Geschichte und Kultur

Pierburg 1973: Als migrantische Arbeiterinnen vorangingen

Die Migration nach Deutschland ist begleitet von einer Geschichte des Rassismus und der Ausbeutung. Sie ist aber auch eine Geschichte des feministischen, multiethnischen und gewerkschaftlichen Widerstandes.

Pierburg 1973: Als migrantische Arbeiterinnen vorangingen

Die Vorurteile, sex­is­tis­chen und ras­sis­tis­chen Angriffe, denen Frauen ohne deutschen Pass aus­ge­set­zt sind, ste­hen in direk­ter Verbindung zur Aus­beu­tung an den oft­mals prekären Arbeit­splätzen und der formellen Ungle­ich­be­hand­lung vor dem Gesetz. Häu­fig wer­den sie in Sek­toren gedrängt wie Reini­gung, Pflege, Kinder­erziehung, Einzel­han­del oder Gas­tronomie, wo sie schlechte Arbeits­be­din­gun­gen und Niedriglöhne erwarten. Dabei hat die Entrech­tung von Migrant*innen einen einen nahe­liegen­den Grund: Sie wer­den als bil­lige Arbeit­skräfte aus­genutzt.

Die Tradition der multiethnischen Arbeiter*innenkämpfe

Die Recht­en behaupten gerne, das „Wirtschaftswun­der“ der 50er und 60er Jahre sei auf den Fleiß der Deutschen zurück­zuführen. Sie ignori­eren, dass die Über­aus­beu­tung von Mil­lio­nen von migrantis­chen Arbeiter*innen eine wesentliche Rolle für das Wach­s­tum spielte. Der Ras­sis­mus blieb hier­bei eine Kon­stante des deutschen Regimes. Als die soge­nan­nten „Gastarbeiter*innen“ in den 1950er und 60er Jahren kamen, war nie vorge­se­hen, sie mehr als ein paar Jahre lang für das deutsche Kap­i­tal schuften zu lassen, um sie nach dem ver­richteten Auf­bau wieder zurück­zuschick­en. Eine poli­tis­che Vertre­tung war ohne­hin nicht angedacht. Das hat sich auch bis 2019 nicht geän­dert.

Aber in der Geschichte der Bun­desre­pub­lik Deutsch­land gab es auch hero­is­che Kämpfe der „Gastarbeiter*innen“, die ihre deutschen Kolleg*innen an die eigene Kampfkraft erin­nert haben. Die Streiks der 1970er Jahre gin­gen von der Basis aus, da die IG-Met­all-Führung entwed­er nur zugun­sten deutsch­er Kolleg*innen Ver­hand­lun­gen abgeschlossen hat­te oder kom­plett unfähig war, die Bosse unter Druck zu set­zen. Unter diesen Bedin­gun­gen ent­standen Loh­nun­gle­ich­heit­en, die bei den Belegschaften auf Protest stießen. Denn viele „Gastarbeiter*innen“ hat­ten längst die Entschei­dung getrof­fen, in Deutsch­land zu bleiben – worauf Kan­zler Willy Brandt als Repres­sion auf die Streik­welle und anlässlich der Ölkrise mit dem „Anwerbestopp“ antwortete, der Arbeitsmi­gra­tion ille­gal­isierte.

1973 erre­ichte die Streikprax­is der (post-)migrantischen Arbeiter*innen und ihrer deutschen Kolleg*innen ihren Höhep­unkt: Es streik­ten in diesem Jahr min­destens 275.000 Beschäftigte in 335 Betrieben. Viele der Streiks wur­den als „wilde Streiks“ eingestuft, da diese Arbeit­skämpfe weit­ge­hend unab­hängig von der Gew­erkschafts­bürokratie organ­isiert wer­den mussten. Hier­bei waren Migrant*innen öfters führende Organisator*innen.

Der Frauenstreik bei Pierburg in Neuss

Einen beson­deren Platz in der Geschichte der Arbeiter*innenbewegung in Deutsch­land hat der Streik beim Autozulief­er­er Pier­burg 1973 in Neuss, der von migrantis­chen Frauen ange­führt wurde. 70 Prozent von ins­ge­samt 3.800 Beschäftigten waren „Gastarbeiter*innen“. Griechin­nen, Ital­iener­in­nen, Jugoslaw­in­nen, Spanierin­nen, Türkin­nen sowie auch deutsche Fließban­dar­bei­t­erin­nen legten die Arbeit nieder, weil sie in ein­er eige­nen Frauen-„Leichtlohngruppe“ schlechter bezahlt wur­den als die Män­ner, was ihre Ungle­ich­be­hand­lung als über­wiegend migrantis­che Frauen for­mal­isierte. Die Streik­enden, deren Kampf in einem Eskala­tion­s­plan minu­tiös vor­bere­it­et wurde, forderten die Abschaf­fung der Leicht­lohn­gruppe und eine Mark zusät­zlich für alle, was auch die Ein­beziehung eher männlich­er und deutsch­er Fachar­beit­erkol­le­gen erlaubte.

