Jugend

“Mit den Mitteln des Klassenkampfes das Selbstbestimmungsrecht verteidigen” — Katalonien-Veranstaltung an der FU

Gestern kamen rund 20 Studierende an der FU zusammen, um gemeinsam über die aktuelle Situation in Katalonien, die Ursprünge der nationalen Frage im spanischen Staat und die Perspektiven der Unabhängigkeitsbewegung zu diskutieren. 

Seit Wochen hält die anges­pan­nte Sit­u­a­tion in Kat­alonien und das bru­tale Vorge­hen der spanis­chen Regierung gegen die Unab­hängigkeits­be­we­gung Mil­lio­nen Men­schen weltweit in Atem. Am Fre­itag nah­men rund 20 Studierende der Freien Uni­ver­sität Berlin im Rah­men der Kri­tis­chen Ori­en­tierungswochen an einem Work­shop über die nationale Frage im spanis­chen Staat und die Per­spek­tiv­en der Unab­hängigkeits­be­we­gung in Kat­alonien teil. 

Hov­hannes Gevorkian, Redak­teur von Klasse Gegen Klasse und Stu­dent an der FU, begann mit einem Refer­at, in dem er die his­torischen Wurzeln der nationalen Unter­drück­ung Kat­aloniens her­vorhob. 1714 wurde es mil­itärisch von der spanis­chen Kro­ne unter­wor­fen und seit­dem kul­turell, poli­tisch und sozial unter­drückt. Dage­gen wehrten sich die kata­lanis­chen Massen immer wieder, so auch in den 30er-Jahren zu Zeit­en der zweit­en Repub­lik, des Bürger*innenkriegs und der pro­le­tarischen Rev­o­lu­tion. „Die nationale Frage war inte­graler Bestandteil der sozialen Rev­o­lu­tion und Barcelona das Epizen­trum des antifaschis­tis­chen Kampfes“, so Gevorkian. 

Nach der Nieder­lage gegen Fran­co begann eine Zeit der kom­plet­ten Unter­drück­ung, bis sich diese mit dem Über­gang zur bürg­er­lichen Demokratie lock­erte. Doch während sich die kata­lanis­che Bour­geoisie in das neue Regime inte­gri­erte, lit­ten die Arbeiter*innen in Kat­alonien — spanis­che und kata­lanis­che — weit­er unter dem engen Korsett der spanis­chen Ver­fas­sung, die unter starkem Ein­fluss der­sel­ben Eliten ent­stand, die schon unter Fran­co oben standen. 

Mit der Finanzkrise 2007 und der Weigerung aller Madrid­er Regierun­gen, auf die Verän­derungswün­sche der ver­schiedene kata­lanis­chen Regierun­gen einzuge­hen, ent­stand ab 2010 eine Massen­be­we­gung, die das Recht auf Selb­st­bes­tim­mung forderte. Diese Bewe­gung ist der bürg­er­lichen Führung der Regierungskoali­tion JxSí aus der Hand geglit­ten, die nur deshalb den Kon­flikt mit Madrid so weit trieb. 

So kam es dann zu den Ereignis­sen der ver­gan­genen Wochen und dem Unab­hängigkeit­sref­er­en­dum am 1. Okto­ber, an dem sich mehr als 2,3 Mil­lio­nen Men­schen beteiligten, von denen 90 Prozent für die Unab­hängigkeit stimmten. Mar­ta, eine Stu­dentin aus Barcelona, war an diesem Tag in ihrer Heimat­stadt und berichtete von ihren Erleb­nis­sen. „Ich habe ab früh mor­gens mit 200 anderen Men­schen vor einem Wahllokal ges­tanden, um das Recht zu entschei­den zu vertei­di­gen.“ Der Moment, als die spanis­che Polizei mit Gewalt in das Wahllokal ein­drang und die Wahlur­nen kon­fiszierte, füllte sie mit Trauer und Wut. Später am Tag kon­nte sie jedoch wählen und war voller Stolz, als sie gese­hen hat, wie viele Men­schen friedlich zusam­menka­men und sich organ­isierten, um das Ref­er­en­dum zu vertei­di­gen.

Im Anschluss fol­gte eine kon­tro­verse Debat­te über die Per­spek­tiv­en der Unab­hängigkeits­be­we­gung und die Frage, welche Hal­tung wir in Deutsch­land ein­nehmen soll­ten. Alle Teilnehmer*innen waren sich darin einig, die bru­tale Polizeige­walt und Aggres­sion der spanis­chen Regierung zu verurteilen. „Der Weg liegt nicht darin, neue Staat­en und neue Gren­zen zu erricht­en, son­dern sie abzubauen“, so oder ähn­lich klan­gen die Bedenken einiger. Andere fragten sich, welche Rolle die EU spie­len kön­nte. Die Europäis­che Union und ihre führen­den Köpfe Angela Merkel und Emmanuel Macron stell­ten sich in den let­zten Tagen erneut deut­lich hin­ter den spanis­chen Min­is­ter­präsi­den­ten Mar­i­ano Rajoy und die reak­tionäre Ein­heit Spaniens.

„Die kata­lanis­che Regierung ist genau­so kor­rupt wie die spanis­che und will eine weit­ere bürg­er­liche Repub­lik als Teil der reak­tionären EU. Doch viele Arbeiter*innen und Jugendliche, die sich für die Unab­hängigkeit mobil­isieren, haben die Hoff­nung, dass sich damit auch ihre sozialen Forderun­gen erfüllen. Es kommt darauf an, das Recht auf Selb­st­bes­tim­mung mit den Mit­teln des Klassenkampfes zu vertei­di­gen und für die poli­tis­che Unab­hängigkeit von der kata­lanis­chen Regierung für ein sozial­is­tis­ches Kat­alonien zu kämpfen.“

„Wir kön­nen nichts von der EU des Kap­i­tals erwarten, die Griechen­land ins Elend gestürzt hat. Wir müssen die Unab­hängigkeits­be­we­gung inter­na­tion­al­is­tisch unter­stützen, gemein­sam mit den Arbeiter*innen des gesamten spanis­chen Staats und ganz Europas, um für ein sozial­is­tis­ches Kat­alonien in ein­er freien Föder­a­tion sozial­is­tis­ch­er iberisch­er Repub­liken zu kämpfen“, sagte Gevorkian in einem Diskus­sions­beitrag.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.