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Quarantäne-Interview mit Intensivpflegerin: „Wenn eine Person ausfällt, läuft nichts mehr“

Lena S. arbeitet auf einer Intensivstation in einem Münchner Krankenhaus. Ihr Sohn wurde zu Schulanfang auf Corona getestet – und war positiv. Im über Zoom geführten Interview sprach sie während ihrer Quarantäne mit Klasse Gegen Klasse… über ihre Erfahrungen mit dem Gesundheitsamt, über ihre Arbeit im Krankenhaus und über die Erziehung.

Quarantäne-Interview mit Intensivpflegerin: „Wenn eine Person ausfällt, läuft nichts mehr“
Bild: Lieferung während der Quarantäne. Von Mabeline72. https://www.shutterstock.com/de/image-photo/delivery-during-quarantine-shopping-bag-merchandise-1680125200

Klasse Gegen Klasse: Wie bist du während Corona mit dem Gesundheitsamt in Kontakt gekommen?

Lena: Zuerst durch meinen Sohn, der in der vierten Klasse Grundschule ist, und über den Hort informiert wurde, dass er jetzt in Quarantäne muss und das Gesundheitsamt erst mal auf mich zukommen würde, weil das gemeldet wurde. Allerdings hat das sehr lange gedauert und ich habe mich dann beim Gesundheitsamt gemeldet, um denen zu sagen, dass ich doch gerne einen Abstrich für mein Kind hätte. Da ich auch das Wochenende darauf wieder auf der Intensivstation arbeiten müsste, war es mir einfach wichtig für Kolleg:innen und Patient:innen, sicherzugehen, dass sie nicht meine Kontaktpersonen sind. Das war für das Gesundheitsamt anscheinend nicht so verständlich.

Deshalb habe ich selbständig einen Abstrich beim Kinderarzt machen lassen, um dem Gesundheitsamt dann auch mitzuteilen, dass mein Sohn positiv getestet war. Und dann liefen die Telefone heiß.

Was wurde dir dann vom Gesundheitsamt empfohlen und wie hast du weiter mit der Situation umgehen können?

Die Empfehlungen waren ganz „großartig“. Also zunächst, ich hatte unzählige Telefonate. Zum Teil parallel mit Festnetz und Handy.

Es wurde mir immer geraten, dass ich mit meinem Sohn nicht gemeinsam einen Raum betreten darf, dass wir keinen körperlichen Kontakt haben dürfen. Ich habe sie auch gefragt, wie sie sich das vorstellen. Mein Sohn ist jetzt neun Jahre alt. Ich soll in zwei Wochen Quarantäne von ihm Schule und Hausaufgaben kompensieren. Dieses Jahr ist er in der vierten Klasse und es geht auch um einen Übertritt. Nach etwa acht Telefonaten hat das Gesundheitsamt auch eingesehen, dass das nicht praktikabel ist.

Ich hatte dem Gesundheitsamt erzählt, dass ich auf einer Intensivstation arbeitete. Das war, bevor der Test von meinem Sohn positiv ausgefallen ist. Als ich das Betreuungsproblem ansprach, wurde vom Gesundheitsamt nachgefragt, ob es nicht auch Oma und Opa gäbe in der Umgebung, die auf mein Kind aufpassen könnten. Daraufhin habe ich sie hingewiesen, dass die Großeltern als Risikopersonen gelten und ich auf gar keinen Fall Großeltern zu meinem Kind lassen werde, wenn ich schon nicht einen Raum mit ihm teilen darf.

Auf die Frage, wie das in der Praxis aussehen soll, dass ich selbst kein Kontakt mit meinem Kind haben darf, kamen keine sinnvollen Antworten. Ich war irgendwann auch sauer, als immer wieder dieselbe Ratschläge kamen, ich sollte kein Zimmer mit meinem Kind teilen. Irgendwann fragte ich sarkastisch, ob sie sich vorstellen, dass ich ihn jetzt zwei Wochen in sein Zimmer einsperren und das Essen unter der Tür durchschieben soll.

Diese Kontakte zum Gesundheitsamt waren sehr lehrreich. Aber nicht auf einer Ebene, wo man sagt, man hat da sehr viele Informationen raus gekriegt.

Du arbeitest ja als Intensivpflegerin. Wie ist denn deine Arbeit damit umgegangen, dass du Verdachtsfall warst?

Ich habe gleich mit meiner Arbeit telefoniert und gesagt, ich muss das Wochenende arbeiten, es steht aber im Raum, dass sich mein Sohn infiziert haben könnte. Das ist völlig abgeschmettert worden, weil es hieß, ich bin aktuell ja „noch keine Kontaktperson“. Das war mir sehr wohl bewusst. Der Dreh- und Angelpunkt war natürlich der Test meines Sohnes.

Am Wochenende, als noch kein Testergebnis vorlag, bin ich dann in die Arbeit gegangen. Ich habe mich da auch selbst nochmal testen lassen. Vor Ort habe ich natürlich geschaut, die Hygieneregeln noch strenger einzuhalten als sonst, den Mundschutz im Prinzip gar nicht mehr runter zu nehmen, gar nicht in einem Raum mit anderen Kolleg:innen zu sein. Natürlich ließ sich der Kontakt zu den Patient:innen weniger vermeiden.

