem 1. Mai entgegen

Nach den Osterun­ruhen in Folge des Atten­tates auf Rudi Dutschke gab es einen enor­men Zulauf zur außer­par­la­men­tarischen Oppo­si­tion. Tausende radikalisierten sich und trat­en ein­er der Grup­pen bei. Auch am Grauen Kloster, meinem Gym­na­si­um, fan­den sich zwanzig bis dreißig Schüler*innen zu ein­er Gruppe zusam­men. Das Spek­trum reichte von linkslib­er­al bis ‑radikal – Frak­tion­ierung war für uns damals noch ein Fremd­wort. Auch die Junge Union organ­isierte sich sys­tem­a­tisch an unser­er Schule. Reibereien auf dem Schul­hof waren an der Tage­sor­d­nung.

Wie alle Schüler*innen des Grauen Klosters ging ich wöchentlich zum Kon­fir­man­de­nun­ter­richt, in dem ich Mar­i­anne ken­nen lernte. Mar­i­anne, 15 Jahre alt, trug Nylon­strümpfe, Minirock und toupierte Haare. Sie war Lehrmäd­chen bei der Post. Sie hat­te sich nach dem Dutschke-Atten­tat poli­tisiert und stand der Ter­ror­gruppe Neu­rup­pin nah.

Unsere Schüler*innengruppe fieberte dem 1. Mai 1968 ent­ge­gen, an dem es zum ersten Mal seit Kriegsende eine bre­ite linke Bünd­nis­demon­stra­tion geben sollte. Der SDS und andere linke Grup­pen hat­ten sich mit der SED West-Berlin zusam­menge­tan, die darauf drängte, die rev­o­lu­tionäre 1. Mai-Demo durch die dama­li­gen Arbeiter*innenbezirke Neukölln und Kreuzberg zu führen. Die APO war bis­lang nicht in den Arbeiter*innenvierteln West-Berlins aktiv, und dementsprechend war die Ner­vosität groß.

In Char­lot­ten­burg war allerd­ings schon die Kundge­bung des Deutschen Gew­erkschafts­bun­des geplant, und eines war klar: Von dort wür­den wir uns fern­hal­ten. Der DGB unter­stützte bedin­gungs­los den amerikanis­chen Krieg in Viet­nam und hat­te sich in sein­er Hal­tung gegenüber der APO fest an der Seite der Springer-Presse und des Sen­ates posi­tion­iert. Wal­ter Sick­ert, Vor­sitzen­der des DGB – und Typus Schlägertrupp –, zögerte nicht, selb­st aktiv zu wer­den, wenn es darum ging, ver­meintliche Kommunist*innen aus Arbeiter*innenversammlungen zu schmeißen.

Am 1. Mai ging ich Hand in Hand mit Mar­i­anne zum Karl-Marx-Platz in Neukölln, an dem die Demo begin­nen sollte. Nie­mand wusste, mit welch­er Anzahl von Teilnehmer*innen zu rech­nen war. Unsere kühn­sten Träume wur­den übertrof­fen: Sog­ar die bürg­er­liche Presse berichtete später, dass es 30–40.000 gewe­sen waren, min­destens genau­so viele wie auf der offiziellen DGB-Ver­anstal­tung. Mar­i­anne an mein­er Seite, in einem Meer von Genoss*innen, erre­icht­en meine Glücks­ge­füh­le ungeah­nte Höhen. Um uns herum weht­en tausende rote Fah­nen, dynamis­che Sprechchöre erk­lan­gen zum rhyth­mis­chen Laufen. Aus manchen der Neuköll­ner Fen­ster hin­gen rote Fah­nen und am Straßen­rand standen alte Proletarier*innen, ange­zo­gen wie in einem Thäl­mann-Film, einige mit Trä­nen in den Augen. Eine solche Demon­stra­tion hat­te es in Neukölln das let­zte Mal Ende 1932 gegeben.

Von älteren Teilnehmer*innen beka­men wir Flug­blät­ter in die Hand gedrückt, unterze­ich­net mit „Kom­mu­nis­tis­che Arbeit­er­partei Deutsch­land“ oder „Anar­cho-Syn­dikalis­ten“ – Grup­pen, die seit Ende der Weimar­er Repub­lik eigentlich nicht mehr existierten.

In der Karl-Marx-Straße sah ich meinen Opa Hans am Straßen­rand ste­hen, einen alten Thäl­mann-Anhänger, Jahrgang 1900, der 1930 von der SPD zur KPD über­ge­treten war und in ein­er Schalmein-Kapelle des Rot­front-Kämpfer­bun­des gespielt hat­te. Als er mich sah, tippte er sich freudig an seine Schieber­mütze.

Die Demo war ein imposantes Abbild der erstark­enden Kräfte der außer­par­la­men­tarischen Oppo­si­tion. Ich war überzeugt, dass jet­zt nichts mehr die Bewe­gung aufhal­ten könne. Dass dieser Tag nicht den Keim ein­er rev­o­lu­tionären Entwick­lung legte, son­dern der Höhep­unkt der APO und der Beginn ein­er zunehmenden Frak­tion­ierung war, ent­fiel mein­er Vorstel­lungskraft.

Vier Wochen nach dem 1. Mai war die Liai­son mit Mar­i­anne been­det, sie hat­te sich einen älteren, erfahreneren Mann mit Auto gesucht. Mein jugendlich­es Herz war gebrochen – meine Radikalisierung schritt unaufhalt­sam fort.

Aufgeschrieben von Mascha Bartsch.

In zwei Wochen berichtet Michael Prütz an dieser Stelle über die Schüler*innenbewegung.

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