Jugend

Porträt der Generation Merkel

Eine ganze Generation von apolitischen Studierenden 
wächst heran und will von Ideologie oder Politik nicht mehr belästigt werden.

Porträt der Generation Merkel

Mit diesem Jahr wird Angela Merkel nun zehn Jahre Kan­z­lerin sein. Der Großteil der­jeni­gen, die studieren, ken­nt keine andere Kan­z­lerin als sie. In ein­er Welt, die schein­bar „aus den Fugen“ ger­at­en ist samt dem Krieg in der Ukraine, dem IS-Ter­ror oder der Eurokrise, scheint sie eine Kon­stante zu sein, die dieser Gesellschaft Sicher­heit garantiert. Nicht umson­st führt sie seit Jahren die Umfragew­erte an und ver­ste­ht es, sich als „sor­gende Mut­ter“ in Szene zu set­zen. Es ist kein Zufall, dass sie erk­lärt:

„Die Leute sollen uns Poli­tik­er die Poli­tik machen lassen, weil wir so viel mehr davon ver­ste­hen“

Was Merkel aber unter Poli­tik ver­ste­ht, ist nichts als die Durch­set­zung der Inter­essen der herrschen­den Klasse. Das sehen wir in ein­er desas­trösen Euro-Poli­tik sowie ein­er Außen­poli­tik bzgl. der Ukraine, die mitver­ant­wortlich war, dass im Osten des Lan­des ein Krieg herrscht. Und so hat sich diese Denkweise anscheinend einge­bran­nt in das Hirn der Men­schen, die vor ein­er Alter­na­tivlosigkeit ste­hen. Eine weit­ere Folge davon ist eine stete Ent­poli­tisierung nicht nur der All­t­agspoli­tik, son­dern und vor allem ein­er Gruppe: der Studieren­den, die so apoli­tisch wie noch nie zuvor sind.

Wie hängt das damit zusam­men, ist doch ger­ade die Zeit der Jugend eine Phase des Auf­begehrens oder gar der Rebel­lion? Und ger­ade in dieser Leben­sphase wollen die Studieren­den nichts mehr mit poli­tis­chen Auseinan­der­set­zun­gen zu tun haben? Diese These wirkt umso erstaunlich­er, bedenken wir, dass wir immer noch in ein­er Zeit der per­ma­nen­ten Eurokrise leben und der Kalte Krieg schein­bar auf die poli­tis­che Bühne zurück­gekehrt ist. Den­noch gehen immer weniger Studierende auf Demon­stra­tio­nen, ver­anstal­ten Proteste oder begehren in ein­er anderen Art und Weise auf. Poli­tis­che Auseinan­der­set­zun­gen sind immer weniger gewollt. Was wir stattdessen beobacht­en, ist eine immer stärk­er wer­dende Aus­rich­tung auf das Pri­vatleben und beson­ders auf die Finanzierung dessen.

Vom studiosus politicus zum studiosus oeconomicus

Trotz des „Krisen- , Kriegs- und Seuchen­jahrs“ 2014 blick­en weit­er­hin viele Studierende pos­i­tiv in die Zukun­ft nach ihrem Stu­di­en­ab­schluss. Ein krass­er Unter­schied zu den Län­dern in Südeu­ropa, wo eine Masse­nar­beit­slosigkeit unter den Jugendlichen vorherrscht. Hierzu­lande dage­gen gilt es als rel­a­tiv sich­er, nach dem Stu­di­en­ab­schluss eine Arbeitsstelle zu bekom­men – allerd­ings höchst­wahrschein­lich befris­tet und prekär. Den­noch nimmt die Jugend diese Gegeben­heit­en als „natür­lich“ hin und sieht prekäre Arbeitsver­hält­nisse eher als Regel denn als Aus­nahme an. Das Konkur­ren­z­dog­ma des Neolib­er­al­is­mus wirkt sich vol­lkom­men aus, es wird eher von ein­er „Ellen­bo­gen­men­tal­ität“ denn von Sol­i­dar­ität gesprochen, sowohl was z.B. die Aus­bil­dungsplätze bet­rifft als auch den Woh­nungs­markt.

Und so kommt es, dass sich die Studieren­den nicht ein­mal für ihre eige­nen unmit­tel­baren Inter­essen ein­set­zen oder bess­er gesagt: kön­nen. Denn inmit­ten all der Illu­sio­nen scheinen sie die Hoff­nung und Per­spek­tive ein­er kollek­tiv­en Bewe­gung nicht teilen zu wollen. Wenn men­sch ange­hende Abiturient*innen nach ihren Plä­nen fragt, ste­hen Gehalt und ‘Selb­stver­wirk­lichung’ nach Abschluss des Studi­ums ganz oben auf der Liste.

