Geschichte und Kultur

Rosa Luxemburg: “Frauenwahlrecht und Klassenkampf”

Vor 100 Jahren, am 12. November 1918, verkündete der Rat der Volksbeauftragten zum ersten Mal ein Frauenwahlrecht. Es war eines der ersten Resultate der Novemberrevolution, in der Arbeiter*innen und Soldaten am 9. November 1918 den Kaiser stürzten. Heute ist fast vergessen, dass es die Arbeiter*innenbewegung war, die erstmals ein Frauenwahlrecht erkämpfte. Ihre wichtigsten Vertreter*innen, wie Rosa Luxemburg, wussten jedoch schon immer, dass der Kampf gegen Frauenunterdrückung ein Klassenkampf ist. Hier spiegeln wir ihren Text "Frauenwahlrecht und Klassenkampf" von 1912, der diesen Zusammenhang erklärt.

Rosa Luxemburg:

»Warum gibt es in Deutsch­land keine Arbei­t­erin­nen­vere­ine? Warum hört man so wenig von der Arbei­t­erin­nen­be­we­gung?« Mit diesen Worten leit­ete eine der Grün­derin­nen der pro­le­tarischen Frauen­be­we­gung in Deutsch­land, Emma Ihrer, im Jahre 1898 ihre Schrift ein: »Die Arbei­t­erin­nen im Klassenkampf.« Kaum vierzehn Jahre sind seit­dem ver­flossen, und heute ist die pro­le­tarische Frauen­be­we­gung in Deutsch­land mächtig ent­fal­tet. Mehr als hun­dert­fün­fzig­tausend gew­erkschaftlich organ­isierte Arbei­t­erin­nen bilden mit die Kern­trup­pen des wirtschaftlich kämpfend­en Pro­le­tari­ats. Viele Zehn­tausende poli­tisch organ­isiert­er Frauen sind um das Ban­ner der Sozialdemokratie geschart: das sozialdemokratis­che Frauenor­gan zählt über hun­dert­tausend Abon­nen­ten; die Forderung des Frauen­wahlrechts ste­ht auf der Tage­sor­d­nung des poli­tis­chen Lebens der Sozialdemokratie.

Manch ein­er kön­nte ger­ade aus diesen Tat­sachen her­aus die Bedeu­tung des Kampfes um das Frauen­wahlrecht unter­schätzen. Er kön­nte denken: auch ohne die poli­tis­che Gle­ich­berech­ti­gung des weib­lichen Geschlechts haben wir glänzende Fortschritte in der Aufk­lärung und Organ­isierung der Frauen erzielt, das Frauen­wahlrecht ist wohl auch weit­er­hin keine drin­gende Notwendigkeit. Doch wer so denkt, unter­liegt ein­er Täuschung. Die großar­tige poli­tis­che und gew­erkschaftliche Aufrüt­telung der Massen des weib­lichen Pro­le­tari­ats in den let­zten anderthalb Jahrzehn­ten ist nur deshalb möglich gewor­den, weil die Frauen des arbei­t­en­den Volkes trotz ihrer Entrech­tung am poli­tis­chen Leben und an den par­la­men­tarischen Kämpfen ihrer Klasse den reg­sten Anteil nehmen. Die Pro­le­tari­erin­nen zehren bis jet­zt vom Wahlrecht der Män­ner, an dem sie tat­säch­lich teil­nehmen, wenn auch nur indi­rekt. Der Wahlkampf ist jet­zt schon für große Massen der Frauen wie der Män­ner der Arbeit­erk­lasse ein gemein­samer. In allen sozialdemokratis­chen Wäh­lerver­samm­lun­gen bilden die Frauen ein zahlre­ich­es, manch­mal das über­wiegende, stets ein regsames und lei­den­schaftlich beteiligtes Pub­likum. In allen Wahlkreisen, wo eine gefes­tigte sozialdemokratis­che Organ­i­sa­tion beste­ht, ver­richt­en die Frauen mit die Wahlar­beit. Sie sind es auch, denen ein großes Ver­di­enst an der Ver­bre­itung von Flug­blät­tern, an dem Wer­ben von Abon­nen­ten für die sozialdemokratis­che Presse zufällt, diese wichtig­ste Waffe des Wahlkampfes.