Am Montag kam das Positiv-Ergebnis meines Sohnes und damit war klar, dass ich auch in Quarantäne muss. Meine Chefin hat die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und sagte, sie weiß nicht, wie das jetzt mit dem Dienstplan funktionieren soll. Das ist auch erschreckend, festzustellen, wie es ist, wenn eine Person ausfällt – dass dann einfach nichts mehr läuft.

Mein Sohn war dann vierzehn Tage in Quarantäne. Meine eigene Quarantäne schloss dann mit weiteren vierzehn Tagen noch daran an, da er mich ja bis zum letzten gemeinsamen Tag anstecken könnte. Ich habe im Gesamtverlauf der Erkrankung meines Sohnes drei Tests gemacht, die alle negativ waren.

Von meiner Arbeit kam dann die Frage, ob es nicht möglich wäre, vorzeitig schon in die Arbeit zu gehen. Es gibt tatsächlich eine Sonderregelung für Pflegekräfte. Wenn der Arbeitgeber einen Eilantrag stellt, dann kann ich nur für die Arbeit von der Quarantäne befreit werden. Also ich dürfte dann nicht spazieren gehen, nicht einkaufen, aber dürfte auf der Intensivstation schwerstkranke Patienten versorgen.

Damit sprichst du die Personalengpässe an, die es im Gesundheitssystem gibt. Was denkst du, ist notwendig für das Gesundheitswesen und welche Rolle spielen die Streiks dabei?

Eine ganz große Rolle und es ist eigentlich schon längst überfällig zu streiken, nicht nur im Gesundheitswesen, sondern in viel mehr Sparten. Gestern kam vom Hort ein Schreiben, dass sie streiken. Das bringt mich persönlich als Mutter in eine Bredoullie. Gleichzeitig bin ich aber dafür, dass gestreikt wird, und Streiks im Gesundheitswesen sind längst überfällig.

Ein reines Beklatschen ändert nichts an der Situation, es ändert nichts an den Arbeitsbedingungen, an der Bezahlung für uns. Es hat sich seit Corona eher verschlechtert und man hat auch nicht aus der Situation gelernt. Die Wertschätzung lässt immer noch auf sich warten. Auch – oder gerade! – in dieser Situation bin ich für Streiks.

Du hast mit der Corona-Situation auch als Mutter zu tun. Es gibt eine Diskussion über die Öffnung der Schulen. Wie siehst du das?

Es gibt neben der Industrie schon die Priorität, dass die Schule weiter läuft. Es gibt aber wenige Konzepte. Es wird individuell gehandhabt und geht zu Lasten unserer Kinder. Mein Kind wurde vor seinem Test, als es einen Verdacht gab, mit drei Tischlängen Abstand und als einziger mit Mundschutz in die letzte Reihe seiner Schulklasse gesetzt.

Man versucht natürlich, das Schulsystem so lange wie möglich aufrecht zu halten, zum Beispiel mit einer Verlängerung der Winterferien. Wie sollen alleinerziehende Elternteile, die ihren Urlaub während Corona meist schon verbraucht haben, ohne auch nur einen Tag Urlaub gehabt zu haben aufgrund der Pandemie, zu Jahresende nochmal drei Wochen Urlaub herausschlagen? Während es gleichzeitig keine weitere Betreuung gibt. Wenn man das Glück hat, Großeltern zu haben, fallen diese ja wieder in eine Risikogruppe.

Man bewegt sich als Elternteil in einer wahnsinnigen Abhängigkeit seinem Umfeld gegenüber. Gleichzeitig stößt man in dieser Ellenbogengesellschaft auf immer taubere Ohren.

Deine Quarantäne endet jetzt bald. Was möchtest du unseren Leser:innen noch sagen, was können sie aus deinem Fall lernen?

Was ich in der Zeit meiner Quarantäne gelernt habe: Man muss eine Struktur aufrechterhalten, vor allem wenn man eben auch Elternteil ist. Inner- und außerhalb der Quarantäne muss man den Kindern eine gewisse Normalität geben.

Sehr wichtig sind auch soziale Kontakte. Man muss sich sämtliche Medien, die man hat, zu eigen machen, um diese sozialen Kontakte aufrecht zu erhalten, weil man so isoliert wirklich an seine Grenzen kommt. Was ich hoffe: dass die Menschheit trotz allem, trotz Abstand halten, emotional ein bisschen mehr zusammen rückt. Und dass man die Augen offen hält für viele Belange, von denen man vielleicht selbst nicht direkt betroffen ist. Dass man für etwas einsteht und sich auch ganz klar positioniert.

Das Interview führte Oskar Fischer. Es wurde im Oktober aufgezeichnet, als der Streik im öffentlichen Dienst (TVöD) stattfand. Mehr zum öffentlichen Dienst und zum TVöD-Streik hier. Lenas Sohn ist inzwischen wieder gesund und sie selbst hat sich nicht infiziert.

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