Welt

Nach mir die Sintflut

Die türkische Regierung baut ein Staudammprojekt in Südostanatolien und bedroht die Lebensgrundlage der Menschen. Erschienen in der analyse & kritik Nr. 656 vom 21. Januar 2020.

Nach mir die Sintflut

Bild: ANF

In Nord­kur­dis­tan wird Wass­er als Machtin­stru­ment miss­braucht. Die antike Stadt Hasankeyf ste­ht kurz davor, in einen Stausee umge­wan­delt zu wer­den. Mit der Über­flu­tung wird nicht nur jegliche Flo­ra und Fau­na, son­dern auch ein jahrtausendealtes Kul­turgut ver­schwinden. Das passiert nicht grund­los: Die Aus­beu­tung der Natur soll die kolo­niale Unter­drück­ung inten­sivieren.

Nord­kur­dis­tan ist schon immer eine Region, die unter extremer Trock­en­heit lei­det. Der Euphrat und der Tigris ver­sor­gen jedoch große Teile der Region mit Wass­er. Bei­de entsprin­gen in der Türkei, die bere­its in den 1980er Jahren in Südostana­tolien ein mächtiges Stau­damm­pro­jekt in Angriff genom­men hat. Mit Hil­fe des Güney­doğu Anadolu Pro­je­si (GAP) soll das Wass­er der Flüsse zur Energiegewin­nung und Bewässerung der eige­nen Gebi­ete genutzt wer­den. Vorge­se­hen ist, das Gewäss­er an ins­ge­samt 22 Däm­men zu stauen. Die Neben­flüsse und Ack­er­flächen der Klein­bäuerin­nen und Bauern kön­nen durch sie entwed­er aus­getrock­net oder direkt geflutet wer­den. In bei­den Fällen würde sich wieder ein­mal die Beherrschung der ökol­o­gis­chen Exis­ten­z­grund­la­gen der mehrheitlich kur­dis­chen Bevölkerung seit­ens der Türkei zeigen.

Es gehe aber um die Gewin­nung und Ausweitung der Elek­triz­ität, so die türkische Regierung. Ver­wiesen wird auf die ins­ge­samt 19 Kraftwerke, die an den bei­den Flüssen 27.300 Gigawattstun­den (GWh) Strom erzeu­gen wer­den. Das entspricht etwa 10 Prozent des aktuellen Energie­ver­brauchs der Türkei. Doch war schon früh genug festzustellen, dass es der Türkei mit dem GAP nicht nur um Elek­triz­ität geht. “Ihr habt Öl, wir haben das Wass­er” dro­hte zu Beginn der 1990er Jahre Turgut Özal, der dama­lige Pre­mier­min­is­ter der Türkei, den bei­den angren­zen­den Nach­barstaat­en Syrien und dem Irak mit Ver­weis auf deren Haup­t­ex­portgut.

Seit Jahrzehn­ten sorgt also neben dem Öl das Wass­er im Nahen und Mit­tleren Osten für poli­tis­che Span­nun­gen und Kon­flik­te. So wird auch das Wass­er Mesopotamiens vom türkischen Staat für die eige­nen Inter­essen miss­braucht. Als eines der weltweit größten Wasserkrafts- und Bewässerung­spro­jek­te hat das GAP bere­its bedeut­same Opfer mit sich gebracht, wie zum Beispiel die antiken Städte Samosa­ta und Zeug­ma. Ohne Rück­sicht auf das kul­turelle Erbe der Kurd*innen zu nehmen, wur­den sie 1988 und 2000 mutwillig durch einen Stauseep­ro­jekt zer­stört.