Der kap­i­tal­is­tis­che Staat hat den Frauen des Volkes nicht ver­wehren kön­nen, daß sie alle diese Mühen und Pflicht­en im poli­tis­chen Leben auf sich nah­men. Er selb­st hat ihnen die Möglichkeit dazu Schritt für Schritt durch die Gewährung des Vere­ins- und Ver­samm­lungsrechts erle­ichtern und sich­ern müssen. Nur das let­zte poli­tis­che Recht, das Recht, den Wahlzettel abzugeben, unmit­tel­bar über die Volksvertre­tung in den geset­zgeben­den und ver­wal­tenden Kör­per­schaften zu entschei­den und diesen Kör­per­schaften als Erwählte anzuge­hören, nur dieses Recht will der Staat den Frauen nicht zugeste­hen. Allein hier, wie auf allen anderen Gebi­eten des gesellschaftlichen Lebens heißt es: »Wehre den Anfän­gen!« Der heutige Staat ist vor den pro­le­tarischen Frauen schon zurück­gewichen, als er sie in öffentliche Ver­samm­lun­gen, in poli­tis­che Vere­ine zuließ. Allerd­ings hat er das nicht aus freiem Willen getan, son­dern der bit­teren Not gehorchend, unter dem unwider­stehlichen Druck der auf­streben­den Arbeit­erk­lasse. Nicht zulet­zt war es das stür­mis­che Vor­wärts­drän­gen der Pro­le­tari­erin­nen selb­st, das den preußisch-deutschen Polizeis­taat gezwun­gen hat, das famose »Frauenseg­ment« in den poli­tis­chen Vere­insver­samm­lun­gen preiszugeben und den Frauen die Tore der poli­tis­chen Organ­i­sa­tio­nen sper­rangel­weit zu öff­nen. Damit ist der Stein noch schneller ins Rollen gekom­men. Der unaufhalt­same Fortschritt des pro­le­tarischen Klassenkampfes hat die arbei­t­en­den Frauen mit­ten in den Strudel des poli­tis­chen Lebens geris­sen. Dank der Aus­nützung des Vere­ins- und Ver­samm­lungsrechts haben sich die Pro­le­tari­erin­nen den reg­sten Anteil an dem par­la­men­tarischen Leben, an den Wahlkämpfen errun­gen. Und nun ist es nur eine unab­weis­bare Folge, nur das logis­che Ergeb­nis der Bewe­gung, daß heute Mil­lio­nen pro­le­tarisch­er Frauen selb­st­be­wußt und trotzig rufen: Her mit dem Frauen­wahlrecht!

Ehe­mals, in den schö­nen Zeit­en des vor­mär­zlichen Abso­lutismus, hieß es gewöhn­lich von dem ganzen arbei­t­en­den Volke, es sei »noch nicht reif« zur Ausübung poli­tis­ch­er Rechte. Heute kann das nicht von den pro­le­tarischen Frauen gesagt wer­den, denn sie haben ihre Reife für die Ausübung poli­tis­ch­er Rechte erwiesen. Weiß doch jed­er, daß ohne sie, ohne die begeis­terte Mith­il­fe der Pro­le­tari­erin­nen, die deutsche Sozialdemokratie am 12. Jan­u­ar nim­mer­mehr den glänzen­den Sieg errun­gen, die 4 1/4 Mil­lio­nen Stim­men erhal­ten hätte. Aber gle­ich­wohl: das arbei­t­ende Volk hat jedes­mal seine Reife zur poli­tis­chen Frei­heit durch eine siegre­iche rev­o­lu­tionäre Massen­er­he­bung erweisen müssen. Erst wenn das Gottes­g­naden­tum auf dem Thron und die Edel­sten und Besten der Nation die schwielige Faust des Pro­le­tari­ats fest auf dem Auge und sein Knie auf ihrer Brust fühlten, erst dann kam ihnen auch blitzar­tig der Glaube an die poli­tis­che »Reife« des Volkes.

