Frauen und LGBTI*

Politische Ökonomie der sozialen Reproduktion I: Arbeit und Kapital

Die aktuellen Debatten im Feminismus haben viele Ausarbeitungen aus marxistischer Perspektive wieder an das Tageslicht geholt, darunter die "Theorie der sozialen Reproduktion". In einer Artikelreihe wollen wir uns besonders mit Lise Vogel und ihrem Werk Marxism and the Oppression of Women befassen.

Politische Ökonomie der sozialen Reproduktion I: Arbeit und Kapital

Die aktuellen Debat­ten im Fem­i­nis­mus haben viele der Ausar­beitun­gen, in denen früher bere­its das Ver­hält­nis zwis­chen Kap­i­tal­is­mus und Patri­ar­chat unter­sucht wurde, wieder ans Tages­licht gefördert. Intellek­tuelle mit ver­schiede­nen Per­spek­tiv­en, wie Judith But­ler, Sil­via Fed­eri­ci, Nan­cy Fras­er oder Rita Sega­to – um einige aktuelle Beispiele zu nen­nen – haben ein neues Pub­likum erlangt. Auch die Ideen von den­jeni­gen, die aus marx­is­tis­ch­er Per­spek­tive einen Beitrag zu diesen Diskus­sio­nen geleis­tet haben, gewin­nen dabei wieder an Bedeu­tung.1

Unter ihnen hebt sich beson­deres die The­o­retisierung von Lise Vogel in Marx­ism and the Oppres­sion of Women [dt.: „Die Frau im Kap­i­tal­is­mus“ – noch nicht erschienen], erschienen 1983 und neu aufgelegt 2013, her­vor.2

Dort erweit­ert die Autorin die Hausar­beits­de­bat­te aus den 1970ern, indem sie den Fokus auf die soziale Repro­duk­tion legt, das heißt, auf die Mech­a­nis­men, durch die der Kap­i­tal­is­mus die Repro­duk­tion der Arbeit­skraft sichert, auf deren Aus­beu­tung er basiert. Deshalb ist dieses Feld, auch wenn unter­schiedliche Namen vorgeschla­gen wur­den, heute als „The­o­rie der sozialen Repro­duk­tion“ bekan­nt.

Das Buch von Lise Vogel lohnt vor allem deshalb eine Lek­türe, weil sich viele andere Autorin­nen der „The­o­rie der sozialen Repro­duk­tion“ darauf als Grund­lage beziehen und mit ihm in Dia­log treten. Des Weit­eren zeich­net das Werk aus, dass es eine kri­tis­che Nacherzäh­lung der marx­is­tis­chen Tra­di­tion, die ihm vor­ange­ht, vor­legt. Vogel belebt dabei Debat­ten wieder, die heute – bei allen his­torischen und lokalen Beson­der­heit­en — aktuell bleiben. Denn der Fem­i­nis­mus durch­lebt ger­ade eine Zeit von strate­gis­chen Def­i­n­i­tio­nen, nach bere­its eini­gen Jahren, in denen der Auf­schwung der Frauen­be­we­gun­gen auf inter­na­tionalem Niveau andauert.

In diesem ersten Teil der Artikel­rei­he betra­cht­en wir, wie Vogel das Ver­hält­nis zwis­chen repro­duk­tiv­er und pro­duk­tiv­er Arbeit im Kap­i­tal­is­mus analysiert. Im zweit­en Teil wer­den wir den Fokus darauf leg­en, wie Vogel das Ver­hält­nis zwis­chen Kap­i­tal­is­mus und Patri­ar­chat unter­sucht. Die Bre­ite und Kom­plex­ität der Debat­te sorgt dafür, dass diese Artikel nur eine erste Annäherung sein kön­nen, auf die zweifel­los weit­ere Beiträge und Kon­trastierun­gen fol­gen müssen.

