Deutschland

“Jutta Ditfurth inszeniert sich selbst als Opfer von Antisemitismus”

Jutta Ditfurth und ihre Gruppe haben das Bündnis für den revolutionären 1. Mai in Berlin verlassen. Ihr Vorwurf: Antisemitismus. Ein Interview mit Dror und Aylin, Mitglieder der Gruppe FOR, "For One State and Return in Palestine", die im Bündnis aktiv ist.

Bei einem Tre­f­fen am Mittwoch hat die Ökol­o­gis­che Linke (die Gruppe um Jut­ta Dit­furth) ver­sucht, eure Gruppe aus dem Rev­o­lu­tionären 1. Mai-Bünd­nis auss­chließen zu lassen. Dit­furth schrieb, ein Auss­chluss wäre nötig für eine Demo “ohne Ras­sis­mus, Anti­semitismus, Sex­is­mus, Homo­pho­bie und Nation­al­is­mus”. Was wer­fen sie euch vor?

Sie haben uns, so wie immer, Anti­semitismus vorge­wor­fen. Für Dit­furth hat Anti­semitismus nichts mit Hass auf Juden*Jüdinnen zu tun – vielmehr ver­ste­hen sie unter Anti­semitismus eine antikolo­niale Hal­tung gegen den Staat Israel. Sie meinen ein­fach Antizion­is­mus.

Das ist ein großes Prob­lem unser­er Zeit – die israelis­che Regierung und ihre Lob­by-Grup­pen, auch Anhänger*innen wie die ÖkoLi, ver­suchen gegen die Erfolge der inter­na­tionalen Sol­i­dar­ität­skam­pagne für die Palästinenser*innen zu kämpfen, indem sie jeglichen Antizion­is­mus als Anti­semitismus abzustem­peln ver­suchen.

Der Ras­sis­mus der ÖkoLi lässt sich an Dit­furths State­ment gut erken­nen – nicht umson­st haben sie „Sex­is­mus, Homo­pho­bie und Nation­al­is­mus“ mit hinein geschrieben. Damit bedi­enen sie anti-mus­lim­is­che Stereo­typen, näm­lich dass Palästinenser*innen sex­is­tisch, anti-LGBT* und nation­al­is­tisch seien. Wenn sie die Exis­tenz Israels vertei­di­gen, unter­stützen sie nicht nur einen Nation­al­staat, son­dern ein ras­sis­tis­ches Kolo­nial­pro­jekt.

Dit­furth schreibt, ihr wollt Israel “nicht kri­tisieren”, son­dern “zielt auf seine Zer­störung ab”. Was ist genau die Posi­tion von FOR Pales­tine?

Die Posi­tion von FOR ist in zahlre­ichen Stel­lung­nah­men ganz klar: Wir fordern die Abschaf­fung des zion­is­tis­chen Kolo­nial­sys­tems. Den Staat Israel möcht­en wir durch einen einzi­gen Staat erset­zen, in dem alle Einwohner*innen des Lan­des gle­ich­berechtigt leben kön­nen, egal welch­er Herkun­ft, Eth­niz­ität oder Reli­gion.

Die Öko­lis ver­ste­hen nicht den Unter­schied zwis­chen der Abschaf­fung eines ras­sis­tis­chen Staates und der „Zer­störung“ von Men­schen. Diese Rhetorik wird auch oft von Zionist*innen ver­wen­det, deshalb ist es wichtig darüber zu reden. Wenn wir von der Abschaf­fung des Kap­i­tal­is­mus reden, meinen wir nicht Genozid an allen Eigentümer*innen. Wenn wir von der Abschaf­fung des Patri­ar­chats reden, bedeutet das nicht die Hin­rich­tung aller Män­ner. Wenn wir von der Abschaf­fung des zion­is­tis­chen Staates reden, reden wir selb­stver­ständlich von ein­er Entkolonisierung Palästi­nas – also der Errich­tung eines Staates für alle.

Die Öko­lis haben uns trotz­dem vorge­wor­fen, wir wür­den alle Juden*Jüdinnen ins Meer treiben wollen – ein alt­bekan­ntes anti-palästi­nen­sis­ches Stereo­typ. Als wir Beweise gefordert haben, haben sie auf die Stelle in unserem Text ver­wiesen, wo wir von der Abschaf­fung des Staates reden.

Die soge­nan­nte „Ein-Staat­en-Lösung“, für die wir ein­treten, gewin­nt in let­zten Jahren weltweit mehr und mehr Unter­stützung. Das hat einen ein­fachen Grund – diesen einen Staat gibt es schon. Es gibt keine zwei Staat­en in Palästi­na. Denn israelis­che Sied­lun­gen und mil­itärische Kon­trolle gibt es auf dem ganzen Gebi­et. Wir brauchen also stattdessen einen Staat mit Gle­ich­berech­ti­gung für alle Einwohner*innen.

Was forderte die ÖkoLi genau?

Die ÖkoLi hat vier Anträge gestellt – alle­samt rhetorische Spiele, um uns und BDS-Berlin aus dem Bünd­nis zu wer­fen. Es ist eine Frech­heit, wie sie uns in einem linken Bünd­nis schlicht und ein­fach “anti­semi­tis­che Grup­pen” genan­nt haben.

