Jugend

LMU-Waffenforscher: “Kollateralschäden sind traurig, aber…”

Ein Besuch beim Bombenbastler Thomas Klapötke in München Großhadern zeigt: Der LMU-Professor steht voll hinter den Kriegseinsätzen der NATO. Mit einigem Stolz baut er an High-Tech-Waffen, um präzises Töten zu ermöglichen.

LMU-Waffenforscher:

Am ver­gan­genen Dien­stag bekam Pro­fes­sor Klapötke in sein­er Vor­lesung Besuch. Etwa zehn Aktivist*innen vom Bünd­nis „Kriegs­forschung stop­pen“ haben mit ein­er das The­ma „Kriegs­forschung“ etwas mehr ins Zen­trum der stu­den­tis­chen Aufmerk­samkeit an der Uni München gerückt. Daran beteiligten sich Studierende vom SDS (Hochschul­ver­band der Linkspartei), der Alter­na­tiv­en Liste (ALi) und Waf­fen der Kri­tik.

Kontroverse Diskussionen vor dem Hörsaal

Der erste Teil der Aktion bestand aus einem Teach-In in der Großhadern­er Aula. Dabei wur­den etwa 20 Studierende über die Rüs­tungs­forschung aufgek­lärt, die direkt an dem Ort, an dem sie täglich ler­nen, stat­tfind­et. Benan­nt wurde auch die Finanzierung der Forschung durch Bun­deswehr und U.S. Army. Es entwick­el­ten sich einige Diskus­sio­nen mit inter­essierten Studieren­den unter anderem zur Zusam­menset­zung des Bünd­niss­es und zur Möglichkeit ein­er Zivilk­lausel.

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Doch auch Klapötkes Anhänger ließen nicht lange auf sich warten und erschienen schon bald mit zwei Stu­den­ten höheren Semes­ters. Im Ver­lauf der Debat­te mit ihnen stellte sich her­aus, dass ein­er für die Bun­deswehr, der andere für die U.S. Navy geforscht hat­te, und dass bei­de darauf auch noch stolz waren.

Der Plan, gemein­sam zu im zweit­en Teil der Aktion in die Vor­lesung zu gehen, wurde von der Hausver­wal­tung unter­bun­den. Sie wollte dem für Großhadern­er Ver­hält­nisse wohl unge­wohn­ten poli­tis­chen Treiben nicht taten­los zuse­hen. Noch während der Diskus­sion mit den bei­den Nach­wuchs-Kriegs­forsch­ern began­nen vier Secu­ri­ties die Tür zum Vor­lesungssaal zu block­ieren.

Kriegsspielchen in Klapötkes Powerpoint-Präsentation

Im Vor­lesungsraum fand die Diskus­sion mit Klapötke statt. Er schaffte es, auf fast allen Folien sein­er Pow­er­point-Präsen­ta­tion kleine Soldat*innen, das Emblem der U.S. Navy oder Fotos von schw­erem Kriegs­gerät unterzubrin­gen. Ein­er der von ihm entwick­el­ten Sprengstoffe hat­te ein eigenes „Logo“ mit ein­er Kobra.

In der Vor­lesung vor 20 Studieren­den und Angestell­ten Klapötkes referierte dieser über die chemis­chen Spez­i­fi­ka von Raketen- und Tor­pe­dotreib­stoff und Treibladun­gen für Hand­feuer­waf­fen. Im Anschluss kam es in den let­zten 15 Minuten zur Diskus­sion mit den Aktivist*innen.

Ein­mal antwortete Klapötke ablenk­end auf die Frage, ob ihm bewusst sei, dass die aller­meis­ten Kriege aus ökonomis­chem Inter­esse geführt wür­den: „Wenn Sie das fra­gen, fra­gen Sie bes­timmt als näch­stes, wie ich mir sich­er sein kann, dass die Waf­fen nicht in die Hände von Ter­ror­is­ten ger­at­en.“ Die eigentliche Frage ignori­erte er und argu­men­tierte, dass Terrorist*innen es nur um eine möglichst hohe Zahl von Toten gehen würde und daher sein präzis­er und teur­er High-Tech-Sprengstoff für sie unin­ter­es­sant wäre.

„Wenn wir nicht an diesen Waffen forschen, wird es jemand anderes tun“

Auf die Frage aus dem Pub­likum, ob die Aktivist*innen nicht selb­st auch „abdrück­en“ wür­den, wenn sie als Soldat*innen einen Check­point bewacht­en, auf den ein verdächtiges Fahrzeug zuraste, antworteten diese, man solle erst­mal keinen Krieg anfan­gen. Das quit­tierten Studierende aus Klapötkes Fan­club mit lautem Gelächter.

Immer wieder argu­men­tierten Klapötke und einige Zuhörer*innen: „Wenn wir nicht an diesen Waf­fen forschen, wird es jemand anderes tun.“ Das ist als würde man sagen: Wenn Pilot*innen keine Bomben wer­fen, wer­den es andere tun. Und deswe­gen tra­gen sie keine Ver­ant­wor­tung? Deshalb ist ihr Han­deln weniger ver­w­er­flich?