Produktiv und unproduktiv

Rosa Lux­em­burg sagte in ein­er Rede aus dem Jahr 1912, dass im Kap­i­tal­is­mus nur diejenige Arbeit als „pro­duk­tiv“ ange­se­hen wird, die es den Kapitalist*innen erlaubt, sich Mehrw­ert anzueignen:

Von diesem Stand­punkt ist die Tänz­erin im Tin­geltan­gel, die ihrem Unternehmer mit ihren Beinen Prof­it in die Tasche fegt, eine pro­duk­tive Arbei­t­erin, während die ganze Müh­sal der Frauen und Müt­ter des Pro­le­tari­ats in den vier Wän­den ihres Heimes als unpro­duk­tive Tätigkeit betra­chtet wird. Das klingt roh und wah­n­witzig, entspricht aber genau der Rohheit und dem Wah­n­witz der heuti­gen kap­i­tal­is­tis­chen Wirtschaft­sor­d­nung, und diese rohe Wirk­lichkeit klar und scharf zu erfassen, ist die erste Notwendigkeit für die pro­le­tarischen Frauen.

Lux­em­burg ver­weist schon damals auf eine Achse der Hausar­beits­de­bat­te, die in den 1970er Jahre auf mate­ri­al­is­tis­ch­er Basis ver­tieft wurde. Vogel erken­nt diese etablierten Ideen als notwendi­gen Aus­gangspunkt an, sucht aber nach alter­na­tiv­en Posi­tio­nen zu denen von Sel­ma James, Dal­la Cos­ta oder Fed­eri­ci. Diese Fem­i­nistin­nen nutzen zwar Kat­e­gorien des Marx­is­mus, verurteilen ihn aber dafür, dass er die soziale Pro­duk­tiv­ität der Hausar­beit „ignoriere“. Für sie pro­duzieren sowohl die Hausar­beit als auch die in den Fab­riken geleis­tete Arbeit einen Mehrw­ert. Dass die Hausar­beit vom Marx­is­mus als „unpro­duk­tiv“ beze­ich­net wurde, ver­ste­hen sie als Abw­er­tung dieser Arbeit gegenüber der­jeni­gen Arbeit, die Waren für den Markt pro­duziert. Sie war­fen dem Autor von Das Kap­i­tal deshalb eine beschränk­te Per­spek­tive vor, und attestierten ihm sex­is­tis­che Ten­den­zen.

Vogel und nach ihr ver­schiedene Autorin­nen der „The­o­rie der sozialen Repro­duk­tion“ weisen dage­gen darauf hin, dass der von Marx ver­wen­dete Begriff der pro­duk­tiv­en Arbeit nichts mit ein­er man­gel­nden Anerken­nung der Bedeu­tung unpro­duk­tiv­er Arbeit zu tun hat. Hausar­beit als „unpro­duk­tiv“ zu beze­ich­nen bedeutet, sie als Arbeit zu definieren, die nicht direkt von einem Kap­i­tal­is­ten kon­trol­liert wird und daher nicht auf „gesellschaftlich notwendi­ge Arbeit­szeit“ reduzier­bar ist; nur in diesem engen und nicht moralis­chen Sinn hat Marx diesen Begriff in Das Kap­i­tal definiert.

Die Hausar­beit ist nicht weniger schwere Arbeit, weniger kom­plex oder weniger notwendig; dieses Merk­mal ist ger­ade eine Kon­se­quenz der Organ­isierung der kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion, die zwei Bere­iche tren­nt: das „Pri­vate“ (wo tra­di­tionell die Repro­duk­tion­sar­beit geleis­tet wird) und das „Öffentliche“ (wo die kap­i­tal­is­tis­che Pro­duk­tion und Zirku­la­tion stat­tfind­et). Diese These, die Marx bere­its erwäh­nte, wird von Fed­eri­ci betont. Vogel weist jedoch auf einen inneren Wider­spruch dieser Form der Orga­ni­a­tion von Repro­duk­tion hin: Während das Kap­i­tal immer mehr Sek­toren in das Lohn­ver­hält­nis ein­beziehen muss, um eine größere Masse an Mehrw­ert zu erhal­ten, prof­i­tiert es auch davon, einen Teil der Repro­duk­tion­sar­beit im pri­vat­en Bere­ich zu belassen und nicht dafür zu bezahlen.