Der Streik dauerte eine ganze Woche. Die migrantis­chen Kol­legin­nen schafften es, ihre deutschen und männlichen Kolleg*innen auf ihre Seite zu ziehen und den Kampf gegen den Niedriglohn mit Errun­gen­schaften zu been­den. „Eine Ursache für die Res­o­nanz war, dass die geschlechtsspez­i­fis­che Ungle­ich­heit Ansatzpunk­te für eine Sol­i­darisierung von deutschen und migrantis­chen Frauen bot“, schreibt Peter Birke in „Wilde Streiks im Wirtschaftswun­der“ (2007) über den Arbeit­skampf. Deutsche Fachar­beit­er empörten sich darüber, dass ihr Betrieb­srat von den Bossen nicht gehört wurde, und sahen, dass es bei ander­er Gele­gen­heit auch ihnen selb­st an den Kra­gen gehen kön­nten.

Der Streik hat gle­ichzeit­ig andere Industriearbeiter*innen elek­tri­fizieren kön­nen. So schreibt Peter Birke, dass es „fast zeit­gle­ich […] zu ein­er Rei­he weit­er­er Streiks von Indus­triear­bei­t­erin­nen gekom­men war: Bei AEG in Neumün­ster, bei den Deutschen Tele­fon­werken in Rends­burg und ander­swo waren sie für gle­ichen Lohn für gle­iche Arbeit einge­treten.“

Dies ist ein Beispiel, wie die Arbeiter*innen die sex­is­tis­che und ras­sis­tis­che Spal­tung über­winden und eine anti­ras­sis­tis­che Tra­di­tion etablieren kön­nen. Ras­sis­mus ist notwendig, um einen Keil zwis­chen Arbeiter*innen zu treiben, die anson­sten sehr viel gemein­sam und jeden Grund haben, sich zu ver­bün­den und zu organ­isieren.

Bis heute sind die (post-)migrantischen Frauen beson­ders von Prekarisierung betrof­fen. Sie sind diejeni­gen, die am meis­ten Unter­drück­ung erfahren und gezwun­gen sind, beson­ders häu­fig um ihre Rechte zu kämpfen. Ohne die Verbindung zu anderen Arbeiter*innen bleiben sie aber isoliert. Der Pier­burg-Streik in Neuss stellt ein Vor­bild da, wie es den Unter­drück­ten gelin­gen kann, weit­ere Teile der arbei­t­en­den Klasse für die gemein­same Sache zu gewin­nen und anzuführen. Der Kampf wurde gewon­nen und gibt Hoff­nung, dass die Unter­drück­ten nicht ewig Unter­drück­te bleiben müssen. Die Kämpfe der näch­sten Jahre wer­den notwendi­ger­weise mit prekär arbei­t­en­den Frauen und Migrant*innen an ihrer Spitze stat­tfind­en. Denn was die Recht­en nicht wahrhaben wollen, ist längst Real­ität: eine weib­liche und mul­ti­eth­nis­che Arbeiter*innenklasse.

Lit­er­a­turempfehlun­gen zum The­ma:
Peter Birke: Wilde Streiks im Wirtschaftswun­der. Arbeit­skämpfe, Gew­erkschaften und soziale Bewe­gun­gen in der Bun­desre­pub­lik und Däne­mark. Cam­pus Forschung, 2007.
Dieter Braeg (Hg.): „Wilder Streik – das ist Rev­o­lu­tion“. Der Streik der Arbei­t­erin­nen bei Pier­burg in Neuss 1973. Mit DVD. Die Buch­macherei, 2013.

Dieser Beitrag erscheint am 1. Feb­ru­ar in der drit­ten Aus­gabe der Zeitung marx­is­tis­che jugend, erhältlich in München (maju­muc [at] gmail.com).

Eine neue Frauen­be­we­gung?
Wann? Fr, 1.2., 19 Uhr
Wo? EineWeltHaus, Schwan­thaler­str. 80,
U4/5 There­sien­wiese, 80339 München
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