Geschichte und Kultur

Schüler von ’68: Die Terrorgruppe Neuruppin

Vor 50 Jahren war die Jugendrevolte in West-Berlin in vollem Gang. Michael Prütz, damals 15 Jahre alt, ging zur Terrorgruppe Neuruppin. Bald wurde daraus eine maoistische Sekte. In dieser zweiwöchentlichen Kolumne schreibt Prütz seine Erinnerungen aus 1968 auf.

Schüler von '68: Die Terrorgruppe Neuruppin

Im März 1968 – ich war inzwis­chen 15 Jahre alt – war ich unaus­geglichen und ver­wirrt.

Etwa zweimal die Woche lief ich zu Fuß von zuhause in eine der Uni­ver­sitäten, um Flug­blät­ter aufzusam­meln, die von den stu­den­tis­chen Grup­pen verteilt wur­den. Zwar hat­te sich dadurch mein sozialer Sta­tus auf dem Gym­na­si­um deut­lich verbessert, da ich mit Infor­ma­tio­nen aller Art vor meinen Mitschüler*innen glänzen kon­nte. Es gelang mir aber nicht so recht, Anschluss an die über­all um mich herum auf­s­prießen­den Grup­pen der außer­par­la­men­tarischen Oppo­si­tion zu knüpfen. Zusät­zlich quälte mich meine über­bor­dende jugendliche Sex­u­al­ität. Ein Ren­dezvous, geschweige denn eine Fre­undin, schien allerd­ings in weit­er Ferne. Mich inter­essierte nur eine Frage: Wohin kon­nte ich gehen und was war das Ziel?

Eines Tages taucht­en an mein­er Schule Flug­blät­ter auf, unterze­ich­net von vier männlichen Schülern, unter ihnen Alf Böh­mert und Ezra Ger­hardt. Es war ein Aufruf, gerichtet an Schüler*innen eben­so wie an Lehrlinge, zu ein­er Ver­samm­lung in Vor­bere­itung ein­er Zeug­nisver­bren­nung. Zeug­nisver­bren­nung – das ergab für mich Sinn. Zeug­nisse waren, damals noch viel stärk­er als heute, Instru­mente der Repres­sion und Selek­tion und führten zu ständi­gem Krach mit den Eltern.

Ich nahm also meinen ganzen Mut zusam­men und machte mich zu dieser Ver­samm­lung auf. Anwe­send waren dreißig bis vierzig, haupt­säch­lich männliche, Schüler*innen. Wort­führer war Alf Böh­mert, dessen Name auch schon auf den Flug­blät­tern ges­tanden hat­te. Auf seinem Schoß saß eine junge Frau und Alf fuchtelte wüst mit den Armen, während er ohne Punkt und Kom­ma referierte. Heute würde ich diese Pose und dieses Ver­hal­ten anders bew­erten, aber als 15-Jähriger war ich unendlich beein­druckt: wüste Agi­ta­tion und ein Mäd­chen auf dem Schoß! So stellte ich mir rev­o­lu­tionäre Poli­tik vor!

Das Tre­f­fen ver­lief völ­lig chao­tisch, es gab wed­er Tage­sor­d­nung noch Redeliste, jede*r plap­perte, wie der Schn­abel gewach­sen war. Immer­hin wurde aber eine öffentliche Zeug­nisver­bren­nung für Ende März beschlossen.

Obwohl ich dieses Tre­f­fen sehr anziehend fand, hat­te ich das Gefühl, in eine gefes­tigte Grup­pen­dy­namik ger­at­en zu sein und kriegte kein einziges Wort her­aus. Ich ging trotz­dem weit­er zu den Tre­f­fen. In allen neu entste­hen­den Stadt­teil­grup­pen dominierten aber die Älteren. An mein­er Schule, dem Grauen Kloster, hat­te sich, im Gegen­satz zu vie­len anderen Schulen, noch kein Schulkollek­tiv gebildet.

