Unsere Klasse

Lehrer*innen fordern: Kürzere Arbeitstage für weniger Stress und bessere Lernqualität

Laut dem Klischee über Lehrkräfte müssen diese nur einige Stunden am Tag was erzählen und bekommen dafür zwölf Wochen Urlaub. Eine Studie widerlegt dieses Vorurteil nun. Neben kürzeren Arbeitstagen kann auch eine Verringerung der Klassengröße die Arbeitsbelastung der Lehrer*innen senken und den Lernerfolg der Schüler*innen erhöhen.

Lehrer*innen fordern: Kürzere Arbeitstage für weniger Stress und bessere Lernqualität

Lehrer*in sein – ein entspan­nter Job? Bekommt man nicht als solche*r schließlich im Gegen­zug zu weni­gen Arbeitsstun­den am Tag ein Dutzend Urlaub­swochen?

Verringerung der Pflichtstunden…

Eine Studie, die im Auf­trag der Gew­erkschaft Wis­senschaft und Erziehung (GEW) die Arbeit­szeit von Lehrkräften doku­men­tiert, wider­legt dieses Vorurteil. Laut dieser Studie arbeit­en Lehrer*innen näm­lich durch­schnit­tlich 48 Stun­den und 18 Minuten. Damit arbeit­en sie 1,8 Stun­den länger als andere Kolleg*innen im öffentlichen Dienst.

In den let­zten zwei Jahrzehn­ten ist die Arbeits­be­las­tung von Lehrkräften stark angestiegen. Inklu­sion, die indi­vidu­elle Förderung der Schüler*innen und neue Tech­nolo­gien haben den All­t­ag von Lehrer*inne vielfältiger gemacht, aber erfordern eben auch mehr Zeit.

Im Inter­view mit dem Deutsch­land­funk sagt die Bun­desvor­sitzende der GEW Marlis Tepe am Dien­stag, dass die Pflicht­stun­den reduziert wer­den müssten, um die Arbeits­be­las­tung für Lehrkräfte zu senken. Denn diese machen zwar nur einen kleinen Teil des gesamten Arbeit­stages von Lehrer*innen aus, jedoch braucht jede Unter­richtsstunde deut­lich mehr Zeit an Vor- und Nach­bere­itung.

…und kleinere Klassen

Eine weit­ere Möglichkeit wäre es, die Anzahl der Schüler*innen in den Klassen zu ver­ringern. Beson­ders in Zeit­en, in denen eine inten­si­vere Betreu­ung von Schüler*innen als notwendig erkan­nt wird, sind kleinere Klassen ein gutes Mit­tel, um sowohl die Betreu­ungsqual­ität zu steigern, aber auch die Arbeits­be­las­tung der Lehrkräfte zu senken.

Von kleineren Klassen wür­den nicht nur Lehrer*innen prof­i­tieren, auch die Lernbe­din­gun­gen der Schüler*innen würde sich sofort verbessern. Das Ver­hält­nis zwis­chen Lehrkräften und Schüler*innen würde sich ins­ge­samt entspan­nen, da Lehrer*innen viel indi­vidu­eller auf die (Lern-)bedürfnisse der einzel­nen Schüler*innen einge­hen kön­nen.

Doch nicht nur Lehrer*innen sind von hoher Arbeits­be­las­tung betrof­fen, auch bei Erzieher*innen wird die Zeit, die sie mit der Vor- und Nach­bere­itung ver­brin­gen oder mit Eltern über die Entwick­elung ihrer Kinder reden, nicht aus­re­ichend berück­sichtigt.

Wer zahlt für die Inklusion

Dabei geht es um die Inklu­sion, die in schön klin­gen­den Worten so beschrieben wird, dass die beson­deren Bedürfnisse aller Schüler*innen berück­sichtigt wer­den. Derzeit wer­den die Kinder vor­wiegend getren­nt voneinan­der betreut. Kinder mit mehr Förderungs­be­darf wer­den in anderen Ein­rich­tun­gen betreut als Kinder mit weniger Förderungs­be­darf. Zukün­ftig sollen bei­de Grup­pen gemein­sam unter­richtet wer­den. Doch welch­er Stan­dard soll angeglichen wer­den und wer wird die Kosten dafür übernehmen?

