Deutschland

Leser*innenbrief zu „Keine Frauenbefreiung ohne Antiimperialismus“

In der aktuellen Debatte um die Ereignisse von Köln ist es wichtig, die rassistische Instrumentalisierung zurückzuweisen, ohne die sexualisierte Gewalt zu bagatellisieren. Ein Austausch mit einer solidarischen Leserin anhand des Artikels „Keine Frauenbefreiung ohne Antiimperialismus“.

Leser*innenbrief zu „Keine Frauenbefreiung ohne Antiimperialismus“

Leser*innenbrief

Hal­lo Redak­tion,

ich finde, der Artikel “Keine Frauen­be­freiung ohne Anti­im­pe­ri­al­is­mus” hin­ter­lässt den faden Beigeschmack, sex­u­al­isierte Gewalt und Sex­is­mus zu bagatel­lisieren.

Ja, das Okto­ber­fest ist eine sex­is­tis­che Kackscheißver­anstal­tung, aber die Sil­vester­nacht in Köln war doch – nach allem, was bish­er bekan­nt ist – eine andere Haus­num­mer. Oder seid ihr wirk­lich der Mei­n­ung, dass so etwas qua­si dauernd passiert, aber nur jet­zt mal an die Öffentlichkeit gelangt, weil die Herrschen­den es für ihre Zwecke nutzen wollen? Die Zahlen, mit denen der Autor hantiert, sind jeden­falls falsch, wie inzwis­chen auch mehrfach und an ver­schiede­nen Stellen berichtet wurde. 2015 gab es eine angezeigte ver­suchte Verge­wal­ti­gung und zwanzig angezeigte sex­uelle Über­griffe für den gesamten Zeitraum des Okto­ber­festes. Dazu u.a. dieses Taz-Inter­view.

Bei so einem ern­sten The­ma muss man schon genau sein, oder meint ihr nicht?

In Köln sind es inzwis­chen über 800 Anzeigen, über 500 davon wegen sex­ueller Über­griffe. Hinzu kom­men mehrere hun­dert Anzeigen wegen Über­grif­f­en in der Sil­vester­nacht in anderen Städten.

Ich denke, dass es auch beim Okto­ber­fest (oder Her­rentag oder Karneval oder ein­fach generell) mehr Anzeigen geben würde, wenn es einen offeneren Umgang mit der Prob­lematik gäbe, klar. Aber solange das nicht so ist, sollte man nicht mit Zahlen herum­spekulieren. Vor allem dann nicht, wenn es so scheint, als gin­ge es einem gar nicht vor­rangig um das Prob­lem Sex­is­mus beim Okto­ber­fest, son­dern eigentlich darum, die Heuchelei der gegen­wär­ti­gen Debat­te anzuprangern. Das hat dann näm­lich eben­falls etwas Heuch­lerisches. Ich muss sagen, so viel um den Sex­is­mus beim Okto­ber­fest wie jet­zt hat sich die radikale Linke noch nie geschert… (Zu eur­er Ehren­ret­tung muss ich aber fair­erweise auch sagen, dass ihr wenig­stens schon ein­mal einen Artikel zu dem The­ma im let­zten Jahr gebracht habt, wenn ich mich richtig erin­nere…?)

Ganz egal, wie die Debat­te in Medi­en und Poli­tik die Köln-Sache ras­sis­tisch wen­det (darauf muss man hin­weisen und das bekämpfen, klar): Kleinre­den darf man sex­uelle Gewalt deswe­gen aber auch nicht. In vie­len anderen Artikel auf eur­er Seite liest sich das auch nicht so sehr, ich beziehe mich jet­zt auf den genan­nten Artikel! Bei diesem aber entste­ht der Ein­druck, als erre­iche das Okto­ber­fest jedes Jahr die gle­iche Dimen­sion an Über­grif­figkeit wie die Sil­vester­jag­den in Köln.

Man muss es sich nochmal auf der Zunge zerge­hen lassen: Dort haben mehrere Hor­den von Män­nern Jagd (inner­halb weniger Stun­den) auf offen­bar min­destens 500 Frauen gemacht (300 weit­ere Men­schen sind beraubt wor­den). In Deutsch­land ist Sex­is­mus und Gewalt an der Tage­sor­d­nung, ja. Und sie geht durch alle Insti­tu­tio­nen, durch alle Schicht­en usw., ja.