Heute sind die Frauen des Pro­le­tari­ats an der Rei­he, ihre Reife dem kap­i­tal­is­tis­chen Staate zum Bewußt­sein zu brin­gen. Das geschieht durch eine andauernde, machtvolle Massen­be­we­gung, in der alle Mit­tel des pro­le­tarischen Kampfes und Druck­es in Anwen­dung gebracht wer­den müssen.

Um das Frauen­wahlrecht han­delt es sich als Ziel, aber die Massen­be­we­gung dafür ist nicht Frauen­sache allein, son­dern gemein­same Klasse­nan­gele­gen­heit der Frauen und Män­ner des Pro­le­tari­ats. Denn die Recht­losigkeit der Frau ist heute in Deutsch­land nur ein Glied in der Kette der Reak­tion, die das Leben des Volkes fes­selt, und sie ste­ht im eng­sten Zusam­men­hang mit der anderen Säule dieser Reak­tion: mit der Monar­chie. In dem heuti­gen groß-kap­i­tal­is­tis­chen, hochin­dus­triellen Deutsch­land des zwanzig­sten Jahrhun­derts, im Zeital­ter der Elek­triz­ität und der Luftschif­fahrt, ist die poli­tis­che Recht­losigkeit der Frau genau ein so reak­tionäres Überbleib­sel alter abgelebter Zustände wie die Herrschaft des Gottes­g­naden­tums auf dem Throne. Bei­de Erschei­n­un­gen: das Instru­ment des Him­mels als tonangebende Macht des poli­tis­chen Lebens und die Frau, die züchtig am häus­lichen Herde saß, unbeküm­mert um die Stürme des öffentlichen Lebens, um Poli­tik und Klassenkampf: sie bei­de wurzeln in den ver­morscht­en Ver­hält­nis­sen der Ver­gan­gen­heit, in den Zeit­en der Leibeigen­schaft auf dem Lande und der Zün­fte in der Stadt. In diesen Zeit­en waren sie begrei­flich und notwendig. Bei­de: Monar­chie wie Recht­losigkeit der Frau sind heute durch die mod­erne kap­i­tal­is­tis­che Entwick­lung entwurzelt, zur lächer­lichen Karikatur auf die Men­schheit gewor­den. Sie beste­hen jedoch in der heuti­gen mod­er­nen Gesellschaft weit­er, nicht etwa deshalb, weil man vergessen hätte, sie wegzuräu­men, nicht aus bloßer Behar­rlichkeit und Trägheit der Zustände. Nein, sie sind noch da, weil bei­de — Monar­chie wie Recht­losigkeit der Frau — zu mächti­gen Werkzeu­gen volks­feindlich­er Inter­essen gewor­den sind. Hin­ter dem Thron und Altar wie hin­ter der poli­tis­chen Ver­sklavung des weib­lichen Geschlechts ver­schanzen sich heute die schlimm­sten und bru­tal­sten Vertreter der Aus­beu­tung und der Knechtschaft des Pro­le­tari­ats. Monar­chie und Recht­losigkeit der Frau sind zu den wichtig­sten Werkzeu­gen der kap­i­tal­is­tis­chen Klassen­herrschaft gewor­den.

