Geschichte und Kultur

Klezmer-Musik eines entwurzelten Revoluzzer-Künstlers

Die Berliner Band Daniel Kahn and The Painted Bird legt ihr fünftes Album vor. Es sind revolutionäre Kampflieder für eher hoffnungslose Zeiten. Eine politische Rezension.

Klezmer-Musik eines entwurzelten Revoluzzer-Künstlers

Bei den ersten Klän­gen eines Klezmer-Lieds hat man unver­mei­dlich eine Szene vor Augen: Ein junger Mann auf einem Stuhl wird auf die Schul­tern ein­er tanzen­den Menge gehoben. Doch Klezmer – Akko­rdeons, Klar­inet­ten, freudig-melan­cholis­ches Chaos – ist nicht nur für jüdis­che Feste wie die Bar-Mizwa. Klezmer war einst auch die Hin­ter­grund­musik für Mil­lio­nen jüdis­ch­er Proletarier*innen in Osteu­ropa. Ihre eklek­tis­che Sprache, das Jid­dis­che, klingt wie ein alt­modis­ches Deutsch mit ein­er für teu­tonis­che Ver­hält­nisse ungewöhn­lichen Lebens­freude. Sobald man sich an die Aussprache gewöh­nt hat, ver­ste­ht man halb­wegs auch jene Texte, die Unter­drück­ung bekla­gen und die sozial­is­tis­che Utopie beschwören.

Klezmer, Jid­disch, die jüdis­che Arbeit­er­be­we­gung – alles aus­gelöscht? Nicht ganz.

Wenn der US-amerikanis­che Berlin­er Daniel Kahn heute Klezmer macht, geht es ihm nicht nur um die klas­sis­chen Töne, son­dern um den ursprünglichen Geist – Punk statt Folk­lore. Der Lie­der­ma­ch­er singt über Leid, Kampf und die bessere Welt von mor­gen. Dafür nutzt er nicht nur tra­di­tion­sre­iche Kampflieder wie Arbeter-Froyen, abwech­sel­nd im jid­dis­chen Orig­i­nal und in englis­ch­er Über­set­zung. Kahn dichtet auch neue Hym­nen mit den Forderun­gen von heute: „Nayn-un-nayntsik senen mir!“, heißt es dann, wie zu Occu­py-Zeit­en („We are the 99 per­cent“).

Nun erscheint die fün­fte Plat­te von Daniel Kahn und sein­er Band The Paint­ed Bird. The Butcher’s Share set­zt das mehr als zehn­jährige kün­st­lerische Pro­jekt fort, jüdis­che Geschichte musikalisch zu ver­ar­beit­en.

In ein­er Bal­lade besingt er eine junge Par­ti­sanin aus Wilna, die mit ein­er Pis­tole in der Hand in einem dun­klen Wald auf eine deutsche Patrouille wartet – unter­legt von ein­er Har­moni­ka klingt es fast wie das Liebeslied eines Cow­boys. The Bal­lad of How the Jews Got to Europe dage­gen wirkt wie eine ungestüme Klezmer-Selb­st­par­o­die: die Juden*Jüdinnen unter dem Feu­dal­is­mus, zu Zins­geschäften gedrängt, als „Mit­telsmän­ner ein­er mod­er­nen irdis­chen Hölle“. Zum Abschluss erzählt er Geschicht­en aus dem alten Tes­ta­ment im Stil von Bob Dylan nach.

Der 39jährige Musik­er hat einen kom­plizierten Lebensweg, der sich in sein­er Musik wider­spiegelt. Aufgewach­sen in den weißen Vororten von Detroit, hat­te er zwar eine jid­dis­chsprechende Groß­mut­ter, die sprach aber mit ihm nur Englisch. Erst als Erwach­sen­er in New Orleans lernte er die Sprache sein­er Vor­fahren. Dort verd­ingte er sich als Musik­er und sozialer „Orga­niz­er“. Seit 2005 lebt er in Berlin, und hier fließen auch Ein­flüsse von Brecht, Tuchol­sky und Degen­hardt ein. Mit schwarz­er Led­er­jacke, Fedo­ra und Voll­bart würde Kahn fast bess­er in die 1920er passen als in die heutige Zeit – die Rolle des entwurzel­ten Rev­oluzzer-Kün­stlers ist aktuell etwas aus der Mode.

In ein­er anderen Zeit als die trost­lose, in der wir leben, würde Kahn mit Mega­fon und Ukulele eine rev­o­lu­tionäre Arbeiter*innenbewegung musikalisch begleit­en. Im Moment man­gelt es jedoch ein wenig an Gele­gen­heit­en für Auftritte auf Massendemon­stra­tio­nen – ver­rauchte Bars und ange­sagte The­ater müssen als Ersatz dienen. Ehrlicher­weise reflek­tiert Kahn auch die unglück­liche Exis­tenz als Kreativprekari­er in hoff­nungslosen Zeit­en, in denen es nicht mehr als „Woch­enen­drev­o­lu­tio­nen“ mit „belan­glosen Aktio­nen“ gibt. Denn auch wenn wir uns mit kul­tureller Lei­den­schaft gegen ein mörderisches Sys­tem streben, kom­men wir nicht umhin, dieses Sys­tem immer wieder zu bestäti­gen und sog­ar von seinen Gräuel zu prof­i­tieren: „Jede Ware hat Blut und Eingewei­he im Preis inbe­grif­f­en”, wie Kahn singt. Leicht deprim­iert klingt auch der Albumti­tel: Muss man eben „dem Met­zger seinen Anteil geben”.

Diese Span­nung zwis­chen unseren sozial­rev­o­lu­tionären Vor­bildern aus der Ver­gan­gen­heit und unser­er heuti­gen Demor­al­isierung macht den mod­er­nen, punki­gen Klezmer aus.

Daniel Kahn & The Paint­ed Bird: The Butcher’s Share. Dieser Artikel erschien ursprünglich in Der Fre­itag.

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