Die Hausar­beit ist nicht die einzige Arbeit, die Marx als „unpro­duk­tiv“ beze­ich­net. Aber die Repro­duk­tion­sar­beit ins­ge­samt ist die Arbeit, die nichts weniger als die „Arbeit­skraft“ repro­duziert – das Konzept, das Marx selb­st als seinen größten konzep­tionellen Beitrag zum Ver­ständ­nis der Funk­tion­sweise des Kap­i­tal­is­mus beze­ich­net hat -, auf dessen Aus­beu­tung das Sys­tem basiert: Die Erk­lärung, wie die Repro­duk­tion der Arbeit­skraft in der kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion­sweise funk­tion­iert, ist daher kein geringes Prob­lem, wenn wir ver­ste­hen wollen, wie das Sys­tem ins­ge­samt funk­tion­iert. Vogel behauptet, dass dies in der Tat im Kap­i­tal unzure­ichend entwick­elt sei, obwohl die dort dargelegte Methodik und einige der Kat­e­gorien in Bezug auf die Lohnar­beit Anknüp­fungspunk­te sind, um diese Frage zu entwirren, auch wenn Marx selb­st das in seinem Buch nicht bis zu Ende aus­führt.

In Vogels Lesart ist Das Kap­i­tal (wie auch frühere Werke von Marx und Engels) nicht davon ausgenom­men, bes­timmte Ver­hält­nisse in ein­er Weise zu vere­in­fachen oder als natür­lich zu akzep­tieren, wie dies für die Epoche typ­isch war, in der sie geschrieben wur­den.3 Marx ist jedoch der­jenige, der the­o­retisch die Voraus­set­zun­gen für ein Ver­ständ­nis dessen entwick­elt, wie Repro­duk­tion im kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tem funk­tion­iert, wobei dies nicht von der Struk­tur der gesellschaftlichen Pro­duk­tion als Ganzes zu tren­nen ist.

Die Frage ist also, wie das Kap­i­tal mit den Wider­sprüchen umge­ht, die diese Form der Organ­i­sa­tion der sozialen Repro­duk­tion mit sich bringt, und warum diese Repro­duk­tion­sar­beit „vergeschlechtlicht“ wird, d.h. warum sie haupt­säch­lich Frauen zuge­ord­net wird, mit all den Fol­gen der Ver­schleierung, Ger­ingschätzung und Unterord­nung, mit denen diese Arbeit gesellschaftlich bew­ertet wird.

Produktion und Reproduktion

Vogels Prämisse ist, dass Repro­duk­tion­sar­beit keine Waren mit Tauschw­ert pro­duziert, jedoch auf jeden Fall Gebrauch­swerte, die dem direk­ten Kon­sum dienen [23].

In erster Lin­ie ist zu berück­sichti­gen, dass Marx die For­men der Repro­duk­tion der Arbeit­skraft als etwas Essen­tielles für die Repro­duk­tion des Kap­i­tals selb­st in den Mit­telpunkt stellt, in Verbindung mit den spez­i­fis­chen „Geset­zen“ der Bevölkerungsver­wal­tung im Kap­i­tal­is­mus: näm­lich die Möglichkeit­en zur Erzeu­gung und Aufrechter­hal­tung ein­er über­schüs­si­gen Erwerb­s­bevölkerung (ein­er „Reservearmee“ [71/72]) als Gegen­ten­denz zum ten­den­ziellen Fall der Prof­i­trate, die das Sys­tem selb­st her­vor­bringt. Dafür wer­den Mech­a­nis­men einge­führt, um den Mehrw­ert nicht über die Ver­längerung des Arbeit­stages (absoluter Mehrw­ert) zu erhöhen, son­dern über die Verkürzung der Stun­den, in denen der*die Lohnarbeiter*in das Äquiv­a­lent dessen pro­duziert, was zur Repro­duk­tion seiner*ihrer Arbeit­skraft erforder­lich ist (rel­a­tiv­er Mehrw­ert).