Aus dieser ver­meintlichen Schüler*innen- und Lehrlings­gruppe, entwuchs schon bald die Ter­ror­gruppe Neu­rup­pin. Der Namensge­bung fol­gend reduzierte sich auch rasch der poli­tis­che Anspruch: Es entwick­elte sich eine sub­kul­turelle For­ma­tion, die darauf aus war, Feten aufzu­mis­chen, nicht genehme Büch­er der Gast­ge­ber auf den Hof zu schmeißen, und anson­sten von ein­er gemein­samen Kom­mune träumte. Je mehr sich unsere Gruppe abschot­tete und die Außen­welt als feindlich wahrnahm, desto zärtlich­er wur­den wir untere­inan­der; auf Feten set­zten wir erst unsere poli­tis­chen Vorstel­lun­gen durch, dann wurde untere­inan­der geknutscht und gefum­melt.

Die let­zte poli­tis­che Aktion der Ter­ror­gruppe war die Beteili­gung an der rev­o­lu­tionären 1.-Mai-Demo 1968, auf der es einen großen Schüler*innen- und Lehrlings­block gab. Den meis­ten von uns war klar, dass eine „Poli­tik“, die jede*n außer­halb der Gruppe als Feind ansah, keine Zukun­ft haben kon­nte. Im Som­mer 1968 ent­stand aus den Resten der Ter­ror­gruppe Neu­rup­pin die Rote Garde West-Berlins, eine maois­tis­che Jugen­dor­gan­i­sa­tion, deren autoritäres Gehabe mich von Beginn an abstieß. Mit­glieder mussten sich in blauen Mao-Jack­en mit rotem Mao-But­ton uni­formieren und auf­ste­hen, wenn die Leitung den Raum betrat. Mir wurde schnell klar, dass dies nicht meine Per­spek­tive und Poli­tik war.

Die Rote Garde war aber auch eine der ersten Grup­pen, die die Aus­beu­tung von Lehrmäd­chen the­ma­tisierte – ein Prob­lem, unter dem junge Frauen in zahllosen Betrieben lit­ten. Berühmtestes Beispiel war Fleis­cher­meis­ter Sasse. Die Lehrmäd­chen in Sass­es Betrieb, unter ihnen auch eine Genossin der Roten Garde, waren zahlre­ichen Schika­nen aus­ge­set­zt: Sie wur­den zum Fegen des Hofes abkom­mandiert, mussten Enkelkinder aus­führen und betreuen, und waren beständig sex­uellen Über­grif­f­en aus­ge­set­zt. Es war damals dur­chaus üblich, dass Lehrher­ren sich ihren Lehrmäd­chen sex­uell näherten. Die Rote Garde rief tage­lang vor dem Betrieb zu einem Boykott von Fleis­cher­meis­ter Sasse auf, was zu Umsatzein­bußen und einem Umschwenken Sass­es führte. Später stellte sich her­aus, dass Sasse Mit­glied der SED West-Berlin war.

Alf Böh­mert fuhr Mitte der 70er Jahre nach Chi­na, in das ver­meintliche kom­mu­nis­tis­che Paradies, und kam maß­los ent­täuscht von den autoritären Struk­turen wieder nach Berlin zurück. Ezra Ger­hardt, jahre­langer deutsch­landweit­er Chef der Roten Garde, wurde später ein bekan­nter Film­regis­seur. Ich sel­ber hat­te genug von der Sek­tier­erei der Roten Garde und fing an, Grup­pen zu suchen, die ern­sthafter an die Poli­tik herangin­gen. So fand ich zu trotzk­istis­chen Jugend­grup­pen.

Aufgeschrieben von Mascha Bartsch.

Lesetipp: Wer waren die K‑Gruppen? Kleine Geschichte des deutschen Mao­is­mus (Teil 1)

In zwei Wochen berichtet Michael Prütz an dieser Stelle vom Atten­tat auf Rudi Dutschke.

One thought on “Schüler von ’68: Die Terrorgruppe Neuruppin

  1. Jürgen Schröder sagt:

    Ich hat­te von meinem Papa, der in Ham­burg beim Zoll, und dem die ganze als Jugendlich­er gepflegte Hitlere­uphorie, so wie mein­er Mama auch, end­los pein­lich war, beizeit­en 1967 aus einem der ersten in Ham­burg ange­lande­ten Kontin­gente eine Mao-Bibel bekom­men. Die für den Waf­fen­bau benötigten Chemikalien steuerte Papa dann später bei. Der anti­mil­i­taris­tis­che Erfolg blieb äußerst beschei­den (No Panz­ers are ‘putt!) und wir schul­ten dann Ernest Man­del in der ML…

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