Für den heuti­gen Staat han­delt es sich in Wirk­lichkeit darum, den arbei­t­en­den Frauen und ihnen allein das Wahlrecht vorzuen­thal­ten. Von ihnen befürchtet er mit Recht die Gefährdung aller altherge­bracht­en Ein­rich­tun­gen der Klassen­herrschaft. So des Mil­i­taris­mus, dessen Tod­feindin jede denk­ende Pro­le­tari­erin sein muß; der Monar­chie; des Raub­sys­tems der Zölle und Steuern auf Lebens­mit­tel usw. Das Frauen­wahlrecht ist für den heuti­gen kap­i­tal­is­tis­chen Staat ein Greuel und Schreck­en, weil hin­ter ihm die Mil­lio­nen Frauen ste­hen, die den inneren Feind, die rev­o­lu­tionäre Sozialdemokratie stärken wür­den. Käme es auf die Damen der Bour­geoisie an, so hätte der kap­i­tal­is­tis­che Staat von ihnen nur eine wirk­same Unter­stützung der Reak­tion zu erwarten. Die meis­ten bürg­er­lichen Frauen, die sich im Kampfe gegen »die Vor­rechte der Män­ner« wie Löwin­nen gebär­den, wür­den im Besitz des Wahlrechts wie fromme Lämm­lein mit dem Troß der kon­ser­v­a­tiv­en und klerikalen Reak­tion gehen. Ja, sie wären sich­er noch um ein Beträchtlich­es reak­tionär­er als der männliche Teil ihrer Klasse. Von der kleinen Zahl Beruf­stätiger unter ihnen abge­se­hen, nehmen die Frauen der Bour­geoisie an der gesellschaftlichen Pro­duk­tion keinen Anteil, sie sind bloße Mitverzehrerin­nen des Mehrw­erts, den ihre Män­ner aus dem Pro­le­tari­at her­aus­pressen, sie sind Par­a­siten der Par­a­siten am Volk­skör­p­er. Und Mitverzehrer sind gewöhn­lich noch rabi­ater und grausamer in der Vertei­di­gung ihres »Rechts« auf Par­a­siten­da­sein, als die unmit­tel­baren Träger der Klassen­herrschaft und der Aus­beu­tung. Die Geschichte aller großen Rev­o­lu­tion­skämpfe hat dies grauen­voll bestätigt. Als nach dem Fall der Jakobin­er­herrschaft in der großen franzö­sis­chen Rev­o­lu­tion der gefes­selte Robe­spierre auf dem Wagen zum Richt­platz gefahren wurde, da führten die nack­ten Lust­weiber der siegestrunk­e­nen Bour­geoisie auf den Straßen einen scham­losen Freuden­tanz um den gefal­l­enen Rev­o­lu­tion­shelden auf. Und als im Jahre 1871 in Paris die helden­mütige Arbeit­erkom­mune mit Mitrailleusen besiegt wurde, da über­trafen die rasenden Weiber der Bour­geoisie in ihrer bluti­gen Rache an dem niederge­wor­fe­nen Pro­le­tari­at noch ihre bes­tialis­chen Män­ner. Die Frauen der besitzen­den Klassen wer­den stets fanatis­che Vertei­di­gerin­nen der Aus­beu­tung und Knech­tung des arbei­t­en­den Volkes bleiben, von der sie aus zweit­er Hand die Mit­tel für ihr gesellschaftlich unnützes Dasein emp­fan­gen.

