Brot und Rosen

Politische Ökonomie der sozialen Reproduktion II: Patriarchat und Kapitalismus

Im Dialog mit Lise Vogels Werk „Marxismus und Frauenunterdrückung“ diskutiert Ariane Díaz die Aktualität der Revolution.

Politische Ökonomie der sozialen Reproduktion II: Patriarchat und Kapitalismus
Montage: Juan Atacho

Lise Vogel sagt, auf dem Arbeitsmarkt muss der Kapitalist Löhne anbieten, die dem Wert der Arbeitskraft der Arbeiter:innen entsprechen. Entgegen der Vorstellung von einem Kapitalismus, der uns „täuscht“, ist dieser Austausch „gleich“. Natürlich geht die Gleichheit auf dem Markt „Hand in Hand […] mit der für die kapitalistische Produktion charakteristischen Ausbeutung“. Aber Vogel geht auch davon aus, dass die „Gleichheit von Personen […] nicht bloß ein abstraktes politisches Prinzip oder eine falsche Ideologie [ist]. Sie ist ein komplexes Phänomen, dessen materielle Wurzeln in den kapitalistischen Produktionsverhältnissen liegen“ [234f.]1. Mangelnde Gleichheit ist jedoch gerade ein spezifisches Merkmal der Unterdrückung von Frauen (und anderen Gruppen) in kapitalistischen Gesellschaften.

Im ersten Teil dieses Artikels haben wir uns auf Vogel bezogen und gesagt, dass die Produktionsweise die Reproduktionsweise bestimmt, was aber nicht bedeutet, dass die beiden Aspekte wie eine lange Kette der Mehrwertproduktion zusammenfallen. Es besteht aber auch die umgekehrte Gefahr, nämlich die beiden Aspekte so weit zu trennen, dass wir am Ende zwei unterschiedliche Logiken oder Produktionsweisen haben, die kapitalistische und die patriarchale, die sich in einem bestimmten historischen Moment überschneiden.

Dies ist ein weiterer Schwerpunkt von Vogels Buch. Um dieses Problem anzugehen, zeichnet sie die marxistischen Konzeptualisierungen der Frauenunterdrückung nach, verbunden mit dem Kampf für den Sozialismus und der Debatte über die Strategien. Sie antwortet damit auch auf dualistische „Zwei-Systeme“-Positionen, die davon ausgingen, dass der Kampf der Geschlechter ebenso eine treibende Kraft in der Geschichte sei wie der Klassenkampf [188].

Es handelt sich dabei auch um eine vergangene wie gegenwärtige politische Debatte, denn für Vogel teilten auch eine Reihe von zeitgenössischen „sozialistischen Feministinnen“ diese Position. Laut Vogel fielen sie auf der Suche nach einem alternativen Rahmen zur Charakterisierung der Frauenunterdrückung (Patriarchat, Autorität usw.) [66] auf die Schwächen des reformistischen Flügels der sozialistischen Bewegung des 19. Jahrhunderts in der Frage der Frauenunterdrückung zurück [193].

Vogel ist der Ansicht, dass dieses Problem zum Teil auf die Unklarheiten zurückzuführen ist, die in einem marxistischen Klassikertext zu diesem Problem, Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats, enthalten sind. Engels, der sich – wenn auch nicht unkritisch – auf die anthropologischen Studien von Morgan und die von Marx hinterlassenen Notizen stützt, untersucht darin primitive und moderne Gesellschaften auf der Suche nach dem Verhältnis zwischen den Formen der Produktion und denen der Organisation der Familien. Dabei räumt er dem Problem der Unterdrückung der Frau einen herausragenden Platz ein und betrachtet es vom Standpunkt der „materialistischen Theorie der Geschichte“.