Die Diskus­sion beim Bünd­nistr­e­f­fen hat­te pos­i­tive und neg­a­tive Aspek­te. Gut war, dass sehr viele der Genoss*innen sich klar gegen die Anträge der Ökoli posi­tion­iert haben. Schade ist aber, dass es heute trotz­dem nicht allen klar ist, dass sie sich genau­so gegen jegliche anti-palästi­nen­sis­che Het­ze stellen müssen. Viele linke Aktivist*innen haben keine marx­is­tis­che oder auch nur linke Analyse der nationalen Frage, vor allem in Bezug auf Palästi­na. Denn im Bünd­nis haben viele eine eurozen­tris­tis­che Per­spek­tive. Dafür ist der Inter­na­tion­al­is­tis­che Block beim 1. Mai da – wir wollen zeigen, dass die Rev­o­lu­tion nicht nur zwis­chen Kot­tbusser Tor und Oranien­platz stat­tfind­et.

Am näch­sten Tag schrieben die Öko­lis, dass die Diskus­sion „anti­semi­tisch ver­het­zt“ gewe­sen sei. Das ist wieder eine krasse Ver­drehung von Täter*innen und Opfern – denn die einzi­gen jüdis­chen Genoss*innen im Raum, darunter ein Grün­dungsmit­glied von FOR, haben sich klar gegen die Ökoli posi­tion­iert! Jet­zt insze­nieren sie sich selb­st als jüdis­che Opfer des Anti­semitismus. Totaler Quark.

Was wollt ihr auf der rev­o­lu­tionären 1. Mai-Demo erre­ichen?

Der 1. Mai ist unser Kampf­tag – er gehört nicht nur deutschen linken Intellek­tuellen. An dem Tag wollen wir das Gle­iche erre­ichen wie die glob­ale Arbeiter*innenbewegung, näm­lich ein Zeichen gegen Kap­i­tal­is­mus, Unter­drück­ung und Aus­beu­tung set­zen. Dazu gehört es auch zu zeigen, dass das Pro­le­tari­at nicht nur weiß, männlich und het­ero­sex­uell ist. Palästi­na ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass das Pro­le­tari­at nicht nur gegen die kap­i­tal­is­tis­che Aus­beu­tung, son­dern auch gegen Besatzung, nationale oder religiöse Unter­drück­ung oder Sex­is­mus kämpfen muss. Heute wird der anti-mus­lim­is­che Ras­sis­mus in Deutsch­land immer stärk­er, und da müssen wir uns klar dage­gen aussprechen.

Dit­furth ist eine, sagen wir mal, inter­es­sante Fig­ur. Spross eines Adels­geschlechts, Mit­grün­derin der Grü­nen, Biographin von Ulrike Mein­hof, und auch Red­ner­in beim 1. Mai 2009. Wie schätzt du sie ein?

Viele unser­er Genoss*innen, die sich nicht viel mit den Pop-Iko­nen der deutschen Linken auseinan­der­set­zen, haben erst von Dit­furth gehört, als sie auf Face­book gegen uns gehet­zt hat. Sie scheint ein gutes Beispiel für die Wider­sprüche der deutschen Linken zu sein – eine Per­son, die ein Buch über Ulrike Mein­hof schreibt, und gle­ichzeit­ig den palästi­nen­sis­chen Kampf „anti­semi­tisch“ nen­nt. Was hätte Mein­hof dazu gesagt?

Dit­furth warnt vor ein­er “Quer­front”, aber scheut sich nicht davor, sich mit neokon­ser­v­a­tiv­en Recht­en zusam­men zu tun. So hat sie sich auf Twit­ter mit Ben­jamin Weinthal für ein Skype-Gespräch verabre­det. Nach zwei Tagen hat er ihre Het­ze gegen uns weit­er getwit­tert. Weinthal ist Jour­nal­ist bei der reak­tionären zion­is­tis­chen Jerusalem Post und Mit­glied des neokon­ser­v­a­tiv­en Think Tanks Foun­da­tion for Defense of Democ­ra­cies. Da sind wir uns auch sich­er, dass die Vor­würfe von Dit­furth sehr schnell in reak­tionären Medi­en Wider­hall find­en wer­den. Da kann man schon sehen, mit welchen Grup­pierun­gen diese „Linken“ sich zusam­men­tun.

Es ist gutes Beispiel für die Het­ze gegen Sol­i­dar­ität­sar­beit für Palästi­na. Wenn man in Deutsch­land „Anti­semitismus“ schre­it, braucht man oft keine weit­eren Argu­mente. Dabei wird der wahre Anti­semitismus rel­a­tiviert. Der anti-mus­lim­is­che Ras­sis­mus, der heute in Deutsch­land Men­schen­leben kostet, wird dadurch als weniger wichtig gese­hen. Deswe­gen find­en wir diese Diskus­sion wichtig, um linke und inter­na­tion­al­is­tis­che Posi­tio­nen in die Debat­te hier einzubrin­gen.