Geschwächt von der wirtschaftlichen Stag­na­tion hofft die türkische Bour­geoisie heute, durch die Megabaupro­jek­te der AKP enorme Gewinne zu erzie­len. So baut der türkische Staat derzeit für 1,7 Mil­liar­den Dol­lar einen weit­eren Stau­damm des GAPs, den Ilı­su-Stau­damm, obwohl er eine Laufzeit von nur 50 Jahren haben wird. Dessen Inkraft­treten wird 55.000 Men­schen in 199 Dör­fern tre­f­fen. Auch cir­ca 300 archäol­o­gis­che Fund­stät­ten sollen kom­plett unter den Wasser­men­gen begraben wer­den. Am aktuell bedrohlich­sten ist die endgültige Über­flu­tung Hasankeyfs. Die in einem Tal zwis­chen zwei großen Fels­blöck­en liegende Kle­in­stadt ist eine der wichtig­sten architek­tonis­chen Stät­ten der Region. Auf­grund ihrer mit­tler­weile 12.000 Jahre alten Besied­lung wird die Region rund um das ger­ade mal 4.000 Einwohner*innen fassende Hasankeyf auch als die “Wiege der Zivil­i­sa­tion” beze­ich­net.

Hasankeyf ist heute jedoch ver­gle­ich­bar mit ein­er Geis­ter­stadt. Seine Bewohner*innen wur­den in ein Neubauge­bi­et umge­siedelt. Yeni Hasankeyf (Neu-Hasankeyf) entste­ht auf einem Hügel ganz in der Nähe der Stadt, von dem aus die Bevölkerung tagtäglich von dem Blick auf den großen Stausee gequält gepeinigt wird. Dieser soll nun Tourist*innen anziehen, die tauchend eine antike Stadt unter Wass­er bewun­dern sollen. Die weni­gen in Hasankeyf verbliebe­nen Men­schen, schauen schw­eren Herzens dem Ver­brechen an eini­gen der antiken Baut­en zu: Auf großen Tiefladern wurde unter anderem die 614 Jahre alte Er-Rizik-Moschee in einen zwei Kilo­me­ter ent­fer­n­ten, neu entste­hen­den Kul­tur­park abtrans­portiert.

Zahlre­iche Höhlen, uralte Baut­en und eine her­aus­ra­gende Fels­burg wer­den in den kom­menden Tagen ver­loren gehen. Obwohl zu wenige Häuser gebaut wur­den, um die 4.000 Hasankeyfer*innen unterzubrin­gen, wur­den die meis­ten von ihnen schon gezwun­gen, den Ort zu ver­lassen. Hier­bei han­delt es sich zum Großteil um Fam­i­lien mit Kindern. Denn der türkische Staat ließ nach dem Som­mer die Schule schließen und in Neu-Hasankeyf wieder eröff­nen. In den weni­gen Häusern leben deshalb bere­its Men­schen. Nichts­destotrotz wur­den in der neuen Sied­lung bish­er keine san­itären Anla­gen instal­liert.
Doch die Bewohner*innen erhal­ten ihre “Entschädi­gung”, so der türkische Staat. Gemeint ist damit ein neues Haus, auf das jedoch nur Anrecht hat, wer zuvor Papiere für Haus oder Grund­stück hat­te. In vie­len Fällen wurde der Grundbe­sitz der Kurd*innen jedoch über mehrere Gen­er­a­tio­nen vererbt. Alle, die ihren Besitz nicht mit staatlich beglaubigten Urkun­den nach­weisen kön­nen, gehen also leer aus — sie ver­lieren von heute auf mor­gen das Dach über ihren Kopf.

Das ist nichts Neues für die Bevölkerung in Nord­kur­dis­tan. Schon bei Zwang­sum­sied­lun­gen am Euphrat, die eben­falls durch das GAP ent­standen sind, ver­loren ein­fache Bäuerin­nen und Bauern mit ihrem Grund­stück zugle­ich ihre Exis­ten­z­grund­lage. Viele dieser Men­schen leben heute unter der Armutsgren­ze in den sowieso schon über­füll­ten Großstädten der Region.