Zudem weist Vogel wie Marx darauf hin, dass das Kon­sum­niveau nicht ein für alle Mal fest­ste­ht, son­dern dass es in jed­er Peri­ode seine „his­torischen und moralis­chen“ Gren­zen im Klassenkampf [69] find­et. Trotz dieser Def­i­n­i­tion, die jedem ökon­o­mistis­chen Objek­tivis­mus zuwider­läuft, gäbe es jedoch bes­timmte Pas­sagen des Kap­i­tals, die sich auf die Entwick­lung der For­men der Lohnar­beit beziehen, in denen die Arbeit­steilung nach Geschlecht und Alter als „natür­lich“ wahrgenom­men werde: Die Arbeit­steilung änderte sich, als die Kapitalist*innen neue Maschiner­ie in die Pro­duk­tion ein­führten, die die Eingliederung von Frauen und Kindern in die Lohnar­beit ermöglichte. Dadurch wird eine „frühere Arbeit­steilung“ beseit­igt, die nicht disku­tiert und daher als gegeben ange­se­hen wird [65].4

Um dann das Prob­lem der Repro­duk­tion der Arbeit­skraft zu analysieren, konzen­tri­ert sich Vogel auf die Kat­e­gorie der „indi­vidu­ellen Kon­sum­tion“ aus dem Kap­i­tal, obwohl diese dort manch­mal als der Kon­sum eines einzel­nen Arbeit­ers behan­delt wird, und manch­mal als der Kon­sum des Arbeit­ers zusam­men mit den­jeni­gen, die von seinem Lohn in seinem Haushalt leben, wie Kinder, ältere Men­schen oder die Haus­frau – Per­so­n­en, die nicht angestellt sind [67/68].

Für Vogel sind zwei method­is­che Fra­gen dazu von Bedeu­tung, wie Marx diese Def­i­n­i­tion ein­führt, da er ver­sucht, die Art und Weise zu berück­sichti­gen, wie Mehrar­beit in der Pro­duk­tion angeeignet wird.

- Die indi­vidu­elle Kon­sum­tion wird aus der Sicht des Kap­i­tals definiert, soweit er für den Kap­i­tal­is­ten als pro­duk­tive Kon­sum­tion von Bedeu­tung ist [67/68], d.h. wie der an die Arbeit­skräfte gezahlte Lohn in Lebens­mit­tel umge­wan­delt wird, damit die Lohnarbeiter*innen am näch­sten Tag an ihren Arbeit­splatz zurück­kehren.

- Marx unter­sucht an einem einzel­nen Arbeit­er, der für einen Haushalt ver­ant­wortlich ist, mögliche Wertschwankun­gen der Arbeit­skraft, wenn ein anderes Mit­glied, immer zugun­sten des Kap­i­tals, dem Lohn­ver­hält­nis beitritt. (Zum Beispiel, wenn weit­ere Mit­glieder dieser Fam­i­lie arbeit­en: Auch wenn das Vol­u­men der Löhne zunimmt, die dieser Haushalt erhält, steigt der Umfang der Mehrar­beit, von der die kap­i­tal­is­tis­chen Unternehmen prof­i­tieren, noch mehr. Oder dass, um die Auf­gaben zu erset­zen, die dieses Mit­glied des Haushalts nicht mehr erfüllen kann, weil es der Lohnar­beit nachge­ht, ein größer­er Teil des Lohnes auf dem Markt aus­gegeben wer­den muss, was einem anderen Kap­i­tal­is­ten nützt.) [70]

Um Marx zu zitieren: Die indi­vidu­elle Kon­sum­tion „Pro­duk­te als Lebens­mit­tel des lebendi­gen Indi­vidu­ums […] verzehrt“; während die pro­duk­tive Kon­sum­tion Pro­duk­te „als Lebens­mit­tel der Arbeit, sein­er sich betäti­gen­den Arbeit­skraft, verzehrt.“ [145] Das Prob­lem für Vogel ist, dass Marx „wenig über die tat­säch­liche Arbeit der indi­vidu­ellen Kon­sum­tion sagt. Hier gab es ein für die kap­i­tal­is­tis­che Pro­duk­tion wesentlich­es Ter­rain wirtschaftlich­er Aktiv­ität, das jedoch in seinem Text fehlt.“ [191/2]

Vogel argu­men­tiert, dass im Gegen­satz zu anderen Pro­duk­tion­sweisen – wie z.B. der Leibeigen­schaft, bei der der Leibeigene mit ein­er räum­lichen und zeitlichen Tren­nung zwis­chen der Mehrar­beit (Arbeit für den Her­rn) und der notwendi­gen Arbeit (Arbeit für sich selb­st) arbeit­et – im Kap­i­tal­is­mus eine Spal­tung inner­halb der notwendi­gen Arbeit auftritt [150], die nun zwei Kom­po­nen­ten habe:

Die erste, die von Marx disku­tiert wird, ist die notwendi­ge Arbeit, die einen Wert erzeugt, der dem Lohn entspricht. Diese Kom­po­nente, die ich die gesellschaftliche Kom­po­nente der notwendi­gen Arbeit genan­nt habe, ist untrennbar mit der Mehrar­beit im kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion­sprozess ver­bun­den. Die zweite Kom­po­nente der notwendi­gen Arbeit, die tief in Marx’ Erzäh­lung ver­steckt ist, ist unbezahlte Arbeit, die zur täglichen und langfristi­gen Erneuerung der Träger*innen der Ware Arbeit­skraft und der Arbeiter*innenklasse als Ganzes beiträgt. Ich nenne dies die häus­liche Kom­po­nente der notwendi­gen Arbeit, oder Hausar­beit. So wird Hausar­beit zu einem Konzept, das spez­i­fisch für den Kap­i­tal­is­mus ist und keine feste Geschlechterzuord­nung aufweist. [192]

Während diese Def­i­n­i­tion den Charak­ter der Repro­duk­tion­sar­beit angemessen­er erk­lärt, bleibt offen, warum diese häus­liche Kom­po­nente der notwendi­gen Arbeit, haupt­säch­lich den Frauen zugeschrieben wird, obwohl grund­sät­zlich keine notwendi­ge geschlechtliche Zuord­nung voraus­ge­set­zt wird.

Vergeschlechtlichte Reproduktionsarbeit

Vogel argu­men­tiert, dass in der indi­vidu­ellen Kon­sum­tion, im All­t­ag der Arbeit­skraft, auch Arbeit zur Unter­stützung ander­er Haushaltsmit­glieder aufgewen­det wird, die nicht direkt pro­duzieren [149/150] – eine Arbeit, die dementsprechend eben­falls für die Repro­duk­tion des Sys­tems notwendig ist. Inner­halb der For­men der „Bevölkerungsver­wal­tung“, die die Exis­tenz von auszubeu­ten­der Arbeit­skraft gewährleis­ten soll, ist die Repro­duk­tion zukün­ftiger Arbeiter*innen nicht die einzige Form, die das Kap­i­tal aus­nutzt: Migra­tion ist ein weit­eres klares Beispiel. Deshalb beste­ht Vogel darauf, dass die Fam­i­lie nicht als der einzige Ort für die Wieder­her­stel­lung der Arbeit­skraft betra­chtet wer­den sollte [147]. Aber die Repro­duk­tion der Gen­er­a­tio­nen ist diejenige, in die die Biolo­gie ein­greift [146], was effek­tiv eine gewisse geschlechtliche Arbeit­steilung erfordert.

Frauen, die der beherrscht­en Klasse ange­hören, spie­len daher eine beson­dere Rolle bei der gen­er­a­tionellen Erneuerung der Arbeit­skraft. Während sie zwar auch direkt Pro­duzentin­nen sein kön­nen, liegt in ihrer beson­deren Rolle in der Repro­duk­tion der Arbeit­skraft die Wurzel ihrer Unter­drück­ung in der Klas­sen­ge­sellschaft [150].

Daher ist es nicht die Arbeit­steilung in der Fam­i­lie selb­st, die die Grund­lage für die Unterord­nung der Frauen bildet [153 und 177], son­dern diese spez­i­fis­che Form der Repro­duk­tion über die Gen­er­a­tio­nen hin­weg. Die Ursache dafür ist, dass während der Schwanger­schaft und der Stil­lzeit die Arbeits­fähigkeit der Frauen abn­immt, ihr Leben­sun­ter­halt für diesen Zeitraum aber bestrit­ten wer­den muss. Grund­sät­zlich ist dies nachteilig für den einzel­nen Unternehmer, der einen Anstieg der „notwendi­gen Arbeit“ des einzel­nen Arbeit­ers gegenüber der Mehrar­beit, die er sich aneignen kann, sieht. Aber gle­ichzeit­ig, und das scheint ein intrin­sis­ch­er Wider­spruch des Sys­tems zu sein, kommt dies der kap­i­tal­is­tis­chen Klasse als Ganzes zugute, indem die zukün­ftige Arbeit­skraft gesichert wird [151].

