Jugend

Marxisten bei Fridays for Future: “Wir wollen den Planeten retten und nicht die Profite der Konzerne”

Der STERN hat unseren Genossen Roberto-Antonio Sanchiño Martínez, der in der antikapitalistischen Hochschulgruppe organize:strike aktiv ist, über antikapitalistische Perspektiven innerhalb von #FridaysForFuture interviewt. Wir spiegeln das Interview.

Marxisten bei Fridays for Future:

Herr Martínez, was genau machen Sie bei Fri­days for Future?

Ich bin bei der Hochschul­gruppe an der Freien Uni­ver­sität in Berlin aktiv. Und ich engagiere mich bei Change for Future, der antikap­i­tal­is­tis­chen Plat­tform inner­halb von Fri­days for Future.

Und was haben Sie bish­er erre­icht?

Wir haben an der FU eine Vol­lver­samm­lung organ­isiert, die größte seit mehreren Jahren. Es waren fast 500 Men­schen da. Wir haben sieben Forderun­gen an die Uni­ver­sität­sleitung for­muliert. Es geht unter anderem darum, für Geschäft­sreisen im Inland nicht mehr das Flugzeug zu ver­wen­den, die Uni bis 2025 kli­ma­neu­tral wer­den zu lassen, es geht aber auch um mehr nach­haltige Ange­bote in der Men­sa.

Bei dem Kli­mas­treik am 20. Sep­tem­ber will sich Ihre antikap­i­tal­is­tis­che Plat­tform klar zu erken­nen geben, qua­si als link­er Flügel der Bewe­gung.

Darüber haben wir lange disku­tiert. Aber darauf haben wir uns jet­zt geeinigt, ja.

Wie wür­den Sie die Gruppe verorten?

Change for Future ist eine het­ero­gene Bewe­gung. Inner­halb von CFF organ­isieren sich, Sozialist*innen, Kommunist*innen, Anarchist*innen und andere Men­schen. Uns alle eint die Ein­sicht, dass wir zum Lösen der Kli­makrise den Kap­i­tal­is­mus über­winden müssen. Wir ver­ste­hen uns somit als antikap­i­tal­is­tis­che Plat­tform inner­halb von Fri­days for Future, sind aber nicht an irgendwelche son­sti­gen Organ­i­sa­tio­nen gebun­den.

Wie haben Sie sich gefun­den?

Es gab das ganze Jahr über Bestre­bun­gen, so etwas zu machen. Das erste größere über­re­gionale Tre­f­fen fand dann auf dem Som­merkongress in Dort­mund statt. Seit­dem gibt es Chat­grup­pen – und in so eine bin ich ein­ge­laden wor­den.

Wie viele Leute sind in der Gruppe?

Rund 300, die sind auch in regionalen Unter­gruppe organ­isiert.

Wollen Sie Fri­days for Future spal­ten?

Spal­ten wollen wir keines­falls. Fri­days for Future ist ein Sam­mel­beck­en für alle möglichen Mei­n­un­gen. Das ist auch gut so. Aber gle­ichzeit­ig waren antikap­i­tal­is­tis­che Per­spek­tiv­en von Anfang an ein Teil der Bewe­gung. Wir ver­suchen diese Posi­tio­nen gebün­del­ter zu organ­isieren, um den sys­temkri­tis­chen Input geziel­ter in die Bewe­gung tra­gen zu kön­nen.

Das heißt?

Unser Wirtschaftssys­tem ist mit ökol­o­gis­ch­er Nach­haltigkeit unvere­in­bar. Es beutet bei­de Haup­tquellen unseres Reich­tums immer stärk­er aus: die men­schliche Arbeit und die Natur. Solange wir diese Form des Wirtschaftens nicht umstellen, wird das so weit­er gehen. Deswe­gen kämpfen wir für eine kom­plette Demokratisierung der Wirtschaft und auch der Poli­tik.

Ist Fri­days for Future nicht demokratisch?

Doch. Man kann sich über die Orts­grup­pen ein­brin­gen. Es ist auch total nor­mal, dass man nicht von Anfang an die per­fek­te Struk­tur hat. Aber wir wollen ver­mei­den, dass sich ver­steck­te Hier­ar­chien bilden und ein klein­er Elitekreis die Stoßrich­tung vorgibt und der Kon­takt zu den einzel­nen Orts­grup­pen und der Basis ver­loren geht.

Die Gefahr sehen Sie?

Ja, auf jeden Fall. Klar, die Medi­en suchen immer nach Per­sön­lichkeit­en. Das ist nor­mal. Aber wir wollen eben nicht, dass die Bewe­gung verkürzt dargestellt wird.

Sie sprechen von Luisa Neubauer, die schreibt übri­gens auch eine Kolumne für den stern.

Neubauer hat die Bewe­gung gut pro­fil­iert, keine Frage. Aber es ist auch kein Geheim­nis, dass sie Mit­glied der Grü­nen ist. Damit ste­ht sie für eine bürg­er­liche Poli­tik, die nicht von allen geteilt wird.

Was wollen Sie ändern?

