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Oklahoma: Wie der arabische Frühling, aber für Lehrer*innen

Seit fünf Tagen streiken Zehntausende Lehrkräfte im US-Bundesstaat Oklahoma. Eine Welle wilder Streiks an Schulen erschüttert Trumps Hochburgen.

Oklahoma: Wie der arabische Frühling, aber für Lehrer*innen

Das Bild zeigt einen kaput­ten Plas­tik­stuhl. Durch die blaue Sitzfläche ziehen sich viele Risse. Lau­ris­sa Kovacs, eine Kun­stlehrerin in der Kle­in­stadt McAlester, hat das Bild auf ihrer Face­book-Seite gepostet. Denn sie wollte der Welt zeigen, wie ihr Arbeit­sall­t­ag aussieht. In ihren Unter­richtsstun­den sitzen bis zu 32 Schüler*innen, und es gibt nicht genug Stüh­le für alle. Die Jugendlichen kämpfen teil­weise um die Sitz­plätze – Kovacs bringt Klapp­stüh­le von zu Hause mit. Dieses Bild ist bish­er 84 790 Mal geteilt wor­den – vier­mal häu­figer als McAlester über­haupt Ein­wohn­er hat. Denn der Stuhl ist Sym­bol für ein kaputt ges­partes Bil­dungssys­tem.

Kovacs ist seit let­ztem Mon­tag im Streik, zusam­men mit bis zu 36.000 Kolleg*innen. Auch am Fre­itag legten viele ihre Arbeit nieder. Hun­derte Schulen sind geschlossen. Pädagog*innen aus ganz Okla­homa – einem US-Bun­desstaat, der halb so groß ist wie Deutsch­land – ver­sam­meln sich täglich vor dem Kapi­tol in ihren roten T‑Shirts. Mehrmals haben sie das Par­la­ments­ge­bäude beset­zt.

[Lesetipp auf Left Voice: “We’re Walk­ing Out ’Till We Win”: Dis­patch­es from the Okla­homa Walk­out]

Die repub­likanis­che Gou­verneurin Mary Fallin und der repub­likanisch dominierte Kongress hat­ten ver­gan­gene Woche eine Lohn­er­höhung um 6.100 Dol­lar pro Jahr beschlossen, um den Streik abzuwen­den. Doch die Streik­enden fordern 10.000 Dol­lar, neben zusät­zlich­er Finanzierung für die Schulen. An den Wän­den wächst Schim­mel, in den zer­fal­l­en­den Schul­büch­ern find­en sich teil­weise noch Weltkarten mit der Sow­je­tu­nion. Eine Lehrerin baute ihr Sofa vor dem Kapi­tol auf. “Wir gehen nicht wieder, bis sie das Sys­tem repari­eren”, erzählte sie dem Lokalfernse­hen.

[Lesetipp auf Left Voice: Mold on the Walls, Teach­ers in the Streets: Inter­view with an Okla­homa Teacher]

Kovacs berichtete in ihrem Face­book-Ein­trag, dass sie brut­to 2.311 US-Dol­lar pro Monat ver­di­ent, etwas weniger als 1.900 Euro. In Nach­barstaat­en wie Texas oder Arkansas kön­nte sie 20.000 Dol­lar mehr im Jahr bekom­men, weshalb der Per­sonal­man­gel in Okla­homa größer wird. Lehrer*innen in den USA kön­nen pro Jahr nur bis zu 250 Dol­lar für Unter­richts­ma­te­ri­alien von ihrer Steuer abset­zen. Laut ein­er Studie geben sie im Schnitt mehr als 500 Dol­lar im Jahr dafür aus. Kovacs schloss auch ihren Post mit einem Spende­naufruf bei Ama­zon, wo man Stifte oder buntes Papi­er für ihre Schüler*innen kaufen kon­nte. Viele Lehrer*innen haben auch Neben­jobs. Auf einem Protestschild hieß es etwa: “Mein Zweitjob bezahlte dieses Schild”.

[Lesetipp auf Left Voice: Signs of Resis­tance: Protest Posters in Okla­homa]

Seit 2009 wurde das Bil­dungs­bud­get in Okla­homa um 28 Prozent gekürzt. Ein Fün­f­tel der Schulen öffnet nur vier Tage pro Woche. Die Regierung ist berüchtigt für ihre Unter­stützung der Öl- und Gasin­dus­trie. Diese zahlt nur drei Prozent Steuern und Frack­ing ist so ver­bre­it­et, dass es seit ger­aumer Zeit jährlich Hun­derte Erd­beben gibt. Der alte Gen­er­al­staat­san­walt von Okla­homa Scott Pruit leit­et inzwis­chen die Umwelt­be­hörde im Kabi­nett von Don­ald Trump.

[Lesetipp auf Left Voice: Fos­sil Fuel Indus­try Booms, Schools Go Bust in OK]

In Okla­homa erhielt Trump bei den Präsi­dentschaftswahlen 65 Prozent der Stim­men. Doch ger­ade über die recht­en Gegen­den der USA schwappt nun eine Welle von Lehrer*innenstreiks. In West Vir­ginia (wo Trump mit fast 69 Prozent gewann) haben die Lehrer*innen vor einem Monat neun Tage lang gestreikt. Der Aus­stand ging sog­ar weit­er, nach­dem die Gew­erkschafts­führung einen Deal mit der Regierung aus­gear­beit­et hat­te. Am Ende beka­men sie fünf Prozent mehr Geld. Nun begin­nen auch Streiks der Lehrkräfte in Ken­tucky, während in Ari­zona Proteste geplant wer­den.

“Es ist wie der Ara­bis­che Früh­ling” sagte die Geo­gra­phielehrerin Toni Hen­son dem “Guardian”, “aber ein Lehrer-Früh­ling”. Damals sprang der Funke der Rebel­lion durch Nordafri­ka und den Nahen Osten. Jet­zt ziehen Proteste durch den “Bibel-Gür­tel” der USA, wo Trump beson­ders hohe Zus­tim­mung genießt.

Die Bewohner*innen dieser Bun­desstaat­en wer­den oft “Red­necks” genan­nt, Rot­nack­en. Der Begriff galt ursprünglich für arme weiße Farmer*innen, die den ganzen Tag in der Sonne arbeit­eten. Aber es wurde auch für die Bergarbeiter*innen von West Vir­ginia ver­wen­det, die bei ihren Streiks ein rotes Tuch um den Hals ban­den. In dieser Woche kamen sozial­is­tis­che Aktivist*innen aus New York oder San Fran­cis­co in Okla­homa zusam­men, um von den Aktio­nen zu bericht­en. “Trump Coun­try” kön­nte bald zum Zen­trum des Klassenkampfes in den USA wer­den.

dieser Artikel im neuen Deutsch­land

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