Zerstörung der Natur als Mittel der Kriegsführung

Wie in anderen Gebi­eten wie beispiel­sweise am Jor­dan-Beck­en, am Nil oder auch in Lateinameri­ka, stellt die Zer­störung der Natur daher keine Begleit­er­schei­n­ung von Kriegen und Kon­flik­ten, son­dern einen ganz bewussten Teil der Kriegs­führung dar. So posi­tion­ierte beispiel­sweise Erdoğan islamistis­che Milizen in Efrîn, nach­dem er es 2018, eben­so völk­er­rechtswidrig wie jet­zt West­kur­dis­tan, ange­grif­f­en und beset­zt hat­te. Infolgedessen floh ein Großteil der Bevölkerung, um kein Mas­sak­er erleben zu müssen. Der türkische Staat hat inzwis­chen ihre Oliven­haine beschlagnahmt und auf ganzen Land­strichen Bäume abge­holzt. Eben­so wie bei der Kon­trolle über Wass­er geht es darum, die verbliebene Bevölkerung in die absolute Armut zu drän­gen, sodass auch sie sich irgend­wann gezwun­gen sieht, zu migri­eren. In diesem Fall ist die eth­nis­che Säu­berung Ziel dieser Ermat­tungsstrate­gie.

Diese reicht mit dem GAP weit über die Gren­zen der Türkei hin­aus, unter anderem nach Roja­va, das weit­er flussab­wärts des Euphrat liegt. Vor der dor­ti­gen Rev­o­lu­tion wurde vom syrischen Regime unter Baschar-al-Assad für den Bau von Gebäu­den und Schif­f­en so mas­siv abge­holzt, dass der Boden ange­fan­gen hat, abzu­rutschen. Der Ausweitung­sprozess der Wüste gen Roja­va wird heute nicht nur durch den Kli­mawan­del, son­dern eben auch durch das GAP und dessen Staudämme am Euphrat ver­stärkt.

Der türkische Kolo­nial­is­mus ken­nt keine Gren­zen. Denn es geht darum, sich als regionale Macht mit ein­er lebendi­gen Wirtschaft behaupten zu kön­nen. Bere­its bei den Präsi­dentschaftswahlen 2014 hat­te Erdoğan von großen Zie­len für den 100. Jahrestag der Repub­lik­grün­dung im Jahr 2023 gesprochen. Neben Pro­jek­ten in Istan­bul, wie beispiel­sweise dem Bau eines Riesen­flughafens, stellte er auch die Fes­tle­gung des Staats­ge­bi­ets zur Debat­te. Die Gren­zen der Türkei wur­den 1923 ermit­telt und bis auf eine Aus­nahme seit­dem nicht verän­dert. Die neoos­man­is­chen Visio­nen sind auf einen 1920 vom türkischen Par­la­ment beschlosse­nen Nation­al­pakt (Misak‑ı Mil­lî) zurück­zuführen. Dieser beansprucht unter anderem einen Teil Nordsyriens, das seit dem 9. Okto­ber 2019 okkupiert wird. Diese Manöver lenken zudem von der insta­bilen wirtschaftlichen Lage des Lan­des ab, für die die bürg­er­lich-kemal­is­tis­che “Oppo­si­tion” die AKP-Regierung ver­ant­wortlich macht. Infolge der hefti­gen Kri­tik ver­lor die AKP so viele Stim­men wie noch nie zuvor. Wenn es aber um die “Vertei­di­gung nationaler Inter­essen” vor den Kurd*innen geht, sind Erdoğan-Anhänger*innen und Kemalist*innen schnell ein­er Mei­n­ung, wie es auch bei der Inva­sion in Roja­va der Fall war.

So wird auch Hasankeyf trotz Wider­stand über­flutet und unterge­hen. Men­schen wer­den ver­trieben, Natur und Kul­tur unwider­ru­flich zer­stört. Das Inter­esse der AKP, die Ökonomie mit Baupro­jek­ten wie dem Ilı­su-Stau­damm beleben zu wollen, wird trotz­dem durchge­set­zt. Erdoğans Agieren hat­te schon Karl Marx tre­f­fend zusam­menge­fasst: “Nach mir die Sint­flut! ist der Wahlruf jedes Kap­i­tal­is­ten und jed­er Kap­i­tal­is­ten­na­tion.”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.