Engels‘ Buch ist für die Vogel die Quelle der Theorie der sozialen bzw. gesellschaftlichen Reproduktion (TSR), da es sich im Unterschied zu den bis dahin populären Ausführungen des Sozialisten Bebel auf das gesellschaftliche Phänomen konzentriert, das die Stellung der Frau in einer bestimmten Gesellschaft hervorbringt, und damit auf die Bedingungen, unter denen diese Stellung verändert werden kann [192]. Gleichzeitig ist das Werk aber auch die Quelle dualistischer Positionen, insofern Engels nach Vogels Lesart der geschlechtlichen Arbeitsteilung in der Familie einen historisch unflexiblen, biologisch begründeten Charakter verleiht, „ohne diese jedoch theoretisch klar zu verorten“ [136]. Gelang es Engels für Vogel noch, die beiden Perspektiven zusammenzuhalten, so waren es spätere sozialdemokratische Lesarten, die schließlich zu einer definitiv dualistischen Sichtweise übergingen.

Logik und Geschichte

Engels‘ Buch ist weithin anerkannt – auch unter nicht-marxistischen Feministinnen –, weil es die Frage der Frauenunterdrückung auf die theoretische Ebene der gesellschaftlichen Produktion und der Entstehung von Klassen stellt, das heißt in den Mittelpunkt der Anliegen des historischen Materialismus. Das Werk war auch Gegenstand verschiedener Kritiken, darunter viele, die sich auf die anthropologischen Hypothesen beziehen, die Engels dort aufstellt, welche durch spätere Entwicklungen widerlegt worden seien. Wir haben diese Bezugnahmen und Kritiken bereits analysiert und konzentrieren uns hier auf die Kritik an den theoretischen Annahmen von Lise Vogel. Die drei wichtigsten Probleme, auf die die Autorin hinweist, sind:

  • Engels‘ Idee eines „ursprünglichen Matriarchats“, das durch das Auftauchen neuer Mittel zur Erzeugung von Überschüssen verwandelt wurde, würde eine Sichtweise der historischen Entwicklung als einen evolutionären und automatischen Prozess der Weiterentwicklung der Produktivkräfte implizieren;
  • Im Gegensatz zu Marx, der den Schwerpunkt auf die gesellschaftlichen Verhältnisse setzt, konzentriere sich Engels auf das Eigentum (wodurch er „einer utopischen Kritik […] verhaftet“ bleibe) und nicht auf die Ausbeutung als Gegenstand des Klassenkampfes [137f.]. Zugleich bleibe die Unterscheidung zwischen Reichtum als „Ansammlung von Dingen“ und Privateigentum als gesellschaftlichem Verhältnis in seinem Werk vage [131]: Engels ziehe „keine klare Verbindung zwischen der Entwicklung einer eigenständigen Sphäre der Reproduktion der Arbeitskraft und der Entstehung einer Klassen- oder gar einer kapitalistischen Gesellschaft“ [136].
  • Engels‘ Betonung der strategischen Bedeutung demokratischer Rechte würde die Frage nach der Beziehung zwischen sozialistischer Revolution, Frauenbefreiung und dem Kampf für gleiche Rechte offen lassen, indem er vorschlägt, dass „das sozialistische Programm zur Frauenbefreiung aus zwei voneinander getrennten Zielen besteht: aus kurzfristiger Perspektive die rechtliche Gleichstellung mit Männern innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft, und im weit entfernten revolutionären Zeitalter die volle Befreiung auf Basis einer höheren Form der Familie“ [136].

Unser Eindruck ist, dass Vogel in ihrer Absicht, eine korrekte Diskussion gegenüber dem Dualismus und seinen politischen Ableitungen zu führen, eine forcierte Kritik an Engels formuliert. Denn in ihrer eigenen Darstellung relativiert sie einige dieser Kritiken selbst. Vogel schreibt, dass Engels das Privateigentum als gesellschaftliches Verhältnis begreift (auch wenn er dies ihrer Ansicht nach nur oberflächlich tue), und dass die Betonung auf dem Voranschreiten der „Produktivkräfte“ ein Fortschritt gegenüber Bebels früherem Idealismus war. Man könnte noch hinzufügen, dass auch die Produktivkräfte für den Marxismus keine „Dinge“ oder bloße Technologie sind, sondern ebenfalls Teil der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Zum anderen kann man schwerlich behaupten, dass Engels der Entstehung einer „besonderen Sphäre“ im Zusammenhang mit der „Arbeitskraft“ in einer Gesellschaft, die sich auf der Grundlage der Erzielung eines Überschusses zu einer Klassengesellschaft entwickelt, keine Bedeutung beimisst. Engels erwähnt ausdrücklich diese Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit zum Nachteil der Frauen, auch dort wo sie noch nicht die charakteristischen Formen der kapitalistischen Gesellschaft annimmt, in der Produktion und Reproduktion räumlich und zeitlich getrennt werden.