Hier ist es notwendig, eine weit­ere Über­legung einzuführen, um die Charak­ter­isierun­gen von Marx zu ver­ste­hen. Für ana­lytis­che Zwecke betra­chtet er zunächst, wie die Pro­duk­tion auf der Ebene des gesellschaftlichen Gesamtkap­i­tals funk­tion­iert, als ob es eines wäre, aber um zu konkreteren Bes­tim­mungen zu gelan­gen, ist es notwendig, die ver­schiede­nen Kap­i­tale zu betra­cht­en (was er in Band III des Kap­i­tals tut), also die Kapitalist*innenklasse ins­ge­samt. In gle­ich­er Weise kön­nte man sagen, dass die Repro­duk­tion ana­lytisch aus der Sicht einzel­ner Arbeiter*innen und ihrer Haushalte betra­chtet wer­den kann, aber um die Repro­duk­tion des Sys­tems zu ver­ste­hen, ist es notwendig, die Arbeiter*innenklasse als Ganzes zu betra­cht­en. Auf dieser Stufe wird Vogel hinzufü­gen:

Auf dieser Ebene wird die Repro­duk­tion der Arbeit­skraft zu ein­er Frage der Repro­duk­tion der Arbeiter*innenklasse als solche ins­ge­samt. Der Begriff „Arbeiter*innenklasse“ wird manch­mal so inter­pretiert, dass er sich nur auf Lohnarbeiter*innen bezieht. Bei dieser Def­i­n­i­tion wür­den beispiel­sweise nur lohnar­bei­t­ende Frauen als Arbei­t­erin­nen betra­chtet wer­den. Diese Kat­e­gorisierung verurteilt alle anderen Men­schen, die nicht dem Arbeits­markt zur Ver­fü­gung ste­hen — Kinder, ältere Men­schen und Behin­derte sowie nicht erwerb­stätige Ehe­frauen — zu ein­er the­o­retis­chen Unbes­timmtheit außer­halb der Klassen­struk­tur. Hier wird die Arbeiter*innenklasse hinge­gen als beste­hend aus allen ver­gan­genen, gegen­wär­tige und poten­ziell zukün­ftige Lohnar­beit­skräften ver­standen, und schließt auch all jene ein, deren Leben­sun­ter­halt vom Lohn abhängt, die aber nicht in die Lohnar­beit einge­treten sind oder kön­nen. Sie umfasst zu einem bes­timmten Zeit­punkt die aktiv­en Arbeit­skräfte, die indus­trielle Reservearmee und den Teil der rel­a­tiv­en Über­bevölkerung, der nicht in die indus­trielle Reservearmee eingegliedert ist. [166]

Kom­men wir auf Vogels Argu­ment zurück. Im Kap­i­tal­is­mus ist Arbeit gesellschaftlich, aber sie wird als pri­vates Geschäft organ­isiert, und das erlaubt es dem Kap­i­tal­is­ten, sich Mehrar­beit anzueignen, indem er nicht das bezahlt, was tat­säch­lich an einem Tag gear­beit­et wird, son­dern nur den äquiv­a­len­ten Wert der Repro­duk­tion der Arbeit­skraft mit einem Lohn vergütet. Die Enteig­nung der Pro­duk­tion­s­mit­tel, die die Arbeiter*innen dazu zwingt, ihre Arbeit­skraft zu verkaufen, zwingt sie auch dazu, sich über den Markt zu repro­duzieren, indem sie mit ihren Löh­nen Waren kauft, die nicht direkt kon­sum­ier­bar sind, d.h. die eine andere Arbeit erfordern, die eben­falls in einem Lohn­ver­hält­nis ver­schleiert wird.