Während vor Jahrzehn­ten die Uni­ver­sität­szeit als Phase der mas­siv­en Poli­tisierung begrif­f­en wurde, wen­det sich das Blick­feld der Studieren­den vor allem auf das Ökonomis­che: Fäch­er der Geis­teswis­senschaften wer­den immer mehr ver­nach­läs­sigt; im Gegen­satz dazu wer­den Fäch­er mit ökonomis­chen Nutzen für die Gesamtwirtschaft immer stärk­er gefördert. Kein Wun­der, denn mit geis­teswis­senschaftlichen Fäch­ern lässt sich nahezu kein Geld ver­di­enen und so ziehen es Studieren­den vor, lieber nach Fäch­ern mit weniger Kri­tik und mehr Finanzen Auss­chau zu hal­ten.

Ori­en­tierung sind dabei Punk­te und Leis­tun­gen für einen opti­mierten Abschluss in Regelzeit. Nichts­destotrotz heißt das nicht unbe­d­ingt, dass Geis­teswis­senschaften per se kri­tisch seien; ganz im Gegen­teil: nicht sel­ten dien­ten diese zur Vor­bere­itung und Recht­fer­ti­gung der herrschen­den Ide­olo­gie. Nicht sel­ten waren und sind es beson­ders Geisteswissenschaftler*innen, welche die ide­ol­o­gis­chen Wegbereiter*innen des Neolib­er­al­is­mus waren bzw. sind.

Das Inter­esse an ein­er wis­senschaftlichen Erforschung und Kri­tik der beste­hen­den Ver­hält­nisse ist dem Berufs­feld ‘Wis­senschaft’ gewichen. Die Aus­sage “nicht prü­fungsrel­e­vant” dient dabei zum Aus­sortieren von Inhal­ten, von Diskus­sio­nen und kri­tis­chem Hin­ter­fra­gen. Galt früher eine Kul­tur poli­tis­ch­er Stre­it­ge­spräche und Debat­ten, so drängt sich heute immer mehr ein Frage-Antwort-Prinzip ohne Rei­bungs­fläche für Kon­flik­te in den Vorder­grund.

Im Auge des Wirbelsturms

Doch nur ein from­mer Wun­sch, nun Sicher­heit und Sta­bil­ität, Ruhe und Ord­nung zu erwarten. Auch in Deutsch­land ziehen beden­klich graue Wolken her­an, vor allem seit Aus­bruch des Krieges in der Ostukraine samt dem Erstarken pro-faschis­tis­ch­er Kräfte in ganz Europa.

Von Ital­ien bis Bel­gien erschüt­tern Gen­er­al­streiks gegen die Spar- und Kürzungspoli­tik der Troi­ka die poli­tis­che Land­schaft. In Deutsch­land schafft Ama­zon es jedoch, ohne größere Gegen­wehr in Briese­lang tausend Beschäftigte vor die Tür zu set­zen, während Unternehmen sich im Union Bust­ing üben, um gegen kämpferische Arbeiter*innen vorzuge­hen. Im Rah­men der neolib­eralen Offen­sive ist es dabei für Studierende immer schwieriger, die Anforderun­gen des Studi­ums mit den oft notwendi­gen prekären Neben­jobs zu vere­in­baren. Doch auch dies wird meist nur als Über­gangsphase ange­se­hen und entwed­er nach einem indi­vidu­ellen Ausweg gesucht oder einem Weg, sich möglichst schmerzfrei anzu­passen.

Passend zu zehn Jahren Merkel gibt es dieses Jahr auch den zehn­ten Jahrestag der Agen­da 2010. Und so zeich­net sich diese Gen­er­a­tion auch dadurch aus, dass sie nur Nieder­la­gen ken­nen gel­ernt hat und als Aus­druck dessen z.B. die Real­löhne seit Jahren nicht mehr angestiegen sind. Dies ist die eine, ent­muti­gende Seite der Medaille. Wo aber Gefahr ist, wächst das Ret­tende auch und so machen ger­ade junge Men­schen zum ersten Mal Streik­er­fahrun­gen und ler­nen somit, was es heißt, erste unmit­tel­bare Klassenkämpfe zu führen.

Die Jugend muss gemein­sam mit der Arbeiter*innenklasse diesen Kampf annehmen und eigene Antworten und Per­spek­tiv­en aufzeigen. Denn Merkel selb­st wird zwar oft genug als lang­weilig und spröde dargestellt, jedoch hat sie ein klares Pro­gramm und ihre Regierungslin­ie entspricht klar den Inter­essen der herrschen­den Klasse – nicht umson­st ist sie so lange Kan­z­lerin.