Man könnte argumentieren – und das ist wahrscheinlich der Punkt von Vogel –, dass wir, wenn wir diese Trennung zu einem Merkmal aller früheren Klassengesellschaften ausdehnen, die Besonderheit der kapitalistischen Gesellschaft in diesem Aspekt aus dem Blick verlieren. Nämlich, dass in der kapitalistischen Gesellschaft die ökonomische Basis nicht mehr die Verwandtschaftsbeziehungen sind, sondern die Notwendigkeiten der Reproduktion, was einen historischen Wandel ausmacht (dem wir zustimmen). Aber die Verwandtschaft war das soziale Band, das die politische Ökonomie der primitiven Gesellschaften bestimmte; ihre Analyse bedeutet nicht unbedingt eine Naturalisierung der „Familie“ als etwas Unveränderliches. In der Tat erwähnt Vogel selbst, dass Marx und Engels seit der Deutschen Ideologie die Familie für die Arbeiter:innenklasse als „aufgelöst“ betrachteten, insofern sie kein Eigentum mehr hat, auch wenn wir mit dem gleichen Label von der „Arbeiter:innenfamilie“ sprechen [89].2

Hier könnte man ein bekanntes methodologisches Problem des Kapital aufwerfen: Handelt es sich um ein historisches Buch oder folgt es einer logischen Ordnung, unabhängig davon, wie sich diese Gesellschaftsform konkret entwickelt hat? Auch wenn es richtig ist, wie Vogel betont, die Kategorien der eigenen Gesellschaft nicht auf andere Gesellschaften zu übertragen, ist es ebenso richtig, dass Marx in komplexeren Gesellschaftsformen wie dem Kapitalismus Spuren dieser Merkmale in früheren historischen Prozessen „entdecken“ konnte. Engels‘ Buch ist ein Kommentar zu einer anthropologischen Studie und nicht der Versuch, die Funktionsweise der kapitalistischen Gesellschaft wie im Falle des Kapital zu erklären. Dass die Formen, die er dort analysiert, nicht alle Elemente aufweisen, die sich später entwickelt haben, ist vielleicht eine in diesem Fall angemessene methodologische Vorsichtsmaßnahme.

Zum anderen ergibt sich daraus nicht unbedingt die politische Konsequenz, auf die dualistische Visionen hinweisen, dass die Emanzipation der Frauen auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werde. Vogel selbst weist darauf hin, dass Marx und Engels in den Diskussionen um die Einbeziehung von Frauen in die Lohnarbeit in der zeitgenössischen Arbeiter:innenbewegung immer die Position vertreten haben, dass dies notwendig sei, auch wenn dies von den (männlichen) Gewerkschaften abgelehnt wurde. Gleichzeitig stellt sie den reformistischen Positionen die traditionell revolutionäre leninistische Sichtweise – ausgehend von der Politik gegenüber den unterdrückten Nationalitäten – entgegen, dass die Unterdrückung der Frauen zwei Wurzeln hat: Als gesellschaftliche Gruppe litten sie unter politischer Ungleichheit, und gleichzeitig waren sie in der Hausarbeit gefangen. Ihre Befreiung musste daher auch zwei Seiten haben: Die politische Befreiung war nur der erste Schritt, und deshalb hatte das Programm der Russischen Revolution viel mit dem Aspekt der Reproduktionsarbeit zu tun [172ff.]. Den Anfang dieser Tradition, so Vogel, macht jedoch Engels‘ Anti-Dühring, in dem die erste programmatische Formulierung in diesem Sinne zu finden ist: nicht nur die „freie Vergesellschaftung des Menschen“, sondern auch „die Verwandlung der häuslichen Privatarbeit in öffentliche Industrie“ [120].