In kap­i­tal­is­tis­chen Gesellschaften hat das Ver­hält­nis zwis­chen Mehrar­beit und notwendi­ger Arbeit also zwei Aspek­te. Auf der einen Seite wird die Abgren­zung zwis­chen Mehrar­beit und der gesellschaftlichen Kom­po­nente der notwendi­gen Arbeit durch die Zahlung von Löh­nen im kap­i­tal­is­tis­chen Arbeit­sprozess ver­schleiert. Ander­er­seits wird die häus­liche Kom­po­nente der notwendi­gen Arbeit von der Lohnar­beit – der Are­na, in der Mehrar­beit durchge­führt wird – getren­nt. [159]

Es ist dann notwendig, die Kom­po­nen­ten der notwendi­gen Arbeit­en zu klären. Nach Ira Ger­stein und Paul Smith argu­men­tiert Vogel, dass es nicht irgen­deine Art von Mehrw­ert in dieser Hausar­beit gibt, die durch den Verkauf der Ware Arbeit­skraft real­isiert wird, son­dern in jedem Fall eine Wertüber­tra­gung stat­tfind­et:

Die Norm des Fam­i­lien­lohns – ein Lohn, der an einen einzel­nen männlichen Arbeit­er gezahlt wird und der den Kon­sum der gesamten Fam­i­lie abdeckt – stellt für Ger­stein ein konkretes Beispiel dafür dar, wie das “his­torische und moralis­che Ele­ment” die Bes­tim­mung des Wertes der Arbeit­skraft bee­in­flusst. Das heißt, Lohn­stan­dards bein­hal­ten nicht nur eine bes­timmte Quan­tität und Qual­ität der Waren, son­dern auch eine bes­timmte Quan­tität und Qual­ität der Hausar­beit. [164]

Es ist jedoch zu fra­gen, ob die Vergeschlechtlichung der Repro­duk­tion­sar­beit – ein Effekt, der die Hälfte der Men­schheit in ein­er unter­ge­ord­neten Stel­lung hält – allein durch die Fähigkeit der Frauen zur gen­er­a­tionsüber­greifend­en Repro­duk­tion erk­lärt wer­den kann. Giménez, die weit­ge­hend mit Vogel übere­in­stimmt und mit ihr zusam­mengear­beit­et hat, wird ein weit­eres spez­i­fis­ches Ele­ment des Kap­i­tal­is­mus ein­brin­gen, das Vogels Ver­ständ­nis nicht wider­spricht, son­dern ihre Def­i­n­i­tio­nen erweit­ert. Die Repro­duk­tion über die Gen­er­a­tio­nen hin­weg ist Teil eines Teufel­skreis­es: Die prekären Ver­hält­nisse der Frauen in der Lohnar­beit begren­zen ihre Autonomiemöglichkeit­en. Sie wer­den dadurch auf die häus­liche Repro­duk­tion­sar­beit beschränkt, und damit wird die Iso­la­tion im Pri­vat­en, und so ihre Unterord­nung, ver­stärkt. Dies bee­in­flusst die Prekarisierung der Lohnar­beit, zu der sie Zugang haben, und so weit­er.5

Aber der Kap­i­tal­is­mus ver­dunkelt, so Vogel, auch die ökonomis­che Natur der Repro­duk­tion­sar­beit über die Gen­er­a­tio­nen hin­weg und mys­ti­fiziert sie so, dass nur ihre biol­o­gis­chen oder ide­ol­o­gis­chen Aspek­te wahrgenom­men wer­den (z.B. die Notwendigkeit, dass ein Erbe den Fam­i­li­en­na­men verewigt, oder die Notwendigkeit der „Unsterblichkeit“, „Fülle“ usw.).6

Aber warum scheint die Unterord­nung der Frauen im Kap­i­tal­is­mus weit­erzubeste­hen, einem Sys­tem, das die materiellen Bedin­gun­gen der Pro­duk­tion-Repro­duk­tion radikal verän­dert und diese Mys­ti­fika­tio­nen notwendig gemacht hat? Vogel wid­met einen guten Teil ihres Buch­es diesem The­ma, und wir wer­den ihm den näch­sten Artikel wid­men.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Con­tra­pun­to, der Son­ntagsaus­gabe von IzquierdaDiario.es.

Fußnoten

1 Vgl. auch Arruz­za, Las sin parte, Barcelona, Sylone, 2010 (im Jahr 2015 wiederveröf­fentlicht); Bhat­tacharya (Hrsg.), Social Repro­duc­tion The­o­ry, Lon­don, Plu­to Press, 2017; Giménez, Marx, women and cap­i­tal­ist social repro­duc­tion, Lei­den-Lon­don, Brill, 2019.