Wirtschaftlich und sozial stellen die Frauen der aus­beu­ten­den Klassen keine selb­ständi­ge Schicht der Bevölkerung dar. Sie üben bloß die soziale Funk­tion als Werkzeuge der natür­lichen Fortpflanzung für die herrschen­den Klassen aus. Hinge­gen sind die Frauen des Pro­le­tari­ats wirtschaftlich selb­ständig, sie sind für die Gesellschaft pro­duk­tiv tätig so gut wie die Män­ner. Nicht in dem Sinne, daß sie dem Manne durch häus­liche Arbeit helfen, mit dem kar­gen Lohn das tägliche Dasein der Fam­i­lie zu fris­ten und Kinder zu erziehen. Diese Arbeit ist nicht pro­duk­tiv im Sinne der heuti­gen kap­i­tal­is­tis­chen Wirtschaft­sor­d­nung, und mag sie in tausend­fälti­gen kleinen Mühen eine Riesen­leis­tung an Selb­stau­fopfer­ung und Kraftaufwand ergeben. Sie ist nur eine pri­vate Angele­gen­heit des Pro­le­tari­ers, sein Glück und Segen, und ger­ade deshalb bloße Luft für die heutige Gesellschaft. Als pro­duk­tiv gilt — solange Kap­i­tal­herrschaft und Lohn­sys­tem dauern wer­den — nur diejenige Arbeit, die Mehrw­ert schafft, die kap­i­tal­is­tis­chen Prof­it erzeugt. Von diesem Stand­punkt ist die Tänz­erin im Tin­geltan­gel, die ihrem Unternehmer mit ihren Beinen Prof­it in die Tasche fegt, eine pro­duk­tive Arbei­t­erin, während die ganze Müh­sal der Frauen und Müt­ter des Pro­le­tari­ats in den vier Wän­den ihres Heimes als unpro­duk­tive Tätigkeit betra­chtet wird. Das klingt roh und wah­n­witzig, entspricht aber genau der Roheit und dem Wah­n­witz der heuti­gen kap­i­tal­is­tis­chen Wirtschaft­sor­d­nung, und diese rohe Wirk­lichkeit klar und scharf zu erfassen, ist die erste Notwendigkeit für die pro­le­tarischen Frauen.

Denn ger­ade von diesem Stand­punkt aus ist jet­zt der Anspruch der Pro­le­tari­erin­nen auf poli­tis­che Gle­ich­berech­ti­gung in fes­ter wirtschaftlich­er Grund­lage ver­ankert. Mil­lio­nen von pro­le­tarischen Frauen schaf­fen heute kap­i­tal­is­tis­chen Prof­it gle­ich Män­nern — in Fab­riken, Werk­stät­ten, in der Land­wirtschaft, in der Hausin­dus­trie, in Büros, in Läden. Sie sind also pro­duk­tiv im streng­sten wis­senschaftlichen Sinne der heuti­gen Gesellschaft. Jed­er Tag ver­größert die Scharen der kap­i­tal­is­tisch aus­ge­beuteten Frauen, jed­er neue Fortschritt in der Indus­trie, in der Tech­nik schafft neuen Platz für Frauen im Getriebe der kap­i­tal­is­tis­chen Prof­it­macherei. Und damit fügt jed­er Tag und jed­er indus­trielle Fortschritt einen neuen Stein zur fes­ten Grund­lage der poli­tis­chen Gle­ich­berech­ti­gung der Frauen. Für den wirtschaftlichen Mech­a­nis­mus selb­st ist jet­zt Schul­bil­dung und geistige Intel­li­genz der Frauen notwendig gewor­den. Die beschränk­te welt­fremde Frau des altvä­ter­ischen »häus­lichen Herdes« taugt heute so wenig für die Ansprüche der Großin­dus­trie und des Han­dels wie für die Anforderun­gen des poli­tis­chen Lebens. Freilich, auch in dieser Beziehung hat der kap­i­tal­is­tis­che Staat seine Pflicht­en ver­nach­läs­sigt. Bis jet­zt haben die gew­erkschaftlichen und sozialdemokratis­chen Organ­i­sa­tio­nen das meiste und beste für die geistige und moralis­che Erweck­ung und Schu­lung der Frauen getan. Wie schon vor Jahrzehn­ten in Deutsch­land die Sozialdemokrat­en als die tüchtig­sten, intel­li­gen­testen Arbeit­er bekan­nt waren, so sind heute die Frauen des Pro­le­tari­ats durch Sozialdemokratie und Gew­erkschaften aus der Stick­luft ihres engen Daseins, aus der küm­mer­lichen Geist­losigkeit und Klein­lichkeit des häus­lichen Wal­tens emporge­hoben wor­den. Der pro­le­tarische Klassenkampf hat ihren Gesicht­skreis erweit­ert, ihren Geist elastisch gemacht, ihr Denkver­mö­gen entwick­elt, hat ihrem Streben große Ziele gewiesen. Der Sozial­is­mus hat die geistige Wiederge­burt der Masse der pro­le­tarischen Frauen bewirkt und sie dadurch zweifel­los auch zu tüchti­gen pro­duk­tiv­en Arbei­t­erin­nen für das Kap­i­tal gemacht.