Natürlich sind korrekte theoretische Positionen keine Garantie für korrekte Praktiken, und eine korrekte Politik kann eine schwache oder unzureichende theoretische Grundlage haben. Aber das Aufgeben des umfassenden Rahmens der „sozialen Reproduktion“ durch bestimmte feministische Theoretikerinnen, gegen die Vogel diskutiert, hat wahrscheinlich weniger mit Engels‘ Zweideutigkeiten zu tun als mit einer näheren Realität: die Enttäuschung über das, was in der UdSSR geschah. Vogel argumentiert, dass das Erbe der Russischen Revolution unvollständig war. Im Allgemeinen begründeten Sozialist:innen die Blockade der Befreiung der Frau in der Sowjetunion mit der Rückständigkeit, von der die Russische Revolution ausging, oder mit falschen politischen Prioritäten. In Vogels Lesart entsprach diese Blockade mehrheitlichen Auffassungen, die denen der Sozialdemokratie der Zweiten Internationale sehr ähnlich waren und die Lenin oder Zetkin nicht bis zum Ende hätten auflösen können. Jedoch erklärt sie selbst nicht den Wechsel zwischen den getroffenen Maßnahmen der ersten Jahre des revolutionären Prozesses und der Wende, die der Stalinismus herbeiführte und die die enorme Radikalität der ersten Maßnahmen umkehrte.

Hier fehlen Trotzkis Analysen, die Vogel nicht erwähnt, obwohl sie einer der wenigen Theoretiker:innen der sozialen Reproduktion ist, die die Errungenschaften der russischen Revolution als Dreh- und Angelpunkt der marxistischen Tradition hervorhebt. Es ist gerade Trotzkis Theorie der permanenten Revolution, die versucht, die Mechanismen der Arbeiter:innenrevolution zu erklären: Zunächst einmal gibt es die Möglichkeit, dass die Arbeiter:innenklasse mit ihren eigenen Methoden die historischen demokratischen Aufgaben erfüllen muss, die die Bourgeoisie offen gelassen hat – gemeinsam mit denen, die ihrer Klasse entsprechen, den sozialistischen Aufgaben –; außerdem aber entwickeln sich, sobald die Arbeiter:innenklasse die Macht übernommen hat, die Revolutionen der Wirtschaft, der Technologie, der Wissenschaft, der Familie, der Gebräuche „in komplizierten Wechselwirkungen und lassen die Gesellschaft nicht ins Gleichgewicht kommen.“3

In der Tat löst eine Arbeiter:innenrevolution nicht automatisch eine so uraltes Problem wie die Unterdrückung der Frauen, aber sie verschiebt es auch nicht automatisch in eine unbestimmte Zukunft, in der die materiellen Bedingungen reif seien. Um die inneren Verhältnisse zu seinen Gunsten zu „stabilisieren“, hat der Stalinismus die Fortschritte beschnitten, die die Revolution in diesem Bereich – wie auch in der von Vogel erwähnten Politik gegenüber den nationalen Minderheiten – ermöglicht hatte, indem er alle traditionellen Annahmen und Vorurteile darüber wieder aufleben ließ, welchen Platz die Frau in der Gesellschaft einnehmen sollte, insbesondere als Mutter einer vom „sozialistischen Vaterland“ benötigten Arbeitskraft.4 Angesichts der erzielten Ergebnisse führten die Enttäuschung über die Hoffnungen, die die Revolution geweckt hatte, und das Fehlen von Werkzeugen, um diese Entwicklung zu verstehen und schließlich zu bekämpfen, auf internationaler Ebene in einigen Fällen zum Suchen eines Auswegs bei anderen Quellen – wie beispielsweise in der „Neuen Linken“ –, in anderen Fällen jedoch zu einem Rückfall in den Reformismus oder sogar Liberalismus. Diese Enttäuschung war wahrscheinlich auch die Ursache für den Rückfall in den Dualismus und schließlich für das Aufgeben des umfassenden materialistischen Arguments, das Vogel in einigen Ansätzen ihrer zeitgenössischen sozialistischen Feministinnen sah.

Modern oder traditionell?