Uns ist wichtig, dass immer rotiert wird, auch etwa bei Pressean­fra­gen. Und es ist auch ganz wichtig dass Delegierte jed­erzeit rechen­schaft­spflichtig gegenüber der Basis sind und Entschei­dun­gen trans­par­ent gefällt wer­den.

Sind auch Marx­is­ten Fans von Gre­ta Thun­berg?

Warum nicht? Sie war für uns alle der Ein­stieg in Fri­days for Future. Sie hat die Bewe­gung ins Leben gerufen, dafür ver­di­ent sie den aller­größten Respekt. Es ist bewun­dern­swert, wie eiskalt Sie sich vor diese ganzen Busi­ness­men­schen und Politiker*innen stellt und kein Blatt vor den Mund nimmt. Was sie macht, ist großar­tig. Sie hat sich auch sys­temkri­tisch geäußert. Wenn der Wan­del nicht in diesem Sys­tem möglich ist, müssen wir vielle­icht über einen Wech­sel nach­denken, hat sie gesagt.

Sie engagieren sich für eine engere Anbindung an die Gew­erkschaften an Fri­days for Future. Wo sehen Sie gemein­same Inter­essen?

Wir müssen den Schul­ter­schluss hinkriegen, weil wir nur gemein­sam genug Druck auf­bauen kön­nen, um die Poli­tik tat­säch­lich zu einem Ein­lenken zu bewe­gen – und zwar so, dass dieses Ein­lenken nicht auf dem Rück­en der jun­gen Arbeit­er und der prekär Beschäftigten aus­ge­tra­gen wird.

Frank Bsirske, der schei­dende Ver­di-Chef, hat den Streik unter­stützt.

Aber mehr auch nicht. Er scheut den poli­tis­chen Streik.

Ein poli­tis­ch­er Streik richtet sich nicht an eine Tar­if­partei, son­dern an die Poli­tik. Und diese Form des Streiks ist ja auch ver­boten.

Die Aus­sage finde ich falsch. Es ist ein biss­chen dreist von Her­rn Bsirske zu sagen, man solle doch ein­fach ausstem­peln. Das kön­nen doch die wenig­sten machen. Und dann stimmt es nicht, dass die Gew­erkschaften gar nicht poli­tisch streiken. Die IG Met­all rief 2007 auch zu einem poli­tis­chen Streik gegen die Rente mit 67 auf. Damals haben sich mehrere Zehn­tausend Men­schen beteiligt.

Welche Bedeu­tung hat der Streik?

Der 20. Sep­tem­ber ist ein abso­lut entschei­den­der Tag. Wir sind sehr ges­pan­nt darauf, wie viele Men­schen sich uns jet­zt anschließen wer­den. Es muss ein kämpferisch­er Tag wer­den. Unter­schiedliche Bewe­gun­gen haben ja auch zu weit­eren Aktio­nen aufrufen, zum Beispiel Extinc­tion Rebel­lion und Ende Gelände zu Beset­zun­gen, um die Infra­struk­tur zu läh­men.

Extinc­tion Rebel­lion macht mit zivilem Unge­hor­sam Furore.

Dieser Unge­hor­sam ist drin­gend notwendig. Aber eben friedlich. Die Bewe­gung kommt ja aus Eng­land. In Lon­don haben die schon den gesamten Verkehr zum Erliegen gebracht.

Ende Gelände ist dann etwas mil­i­tan­ter?

Mil­i­tant? Nein. Die haben auch einen friedlichen Aktion­skon­sens. Nur tra­gen sie das Ganze noch viel direk­ter dahin, wo es bren­nt. Die sagen offen: Wir wer­den den Tage­bau beset­zen, wir wer­den die Maschi­nen zum Erliegen brin­gen.

Wie sieht Ihr All­t­ag als Aktivist aus? Kriegen sie am Tag 27.000 What­sapps? Wieviel Zeit ver­wen­den Sie? Wie muss man sich das vorstellen?

Die Zahl ist gar nicht so falsch. Viel läuft eben in den What­sapp-Grup­pen. Aber dann organ­isieren wir hier an der Freien Uni­ver­sität das Plenum, dann gibt es Tele­fonkon­feren­zen, weit­ere Ver­anstal­tun­gen. Es hängt immer davon ab, was ger­ade anste­ht, aber es kön­nen schon mal ein bis zwei Stun­den pro Tag sein.

Was sind die größten Her­aus­forderun­gen für die Zeit nach dem Kli­mas­treik?

Das wird bei uns viel disku­tiert. Wir müssen abwarten, was die Regierung vor­legt. Und dann ist wichtig, dass wir uns nicht abspeisen lassen. Denn es ist ja klar: Wir wollen den Plan­eten ret­ten und nicht die Prof­ite von Konz­er­nen.

Aber auch wenn jet­zt Ältere mit­laufen. Fri­days for Future ist vor allem eine Bewe­gung der Jun­gen, oder?

Sich­er. Und es ist eine Bewe­gung, die von Frauen dominiert wird. In Deutsch­land ist Luisa Neubauer die Führungs­fig­ur, inter­na­tion­al ist das Gre­ta Thun­berg. Diese Bewe­gung ist klar weib­lich dominiert. Und das ist supergut.

Inter­view: Flo­ri­an Güß­gen

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