Nach alle­dem ist die poli­tis­che Recht­losigkeit der pro­le­tarischen Frauen eine um so niederträchtigere Ungerechtigkeit, als sie bere­its eine halbe Lüge gewor­den ist. Beteili­gen sich doch die Frauen in Massen und aktiv am poli­tis­chen Leben. Jeden­noch die Sozialdemokratie kämpft nicht mit dem Argu­ment der »Ungerechtigkeit«. Der grundle­gende Unter­schied zwis­chen uns und dem früheren sen­ti­men­tal­en utopis­chen Sozial­is­mus beruht ger­ade darauf, daß wir nicht auf die Gerechtigkeit der herrschen­den Klassen, son­dern einzig und allein auf die rev­o­lu­tionäre Macht der Arbeit­er­massen bauen und auf den Gang der gesellschaftlichen Entwick­lung, der jen­er Macht den Boden schafft. So ist die Ungerechtigkeit an sich gewiß kein Argu­ment, um reak­tionäre Ein­rich­tun­gen zu stürzen. Wenn sich jedoch das Empfind­en der Ungerechtigkeit weit­er Kreise der Gesellschaft bemächtigt — sagt Friedrich Engels, der Mitschöpfer des wis­senschaftlichen Sozial­is­mus -, so ist das immer ein sicheres Zeichen, daß in den wirtschaftlichen Grund­la­gen der Gesellschaft weit­ge­hende Ver­schiebun­gen Platz gegrif­f­en haben, daß beste­hende Zustände bere­its mit dem Fortschritt der Entwick­lung in Wider­spruch ger­at­en sind. Die jet­zige kraftvolle Bewe­gung der Mil­lio­nen pro­le­tarisch­er Frauen, die ihre poli­tis­che Recht­losigkeit als ein schreien­des Unrecht empfind­en, ist ein solch­es untrüglich­es Zeichen, daß die gesellschaftlichen Grund­la­gen der beste­hen­den Staat­sor­d­nung bere­its morsch und ihre Tage gezählt sind.

Ein­er der ersten großen Verkün­der der sozial­is­tis­chen Ide­ale, der Fran­zose Charles Fouri­er, hat vor hun­dert Jahren die denkwürdi­gen Worte geschrieben: In jed­er Gesellschaft ist der Grad der weib­lichen Emanzi­pa­tion (Frei­heit) das natür­liche Maß der all­ge­meinen Emanzi­pa­tion. Das stimmt vol­lkom­men für die heutige Gesellschaft. Der jet­zige Massenkampf um die poli­tis­che Gle­ich­berech­ti­gung der Frau ist nur eine Äußerung und ein Teil des all­ge­meinen Befreiungskampfes des Pro­le­tari­ats, und darin liegt ger­ade seine Kraft und seine Zukun­ft. Das all­ge­meine, gle­iche, direk­te Wahlrecht der Frauen würde — dank dem weib­lichen Pro­le­tari­at — den pro­le­tarischen Klassenkampf unge­heuer vor­wärt­streiben und ver­schär­fen. Deshalb ver­ab­scheut und fürchtet die bürg­er­liche Gesellschaft das Frauen­wahlrecht, und deshalb wollen und wer­den wir es errin­gen. Auch durch den Kampf um das Frauen­wahlrecht wollen wir die Stunde beschle­u­ni­gen, wo die heutige Gesellschaft unter den Ham­mer­schlä­gen des rev­o­lu­tionären Pro­le­tari­ats in Trüm­mer stürzt.

Aus: »Frauen­wahlrecht«, Pro­pa­gan­daschrift zum II. sozialdemokratis­chen Frauentag,Stuttgart, 12. Mai 1912. Online abruf­bar unter mlwerke.de.

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