Man kann argumentieren, dass der Kapitalismus den früheren patriarchalen Formen die materielle Grundlage entzogen hat. Herauszufinden, was die neuen Grundlagen sind und worauf die Unterdrückung der Frauen heute beruht, ist der Beitrag von Vogel, den wir im ersten Teil behandelt haben. Es besteht jedoch kein Zweifel daran, dass die Vorurteile dieses traditionellen Patriarchats im Kapitalismus fortbestehen, dass das System sie aufrechterhält und sie zu seinem Vorteil nutzt. Der Hinweis darauf, dass ihre materiellen Grundlagen ebenso wie die der „Arbeiter:innenfamilie“ unterschiedlich sind, bedeutet nicht, dass wir keine gemeinsamen Elemente finden können: die Figur des Vaters als Achse der familiären Autorität, Aufgaben, die mit der „Natur“ der Frau als Reproduzentin des Lebens verbunden sind, Sorgearbeit und so weiter. Es bleibt also noch zu klären, welche Beziehung zwischen den Ideologien vor der Entstehung des Kapitalismus, wie dem Patriarchat, und der neuen Produktionsweise besteht.

Vogels Ausarbeitungen selbst enthalten ein Element, das die Grundlage für eine spezifische Hypothese sein könnte – der innere Widerspruch zwischen der Erzielung einer größeren Masse an Mehrwert und der fortgesetzten Nutzung der unbezahlten Arbeit einerseits und der „ausgleichenden“ Wirkung des Marktes auf die Zirkulation andererseits –, das sie nicht ausführt, Martha Giménez aber schon.5 Wie Vogel und andere Autor:innen der TSR anerkennen, macht der Kapitalismus bei der Ausbeutung der Arbeitskraft – Männer, Frauen, Kinder, Schwarze, Weiße – im Prinzip keinen Unterschied, eben weil seine Besonderheit darin besteht, konkrete Arbeit in „Gallerte menschlicher Arbeit“ zu „abstrahieren“. Dies setzt jedoch die Behauptung voraus, dass Arbeiter:innen rechtlich frei und gleich sind, damit sie zumindest auf dem Arbeitsmarkt durch den Austausch ihrer besonderen „Ware“, der Arbeitskraft, konkurrieren können. Und hier ergibt sich ein Problem: Was würde es dann gesellschaft rechtfertigen, Frauen schlechter zu bezahlen, sie unsicherer zu machen oder ihnen einen doppelten Arbeitstag aufzubürden?

Dies wird durch die um die Familie herum geschaffene Ideologie kompensiert, die auf die vorhandenen Vorurteile zurückgreift und weitere hinzufügt. Die mütterliche Liebe, die größere Sensibilität der Frauen, ihre Hingabe usw. sind also Konstruktionen, die auf Traditionen beruhen, aber in diesem Sinne „modern“ sind. So kann sich der religiösen Diskurs, wonach eine Frau auch ohne Sex Mutter geworden worden sei, mit dem Image eines coolen Unternehmers vermischen, der seinen Beschäftigten das Einfrieren von Eizellen erlaubt, um deren „Wunsch, Mutter zu sein“ zu „respektieren“, wenn es dem Unternehmen passt, wie es Amazon tut. Ähnlich äußert sich Antoine Artous in Los orígenes de la opresión de la mujer: „Es scheint, als ob die Bourgeoisie, die Trägerin einer Ideologie der Gleichheit zwischen den Individuen, gezwungen war, eine Theorie der weiblichen Natur zu entwickeln, um die Unterdrückung im Namen des Unterschieds zwischen Männern und Frauen zu rechtfertigen.“6 Etwas ähnliches könnte für andere Formen der Unterdrückung, wie zum Beispiel Rassismus, gesagt werden.

