Geschichte und Kultur

Kriegerin unter tausend Kriegern

Rapperin Eunique veröffentlicht kraftvolles Debütalbum „Gift“ mit fragwürdigen Featuregästen.

Kriegerin unter tausend Kriegern

Wir sprin­gen wie Tram­polin
Lilane Scheine wie Teller­mi­nen
Spren­gen die Panz­er, bis Frauen wie’n Mann ver­di­enen
— Lila

Ihr Rap fällt auf: mit Auto­tune, Gesang und präzisen Lines nimmt sie sich den Platz, der ihr zuste­ht, im nach wie vor immer noch män­ner­do­minierten Deutschrap. Eunique rappt auf ihrem 19 Tracks lan­gen Album, was bei Chap­ter ONE erschienen ist, über Geld und Gewalt, doch auch über Prekarisierung und Ungerechtigkeit:


Schluss, Kind allein zuhause
Mama muss arbeit­en, Miete bezahl’n
Tochter denkt sich, selb­st ist die Frau
Geh’ raus, ficke die Welt
— 040

Eunique ver­stellt sich nicht. Ihre Musik klingt nicht wie Judith But­ler, son­dern nach Straße, auf Beats, die ein Mix aus R’n’B und mod­ern­er 808-Trap­musik sind. Und genau dort brauchen wir auch Frauen wie sie. Die den Mund auf­machen und bess­er als alle ihre männlichen Fea­turegäste rap­pen. Frauen, die zeigen, dass Ras­sis­mus und Sex­is­mus uns zwar einre­den, dass wir schlechter wären und irgend­was nicht kön­nen, dass wir es aber machen und damit auch Erfolg haben kön­nen. Seit sie mit ihrem ersten Video hun­dert­tausende Klicks erre­ichte, ist der Name der Ham­burg­erin im Hip-Hop-Kos­mos ein The­ma und bin­nen kürzester Zeit grün­dete sich ihr Fan­club: Kobra-Mil­itär, Frauen, die vor allem auf Insta­gram Eunique hypen und mit denen sie sich iden­ti­fiziert. In ihren Ins­ta-Sto­rys und der YouTube Videoserie, in der sie bei der Entste­hung ihres Albums begleit­et wird, zeigt sie, wie sie sich allen Hin­dernissen wider­set­zt hat. Sie betont immer wieder, dass ihre weib­lichen Fans das auch schaf­fen kön­nen.


Die 21jährige Tochter ein­er allein­erziehen­den Mut­ter hat inzwis­chen einen Wer­bev­er­trag mit Nike und wird von allen Hip-Hop-Mag­a­zi­nen gefeiert. Ihre Texte han­deln von Kamp­fansagen, auch an die männliche Szene. Umso weniger nachvol­lziehbar ist „Aber juckt nicht“, den Eunique mit Mert gemein­sam aufgenom­men hat. Dieser ist vor rund einem Jahr mit Aus­sagen wie „Ich toleriere Schwule ein­fach nicht. Ich akzep­tiere das nicht.“ aufge­treten. Auch die Gäste Vey­sel, KC Rebell, XATAR und Azzi Memo sind in der Ver­gan­gen­heit nicht durch beson­ders reflek­tierte Texte aufge­fall­en. Der Tief­punkt von „Gift“ liegt im Song „Worte“ mit Adel Taw­il, der ehe­ma­lige Sänger von Ich+Ich, in dem alles von Euniques Kampfgeist und Wille zur Verän­derung ver­loren geht.

Statt sich (hetero-)sexistische Mack­erkol­le­gen als Fea­tures einzu­laden, hätte Eunique auch den Zusam­men­halt von Rap­perin­nen, von dem sie oft spricht, ernst nehmen kön­nen und gemein­same Sache mit ihren Mit­stre­i­t­erin­nen machen kön­nen, wie es Schwes­ta Ewa in ihrem Musikvideo zu „Schub­se den Bullen“ gemacht hat. SXTN, Eunique und Haiyti beweisen, dass sie im Deutschrap lei­der oft immer noch mehr zu sagen haben müssen als ihre weniger tal­en­tierten (und oft erfol­gre­icheren) Kol­le­gen. Sie insze­nieren sich dage­gen — lei­der noch super indi­vid­u­al­is­tisch — , als einzige Frau*en in der Szene. Sie sind wenige, doch mit Eunique sind sie eine mehr. Um es mit ihren Worten zu sagen:


Wen von uns nen­nt ihr hier Bitch?
Komm, wir machen allen klar
Dass wir König­in­nen sind
— Wer ist so nice

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