Gle­ichzeit­ig sorgt sie dafür, dass die kap­i­tal­is­tis­che Krise nur am äußer­sten Rand wahrgenom­men wird, als ob die Sit­u­a­tion der Län­der in Europa nur ent­fer­nt etwas mit Deutsch­land zu tun hätte, und die Aus­beu­tung durch die Bour­geoisie alter­na­tiv­los wäre.

Dieses Dog­ma der Alter­na­tivlosigkeit ist es, welch­es große Teile der Jugend qua­si in die “innere Emi­gra­tion” schickt und laut­los wer­den lässt. Als poli­tis­che Aktivist*innen bekom­men wir deshalb häu­fig zu hören:

“Gut, dass ihr das macht, aber für mich ist Poli­tik irgend­wie nichts.”

Klassenkampf geht uns alle an

Die Ökonomisierung der Unis geht Hand in Hand mit den Angrif­f­en der Regierung auf die Arbeiter*innen (auch an den Unis sind immer mehr Kolleg*innen prekären und befris­teten Ver­hält­nis­sen aus­ge­set­zt), und ist nicht indi­vidu­ell über­wind­bar, son­dern nur durch eine gemein­same Antwort der Jugend und des Pro­le­tari­ats. Liebknechts Losung “der Haupt­feind ste­ht im eige­nen Land” ist damals wie heute aktuell, wie sich im Engage­ment des deutschen Kap­i­tals in Kriegen und Krisen weltweit und in der Dom­i­nanz der Merkel-Regierung inner­halb der EU erken­nen lässt.

Diesel­ben Kapitalist*innen, die Griechen­land Sparpläne dik­tieren, die die Jugend, die Arbei­t­en­den und armen Massen noch mehr ins Elend stürzen, sind es, die apoli­tis­che Schulen und Uni­ver­sitäten wollen. Die später prekär Beschäftigten sollen jeden Angriff hin­nehmen und sich indi­vidu­ell damit abfind­en, anstatt Wider­stand und inter­na­tionale Sol­i­dar­ität mit ihrer Klasse zu organ­isieren. Nahezu alle gesellschaftlichen Prob­leme wer­den zu indi­vidu­ellen erk­lärt und jegliche Mobil­isierun­gen, die das herrschende kap­i­tal­is­tis­che Sys­tem hin­ter­fra­gen, sollen erwürgt oder krim­i­nal­isiert wer­den.

In Zeit­en dieses Klassenkampfes von oben ist es umso wichtiger, als Jugendliche*r an Arbeit­skämpfen teilzunehmen und so nicht nur für die Rechte und Arbeits­be­din­gun­gen der Arbei­t­en­den von heute zu kämpfen, son­dern auch für unsere Arbeits- und Lebens­be­din­gun­gen von mor­gen. Daraus leit­et sich eine Aktion­sein­heit ab, die sich gegen­seit­ig zu unter­stützen hat: die Ein­heit der Arbei­t­en­den und Studieren­den. In Streiks wie bei Ama­zon oder dem kom­menden Erzieher*innenstreik ist es deshalb wichtig, die streik­enden Arbeitskolleg*innen zu unter­stützen und ihnen mit kreativ­en wie inspi­ra­tiv­en Aktio­nen jen­seits der Gew­erkschafts­bürokratie nicht nur beizuste­hen, son­dern aktiv mitzuwirken, fol­glich: Ihren Kampf als unseren gemein­samen Kampf anzuse­hen.

Damit gelingt es uns auch, Breschen in das Merkel‘sche Sys­tem der Ein­fall­slosigkeit und Dekadenz zu schla­gen. Ziel muss es sein, nicht nur die Uni­ver­sität, son­dern die Gesellschaft zu poli­tisieren und im Zuge dessen die Angriffe der Kapitalist*innen auf die Lohn­ab­hängi­gen abzuwehren. Denn was die meis­ten Men­schen dieser Gen­er­a­tion eint, sind die prekären Arbeits- und Lebensver­hält­nisse; diese kön­nen nur gemein­sam bekämpft wer­den.

Die Gen­er­a­tion Merkel ist deshalb und vor allem auch eine prekäre Gen­er­a­tion. Deshalb kämpfen wir für das Streikrecht der Arbeiter*innen in vollem Umfang – deshalb treten wir ein für eine kämpferische Jugend, die einen radikalen Gege­nen­twurf zur heuti­gen, ger­adezu schläfrigen Jugend entwirft und kein­er­lei Auseinan­der­set­zun­gen wed­er mit Jus­tiz, Polizei oder faschis­tis­chen Ban­den scheut. Die Jugend an der Seite der Arbeiter*innenklasse muss nichts und nie­man­den fürcht­en; sie kann aber dieser Gen­er­a­tion Merkel ein Ende set­zen und der herrschen­den Klasse selb­st das Fürcht­en lehren.

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