Die Situation hat sich von den ersten Analysen der Begründer des Marxismus bis zur Russischen Revolution oder von dem Kontext, in dem Vogel schrieb, bis zur Gegenwart verändert – mit einer deutlichen Zunahme der Frauen auf dem Arbeitsmarkt –. Doch für revolutionäre Marxist:innen ging es immer darum – und hier ist Vogels Arbeit gegen dualistische Ansichten ein Beitrag –, die Forderungen, die das Ende der Ausbeutung anstreben, nicht von den Forderungen zu trennen, die alle Arten von Unterdrückung beenden wollen. Dies setzt eine politische und programmatische Debatte voraus, die im Marxismus gewöhnlich als Problem der Hegemonie bezeichnet wird. Die Anerkennung der Bestimmungen und Besonderheiten der Produktion und Reproduktion im kapitalistischen System hat in jedem Fall mit der Fähigkeit zu tun, diese Forderungen so zu artikulieren, dass sie die Spaltungen nicht vertiefen, von denen der Kapitalismus selbst profitiert, sondern sie im Gegenteil im Kampf gegen das System stärken, das sie hervorruft und aufrechterhält. In diesem Sinne sind sie theoretische Grundlagen für eine breitere Debatte über die revolutionäre Strategie (ihre Schwerpunkte, ihre Verbündeten und Feinde). Die Ideen, die sich durch diese Tradition ziehen, neu zu diskutieren, ist Teil der Aktualisierung dieser Tradition angesichts der neuen Situationen, Herausforderungen und Debatten, die heute neu entstehen, und zu denen wir mit diesen Zeilen beizutragen versucht haben und die zweifellos neue Kapitel erfordern werden.

Fußnoten

1. Alle Zitate, soweit nicht anders angegeben, stammen aus der deutschen Erstübersetzung von Lise Vogels Werk Marxism and the Oppression of Women (dt. Marxismus und Frauenunterdrückung. Auf dem Weg zu einer umfassenden Theorie, Unrast Verlag, Münster 2019. Die Zahlen in Klammern geben die Seitenzahl der deutschen Ausgabe an.

2. Interessant ist hier ein Element, das Cinzia Arruzza (Las sin parte, Sylone, Barcelona 2010) hinzufügt: Sie weist darauf hin, dass in primitiven Gesellschaften die fortschreitende Bejahung des "individuellen Eigentums" gegen das kollektive Eigentum der Gens stattfindet, das heißt, sie erscheint als Element der Konstitution einer vom Kollektiv unterschiedenen Klasse. Arruzza kritisiert Engels hingegen dafür, dass er „auf einen angeblichen Instinkt der Männer zurückgreift, ihr eigenes Erbe zu erhalten und folglich die Reproduktionsfunktion der Frauen zu kontrollieren“, anstatt darauf hinzuweisen, dass es die Notwendigkeit ist, die Reproduktionsfunktion der Arbeitskräfte zu kontrollieren, die diese Normen begründet. Abgesehen davon, dass Engels gerade darauf hinweisen wollte, dass die Unterwerfung der Frauen durch wirtschaftliche und soziale Veränderungen und nicht durch irgendeinen männlichen „Instinkt“ motiviert ist, muss gesagt werden, dass die Fähigkeit, individuelles Eigentum zu vererben, ein Klassenmerkmal ist, insofern sie ihre Aufrechterhaltung als solche ermöglicht; deshalb bestand zum Beispiel eines der Probleme der in der UdSSR entstandenen bürokratischen Kaste darin, dass sie ihre Privilegien per Gesetz nicht vererben konnte und somit keine neue Unterdrücker:innenklasse bildete. Das Privateigentum ist in der Tat ein gesellschaftliches Verhältnis, da es den Entzug des Eigentums anderer und die Aufrechterhaltung des eigenen Eigentums beinhaltet.

3. Leo Trotzki, Die Permanente Revolution, Arbeiterpresse, Essen, 1993 (1929), S. 59.

4. Vgl. Wendy Goldman, La mujer, el Estado y la revolución, Ediciones IPS, Buenos Aires, 2010.

5. Vgl. Martha E Gimenez, Marx, women and capitalist social reproduction, Brill, Leiden-London, 2019.

6. Antoine Artous, Los orígenes de la opresión de la mujerFontamara, Barcelona, 1982, S. 56. Eigene Übersetzung.


Dieser Artikel erscheint im Klasse Gegen Klasse Magazin #9 – Gesundheit, Krise, Feminismus. Schau dir hier die gesamte Ausgabe an.

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