In Schulen für Schwer­be­hin­derte gibt es kleine Klassen und diese wer­den nicht nur von ein­er Lehrkraft betreut, son­dern zusät­zlich befind­en sich noch mehrere Erzieher*innen im Raum. In diesem Kli­ma fällt es beson­ders leicht, den notwendi­gen Stoff aufzunehmen.
Im Ide­al­fall sollte jedes Kind eine solche Betreu­ung erhal­ten, ohne dass die Eltern dafür eine teure Pri­vatschule bezahlen müssten. Unter dem Slo­gan „Inklu­sion“ kann aber auch knall­harte Spar­poli­tik durchge­set­zt wer­den, die Kindern mit beson­derem Förderungs­be­darf diese Möglichkeit entzieht oder Eltern dazu verpflichtet, sich für solche Leis­tun­gen bei Pri­vatschulen zu ver­schulden.

Kürzungen durch die Hintertür?

Denn eine inten­si­vere Betreu­ung kostet mehr Geld und alle Politiker*innen bürg­er­lich­er Parteien ver­suchen die Staat­saus­gaben so ger­ing wie möglich zu hal­ten. Das CDU und SPD während der Koali­tionsver­hand­lun­gen nun ver­sprechen, dass Eltern ein Recht auf eine Ganz­tags­be­treu­ung ihrer Kinder in der Grund­schule haben wer­den, kann nur auf dem Rück­en der Beschäftigten einge­hal­ten wer­den. Wenn die neue Bun­desregierung nicht Unternehmen steuer­lich stärk­er belastet, ist dieses Ver­sprechen nicht anders einzuhal­ten sein oder es wird eine Farce wer­den.

Die neue Große Koali­tion wird jedoch sehr darauf bedacht sein, ihren Vor­sprung im inter­na­tionalen Wet­tbe­werb, auf­grund steigen­der Steuer­be­las­tung für Unternehmen, nicht zu gefährden. Stattdessen wird sie ver­suchen, weit­ere Einsparun­gen bei der Bil­dung vorzunehmen, wie sie es schon in den let­zten Jahren getan hat. Unter Umstän­den wird sie ver­suchen, diese Einsparun­gen unter dem Namen „Inklu­sion“ durchzubrin­gen und so die Spar­poli­tik in der Bil­dung weit­er vorantreiben.

In vie­len Bun­deslän­dern führte die enorme Spar­poli­tik zu beden­klichen Abbruch­squoten bei Lehramtsstudieren­den. In Meck­len­burg-Vor­pom­mern soll die Hälfte der ange­hen­den Lehrkräfte das Studi­um vorzeit­ig abbrechen. Zeit­gle­ich herrscht auch in Meck­len­burg-Vor­pom­mern ein großer Lehrer*innenmangel. Allein in den Grund­schulen fehlen laut ein­er Studie der Ber­tels­man­ns­tiftung in Meck­len­burg-Vor­pom­mern 900 Fachkräfte bis 2025. Laut dem Nord­deutschen Rund­funk ist im nordöstlichen Bun­des­land jede zehnte Unter­richtsstunde vom ersat­zlosen Aus­fall bedro­ht. Zusät­zlich gehen viele Studierende nach ihrem Lehramtsstudi­um in ein anderes Bun­des­land, um dort als Lehrer*in ver­beamtet zu wer­den. Die Vor­sitzende der GEW MV, Anette Lind­ner, macht dafür die langjährige Spar­poli­tik der Lan­desregierung ver­ant­wortlich.

Durch den Lehrer*innenmangel nimmt die Klas­sen­größe und die Arbeits­be­las­tung der vorhan­de­nen Lehrkräfte immer mehr zu. Laut der Ber­tels­man­ns­tiftung müssten bis 2015 bun­desweit 105.000 neue Lehrer*innen eingestellt wer­den, jedoch kön­nten bis dahin an den Uni­ver­sitäten lediglich 70.000 Lehrkäfte aus­ge­bildet wer­den. Als Antwort brauchen wir eine groß angelegte Kam­pagne für neue Lehrer*innenstellen, bessere Aus­bil­dungs- und Arbeits­be­din­gun­gen für Lehrkräfte, mehr Stu­di­en­plätze und ein Ende der Spar­poli­tik.

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