Für seine Waf­fen­forschung will Klapötke keine Ver­ant­wor­tung übernehmen. Was damit passiert, geht ihn nichts an: „Das Wis­sen stammt vielle­icht von mir, aber ich hab moralisch kein Prob­lem damit, wenn jemand anderes eine falsche Entschei­dung trifft.“ Ähn­lich argu­men­tierte Klapötke, als er darauf ange­sprochen wurde, dass seine Bomben­forschung auch dem despo­tis­chen Regime Sau­di-Ara­bi­ens als Bünd­nis­part­ner der NATO zugute kommt:

Ich finde es in viel­er Hin­sicht falsch, wie die Saud­is Krieg führen. Sie wer­den es aber tun, ob sie jet­zt amerikanis­che, deutsche oder rus­sis­che Sys­teme ein­set­zen. Wenn sie das Geld für advanc­tere Sys­teme aus­geben, die weniger Kol­lat­er­alschaden haben, dann sehe ich das nicht als neg­a­tiv an.

„Der Kollateralschaden wird auf zehn Prozent reduziert“

An dieser Stelle avancierten Klapötke und die ihm wohlgesonnenen Studieren­den zu wahren Lebensretter*innen. Immer wieder wiesen sie darauf hin, dass die Forschung aus Großhadern ja auch dazu beitrage, Kol­lat­er­alschä­den zu ver­ringern. Klapötke sagte ganz expliz­it, dass seine Sprengstoffe, im Gegen­satz zu anderen, in der Lage seien, ein ganz bes­timmtes Haus ziel­sich­er zu zer­stören:

Wenn der erfol­gre­iche Ein­satz, der Suc­cess der Mis­sion, Kol­lat­er­alschä­den ein­fordert, dann ist das sehr trau­rig. (…) Wenn Sie da das Haus mit TNT zer­stören wöllen, dann ist der Abfall der Energie so [gestikuliert], das heißt, alles im Umkreis von 200 Metern leg­en Sie mit in Schutt und Asche. Wenn Sie met­allisierte Sprengstoffe (…) ein­set­zen, dann (…) haben [Sie] einen größeren ener­getis­chen (…) Punkt an der Stelle, wo Sie ihn haben wollen (…) und der Kol­lat­er­alschaden ist nicht gle­ich Null, aber auf zehn Prozent reduziert. Und wenn ich den gle­ichen Suc­cess der mis­sion erre­ichen kann und den Kol­lat­er­alschaden um 90 Prozent reduzieren kann, dann finde ich das gut.

Die Weit­er­en­twick­lung von Waf­fen­tech­niken stellt Klapötke so als zivil­isatorischen Fortschritt dar. Doch ger­ade ein bere­its hochau­toma­tisiert­er Krieg durch Drohnen und Bom­barde­ments, der die Zivil­i­sa­tion in den betrof­fe­nen Regio­nen zer­stört und so Phänomene wie den IS ermöglicht, wird durch seine Forschung weit­er getrieben. Klapötke drückt zwar sel­ber nicht ab, aber hil­ft bei der Per­fek­tion­ierung des mod­er­nen Krieges im Nahen Osten und Nordafri­ka.

Immer wieder wurde, in der einen oder anderen Spielart, auch fol­gen­der­maßen argu­men­tiert: „Die Welt ist nun ein­mal wie sie ist. Es gibt Kriege, Deutsch­land (also ‘wir’) braucht deshalb Stre­itkräfte und die sollen dann gefäl­ligst auch ordentlich bewaffnet wer­den.“ Klapötkes gesamte Argu­men­ta­tion beruht let­ztlich darauf, dass er für „seine“ Trup­pen, die Bun­deswehr, und für „seine“ Bünd­nis­part­ner, NATO und U.S. Army, die best­möglichen Waf­fen haben will.

Not our troops

Doch der bewaffnete Arm des Staates sind nicht „unsere“ Trup­pen. Passend sagte ein­er der Aktivis­ten nach der Vor­lesung, er habe viel mehr Angst vor der deutschen Armee als vor Terrorist*innen.

Denn in Zeit­en von Aufrüs­tung und der Debat­te um den Ein­satz der Bun­deswehr im Inneren ist klar: Der Staat­sap­pa­rat geht auch gegen Streiks und Demon­stra­tio­nen von Kommiliton*innen und Kolleg*innen vor. Je bess­er er mil­itärisch aus­gerüstet ist, umso leichter tut er sich damit. „Wir“ bilden keine Ein­heit eines „deutschen Volkes“, wie es uns der Patri­ot Klapötke gerne weis­machen will. Die gemein­samen Inter­essen, die Student*innen und Beschäftigte mit von der Leyen, Merkel oder Rüstungseigentümer*innen haben, sind ver­schwindend ger­ing.

Der Frieden, den Klapötke mit seinen Waf­fen bewahren will, ist vor allem der Frieden in Europa unter deutsch­er Hege­monie, gebaut auf Überwachung nach Innen und Kriegen nach Außen. Klapötke meinte in genau diesem Sinne, die Hochrüs­tung während des Kalten Kriegs habe zu mehr Frieden geführt. Er verbindet diese Zeit mit der Abwe­sen­heit bewaffneter Kon­flik­te in Europa, ignori­ert aber die bluti­gen Stellvertreter*innenkriege wie in Korea, Viet­nam, Laos, Afghanistan oder dem Kon­go und die lateinamerikanis­chen Mil­itär­putsche auf Betreiben der USA. Klapötkes „Frieden“ ist der von hochgerüsteten Nation­al­staat­en. Unser Frieden ken­nt keine Gren­zen.

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