Frauen und LGBTI*

„Könnt ihr euch noch mal küssen?“ — Meine Sexualität ist nicht zu deiner Unterhaltung da

Gesellschaftlich wirkt es schnell so, als würden gleichgeschlechtliche Beziehungen zwischen Frauen leichter akzeptiert als zwischen Männern, schließlich finden viele (vor allem) hetero Männer Lesben-Pornos ja auch super sexy, während schwule Männer als eklig gelten. Doch die Wirklichkeit für lesbische, bi- und pansexuelle Frauen sieht anders aus.

„Könnt ihr euch noch mal küssen?“ - Meine Sexualität ist nicht zu deiner Unterhaltung da

LGBTI*s gab es schon vor der Beze­ich­nung LGBTI*. In der Zeit bevor Frauen Zugang zum Arbeits­markt hat­ten und als sie noch „Eigen­tum“ von Vater und Ehe­mann waren, gab es les­bis­che Frauen beziehungsweise Frauen, die keine het­ero­sex­uelle Beziehun­gen einge­hen woll­ten. Für schwule Män­ner war es materiell möglich, alleine zu leben, da sie arbeit­en gehen kon­nten. Eine les­bis­che Frau galt jedoch ein Feind­bild zur Frau als Mut­ter.

Im Mit­te­lal­ter wur­den Frauen, die alleine lebten, als Hex­en aus der Gesellschaft aus­gestoßen und ermordet. Während bis weit ins 20. Jahrhun­dert Geset­ze homo­sex­uelle Män­ner (“Sodomie”) bestraften, wurde Frauen über­haupt die Möglichkeit eigen­ständi­ger Sex­u­al­ität abge­sprochen. Im Mod­ell der bürg­er­lichen Kle­in­fam­i­lie ist vorge­se­hen, dass sie einen Mann heiratet, ihm Kinder gebärt und er arbeit­en geht.

Weder Phase noch Fake

Heute ist es in Deutsch­land für viele von uns — nach vie­len Kämpfen — leichter, unsere Sex­u­al­ität auszuleben. Als Frau darf ich arbeit­en gehen, auch wenn der Loh­nun­ter­schied zwis­chen Män­nern und Frauen zu den höch­sten in Europa gehört. Den­noch müssen Frauen über 30 sich ständig recht­fer­ti­gen, wenn sie keine Kinder haben (oder haben wollen), da zur Iden­tität Frau auch die Iden­tität Mut­ter dazu gehört.

Ger­ade junge Frauen, die nicht het­ero­sex­uell sind, wer­den kon­fron­tiert mit Sätzen wie: “Kön­nt ihr euch noch mal küssen?” oder auch: „Du musst ein­fach mal von einem echt­en Mann gefickt wer­den.“ Der Grund ist, dass weib­liche Sex­u­al­ität, wenn sie nicht die het­ero­nor­ma­tiv­en Erwartun­gen erfüllt, als Phase oder als “fake” ange­se­hen wird. Les­bis­che Beziehun­gen wer­den sex­u­al­isiert und als Unter­hal­tung für het­ero Män­ner ange­se­hen.

Die Ideologie der Kleinfamilie als Standardmodell

Wenn Frauen nicht in het­ero­sex­uellen, monoga­men Beziehun­gen leben, gerät das Konzept der bürg­er­lichen Fam­i­lie als Repro­duk­tion­sort ins Wanken. Frauen, die ihre Erfül­lung nicht im Kinder kriegen, pfle­gen und erziehen sehen, und die Möglichkeit haben, sich gegen diesen Lebensen­twurf zu entschei­den, wer­den keine kün­fti­gen Arbeiter*innen unbezahlt großziehen. Wenn Fam­i­lien in anderen Kon­stel­la­tio­nen organ­isiert wer­den und eine Kollek­tivierung von Repro­duk­tion­sar­beit angestrebt wird, stellen sich mehr Men­schen die Frage, welchen Zweck denn eine het­ero­sex­uelle Kle­in­fam­i­lie hat.

Der deutsche Staat hat bere­its die ersten Reak­tio­nen darauf gefun­den: Homo­sex­uelle Fam­i­lien sind in Ord­nung, solange sie möglichst nahe an dem Ide­al­bild der het­ero­sex­uellen Fam­i­lie liegen. Solange Men­schen die Vorstel­lun­gen von der bürg­er­lichen Kle­in­fam­i­lie nicht in Frage stellen, son­dern sich in den unter­drück­enden For­men ein­find­en, wird das Ende der bürg­er­lichen Kle­in­fam­i­lie nicht real­is­tis­ch­er als wenn es nur het­ero Kle­in­fam­i­lien geben würde.

Wenn Men­schen für sich beschließen, in ein­er monoga­men het­ero­sex­uellen Beziehung leben wollen, sollen sie das gerne tun. Wir wollen aber auch leben, wie es uns glück­lich macht. Deshalb streben wir eine Welt an, in der die bürg­er­liche Kle­in­fam­i­lie nicht die einzige akzep­tierte Form des Zusam­men­lebens darstellt und von diesem Mod­ell kein materieller Zwang mehr aus­ge­ht. Wenn Repro­duk­tion­sar­beit­en wie Hausar­beit verge­mein­schaftet wer­den und Kinder die Möglichkeit haben, mit anderen Bezugsper­so­n­en als “Mut­ter” und “Vater” aufwach­sen und es vor allem für Frauen eine wirk­lich exis­tente Option ist, ohne Kinder und Mann zu leben ohne in finanzielle Schwierigkeit­en zu ger­at­en, wird sich das gesellschaftliche, roman­tis­che und sex­uelle Zusam­men­leben auf so vielfältige Arten entwick­eln, die wir uns wahrschein­lich noch gar nicht vorstellen kön­nen.

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