Aber so etwas in der Größenord­nung passiert trotz­dem nicht jeden Tag und – nach dem, was wir wis­sen – auch nicht jedes Jahr auf dem Okto­ber­fest und wenn doch … Ja, dann frage ich mich, warum RIO München dazu nicht eine große Kam­pagne macht, denn das wäre ein unglaublich­er Skan­dal. Das Argu­ment “Okto­ber­fest” nun aber nur in sich ständig wieder­holen­der Dauer­schleife dazu zu benutzen, zu beweisen, dass die jet­zige Empörung nicht echt ist, ist schon ein biss­chen irri­tierend – zumin­d­est für mich.

Einen sex­is­tis­chen Großan­griff muss man als das erken­nen, was er ist, erst­mal ohne wenn und aber. Auch und vor allem! wenn Rechte und Bour­geoisie ver­suchen, Anti­sex­is­mus zu kapern. Da darf man doch erst Recht keinen Mil­lime­ter vom eige­nen Anti­sex­is­mus zurück­we­ichen. Aber Bagatel­lisierung ist der erste Schritt dor­thin…

Rote Grüße!
Eine Leserin

Antwort der Redak­tion

Liebe Leserin,

vie­len Dank für deine sol­i­darische Kri­tik am Artikel unseres Autors Suphi Toprak. Tat­säch­lich liegt es uns nicht im Ger­ing­sten daran, die Geschehnisse von Köln in irgen­dein­er Form zu bagatel­lisieren. Es ist klar, dass der­art massen­hafte sex­uelle Über­griffe, wie sie in Köln allem Anschein nach stattge­fun­den haben, nicht alltäglich sind – auch nicht bei anderen Großevents. Deshalb danken wir dir für den Hin­weis, dass wir uns auf falsche Zahlen gestützt haben. Auch wenn das Okto­ber­fest und ähn­liche Ver­anstal­tun­gen einen All­t­ag nor­mal­isiert­er sex­ueller Gewalt darstellen, wollen wir nicht rel­a­tivieren, was in Köln geschehen ist. Wir stim­men dir auch darin zu, dass es notwendig ist, den eige­nen Anti­sex­is­mus zu stärken, wenn rechte Sek­toren ver­suchen, den Anti­sex­is­mus für ihre Zwecke zu instru­men­tal­isieren.

Mit dem erwäh­n­ten Artikel woll­ten wir jedoch eigentlich die Aufmerk­samkeit auf einen Aspekt lenken, der bish­er in der Debat­te kaum vorkommt. Näm­lich, dass der antiara­bis­che und anti­afrikanis­che Ras­sis­mus, der nach Köln noch mehr Ver­bre­itung gefun­den hat, nicht nur funk­tion­al für die Angriffe auf Geflüchtete hierzu­lande ist – was schon schlimm genug ist. Stattdessen geht es noch viel weit­er: Ähn­lich wie schon nach dem 11. Sep­tem­ber 2001 und anderen ähn­lichen Ereignis­sen, wird die „Zivil­isiertheit“ des West­ens gegenüber dem ange­blich bar­barischen „Osten“ dazu genutzt, um impe­ri­al­is­tis­che Inter­ven­tio­nen zu recht­fer­ti­gen. Es ist kein Zufall, dass beispiel­sweise Vertei­di­gungsmin­is­terin von der Leyen ger­ade jet­zt von ein­er Bun­deswehr-Inter­ven­tion in Libyen phan­tasiert.

Dadurch wird das Prob­lem des Umgangs mit den Vor­fällen in Köln nicht nur zu ein­er Frage des Anti­sex­is­mus und des Anti­ras­sis­mus, son­dern auch des Anti­im­pe­ri­al­is­mus. Es geht nicht allein darum, gle­ichzeit­ig die Rechte von Frauen und von Migrant*innen hierzu­lande zu vertei­di­gen, son­dern auch darum, dem bürg­er­lichen Diskurs ent­ge­gen­zutreten, der mil­itärische Inter­ven­tio­nen „zum Wohl der Frauen“ recht­fer­tigt. Beson­ders deshalb, weil die west­lichen Impe­ri­al­is­men ger­ade in den Regio­nen reak­tionäre und frauen­feindliche Kräfte unter­stützen, aus denen jet­zt hun­dert­tausende Geflüchtete nach Europa fliehen. Die Diskus­sion, die wir eröff­nen möcht­en, ist, wie vor dem Hin­ter­grund ein anti­im­pe­ri­al­is­tis­ch­er Fem­i­nis­mus ausse­hen kann. Wir freuen uns auf weit­ere Kom­mentare zum The­ma.

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