2 Chica­go, Hay­mar­ket, 2013. Dieser Nach­druck enthält einen Anhang, der nicht im Orig­i­nal vorhan­den war. Auf Zitate aus dieser Aus­gabe wird im Fol­gen­den mit Klam­mern für die entsprechende Seite ver­wiesen (eigene Über­set­zung). Eine offizielle <deutsche Über­set­zung dieser Aus­gabe wird derzeit mit einem Vor­wort von Frig­ga Haug vor­bere­it­et.

3 Heather Brown greift in ihrem Werk Marx on Gen­der and the fam­i­ly (Lei­den-Boston, Brill, 2012) diesel­ben Texte auf und fügt neue hinzu. Sie stimmt in eini­gen Punk­ten mit Vogel übere­in, inter­pretiert aber viele der als „nat­u­ral­is­tisch“ beze­ich­neten Zitate aus dem Blick­winkel ein­er in den Ökonomisch-philosophis­chen Manuskripten aus dem Jahre 1844 dargestell­ten Def­i­n­i­tion der Natur neu, die nicht pos­i­tivis­tisch ist. Bei Vogel hinge­gen find­en wir althusse­ri­an­is­che Echos, einen Ein­fluss, den nicht alle The­o­retik­erin­nen der sozialen Repro­duk­tion teilen. Vogel beste­ht jedoch darauf, die deter­min­is­tis­chen und funk­tion­al­is­tis­chen marx­is­tis­chen Visio­nen zu kri­tisieren, mit denen Althuss­er in Verbindung gebracht wurde. Hier ist es notwendig, den Zeit­punkt dieser Äußerung zu betra­cht­en: Der erste Althuss­er, auf den sich Vogel bezieht, kann heute als deter­min­is­tisch ange­se­hen wer­den, aber in den 1970er Jahren erschien er nicht so, als ein Teil sein­er Anziehungskraft darin bestand, eine Alter­na­tive zu ökon­o­mistis­chen Visio­nen vorzuschla­gen. Dies ist wahrschein­lich der Grund, warum Vogel von anderen Ver­sio­nen der „The­o­rie der sozialen Repro­duk­tion“ aufgenom­men wer­den kann, die sich in unter­schiedliche Genealo­gien des Marx­is­mus ein­schreiben. Diese unter­schiedlichen konzep­tionellen Rah­menbe­din­gun­gen sind nicht immer expliz­it, obwohl sie sich in dem, was in den ver­schiede­nen Konzep­tu­al­isierun­gen betont oder abge­gren­zt wird, nachvol­lziehen lassen.

4 In Fer­gu­sons und McNallys Ein­führung in die Neuau­flage von Vogels Buch wird inter­pretiert, dass Marx’ Vorstel­lung von „Natür­lichkeit“ in Sätzen wie diesen gele­sen wer­den kann: „Der Kap­i­tal­ist kann [die beständi­ge Erhal­tung und Repro­duk­tion der Arbeit­erk­lasse] get­rost dem Selb­ster­hal­tungs- und Fortpflanzungstrieb der Arbeit­er über­lassen.“ Dieser Satz wird in ver­schiede­nen Ver­sio­nen der The­o­rie der sozialen Repro­duk­tion disku­tiert. Giménez argu­men­tiert, dass es sich neben ein­er poli­tis­chen Anklage (die darauf hin­deutet, dass das Kap­i­tal die Arbeiter*innen ihrem Schick­sal über­lässt, es sei denn, die Kapitalist*innen sehen ihren Gewinn gefährdet) auch um eine Def­i­n­i­tion ein­er Pro­duk­tion­sweise han­delt, die autonome „freie“ Arbeiter*innen voraus­set­zt, weshalb Pro­duk­tion und Repro­duk­tion nicht „iso­morph“ sein kön­nen (Giménez, op. cit., S. 75). Unser­er Mei­n­ung nach gren­zt Vogel genauer ab, was Marx als „natür­lich“ ansieht: nicht die Repro­duk­tion außer­halb der direk­ten Kon­trolle des Kap­i­tals, son­dern eine sex­uelle Arbeit­steilung, die nicht prob­lema­tisiert wird.

5 Giménez, op. cit., S. 77/78.

6 Ebd., S. 148.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.